13/11/2007 08:59
«Das Schweigen der Schriftsteller ist eher eines der Medien»
Schlafen sie, oder schmollen sie? Wo steht die Debattenkultur der Schweizer Autoren wirklich? Der Badener Romancier Michel Mettler nimmt Stellung. »







Diskussion
Lukas Bärfuss: http://facts.ch/articles/65954
Adolf Muschg: http://www.facts.ch/articles/77985
Klaus J. Stöhlker: http://facts.ch/articles/65842
Hugo Lötscher: http://facts.ch/articles/80627
Was mir aber immer wieder auffällt: die Mehrheit scheint nicht besonders betroffen davon zu sein, dass die Schweizer Schriftsteller schweigen - stimmt das überhaupt? Vielleicht reden die Literaten irgendwo im Ausland, wo wir sie nicht hören können?
Ich bin kein Schriftsteller, aber schreibe gelegentlich Kolumnen und muss feststellen, dass jene, die Politik oder Medien zum Thema haben, gerne einmal nicht abgedruckt werden. «Zu heiss» heisst es dann jeweils. Man will niemanden verärgern - aus ökonomischen Gründen - ist meine einzige Erklärung für dieses Verhalten.
Kommt mir vor wie an den Abenden nach den Wahlniederlagen der SP im Coopi - ein Haufen Heulsusen die sich im Selbstmitleid suhlen.
An die Schriftsteller: SO schafft ihr euch als Meinungsbildner selber ab, denn SO hat kein Mensch Lust euch zuzuhören.
War doch schon bei Michael Kohlhaas so: Recht haben allein bringt nichts! (etwas frei übersetzt, wohlan.)
Aber Kleist verschaffte sich in seiner Zeit ja auch Gehör, oder?
DAS meine ich lieber pascal.witzig - ich sag es halt jeweils etwas direkt, zugegeben.
Aber zuerst einmal: hallo zusammen, ihr da draussen, die mir schon fast ein wenig ans Herz gewachsen seid, weil ich schon von jedem zu vermuten glaube, was er wann zu sagen hat. Ich bin ein Ex-Medienschaffender, der immer noch immer ein wenig davon träumt Medien zu schaffen und zwar, und das gebe ich gerne zu, noch immer am liebsten auf Papier.
Und dieser letzte Satz bringt mich schon mitten ins Thema. Unsere Schweizer Schriftsteller leiden unter Schreibstau, sagt ihr. Oder noch schlimmer, sie haben gar nichts mehr zu sagen und schon gar nicht zu der SVP, weil sie sich in Vrenelis Gärtli verkrochen haben, beklagt ihr Euch. Unsere Schweizer Schriftsteller sind nicht mehr wie sie früher waren. Das mag ja alles sein, aber ich bin mir nicht sicher, ob ein Frisch oder ein Dürrenmatt, lebten sie noch, diese Rollen ausfüllen möchten. Denn wo sollten Sie sich äussern. In der Sonntagszeitung, in der Weltwoche, im Blick oder gar in einem Blog. Schon alleine die Vorstellung, Dürrenmatt sitze in seiner Dachkammer, vor sich ein Glas Rotwein, eine Berner Schlachtplatte im Magen und schreibe einen Blog, womöglich für den Blick und das auf seinem PC, dünkt mich Blasphemie.
Ein Schriftsteller setzt, wie es der Name sagt, Schriften. Und das ist nun einmal eine ganz mühsame Anglegenheit, ein Wörter drechseln und schleifen, ein langsames zu Gedanken und Sprache finden. Also das totale Gegenteil von dem, was Journalisten oder gar Blog-Schreiber machen, bei denen sind die Finger meist schneller sind als die Gedanken. Und noch schneller als die Artikel geschrieben, sind sie überholt, übertönt und vergessen.
Daher finde ich es konsequent, wenn unsere Schriftsteller schweigen. Schweigen und in irgendwelchen Dachkammern vor sich hin brüten, um dann irgendwann ihre Worte wie eine Samichlausgeissel durchs Land zwicken zu lassen.
Es zählt nur was man tut. Wie gesagt Ihr Artikel im Spiegel online ist ein aufgeregtes Geschwurbel. Haben Sie ein Buch von Herrn Mettler gelesen?
Stimme Lustenberger zu. Aber vielleicht wären neue Literaturformen im Netz möglich: Der Slam-Chat? Das Instant-Brainstorming. Allerdings haben die Schriftsteller seit jeher einen Nachlass hinterlassen. Aus guten Gründen. Ihr Vorschlag würde die Rolle des Schrifstellers, als eines bürgerlichen Berufes, auflösen.
1. Die patriarchale Rolle des Weltenerzählers ist abgeschafft worden. Es gibt keine pfeifenrauchenden Dichter mehr.
2. Der heutigen Generation fehlt eine gemeinsame "Kampferfahrung": grosse Zeiten, gebären grosse Talente.
3. Es gibt zu viele Fördergelder für zu viele mittelmässige Literatur.
4. Der Literaturbetrieb wurde durchfeminisiert. Es ist kein Kampf mehr um die Anerkennung eines "Literaturpapstes". Auch an den Universitäten gibt es kaum mehr "Literaturpäpste", die das gute vom schlechten trennen.
5. Unfähigkeit zur Freundschaft. Es gibt in diesem Kampf um Anerkennung keine Freundschaften unter den grossartigen mehr. Gotthelf und Keller waren politische Gegner aber sie anerkannten einander. Der Nachruf Kellers auf Gotthelf, ist eine der schönsten Würdigungen des Berners. Frisch und Dürrenmatt waren einander in einer kreativen hass-liebe zugetan.
6. Keine Beziehung zum Mäzenatentum mehr. Dürrenmatt wurde etwa vom "Beobachter" gefördert. Die Theaterschaffenden der ganzen Schweiz schrieben eine Eingabe an den Bundesrat, man müsse ihn fördern. Frisch erhielt von einem Freund, der ihn "Resozialisieren" wollte, ein Studium der Architektur bezahlt.
Schiller dichtete seine Ode "An die Freude" zu Gunsten seines Freundes Körner.
7. Es gibt keine Leser mehr. Wer für die Literatur etwas tun will: rezensiert (ohne gelesen zu haben), blogt vor sich hin, eröffnet ein Literaturhaus (mit öffentlichem Geld). Vielleicht war die Lesegruppe, die Silvia Blocher als Hausfrau gründete ein wesentlicherer Beitrag zur Literatugeschichte der Schweiz, als manches Manifest von Literaten.
Ich weiss auch nicht, ob irgendwo in der grossen weiten Welt das Wachstum einer Partei von gerade mal 2 - 3 % die aufregendsten Autoren herausgefordert hätte. Politik in dieser Dimension ist zu Recht ein literarischer Non-Event.
Von Schweizer Schriftschaffenden fehlen uns nicht politische Kommentare, sondern gute Geschichten. Es gibt keinen Grund zu befürchten, dass uns diese von den bösen Medien vorenthalten werden. Wenn sie denn überhaupt entstehen.
Punkt 7 stimmt wohl schlichtweg nicht. Es werden zur Zeit mehr Buecher denn je verkauft, mehr Texte denn je geschrieben und gelesen. Die Schreib- und Lesefaehigkeiten waren nie so gut. Und wieso wohl? Wegen den boesen Geraeten, die einen zwingen, ununterbrochen zu lesen und zu schreiben. Dass im uebrigen Leute, die nicht gerade bruenzeln koennen, beim Bloggen gerader bruenzeln lernen, ist doch so schlecht nicht, oder?
Man muss halt umdenken. Publizieren kann heute jeder, gelesen wird, wer gut schreibt. Es gibt genug zum lesen, da braucht man kein Fudiblatt in dem nichts steht, keinen 0815-Schriftsteller, der nichts zu sagen hat.
Ich stimme daher vor allem Herrn Eberhardt zu. Die Schweizer Dichter haben keine Geschichten mehr. Wieso? Vielleicht bedarf Literatur an Not zu ihrer Notwendigkeit. Wohlstandsliteratur hat keine Message.
Ich moechte noch hinzufuegen, dass, was in meinen Augen Frisch und Duerrenmatt so gross gemacht hat, war ihr Humor.
Schlafen und Schnarchen ist besser als Kopfzerbrechen, und ein Glas Bier in aller Vernunft ist weitaus besser als Dichten und Denken.
"Ich bin selber nicht gegen die Globalisierung." Mir fällt es schwer Leute ernstzunehmen, die "gegen" die Globalisierung sind. Das ist doch sinnlos, viel wichtiger ist doch darüber nachzudenken wie man damit fertig wird. Aufhalten kann man die Globalisierung nicht und sie beeinflussen auch nicht.
@Oliver Reichenstein: "Wohlstandsliteratur hat keine Message." Ziemlich pauschal, wird aber leider was wahres dran sein...
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