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Diskussion
Anonymitaet hat ihre guten Seiten. Ohne Anonymitaet waer beispielsweise Open Source Software nicht moeglich, weil die ganzen Google und Microsoftmitarbeiter nicht umsonst an einem neuen Browser entwickeln duerften. Davon jede Form von Anonymitaet zu verbieten, spricht auch niemand mit einem Minimalverstaendnis an Netzkultur.
Die Zwang zur Identifikation oder die vollkommen oeffentliche Identitaet ist genauso ein Graus wie die absolute Freiheit von jeder Verantwortung. Wer je in die Verleumndungs-, Bully- oder Stalkermaschinerie von Anonymen reingekommen ist, weiss, dass es ebensowenig eine Freiheit der Verleumndung, der oeffentlichen Beschimpfung, privater Kreuzverhoere, der Verfolgung, der Privatpolizei und der Lynchjustiz geben darf wie die totale Kontrolle von oben.
Die Identifikation muss immer freiwillig geschehen. Wer sich aber nicht identifizieren moechte, sollte aber eben auch nicht in der Lage sein, die persoenlichen Rechte der anderen zu verletzen; das Recht auf Privatsphaere; das Recht zu schweigen; das Recht auf menschenwuerdige Behandlung; das Recht zu tun und lassen, meinen und denken und sagen und schreiben was man will--solange man niemandem Schaden zufuegt.
Freiheit beruht auf einem gesellschaftlichen Vertrag, wo einzelne ein wenig Freiheit abgeben, damit die Gesellschaft ein groesseres Mass an Freiheit erreicht. Die Freiheit, die man dabei abgibt, ist die, anderen Schaden aus einer Position der Staerke Schaden zuzufuegen.
Ich glaube das Internet entwickelt sich von selbst aus schon in die Richtung einer neuen Form demokratischer Selbstregulation, die auf Vertrauen statt auf Staerke aufbaut.
In einem gut funktionierenden System sozialer Kontrolle sollten beispielsweise solche Geschmacklosigkeiten von ihrem eigenen Umfeld korrigiert werden: http://twitter.com/markusangst (meine Schwester regt sich grausam darueber auf, dass da einer das Bild ihres Sohns fuer seine Zwecke missbraucht, weil er meint, er habe das Recht dazu, bloss weil er mich aus irgendeinem Grunde aergern moechte).
Gegenwaertig wird das technische Netz an URL wird durch ein Netz von Identitaeten abgeloest, der Zugriff auf diese Identitaeten wird wiederum eingeschraenkt auf den Freundeskreis. Da braucht es moeglicherweise gar keinen Staat, der kontrolliert. Aufgrund der technologishen Struktur wuerde eine staatliche Regelung auch kaum funktionieren. Den Internet-Gesellschaftsvertrag muessen die User selber definieren.
Dabei ist es die Muehe alleweil wert, fuer ein besseres System zu kaempfen. Das Internet, wie es war und ist, ist noch lange nicht perfekt.
Für einen ehemaligen BR ist ja Anstand und Höflichkeit völlig überbewertet, aber dieser Mensch rührt ja zum Glück keinen Compi an…! Es scheint, das Problem liege ausserhalb des Net - nur hören wir das nicht so gern. Wer sich als Behördenmitglied zur Verfügung stellt, riskiert bereits solche Attacken. Kein Wunder, dass Aufsichtsbehörden hinter vorgehaltener Hand schon lange klagen, dass sich nur noch „2. und 3. Garnitur“ überhaupt zur Verfügung stellen… (damals - vor etwa 20 Jahren - wurde ich mit Hilfe der Droge Alkohol „herumgedreht“)…allerdings habe ich meine Zusage auch im nüchternen Zustand keine Sekunde bereut, viel gelernt, viele Freunde gefunden und nebenher auch verbitterte Gegner als unabwendbare Nebenerscheinung erhalten.
Latent waren also Wadenbeisser, Denunzianten und Rufmörder damals schon unterwegs, allerdings hatten die nicht so „wunderschöne Möglichkeiten“ wie heute!!
Etwas erstaunt hat mich auch der erste Teil des Artikel von Peter Knechtli: Die Überführten der Kategorie Wadenbeisser/Denunzianten/Rufmörder waren bzw. sind allesamt Journalisten! DAS ist für mich als unbedarfter Blogger aus dem Hinterland schon ein dicker Hund und bestätigt, dass es primär ein soziales Problem ist, das nur indirekt mit dem Net zu tun hat.
Die Sache mit der Identitaet ist ja die: Identitaet kann man nicht aus sich heraus, sondern erst in der Kommunikation mit anderen Identitaeten finden. Echte Identitaet ist keine fixe Rolle, die man stur spielen kann, sie ist ein dynamischer Prozess, im Umgang mit anderen, das persoenliche Gleichgewicht zu halten. Deshalb trifft einen die Verleumdung auch wie einen Fausthieb. Verleumdung ist ein Anschlag auf das persoenliche Gleichgewicht im Umgang mit anderen, um das wir uns so sehr bemuehen, ein Leben lang.
Wer durch einen anonymen Fausthieb aus dem Gleichgewicht gebracht wird, denkt schnell mal, dass jeder und jede als potenzieler Uebeltaeter in Frage kommt; infolgedessen veraendert er oder bricht er die Kommunikation mit Leuten ab, die ihm gar nichts anhaben wollen. Wodurch ein noch groesseres Ungleichgewicht entsteht. Anonyme Attacken sind auch deshalb ein schlimmes soziales Gift.
Anonyme, die kontinuierlich posten, fliegen aber meistens frueher oder spaeter auf. Entweder verraet sie der Sprachgebrauch (sehr wahrscheinlich), Sprachmarotten, derer sie sich nicht bewusst sind, die Interpunktion (oh ja!), die Zeitlinienmuster(!), die IPs (nicht bei den schlaueren, die brauchen verschiedene Compis und Provider), Loeschungen, offensichtliche Widersprueche--oder ein Kumpel, der zu viel weiss, verschwatzt sich im falschen Moment.
Die Freiheits-Diskussionen betr. Internet sind anregend. Keiner der Teilnehmer hier ist aber Opfer von direkt auf den (öffentlichen, gewählten) Mann bezogenen Web-Attacken. Offenbar (mich wundert das zwar) sind diese nicht justiziabel rückführbar. Umkehrschluss: Was soll die Datenschutz-Hysterie?
Diskussionen wie diese sind wichtig. Ich habe das Gefühl, durch das Internet, durch die einfach verbreitete Information wird mein Leben sicherer. Das Internet verhindert einen nächsten Hitler. Aber ich muss mir auch klar darüber sein, dass diese Art der Informations-Verbreitung zwar die Massentötung verhindert, dafür Einzel-Attentate fördert.
Mit der Entwicklung des Internet findet aber eine freiwillige und unfreiwillige Veroeffentlichung und damit Politisierung der Privatexistenz statt. Wer sein Tagebuch oeffentlich fuehrt, veroeffentlicht, macht sein Privatleben zur oeffentlichen Sache.
Die Politisierung des Privatmanns durch das Internet haengt leider nicht alleine davon ab, ob man selber im Internet unter seinen echten Namen publiziert oder nicht. Das Internet entwickelt sich von einem Netz verbundener Computer (Web 1.0) zu einem Netz verbundener Dokumente (Web 2.0) zu einem Netzwerk vernetzter Identitaeten (Social Graph).
Das Problem des anonymisierten Web 2.0: Der neidige Konkurrent muss nun nicht mehr hinter der Hand fluestern; der wuetende Nachbar muss nun nicht mehr die Radschrauben lockern; der weinerliche Ex hat nun andere Mittel als Telefonterror; man kann heute einfach einen anonymen Twitter- oder Wordpressaccount aufmachen und jede Person in die Oeffentlichkeit nach Wunsch und Laune belaestigen, aergern, schlecht machen.
Die Leute legal dingfest machen, wenn sie technologisch, sprachlich und legal versiert sind, ist nicht unbedingt leicht. Dass Dich das wundert, wundert mich. Hinzu kommt, dass ein Gerichtsfall, egal wie sicher man ist, ihn zu gewinnen, nie die beste Option ist.
Der Social Graph und die soziale Kontrolle, die diese Entwicklung mit sich bringt, ist meiner Meinung nach die bessere Kontrolle. Und die faengt langsam an, die Zaehne zu zeigen. Die Natur des Internet bringt es mit sich, dass der einzelne Streiter nicht viel ausloesen kann (weil ihm die Verlinkung und damit die Publikationswucht fehlt), je groesser die Gruppe um ihn herum, desto gefaehrlicher die Eigendynamik dieser Gruppe; dennoch sollte sich bei einer grossen Gruppe nach einer gewissen Zeit ein soziales Selbst- und Aussenkorrektiv einpendeln.
Grosse Gruppen brauchen einen starken Fuehrer, fehlt der oder macht er Fehler, ghettoisiert sich die Gruppe, zuerst im groesseren Umfeld, wie die SVP, und zersplittert dann, aehnlich wie die SVP.
Das öffentliche Risiko, als Politiker zu leben, war schon immer gross. Auch vor Web 2.0 überlegte man sich als Ständerätin, ob man den samstäglichen Migros-Einkauf als Basiskontakt-Einheit auslebt oder eine Packung gefühlsechte Pariser aufs Band legt oder beides hinkriegt, ohne zu erröten.
Ganz aktuell hatten wir einen frustrierten Armeechef, der ganz einfach blödsinnige Sexinserate aufgab, um seine Schmähung zu schmähen.
Das ist doch recht Steinzeit. Und juristisch einfach aufzuarbeiten. Social graph?
Dann gibt es aber Leute, die nicht nur anonym schnell ein paar böse posts machen, sondern ganze Websites aufziehen, dauerhaft, sich verlinken, hoch im Google auftauchen bei der entsprechenden anvisierten Person und (scheints) jahrelang nicht auszumachen und festzuhalten sind.
Da erlaube ich mir dann doch, mich zu wundern. Wenn das neue wundersame System die Kontrolle nicht hergibt, die solches verhindert, dann sollte man vielleicht nochmals ein paar Gedanken ins System hinein investieren.
Wer gibt die Sicherheit? Die Guten oder die Bösen? In Neapel und Sizilien war die Frage schon beantwortet bevor irgendwer das Wort Internet buchstabieren konnte.
Soll die Staatsanwaltschaft noch mehr animiert werden, Computer von unabhängigen Verfechtern der Meinungsfreiheit und Menschenrechte zu beschlagnahmen, die wie Kriminelle behandelt werden? Selbst das Basler Strafgericht musste in einem skandalösern Fall der Kriminalisierung einer intellektuellen Islamkritik kürzlich zugeben, mit solchen Massnahmen "über das Ziel hinausgeschossen" zu haben.
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