Oh du konservative Revolution

Oh du konservative Revolution
Jasenka Lukša. Ende der Eiszeit in Sicht?/iStockphoto
Die neue Schweiz ist die, die ich von früher her kannte.


„Sie sind Gemeindepräsident? Von welcher Partei denn?“ - „Ich repräsentiere die extreme Mitte!“ Mit zwölf hatte ich begriffen, was mein parteiloser Vater damit meinte. Von aussen betrachtet dürfte man meinen Vater als „Linken“ bezeichnen. Doch er stimmte während meiner Jugendzeit selten für die SP. „Zu wenig gute Leute“ hatten die bei uns. Einer der wenigen mir bekannten SP-Vertreter war bloss aus Karrieregründen der Partei beigetreten. Bei jeder Gelegenheit schwärmte der Militärfanatiker mit diesem unheimlichen Funkeln in den Augen von den „genialen Panzerschlachten Adolf Hitlers“. „Gute Leute“, auch die der Berner SVP, fanden dafür regelmässig die Unterstützung meines extremmittigen Vaters. Im nicht sehr fernen Bern fügten sich unsere „guten Leute“ und die, die andere gewählt hatten, zu einer Regierung zusammen, die um stetigen Ausgleich bemüht, etwas langweilig vielleicht, aber auch immer wieder erstaunlich weise, mehr als Wächterin denn als Herrscherin über unser Land fungierte.


Ein ganz anderer Ton kam in den Achtzigerjahren von Zürich her auf. Ein Mann polterte mächtig gegen den politischen Status Quo, er verhöhnte die „Classe politique“ in einem Bern, das unendlich weit weg gerückt schien. Mit den Jahren überzog dieser Mann das ganze Land mit seinem neuen Stil, er eignete sich eine ungeheure Dominanz über den öffentlichen Diskurs an, umgab sich mit willigen Helfern und formte die SVP zu seinem Ebenbild, sodass sie am Schluss auch für extremmittige unwählbar wurde.


Jetzt wurde Christoph Blocher aus der Regierung vertrieben, ironischerweise nicht vom „Volk“, auf das sich der Milliardär immer berief, sondern von eben jener „Classe politique“, die er auch kurz vor seiner als sicher geltenden Wiederwahl noch wegen ihrer Machtlosigkeit verhöhnt hatte. Mir wurde bewusst, wie sehr mir die alte Schweiz gefehlt hatte. Wie schön es ist, in der „Arena“ eine SVP-Bundesrätin zu sehen, mit der ich zwar nicht einer Meinung bin, deren Argumente ich aber verstehen und nachvollziehen kann. Wie schön es ist, klugen und redegewandten Politikern bei der Konsenssuche zuzusehen und dabei selber gedanklich neue Lösungen auszuloten, anstatt stets nur geistige Mauern zu errichten und die des Gegners einzureissen.


Lange Tradition, geringe Grösse und fast allgemeiner Wohlstand ermöglichen der Schweiz ein konsensorientiertes politisches System. So können wir flexibler, moderner, effizienter sein als die durch ewige Grabenkämpfe gelähmten Nachbarländer. Christoph Blocher hat aus reiner Machtgier versucht, dieses System zu zerstören und sich als Alleinherrscher über das Land einzusetzen. Das ist ihm Gott sei Dank misslungen. Dass sich seine Mannen im Rückzugsgefecht des längst vergessen geglaubten Jargons der Nazis zur Zeit der Weimarer Republik bedienen müssen, offenbart nur noch einmal, wie totalitär Blochers Anspruch in Wirklichkeit war.


Lassen wir diese Leute in ihrem selbstgezündeten Abschiedsfeuerwerk untergehen und kehren wir zur guten, um stetigen Ausgleich bemühten, vielleicht etwas langweiligen Konsensdemokratie zurück. Finden wir zurück zu unserer extremen Mitte, dann sind auch unsere Köpfe wieder frei für den Blick in die Zukunft dieses Landes.

 
 
 
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