Projekte, die nicht in irgendeinem kleinen roten Pflichtenheft stehen

Projekte, die nicht in irgendeinem kleinen roten Pflichtenheft stehen
Severin Nowacki
Seit bald einem Jahr ist der Kulturminister Dominik Riedo im Amt. Zeit für eine Zwischenbilanz.

ensuite kulturmagazin (sgy): Herr Kulturminister, Sie haben Ihren Wohnort Romoos kurzerhand zur Kulturhauptstadt der Schweiz erklärt. Ein autokratischer Akt. Hätte der Kulturminister nicht mehr Wirkungsmöglichkeiten, wenn sein Hauptsitz in einer grösseren Ortschaft läge?

Kulturminister Dominik Riedo: Der autokratische Akt ist natürlich augenzwinkerndes Spiel. Romoos kann pars pro toto für die gesamte ländliche Schweiz stehen, die in Kulturbelangen immer wieder massiv unterbewertet wird. Der Effekt der Aktion „Kulturhauptstadt Romoos“ ist auf jeden Fall gross!

Aber um diese Frage nicht ins Leere laufen zu lassen: Ich glaube nicht, dass ein Kulturminister in Zürich mehr Wirkungsmöglichkeiten hätte. Es darf nämlich nicht am Wohnort liegen, wie viel er erreicht oder nicht – das wäre ein fatales Zeichen für die Schweiz.

Ein «echter» Kulturminister hat es nicht leicht: Alles, was er tut und sagt, wird kontrolliert und hinterfragt, muss auf unzählige Interessensgruppen abgestimmt werden. Sie haben zwar weniger direkten Einfluss auf die Kulturpolitik unseres Landes, dafür aber mehr Entscheidungsgewalt, was Ihr eigenes Amt betrifft. Wie nutzen Sie diesen Spielraum?

Geringer Einfluss? Das stimmt nicht. Die Aktion «Baustelle Kultur» von Suisseculture beispielsweise, an der ich beteiligt war, hat dafür gesorgt, dass das Kulturförderungsgesetz nicht so durchkommt, wie es sich der «offizielle helvetische Kulturverantwortliche» vorgestellt hat.

Wie nutze ich den Spielraum, den mir mein Amt gibt? Allgemein, indem ich Dinge sage und vor allem auch schreibe, die nicht allen passen. Ich provoziere auch mal bewusst – etwas, was bei einem Sozialminister mit dem Hobby Kultur weniger vorkommt. Konkreter, indem ich Projekte wie «Romoos – Kulturhauptstadt der Schweiz», «Romont – Romoos» (ungewöhnliche Brücke über den Röstigraben) und «Die Sessionen» im Theater Schlachthaus Bern als Kulturminister plane, anreisse und durchführe. Also Projekte, die nicht in irgendeinem kleinen roten Pflichtenheft stehen.

Abgesehen vom Erfolg mit dem Kulturfördergesetz, was haben Sie denn während Ihrer bisherigen Amtszeit bewirkt und was wollen Sie noch bewirken?

Schön, dass man dem Kulturminister, der mit einem kleinen Pensum arbeitet, und dies nur zwei Jahre lang, überhaupt eine schweizweite Wirkung zutraut! Aber Spass beiseite: Ich will die Situation der Kulturschaffenden verbessern, insbesondere deren soziale Sicherheit. Weiter möchte ich die Kultur stärker im Bewusstsein der Menschen in der Schweiz verankern.

Was ich bisher erreicht zu haben glaube: Mit meiner Lobbyarbeit bei CVP und FDP habe ich dazu beigetragen, dass die beiden UNESCO-Konventionen zur kulturellen Vielfalt im letzten Dezember so ausgezeichnet im Parlament verabschiedet wurden. Weiter sollte die vom Kulturministerium angeregte Öffnung von neun Pensionskassen, die ihre Statuten so ändern möchten, dass Künstler aufgenommen werden dürfen, bis im Juli 2009 umgesetzt sein. Ein Beispiel: Die Pensionskasse der Journalisten will sich so öffnen, dass auch Schriftsteller aufgenommen werden können. All dies erreichen wir vor allem an den zwei Mal jährlich stattfindenden Retraiten in Romainmôtier, wo wir Anschubarbeit leisten. Nur diese Anschubarbeit und das Netzwerken machen solche Dinge möglich.

Auch das Bild der Kulturschaffenden selbst soll nach meiner Amtszeit ein positiveres sein, zumindest bei den Politikern (siehe dazu die Aktion «246 Künstlerinnen und Künstler treffen 246 Parlamentarierinnen und Parlamentarier» von Suisseculture). Ein Indiz für die gesteigerte Akzeptanz in der Politik ist, dass ich inzwischen zu Vernehmlassungen oft automatisch eingeladen und auch sonst von Seiten der Politik um Rat angegangen werde.

Viele Kulturschaffende meinen, die Politiker müssten mehr Verständnis für ihre Denkweise aufbringen. Andere Stimmen finden, die Kulturschaffenden müssten sich im Gegenteil den Politikern annähern, um eine wirksame Kulturpolitik machen zu können. Wie sehen Sie das?

Man hat in der Politik am meisten Vorteile – das gilt geradeso für Künstler wie für andere Interessengruppen – wenn man sich aller Diskurse gewandt bedienen kann. Allerdings trifft dies umgekehrt auch auf die Politiker zu. Wenn man beispielsweise über die Buchpreisbindung reden will, und niemand kennt die Begriffe, um die es geht, so muss auch die Politik «nachpauken»: Deswegen veröffentlicht in Deutschland der Buchhandel ein kleines Glossar in Broschürenform zu dem Thema, und genau deshalb ist in der Schweiz vom AdS (Autorinnen und Autoren der Schweiz) Ähnliches geplant.


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Das Kulturministerium

Dominik Riedo ist seit dem 15. September 2007 «Kulturminister» der Schweiz. Das Kulturministerium ist besorgt um eine kritische Auseinandersetzung mit der Kultur in der Schweiz. Es soll mithelfen, die Kultur in Gesellschaft und Politik zu verankern und das Ansehen der Kultur zu stärken, aber auch die kulturelle Vielfalt zu fördern. Es entwickelt Ideen und Visionen für die kulturelle Zukunft.

Information zum Kulturministerium und zu den Projekten, die im Interview erwähnt wurden:
www.kulturministerium.ch
www.dominikriedo.ch
www.kulturhauptstadtderschweiz.ch
www.suisseculture.ch/weblog1


29. Sept. und 1. Dez. 2008: Sessionen im Theater Schlachthaus, Bern

Das Kulturministerium veranstaltet vier Mal jährlich Sessionen im Theater Schlachthaus. Bei der Sondersession «Kunst trifft Politik», in Zusammenarbeit mit Suisseculture, treffen zum zweiten Mal Politiker auf Künstler und diskutieren über aktuelle, umstrittene Themen.



Interview: Sabine Gysi. Dieses Interview erschien im ensuite kulturmagazin, Ausgabe August 08
 
 
 
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