26/08/2008 23:00
«Jede Verhunzung des Deutschen tut mir weh»
Der Berliner Wolf Schneider kämpft als Stildozent und Buchautor für gutes Deutsch. Er liebt alte Wörter und ärgert sich über den Niedergang des Duden und über Kindergelalle im Internet.
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Diskussion
"Hiltibrant gimahalta, Heribrantes sunu,—her uuas heroro man,
ferahes frotoro—her fragen gistuont
fohem uuortum, hwer sin fater wari."
Schoen, nicht wahr? Warum haben wir das nur aufgegeben?
Nicht allein das Abc
Bringt den Menschen in die Höh';
Nicht allein in Schreiben, Lesen
Übt sich ein vernünftig Wesen;
Nicht allein in Rechtschreibsachen
Soll der Mensch sich Mühe machen,
Sondern auch die Kommaregeln
Müßte man in Ehrfurcht pflegen.
Daß dies in Althochdeutsch geschah,
War Herr Lehrer Schneider da.
Zum Glueck haben wir den Koeppel und den Schneider sonst waeren wir alle Hippies und die Kultur waere im Eimer.
Meinen Sie mit Kommunikation das hier?
"Kaasch' nitt' makk' wenn tu nitt' sagsch was de wotsch, goffardori!"
"Scheprit se teue wenntu fahre mit Auto Fortransit nach Schetuttgart, weisstu."
"Hey, musch mi nit aaficke, mann! Ich weiss wo dis Huus wohnt!"
"Eig. isch ü-gens das vllt i-wie Tütsch."
Meint Herr Schneider nicht eher, dass Institutionen wie Duden, Zeitungen, Fersehanstalten sich mindestens an einen Prototypen der deutschen Sprache halten müssten. Einen Felsen in der Brandung, an den sich auch Schulen halten können? Was hat die letzte Rechtschreibreform gebracht ausser allgemeine Verwirrung? Wie können wir im Kindergarten Hochdeutsch einführen (oje) ohne eindeutiges Regelwerk?
Natürlich ist es gut, ein Nachschlagewerk zu haben, das ist der Duden ja auch, aber es ist für mich unverständlich, warum dieses Nachschlagewerk so konservativ-normativ sein soll. Wenn alle Menschen von einem "Computer" reden, warum sollte der Duden zwanghaft den "Rechner" vorschreiben? Und wenn junge Menschen schlau genug sind, ihre Zuneigung zu Freunden in SMS mit einem "hdg" kurz und prägnant auszudrücken, warum sollte das ein Duden nicht auch abbilden, damit es jeder verstehen kann, der es verstehen möchte?
Leute, die Sprache in ihre Gewalt bringen wollen, sind mir grundsuspekt.
Als Naturwissenschafter habe ich leider nicht die Kompetenz deutsche Sprache zu beurteilen. Allerdings: jede Sprache braucht konservativ-normative Instanzen und einen entsprechenden Formalismus. Das Wort "Ruhemembranpotential" (resting membrane potential) zum Beispiel wird von Physiologen auf der ganzen Welt ein-eindeutig verstanden. Der Begriff ist besetzt und definiert, und darf bei der Publikation von Aufsätzen nie in einem anderen Kontext verwendet werden. Wissenschaft basiert genau auf dieser Präzision und dieser Begriffsschärfe. Jede Verwässerung würde über kurz oder lang zu Missverständnissen führen und die Kommunikation verunmöglichen. Ich nehme an, in den Sprachwissenschaften ist das ähnlich.
Wenn junge Menschen in ihrer Sprache simsen oder bloggen oder chatten ist das OK. Aber diese Sprache gehört nicht auf die Tastatur von Journalisten, noch in Münder von Moderatoren, noch in die Deutschstunde an der Schule. In diesem Sinne gebe ich Schneider recht.
In der Kommunikation setzt sich das jeweils schnell Verstaendliche, nicht das lehrmeisterlich vermeintlich Ideale durch. Das kann man gut oder schlecht finden. Aendern kann man es nicht. Solch preussische Staempfeler machen sich je laenger desto mehr nur noch laecherlich. Und sowieso: Das Ideal, dem er nachhaengt, ist das Grimmsche Maerchen, oder die Luthersche Bibel, beide 1:1 dem Volksmund abgeschaut. Wieso soll der uralte Volksmund korrekter sein als der heutige?
Das wirklich schlechte Deutsch haben genau diese Lehrmeister auf dem Gewissen, die uns einblaeuen wollen, dass es ein korrektes gutes und ein schlechtes falsches Deutsch gibt (deshalb schreiben oft gerade Akademiker so verklemmt). Das beste Deutsch ist das, das sich so lebendig anfuehlt wie das, was wir sprechen.
Niemand will den Wissenschaftlern ihre Terminologie wegnehmen. Ich kenne mich zwar in Ihrem Gebiet nicht aus, aber ich gehe davon aus, dass "Ruhemembranpotential" deshalb verwendet wird, weil es die Sache auf den Punkt bringt. Vielleicht verwenden Sie unter Kollegen die Abkürzung RMP oder Rump, weil sie sich auch so verstehen und nicht immer sieben Silben aussprechen wollen.
Was ich damit sagen möchte: Sprache wird durch ihren Gebrauch geformt und wird so verwendet, wie sie denjenigen, die sie gebrauchen am besten gelegen kommt. Das ist in der Wissenschaft das wissenschaftliche Register, das aber aus genau denselben Gründen so verwendet wird wie Jugendliche innerhalb bestimmter Peer-Groups ihre Sprache sprechen: Weil es der einfachste Weg ist, zu kommunizieren.
Nochmals: Wer hoheitlich allen predigen will, wie sie Sprache korrekt nutzen sollen, der hat schlicht nicht verstanden, was Sprache ist.
Besten Dank für Ihre Ausführungen. Ich verstehe Sie. Das ist genau der Punkt:
Sie beschreiben Sprachverwendung innerhalb von Gruppen. Institutionen, wie Printmedien, Radio, Fernsehen und Schulen müssen aber gruppenübergreifend kommunizieren. Das erfordert meines Erachtens doch einen Standard, der gepflegt werden muss. Sie und ich verwenden diesen hier und jetzt. Somit können Sie (Phil I, Journalist) mit mir (Phil II, Biologe) kommunizieren. Meinen Sie nicht, Schneider spricht dieses Deutsch an, das er gefährdet sieht? Wie halten Sie in der Redaktion diesen Standard aufrecht? Schauen Sie im Duden nach? Gibt es Wörter/Redewendungen/Slang, die zwar im Alltag allgemein gebraucht werden, die Sie aber nie in einem Artikel verwenden würden? Wenn ja, warum nicht?
Was mich an Schneider stört ist sein elitärer, ja herrschaftlicher Umgang mit Sprache. Er geht davon aus, dass es DIE korrekte Sprache gibt und dass es wenige Menschen gibt, die sie beherrschen und immer mehr Menschen, die eine defizitäre Abart dieser Sprache verwenden.
Zu Ihren konkreten Fragen:
Ich war bisher immer in der glücklichen Situation zu wissen, dass ein Korrektorat allfällige Fehler in meinen Texten korrigieren wird. Die neue deutsche Rechtschreibung ist hierbei natürlich eine wichtige Referenz, gleichzeitig haben die meisten Redaktionen davon abweichende oder darüber hinausgehende Regelungen.
Ja natürlich gibt es Wörter und Formulierungen, die ich im Alltag verwende, in Artikeln hingegen nicht. Weil private und öffentliche, professionelle Kommunikation nicht dasselbe ist. Weil meine Leserschaft i.d.R. anders zusammengesetzt ist als mein persönliches Umfeld. Wobei sich das nicht pauschal sagen lässt, je nach Textform und Thema kann ein expliziter Ausdruck oder eine schweizerdeutsche Wendung durchaus einmal passen. Letzlich ist immer die Frage: Für wen schreibe ich und was möchte ich mit meiner Wortwahl bezwecken?
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