Der Sauerkrautröstikuchen

Der Sauerkrautröstikuchen
kartoffel.ch
„Wo es eine Brauerei gibt, braucht man keinen Bäcker“ besagt ein Sprichwort der bierliebenden Tschechen. An Brauereien mangelt es weder in der Schweiz noch in Deutschland. Dafür fehlen den Ländern aber in der Tat die Bäcker, welche einen Sauerkraut-Rösti-Kuchen backen und zum Verkauf anbieten würden. Dieses Gebäck wird als Beilage zu Fleischgerichten gereicht. Laut Rezept können bei 220 Grad Hitze und in 15 Minuten Backzeit volkstümliche schweizerische und deutsche Zutaten schmackhaft ineinander aufgehen. Das Rezept ist einfach, aber es ist wenig bekannt.

Bekannter dagegen sind die einzelnen Zutaten des Kuchens. Die „Rösti“ als Schweizergericht schlechthin stehen in beinahe jedem Lokal des Landes auf der Speisekarte. Ihre korrekte Aussprache stellt die Beherrschung des Schweizer Dialekts unter Beweis, ihre Gräben sind Sinnbild schweizerisch-politischer Eigenart. Aber auch das Sauerkraut hat Eingang in den allgemeinen Sprachgebrauch gefunden: Seine Abkürzung, „Kraut“, als verächtliche Bezeichnung für die Deutschen in England etwa oder als namensgebendes Gemüse für deutsche Rockmusik der 60-er Jahre. Rösti und Sauerkraut symbolisieren auf ihre je eigene Weise ein Stückchen von dem, was wir gemeinhin Schweiz und Deutschland nennen. In Kuchen aber würde man weder Rösti noch Sauerkraut erwarten - und schon gar nicht gemeinsam vermengt.

Wenn ich als Doppelbürger an die Unterschiede zwischen Schweizern und Deutschen denke, so fällt mir spontan ebenfalls Essen ein. Es sind Kindheitserinnerungen über die Besuche im Restaurant mit meinen Eltern. Mit der Rechnung kam auch jeweils dieselbe Zeremonie: Meine deutsche Mutter ergriff hastig das Stück Papier, um es auf seine Richtigkeit hin zu überprüfen, während mein Schweizer Vater schon längst die Noten zur Zahlung bereitgelegt hatte. Meist folgte eine Diskussion über Gutgläubigkeit und Misstrauen. Lange Zeit war das für mich ein natürlicher Unterschied im Verhalten meiner Eltern. Erst später fing ich an, mich zu fragen, ob ich damals Zeuge von nachkriegszeitlich begründeter deutscher Sparsamkeit und einer aus Schweizer Vermögen genährten finanziellen Gelassenheit geworden war. Ich glaube es nicht. Denn auch bei Eltern gilt, dass der erste Eindruck zählt.

Die Enzyklopädisten des 18. Jahrhunderts erklärten die Eigenheiten der „Nationalcharaktere“ mit dem Klima. In der jüngeren Geschichte hat man dann den Nationen selbst Charaktere zugesprochen. Der Schweiz wurde beispielsweise ein Sonderfallcharakter bescheinigt, Deutschland soll einen Sonderweg gegangen sein. Die Begriffe kommen dann zum Gebrauch, wenn erfolglos nach Identität gesucht wird. Die Begriffe versuchen, Grenzen zu ziehen, sie versuchen, das beschriebene Land zum Besonderen zu machen und das Umland zum Beliebigen. Aber letztlich definieren sie das besondere Land durch sein Umland.
Einschlägig sind auch die Beschreibungen über das gegenseitige Verhältnis. Es wimmelt heute von Zeitungsartikeln, in denen die Bewohner der kleinen Schweiz reserviert oder furchtsam auf ihre nördlichen Nachbarn reagieren. Die Deutschen ihrerseits– relativ ahnungslos von den Gepflogenheiten in der „süssen“ Schweiz – machen gerade als Arbeitnehmende im Alpenland unverhofft oft unliebsame Erfahrungen.
Die Berichte leben vom selben Bedeutungsreservoir. Sie erzählen von einem Junior Partner Schweiz, der aufmerksam bis misstrauisch den deutschen Senior beäugt, stets darauf bedacht, die Unabhängigkeit zu wahren. Der grössere nördliche Teil dieser Partnerschaft wird als arrogant wahrgenommen und gibt den gleichgültigen und unvoreingenommenen Part. In einer Ehe wäre Beziehungstherapie angesagt.

Warum bleiben denn die Kuchenbäcker aus, welche den Sauerkraut-Rösti-Kuchen backen? Etwa aus Angst vor einem geschmacklichen Einheitsbrei? Aus Traditionsbewusstsein, dass weder Sauerkraut noch Rösti etwas auf Blätterteig zu suchen haben? Oder einfach eben, weil es zu viele Brauereien in der Schweiz und in Deutschland gibt? Richtig, in beiden Ländern finden wir politische Agitatoren, die gerne brauen und gären lassen. Aber der Grund für die wenigen Bäcker ist ein anderer: die Nachfrage nach diesem Kuchen wäre zu klein. Und welcher Bäcker möchte sich heutzutage schon selbst in den Ruin wirtschaften?


Thomas Brückner
 
 
 
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