16/12/2007 12:41
Als mich neulich jemand fragte: Was machst du heute Abend?, diese elegante Frage, die eigentlich meint: Wollen wir etwas unternehmen oder hast du schon was vor?, und ich sagte: Ich will heute lesen, da kam eine sehr seltsame Reaktion. Es war eine kurze, sichtbare Streifung absoluter Ratlosigkeit, gefolgt von der nonchalanten Frage: Gehen wir ins Kino? Als ob ich: «Nichts» gesagt hätte.
von Michèle Roten, Das Magazin
von Michèle Roten, Das Magazin







Diskussion
Und der dicke Akzess: Ein Paar Werke in diesem Akzess versprechen nichts als Qualen. Lesen als Sport? Lesen als Pflicht? Der Akzess als Grund Literatur zu studieren? What the fuck? Ich bin im Gegenteil der Meinung, dass man gar nichts gelesen haben MUSS. Die meisten Bücher sind doch todlangweilig und stossen einen sofort ab. Wenn man gute Bücher findet, dann liest man die lieber 10 mal, als dass man sich durch einen Katalog durchkämpft, mit Texten, die falsch getimt sind. Es ist doch so. Bücher sind wie Reisen mit Leuten, und ich habe nicht immer Lust, mit Mörgeli Olten zu besuchen. Zum richtigen Zeitpunkt könnte das natürlich sehr lustig sein...
Von live schreiben halte ich nicht viel, schau mir das aber auch gerne mal an. Freilich geht es darum, das Buch zu verkaufen. Und da bin ich schon deshalb halb verkauft, weil mir die ersten Sätze gefallen und der Typoperfektionist Wendelin das gestaltet hat.
Auch das Lesen im Café siehst Du zu einseitig. Der Mann, der ins Café lesen geht, um interessante Frauen zu beobachten bzw. zu treffen, tut mir leid, oder genaugenommen tut mir sein Buch leid. Wenn man aber ein Buch liest, da so spannend ist, dass man trotz Ablenkungen und Hintergrundgeräuschen, trotz Geklapper und Babygebrüll und Gelächter darin versinken kann, dann ist der Genuss noch grösser, weil die Diskrepanz zwischen drinnen und draussen maximal ist und somit einen noch grösseren Reiz ausübt. Wer das noch nie erfahren hat, hat etwas verpasst.
Ich gehe mit Dir einig, dass ein Buch, das einen packt, einen packt und nicht umgekehrt. Im Café von mir aus, oder sonstwo. Das Paar Café und Buch lesen ist und bleibt aber ein albernes Klischee.
Angeberei mit Büchern ist ganz offensichtlich keine blosse Männersache, aber ja, sicher, ich hab sicher den einen oder anderen Leseexzess hinter mir, und muss mich vorerst vor keinen Akzessen oder sonstigen Netzhautkrankeiten fürchten.
Die Brüder Karamassov eingebunkert in mein feuchtes stinkiges Stüdio, fiebrig gelesen, von Milch und Nikotin ernährt, am Ende noch trockenes Brot aus dem Müllsack gefischt mit Urangschengumfidüre, zwei Tage lang, fast ohne Schlaf, eine grauenhafte Verfänglichkeit. Dann endlich fertig gelesen und raus in die Stadt und ins Café, frisches Baguette, café au lait, und für meine müden Augen la démarche des Parisiennes. Da ist natürlich nichts verkehrt dran.
Wenn die Dostoevsky mit einem Akzess infiszieren, dann lass ich mich als Befreiungskämpfer rekrutieren. Meinen guten Freund Berhard, mit dem ich viele Reisen ins Salzkammergut, nach Wolfsegg und nach Wien, Rom, London unternommen habe und meinen alten Amerikareisekumpanen Kafka haben die Literaturpfaffen frech dort reingeschmiert. Kafka lesen MÜSSEN? Eine Frechheit. Eine Bombe, ein Königreich für eine Bombe, sag ich da nur, als anarchistischer Basler. Literatur darf alles, muss nichts, Literaturstudenten ebenso.
Einen bad trip mit Mörgeli ins Rössli zu Bratwurst und Bier nach Olten stell ich mir in ihrer Alptraumhaftigkeit als literarisch durchaus ergiebig vor. Ich hab sowas mit einem weit weit entfernten Freund von Mörgeli schon mal erlebt. Gösgen wär auch ganz interessant, oder, dramatischer, kontroverser, ein KZ im November (Titel vielleicht: "Es muss nicht immer Auschwitz sein"). (Dem Blocher hab ich indirekt schon vorgeschlagen, dass wir uns in Tokyo treffen zur höflichen Verneigung vor seinen Ankern).
Mit Fehr und Maurer würd ich vielleicht gern einen Nachmittag in einem Schulhaus im Gundeli verbringen. Ich hab da vor Jahren mal unterrichtet. Falls das immer noch so brutal zugeht wie damals - Schüler auf LSD, 14-jährige Prostituierte, Messerstechereien, Drohungen gegen den Lehrer - dann wär das eine prima Schulreise. Fehr und Maurer am Ende ihres Latein zu sehen - unbezahlbar.
Das ist nun genauso ein Klischee wie das Lesen im Café!
Was mich Wunder nähm: Hat jemand je einen Roman am Kompi gelesen? Wie war das? Ich stell mir das ziemlich billig vor...
Bücher sind Schwämme, die Cafes aufsaugen und festhalten können.
Wenn ich ein Ferienbuch Jahre später wieder in die Hand nehme, und ein paar Körner Sand herausrieseln oder eine gepresste Blume, dann rieche ich das Meer oder die Wiese. Bei Cafe-Büchern höre ich vielleicht ein längst vergessenes Lied, das beim Lesen im Hintergrund lief, und von Zug-Büchern wird mir Jahre später noch übel, wenn ich sie rückwärtssitzend gelesen habe (Berlin Ostbahnhof an einem Herbstabend).
Und mancheiner schreibt sogar mit Vorliebe in Cafes...
..."eine festgefahrene überkommene Vorstellung in Form einer Idee, Phrase, Ausdruck oder Redensart, die überbenutzt wird und vom ursprünglichen oder eigentlichen Sinn ablenkt. (Siehe auch Vorurteil und Stereotyp)"...
...als Dich die aus dem Abfall gefischte trockene Orangenmarmeladebrot in Sissacher Landeiakzent wohl mit Joghurtresten (?) und etwas Zigarettenaschespuren aus einem mir unklaren Grund vermuten laesst. Aber vielleicht hat das auch damit zu tun, dass unangenehm Erlebtes fuer den, der es erlebt hat, nur schwer in ein Raster geht, egal wie gut es fuer jemand anderen ins Schema passt.
Das Beste, was ich diesem Jahr im Nachhinein abgewinnen kann, sind die Nachtspaziergaenge eigentlich eher Maersche, oder eben: Passagen, auch ein Klischee, wenn auch im Sinne eines Topos:
"Klischee: In der Literatur und verwandten Künsten Teil (Motiv, Topos, Filmklischee) bzw. Grundlage von Texten (Trivialliteratur)"
Die Buecher, die ich aus Ermangelung menschlicher Kommunikation in mich hineingefressen habe und den Slapstick, der den Einsamen begleitet, wie die Floehe den streunenden Hund haben den Aufenthalt auch ganz schoen gewuerzt.
Slapstick: Der Teppich in meiner Kammer hat so gestunken (da war ein besonders ungepflegter Stuempeler drin vorher, der seinen Teppich gehasst und systematisch maltraitiert haben muss), als ich eingezogen bin, dass ich einen Karton Waschpulver ueber den Boden habe streuen muessen. Weil ich zuerst keinen Staubsauger kaufen konnte (mein Sackgeld hatte ich schon in Farbe und Pinsel fuer die gelben Waende investiert gehabt), habe ich das Waschpulver zuerst nur mit einem Restauranttischputzer zusammengebuerstet. Das Zimmer wurde aber im Herbst zunehmend feuchter (die billigeren Pariser Haeuser sind so feucht, dass die Waende an kalten Moergen nass glaenzen), und da hat sich das Waschpulver in den Teppich gesaugt und lag dann im Winter als ein durch den Stromofen aufgeheizter beissiger Seifendampf im Raum, was dann selbstverstaendlich zu Hautausschlaegen gefuehrt hat etcetcetc. Kurz: Kein junger Walter Benjamin, eher Mr. Bean.
Im Cafe Romane lesen halte ich weiterhin fuer
"eine festgefahrene überkommene Vorstellung in Form einer Idee, Phrase, Ausdruck oder Redensart, die überbenutzt wird und vom ursprünglichen oder eigentlichen Sinn ablenkt. (Siehe auch Vorurteil und Stereotyp)"
Wer das aber anders erlebt, dem lass ich die Erfahrung ohne irgendwelchen Kitschverdacht. Wieso auch nicht. Man kann doch lesen wie und wo man will. Selbstverstaendlich. Ich lasse mir mein trockenes Orangenmarmeladebrot auch gern in einen kalten Kaffee tuenkeln...
Man kann sich ja immer auch taeuschen. Ich werde heute deshalb gleich wieder mal die Probe aufs Exempel machen, ein Buch einpacken (On Chesil Beach, wollt ich schon lange fertig lesen) und versuchen, es im Cafe zu lesen. Spaeter mehr.
A propos: Es gibt hier noch einen dritten ehemaligen Parisstudienjaehrigen hier auf FACTS (Lüscher). Wenn wir noch ein Paar zusammentrommeln, dann könnten ja mal einen hobbyliterarischen Wettbewerb mit dem Thema "Das grausigste Stüdio" abhalten. :)
36, Avenue Junot (18ième) 6ème étage, sans ascenseur, sans chauffage, sans douche.
Indirekte Fragetechnik wird hier in der Schweiz oft angewandt:)
Depuis le temps, la maison a été démolie.
Marianne
Das ist doch unsere "no go area" ;-))
Aber Sie haben recht, respektieren wir besser wieder die "no go area" ;-)
mit 14 las ich alle Gotthelf-Bände schön nacheinander. Ich war begeistert davon. Heute, da Heimatliebe und Inseldasein von einer Partei als "must" dargestellt werden, fahre ich, literaturmässig, lieber auf etwas weiter gezogenen Geleisen. Uebrigens, das Wort "Feministin" ist doch wohl gestorben. Heute spicht man eher von selbstständigen, selbstbewussten Frauen. Tönt doch auch positiver, oder?
Die unterste Schicht meiner Büchersammlung wurde zerstört, als von der Baustelle an der Rückwand meines Studios her 15 cm Wasser auf meinem Spannteppich zu stehen kamen. Kommentar des Bauleiters mit lehmigen Stiefeln auf meinem durchweichten Teppich: aha, Sie sind Student - das sieht man an den Büchern - dann haben Sie glücklichwerweise gegen uns keine Chance. Aber Sie werden sich später sicher an dieses Gespräch erinnern.
Anfangs wollte ich mein Studentenkonto in Paris bei einer Schweizer Bank eröffnen. Die Empfangsdame im 15m hohen stalinistischen Foyer des Geldinstitutes teilte mir freundlich mit, dass sie nur Dienste für Firmenkunden anbieten. Vor ihr lag "Les fleurs du mal" von Baudelaire.
Kurz vor meiner Abreise erklärte mir ein Freund die Grundkonzepte von "L'être et le néant". Nach 1l Rotwein hatte ich das Konzept der ontologischen Phänomenologie begriffen. Die Erklärung ist mir bis heute geblieben.
Das mag bei den heutigen 14jährigen sehr wohl stimmen. Mit 14 las ich schon sehr lange - ich fing früh damit an. Mit 14 bestand meine Lektüre, unter anderm, aus von Suttners,"Die Waffen nieder". Auch nicht unbedingt ein Kinderbuch? Das Elternhaus prägt in solchen Dingen einen jungen Menschen enorm.
Männer, die sich als Feministen bezeichnen, tun auch mir leid. Aber man sollte sie übersehen, sie sind nur für sich selber wichtig. Wir Frauen wissen schon, was wir zu tun haben - auch ohne solche dummen Ratschläge. Welche Frau steitet schon über den Nachnamne ihres Kindes, eine Ehe, in der solche Ueberlegungen in Betracht gezogen werden, ist schon bös in der Schieflage! Gute Männer brauchen sich auch nicht mit ihrer Selbstabschaffung herum zu schlagen. Männer, die auch E.I. mitbekommen haben, sind immer noch sehr gefragt.(Wenn sie auch sonst intelligent sind, umso besser)
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