21/09/2007 17:46
Die Revolution ertränkt ihre Kinder
Web 2.0, die zweite Generation des Internets, ist nicht Freund, sondern Feind der Kreativität. Alles, was uns die Web-2.0-Revolution schenkt, ist also mehr von uns selbst – statt dass sie, wie sie ... »







Diskussion
Web 2.0 ist nicht mehr (allerdings auch nicht weniger) als die Demokratisierung der Medien. Weil die Mittel zur Medienerzeugung für viele heute erschwinglich sind, können nun alle Medien machen. Aber es ist und bleibt eine Möglichkeit. Längst nicht alle haben das Bedürfnis dazu und von denen, die das Bedürfnis dazu haben, haben noch längst nicht alle das Talent dazu.
Das Entscheidende ist doch aber, dass jeder und jede die Möglichkeit hat, Medien zu machen. Wer Internetzugang hat, der hat eine Stimme irgendwo auf der Welt. Und er kann sie zum Klingen bringen lassen. Ungestört. Genau so wie er will. Ohne "Gatekeeper", "Berater", "Manager", "Staff", "Produzenten", "Verleger". Vielleicht kommt das "schlecht" raus, aber na und, muss ja niemand gucken. Was "gut" ist hingegen, pflanzt sich natürlich fort, ohne Werbekampagnen, ohne strategische Pläne, ohne Geheimpläne. So wie ein vom Wind davongetragener Same, nein, sagen wir, wie wie ein immer neuer Brief, der eine wachsende Anzahl Leser findet.
Sicher wird "Vertigo" auch heute kaum ohne Geldgeber und Menschen im Hitchcock-Format entstehen können. Muss man deswegen aber tatsächlich der bisherigen Film- und Musikindustrie nachweinen? Gerade letztere hat meines Erachtens viele Ideen verunmöglicht, Karrieren manipuliert, Potentiale zerstört.
Es ist sehr vermessen, zu glauben, es gäbe für Inhalte nach dem Tod der etablierten Medienindustrien (an dem sie durch ihre störrische Art zurzeit selbst emsig werkeln) keine alternativen Finanzierungsmodelle. Klar, in der Übergangszeit der nächsten Jahre wird das vermutlich ungeordnet sein, vielleicht chaotisch, die Geldflüsse werden umgebogen und fliessen kaum immer kontinuierlich. Aber ist das wirklich so schlimm?
Weil Web 2.0 den Nutzern endlich das gibt, was sie wollen, ist das Resultat zwingend eine Gleichschaltung? Nein, denn offene Geister sind gestern aus Denkmustern ausgebrochen und sie tun das noch heute. Menschen, die nie denken, die haben das auch vor Web 2.0 nicht gemacht.
(Ich hab zwar dort schon, aber vielleicht entspinnt sich die Diskussion ja auch hier. Wenn nicht ok, einfach löschen.)
Keens Gemotze geht einem, sagen wir mal vornehm, zum einen Ohr rein und zum andern gleich wieder raus. Interessant finde ich bloss, dass das Magazin den Text druckt. Blickt da der Adel der Schweizer Medien mit Besorgnis von der Burg herunter?
Hitchcock und Bono gleichsetzen und im selben Zug mit dem Dialektiker Sokrates gegen Interaktivität zu argumentieren ist derart albtraumartig irrational, dass man sich auf einmal vorkommt wie in einem schlechten Blog...
Ich habe in meinem Blog schon mehr als einmal erwähnt, dass ich die Experten, die Vermittler, vermissen werde. Nicht weil ich blind einer Meinung folgen möchte – ich bin zum Glück imstande, eigenständig und differenziert zu denken – sondern weil es mir passt, dass mir jemand die „Arbeit des Vorfilterns“ abnimmt. Jemand, der sich hauptberuflich damit beschäftigt und somit genügend Zeit hat. Das Prinzip der Arbeitsteilung, eine Errungenschaft der Menschheit, wenn ich mich nicht täusche… Es ist alles eine Zeitfrage: Heute gibt es immer mehr Informationen, immer mehr Möglichkeiten, immer mehr Begeisterndes zu entdecken. Das mag schön und demokratisch und toll sein, aber wer gibt mir die zusätzliche Zeit, um aus allem wirklich das (für mich) Beste rauszusuchen?
„Die Besten setzen sich durch“, sagt Ihr. Ich bezweifle das. Denn wie werden wir in Eurer in leuchtenden Farben gemalten Zukunft überhaupt die Musse haben, herauszufinden, wo sich das Beste versteckt hält? Indem wir auf Tipps von Kollegen bzw. Mit-Usern hören? Ich habe jetzt schon ca. 100mal so viele Online-Kollegen wie vor ein paar Jahren. Die Tipps, die auf mich hereinprasseln, werden tagtäglich mehr. Das ist jetzt etwas dramatisch ausgedrückt. Nein, ich fühle mich nicht überfordert; ich habe bloss die leise Ahnung, dass mir „das Beste“ entgehen könnte und wahrscheinlich auch tut.
Meines Erachtens stimmt es auch, dass wir durch die immer extremere Personalisierung immer weniger von dem lesen bzw. wahrnehmen, was über unsere eigene Gedankenwelt hinausgeht. Wir können uns unsere eigene Welt streamlinen. Ich geniesse das. Gleichzeitig steckt ein Funken Wahrheit in der Befürchtung, dass sich dadurch unser Horizont verengt. Allerdings, und da muss ich Euch Recht geben: Der Horizont war wohl schon vorher eng, denn wir haben schon vorher Dinge ignoriert, die uns nicht interessierten.
(Exkurs: Mein Vermögen, Inhalte schnell zu überfliegen und die richtigen Informationen rauszupicken, das ich vor 10 Jahren besass, werde ich nie mehr erlangen, seit es Google und die Funktion des Suchens auf einer Seite gibt.)
Jetzt noch ein Wort zur Demokratie: Ihr singt das Loblied einer weltumspannenden, vollkommen gleichberechtigten Usergemeinde. Ihr sagt immer wieder: „Jeder“. Wie bitte? Sehr, sehr viele Menschen sind von dieser Gemeinde ausgeschlossen und werden es noch für längere Zeit bleiben, was die Gemeinde bereits mal NICHT als Demokratie qualifiziert, sondern höchstenfalls als Oligarchie. Oder schaut Ihr nur die Online-Welt als Bezugssystem an? Kann man natürlich machen, aber Ihr wärt dann inkonsequent. Denn Ihr bezieht Euch schliesslich auch auf „Experten“ aus der Offline-Welt, auf ein System, das sich in der Offline-Welt gebildet hat und dort vorläufig noch besteht.
So. Ich komme heute Abend in die Online-Welt zurück und schaue nach, was mit unkultur in der Höhle des Löwen passiert ist.
es kann auch ein Blogger sein, der sich eingehend mit der Materie
befasst hat und immer wieder befasst. Nur stellt sich dann wieder das
bereits oben beschriebene Problem: Wie finde ich diese Nadel im
Heuhaufen?
Als einzelner Mensch bleibt mir im Internet oft nur noch Serendipity, ich sehe mich einer Unmenge von Informationsfragmenten ausgesetzt und verliere jegliche Fähigkeit, zu filtern. Am Schluss bleibt ein weisses Rauschen. Akzentuiert wird das durch die Tatsache, dass Serendipity aktuell auch kommerziell besser nutzbar ist als Filtertätigkeit (filtern reduziert den Traffic, Traffic ist Geld), d.h. dass viele „Leitmedien“ im Internet bis hin z.B. zum Spiegel ihren Umsatz letztendlich mit komplett irrelevanten Inhalten über Britney Spears, die 10 besten Tipps für besseren Sex etc. machen.
Wie können wir eine gesunde Balance zwischen Serendipity und Filterung zurückgewinnen? Journalisten werden hierzu einen Beitrag leisten müssen, zumindest zugunsten des durchschnittlichen Newskonsumenten. Vielleicht als Mitarbeiter eines Leitmediums, das sich auf diese, seine ursprüngliche Funktion als Gatekeeper zurückbesinnt. Vielleicht aber auch als ein über die ganze Welt verteiltes Netzwerk von Informationsprofis mit vielen verschiedenen Funktionen und Publikationskanälen, die den Menschen helfen, sich im täglichen Infodschungel durchzuschlagen.
Kann eine Plattform wie FACTS dazu etwas beitragen? Wie wäre es, wenn wir den besten Journalisten des Deutschsprachigen Raumes anstellen und ihn bitten würden, für uns die Filterung aller eintreffenden Nachrichten zu übernehmen? Würde das Resultat besser, wenn wir 10 ausgezeichnete Journalisten anstellen und ihre Inputs statistisch auswerten würden? Oder könnten wir 1000 sorgfältig ausgewählte Journalisten und Journalismus-nahe Personen regelmässig Inputs geben lassen? Geben Journalisten bessere Inputs als Nicht-Journalisten? Auf welchen Dimensionen müssten diese Inputs erfasst werden (ist eine Nachricht aktuell, neu, überraschend, gut, diskussionsanregend, wichtig...)?
Persönlich halte ich es da mit dem ‚MC Donalds’-Prinzip. Die einen stürzen sich so rasch wie möglich nach vorne an die Kasse und wissen dann nicht, was sie bestellen sollen. Die anderen bleiben hinten stehen und schauen erst mal oben auf die Tafeln, wählen bedacht und sind zwar etwas später, dafür aber mit dem optimalen Menu am Tisch. Ich versuche mich wie Zweitere zu verhalten.
Übersetzt möchte ich das so verstanden wissen, dass mir die Brechstangenmethode abgeht, in alter Hyperlink-Manier jedem möglichen Hinweis unbedacht zu folgen. Sich sowohl in Zeit als auch Information zu verlieren und manchmal wie ein blindes Huhn auf ein Blog-Körnchen zu stossen, ist unbefriedigend. Ich kaufe ja auch nicht jeden Morgen am Zeitungsstand 30 deutschsprachige Tageszeitungen und hoffe, auf meiner 35-minütigen S-Bahn-Fahrt all das zu finden, was es darin für mich zweifellos Interessantes zu lesen gäbe.
Viel entspannter und für mich angenehmer, betrachte ich die eine oder andere Zeitung/Online-Plattform als filtrierenden Einstiegspunkt und 'begnüge' mich damit, eben gerade NICHT alles zu kennen, was es da draussen sicher auch noch gibt. Ist ein Bisschen wie mit der Herzensbeziehung. Solange ich ständig darüber nachdenke, dass es sicher noch jemanden da draussen gibt, der besser aussieht, mehr verdient, besser zu mir passt und mich auch noch mehr lieben würde, werde ich wohl nie so richtig glücklich mit meinem Partner sein.
Da halte ich es mit den Informationen ähnlich. Im Bewusstsein, dass ich da und dort manipuliert werde und wohl eine Menge cooler Inhalte verpasse, verzichte ich darauf, wie die digitale Trüffelsau stundenlang zu suchen. Dafür verlasse ich mich darauf, von einigen richtigen Freunden immer mal einen Hinweis zu erhalten und immer mal wieder auf ein, zwei neuen, ausgewählten Plattformen Informationen zu konsumieren. Digitale Genügsamkeit, irgendwie.
Zu versuchen, so selten wie möglich mehr als eine Ebene weit weg von der ursprünglich Information zu surfen, hilft im Alltag sehr. Und wenn ich aus lauter Romantik an einem freien Tag dann doch einmal in die Untiefen des Webs stosse, dann sicher nicht, um mich primär zu informieren oder Neues zu finden, sondern in alter Zap-Manier statt vor der einen eben vor der anderen Glotze zu hocken.
... und fast vergessen - neben dem ganzen Content: Dem web 2.0 verdanke ich doch immerhin, dass die Stunden im Netz wieder einiges er- und verträglicher sind. Visuell und bezüglich Benutzerführung zumindest. Diese Seite gehört dazu. Danke.
Und dafür schränkt man seinen Konsum von anderen Medien ein, zum Beispiel liest man den Tagi nicht mehr oder die WOZ. Man guckt 10 vor 10 nicht mehr oder den Sonntalk. Man verzichtet auf die Einlullung durch DRS3. Jede Verhaltenänderung scheint nur solange seltsam, bis man sie vollzogen hat. In Zukunft wird es vielleicht seltsam sein, dass man bis vor kurzem seinen Medienkonsum nicht täglich oder wenigstens wöchentlich verändert hat.
Viel gibt's also hier nicht mehr zu reduzieren. Die Anzahl an
Bookmarks unter meinen Favourites übertrifft bei weitem die Anzahl
der Zeitungen/Zeitschriften, die täglich veröffentlicht werden ;-)
Einige haben die Empfehlung "freiwilliger Enthaltsamkeit" bezügl. Medienkonsum abgegeben; vermutlich ist das die einzige Möglichkeit, wie ein Individuum mit der Fülle an Infos umgehen kann. Wir nehmen es also auf uns, unseren Horizont freiwillig einzuengen. (Der einzige Unterschied zu früher: Unser Horizont war auf Grund der Gegebenheiten eng.)
es ist nicht nötig die masse weltweit verfügbarer blogeinträge,zeitungsartikel und kommentare zu einem thema zu kennen um sich ein bild zu machen. so ein bisschen wie kompremierte jpg bildchen. die sind mit 50% qualität gerechnet für die meisten augen unmerklich schlechter als mit 80%.
ich denke, dass die 'enthaltsamkeit' am ende den horizont keineswegs zu eng macht, sie lässt im gegenteil nur genügend raum. und auch wenns etwas gesucht klingt: vor lauter horizont kann man auch mal den weitblick verlieren.
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