20/12/2007 14:12
Schluss mit der Lektürefolter
Im Online-Journalismus gelten andere Regeln: Leser müssen angefixt und begeistert werden – und das muss nicht der Niedergang des Qualitätsjournalismus sein. Nur müssen Journalisten s... »







Diskussion
Nun aber zum Lead selber. Zweimal wird ein Muss bemüht, wenn es darum geht, mir als journalistisch Schreibendem zu sagen, wie ich's besser mache. Dann soll ich meine Leser anfixen - ich muss schon sehr bitten: Ich bin kein Drogenhändler, ich schreibe gerne und lese auch mal was. Dass die Sätze des Leads nebeneinanderstehen, als hätten sie gar nichts miteinander zu tun, als führe nicht eines zum anderen, das ist vielleicht der grimmigste Faux-pas. Dass dann keiner mehr über Guttapercha wegkommt, ist die logische Folge davon.
Das ist jetzt keine Hilfe zur Schriftstellung, sondern Kritik von Zur-Schau-Stellung. Aber vielleicht ist das ja die Quinta Essentia Ihres Artikels und ich habs bloss nicht gelesen, weil's am Schluss steht. Nüt für uuguet.
Weshalb klicke ich einen Blog immer wieder an?
1) Der Blogger muss das richtige Mass an Subjektivität hinkriegen; ich wünsche mir einen subjektiven, scharfen, ungewohnten Blick auf Themen, die uns beschäftigen. Reine "News" kann ich irgendwo lesen (die müssen dann auch nur grammatikalisch korrekt sein und nur das Nötige enthalten; andere Anforderungen habe ich nicht an sie). Auf der anderen Seite wünsche ich mir auch kein Online-Tagebuch, in dem jemand seine Seele auskotzt.
2) Eine sichere Handhabung der Sprache, gekonnte und bewusste Spielereien mit Satzbau oder Wörtern aus anderen Sprachen, aber auch Zitate an den richtigen Stellen sind ein Muss.
3) Den richtigen Humor treffen. Feine Ironie ist immer willkommen, patzige Sprüche an der richtigen Stelle können ein gutes Stilmittel sein, aber bitte verschont mich mit diesem bloggerischen Neo-Sauglattismus à la "Ich grüsse meine flotten Leser, und hört auf, Eure Kalorien zu zählen. Ihr gefällt mir, wie Ihr seid." (Der Zitierte möchte vermutl. nicht genannt werden. Ich habe mir erlaubt, mehrere Fehler in den beiden Sätzen zu korrigieren.)
4) Konstant sein. Ich mag es, wenn ein Blogger ein Thema, in dem er sich gut auskennt, immer wieder aufgreift und von verschiedenen Seiten beleuchtet. Das verleiht ihm ein unverwechselbares Profil.
5) Bitte keine politischen und humanitären Aufrufe. Für Produkte oder Anlässe um Aufmerksamkeit werben, von denen er überzeugt ist, darf ein Blogger hingegen gern; schliesslich erwarte ich Tipps von ihm.
6) Eine klare Haltung einnehmen und dazu stehen ist ebenso wichtig wie eine differenzierte Sicht und das Eingehen auf Kommentare. Es schliesst sich gegenseitig keineswegs aus.
7) Ergänzung zu Punkt 3): Eine Prise Selbstironie hat noch keinem Blog geschadet - im Gegenteil.
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