10/10/2008 16:00
Skurrile Insel Schweiz
Angesichts der Bankenkrise gibt die Schweiz ein Bild von fast skurril wirkender Beschaulichkeit ab. Die Krise hat keinen Höhenflug des Frankens ausgelöst und keine Welle von Fluchtgeldern ins Land ... »







Diskussion
Ich habe mit einigen Nationalitäten zu tun und bin immer wieder überrascht. Da kommt der Italiener, der glaubt der schweizer Reichtum stamme von den Ersparnissen der Gastarbeiter. Oder der Londoner: wo genau habt ihr in der Schweiz ein Verkehrsproblem? Oder der Franzose: wie schafft ihr kleinen Schweizer drei Nobelpreise in zehn Jahren?
Das sind echte Aussagen von mir bekannten Menschen. Bei europäischen Journalisten hingegen fühle ich mich als Schweizer irgendwie falsch verstanden.
Es ist nicht nur schmerzlich, es schwingt auch Überheblichkeit und Respektlosigkeit mit. Quasi: wenn die Schweizer mit den Grossen mitmischen wollen, sollen sie auch mit der Meute heulen. Dabei auch noch die Fussballzwerge und die angebliche Ausländerfeindlichkeit Blochers zu erwähnen, Tresore von Tyrannen und Geldwaschmaschinen der Drogenbarone, ist tendenziös und unsachlich.
Aber eben, die schweizer Gelassenheit ist ja so langweilig, dass man den Artikel etwas aufpeppen muss.
"Während weltweit die Finanzmärkte zittern, gibt die Schweiz ein Bild von fast skurril wirkender Beschaulichkeit ab. [...] In Bern wird aufs Heftigste über die Früheinschulung von Kleinkindern debattiert. Eine umstrittene Fraktionssitzung der SVP macht mehr Schlagzeilen als der Börsencrash."
Weit gefehlt - wie Sie vermutlich wissen, stammen die Zeilen aus Roger Köppels Weltwoche-Editorial. Köppel verwendet genau dasselbe Wort, um die momentane Stimmung in der Schweiz zu beschreiben, wie sein Kollege Jürg Altwegg von der FAZ: skurril. Der Unterschied liegt darin, dass es nicht Jürg Altweggs Ziel ist, die Schweizer zu beruhigen, indem er ihnen die Stärken ihres Systems vor Augen führt.
"Einst hatte jeder Schweizer sein Geld auf der Bank und die Bank im Kopf. Heute beschäftigt sich die Öffentlichkeit mit Tierschutz – gerade ging es vor dem Bundesgericht über das Blaulicht für Tierambulanzen – und Rauchverbot. Ende Oktober wird über die Legalisierung von Haschisch abgestimmt. Die Fußball-WM in Südafrika hat die Bevölkerung trotz dem neuen Nationaltrainer Ottmar Hitzfeld, der wie ein Heilsbringer erwartet wurde, bereits abgeschrieben – mit Erleichterung, denn die Teilnahme hätte viel zu sehr an die Verwicklung der Banken in die Apartheid erinnert."
Da fabuliert er wild und pinkelt meiner schweizer Seele ans Bein. Das nervt!
Bevor man nämlich über Tierambulanzen, Rauchverbote und dem Legalisieren von Himbeereis spottet, sollte man sich zuerst fragen, ob irgend jemand ausserhalb der Schweiz überhaupt je zu solchen Fragen wirklich Stellung nehmen kann! Denn wenn’s tatsächlich um was wichtiges geht, reiben sich unsere Nachbarn alle die Augen, weil sie gar nix mehr zu sagen haben…alles wurde längst ins Elysée, nach Berlin, Rom oder nach Brüssel delegiert. Bei solcher Ohnmacht werden die natürlich wütend – und das altbekannte System „den Sack schlagen und den Esel meinen“ kommt zum Tragen. Zudem scheint sich die Schweiz in der Rolle des „Sacks“ irgendwie zu gefallen. .
Würde man aber die Badenser, Elsässer, Veltliner, Französisch-Jurassier, Savoyer und die Norditaliener (etwa bis kurz vor Rom!) via Volksabstimmung fragen, ob sie der Schweiz beitreten wollten, gäbe das Ja-Mehrheiten von 60 – 95 %. Vor solchen Denkspielen haben nicht nur unsere direkten Nachbarn Angst – und das kann man dann am liebsten mit Spott überspielen – so einfach ist das.
Apropos Köppel: Ist das nicht der, den sie in Deutschland nicht mehr gewollt haben?
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