25/09/2009 23:17
Biozentrismus - Die Biologie auf der Schwelle zu einer neuen Erklärung der Welt
Unser Verständnis des Universums ist in eine Sackgasse geraten. Auf Physik beruhende Theorien erklären die materielle Welt nicht befriedigend. Und sie können sie auch nicht erklären, solange wir Leben und Bewusstsein nicht miteinbeziehen. Die neue Sichtweise bezeichnen wir als Biozentrismus.
Biologie scheint auf den ersten Blick eine, für eine neue Theorie des Universums, ungeeignete Quelle zu sein. Zu einer Zeit aber, da Biologen in der embryonalen Stammzelle eine "universelle Zelle" gefunden haben und Kosmologen wie Stephen Hawking das Erscheinen der grossen vereinheitlichten Theorie in den nächsten zwei Jahrzehnten voraussagt, sollte da nicht die Biologie Hand bieten zu einer Vereinigung der physikalischen und lebendigen Welt? Unsere eigene Natur, durch die Naturwissenschaft, die wir selber geschaffen haben, offenbart sich uns und wir können sie dazu brauchen das Universum zu verstehen. Seit der Antike haben Philosophen das Primat des Bewusstseins erkannt. Dass alle Wahrheiten und Prinzipien des Lebens mit dem individuellen Selbst und seinem Geist beginnen. Wie der Grundsatz Decartes': "Cogito ergo sum" (Ich denke, also bin ich).
Unsere aktuellen physikalischen Modelle zeigen, dass unser Universum bis auf kürzlich ein bunter Zoo von herumhüpfender und einander stossender Teilchen war, die vorbestimmten und mysteriösen Regeln gehorchten. Daraus entwickelte sich das Leben und mit ihm das Bewusstsein ein - zugegeben - von der Wissenschaft kaum erklärbarer Gegenstand, jedoch von zu geringer Relevanz, um das Universum zu erklären.
Diese Annahme verschleiert ein fundamentales Problem. Bewusstsein ist weder ein ärgerliches Nebenprodukt des Lebens, wie eine umherschwirrende Mücke, die den Physiker beim Experiment ablenken kann, noch ist es irrelevant. Bewusstsein ist die Grundmatrix, auf deren Basis das Universum überhaupt erst zu begreifen ist. Es ist die Leinwand, auf der unsere Sicht der Welt projiziert wird. Ist sie verzogen oder gefärbt, werden alle unsere Ansichten des Kosmos entscheidend verzerrt.
Seit den bahnbrechenden Entdeckungen Werner Heisenbergs und Niels Bohrs zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts, ist es noch klarer geworden, dass bei der Erklärung der Welt und dessen Ursprung, der Beobachter selbst die Hauptrolle spielt. Schliesslich ist es das Lebewesen, das die Dinge benennt, beobachtet, katalogisiert und darüber berichtet. "Wir haben gelernt, dass wir nie direkt sehen, sondern nur mittelbar, durch die gefärbte und verzerrende Linse, die wir selber sind und keine Möglichkeit haben unsere Fehler zu korrigieren, noch deren Ausmass zu berechnen", sagte Ralph Waldo Emerson über die Erfahrung. Auch der irische Philosoph George Berkeley - der Namensgeber der bekannten kalifornischen Stadt und Universität - kam zu der Schlussfolgerung: "Die einzigen Dinge, die wir wahrnehmen, sind unsere Wahrnehmungen."
Da liegt der Kern von Biozentrismus: der lebende Beobachter erzeugt die Realität und nicht umgekehrt. Diese Sicht der Welt, in der Leben und Bewusstsein zentral für das Verständnis des Universums sind, ist das Bindeglied, das die subjektive Erfahrung mit der physikalischen Wirklichkeit verbindet.
Ohne Wahrnehmung kann es keine Wirklichkeit geben. Bevor wir uns an die Erklärung des Universums machen, wenden wir uns zunächst den kleineren Grössenordnungen in unserer unmittelbaren Umgebung zu. Die Einrichtung unserer Küche ist uns vollständig bekannt, mit all ihren Formen, Farben, Tönen und Gerüchen. Diese kleine Welt existiert, ob wir da sind oder nicht. Wirklich? Wenn wir das Licht ausmachen und zu Bett gehen, bleibt alles an in seiner Form und an seinem Ort wie es ist. Richtig?
Nein. Der Stuhl, der Tisch, der Kühlschrank sind Ansammlungen von Partikelschwärmen, die aus Materie und Energie bestehen. Die Quantentheorie sagt uns, dass keines dieser subatomaren Teilchen tatsächlich an einem Ort existieren. Hingegen sind es Wahrscheinlichkeitswolken. Erst wenn ein Beobachter anwesend ist - wenn wir morgens wieder in die Küche schlurfen - kollabieren die Wellenfunktionen der Teilchen und nehmen eine Position ein, die wir physikalische Realität nennen. Farben, Formen und Strukturen sind nicht Eigenschaften dieser Teilchen. Erst wenn Photonen von den Oberflächen reflektieren und auf die Sinneszellen unserer Netzhaut im Auge treffen, erzeugen sie eine Wahrnehmung.
Musik ist heute eine allgegenwärtige Realität, mögen wir feststellen. Sie vermag seit Jahrhunderten unser Innerstes zu beglücken und verzückt uns beim Spielen wie beim Zuhören. Ist sie aber real, als Bestandteil der äusseren Welt? Mitnichten. Sie liegt zwar, salopp gesagt, in einer CD oder in einer Datei. Die digitalen Einsen und Nullen müssen - mit einer von uns erfundenen Technik - zunächst in eine analoge Wechselspannung gewandelt werden, worauf ein Verstärker die Membran von Lautsprechern in rhythmische Bewegeung versetzen. Die in einer Wellenbewegung erfassten Luftmoleküle erreichen schliesslich unser Trommelfell, wo ein lebendiger, filigraner Mechanismus elektrische Impulse an unser Gehirn weiterleitet. Erst da existiert, zum Beispiel, Schuberts "Ave Maria". Es durchfährt uns ein kaltes Schaudern, wenn wir an unsere blinden oder tauben Mitmenschen denken, die diese Wirklichkeit nicht kennen.
Biozentrismus ist keine einfache These. Unser ganzes Bildungserbe beruht auf der Annahme einer realexistierenden äusseren Welt. Wahrnehmung wird kaum oder gar nicht betrachtet. Wissenschafter wie Laien stellen sich eine äussere Welt vor, die unabhängig von unserer Anwesenheit existiert. Mit einem Erscheinungsbild, das dem entspricht was wir wahrnehmen. Mit dieser Argumentationsweise erkennen wir mit unseren Sinnen die tatsächliche äussere Welt und können nichts daran ändern. Biozentrismus sieht das anders.
Ein starkes Argument für Biozentrismus ist die Tatsache, dass das Wesen des Universums - von den Atomen bis zu den Sternen - genau auf uns zugeschnitten zu sein scheint. Es gibt über 200 physikalische Parameter, die so exakt auf unser Leben passen, dass ihre blosse Zufälligkeit unsere Gutgläubigkeit überstrapaziert. Diese fundamentalen Konstanten des Kosmos werden von keiner Theorie vorausgesagt. Alle scheinen perfekt ausgesucht und von solcher Präzision, dass sie Leben erst ermöglichen. Veränderten wir nur einen einzigen, klitzekleinen Parameter, wir hätten nie existiert. Manche Wissenschafter nennen diese Erkenntnis das "Goldilock Prinzip", weil der Kosmos nicht zu gross, zu kalt, zu instabil ist, sondern gerade richtig für das Leben. Eine zweckgerichtete Begründung meidend, postuliert Biozentrismus sogar, dass die Wirklichkeit vom Leben geformt wird, und es deshalb eine lebensfeindliche Welt gar nicht geben kann.
Quantenmechanische Experimente, deren Resultate zwingend vom Beobachter abhängig sind, machen keinen Sinn ohne eine biozentristische Betrachtung. So steht es auch mit Raum und Zeit, die gemäss Biozentrismus keine Existenz haben, ausser als Sinneswahrnehmung von Lebewesen. Wenn wir von Zeit sprechen, meinen wir Veränderung. Aber Veränderung ist nicht dasselbe wie Zeit. Was wir wahrnehmen, wird ständig in unseren Köpfen rekonstruiert. Zeit ist in diesem Sinne eine Abfolge von Zuständen - ähnlich der Bilder in einem Film, der vor unserem geistigen Auge abläuft. Was ist denn an diesem Ablauf wirklich? Wenn das nächste Bild im Film sich vom vorherigen unterscheidet, hat sich etwas verändert. Punkt. Wir nennen dieses Phänomen Zeit. Das heisst aber nicht, dass Zeit per se als unsichtbare Matrix in der äusseren Welt existiert, in der sich Änderungen abspielen. Es ist lediglich ein Konzept unseres Gehirn, um das Vorher und Nachher zu ordnen.
Raum ist ähnlich unfassbar. Wir können Raum nicht sammeln und ins Labor bringen. Wie die Zeit, ist Raum kein Objekt der äusseren Welt. Es ist ein Teil unserer "Hirnsoftware", die die Wahrnehmungen unserer Sinne in mehrdimensionale Objekte verwandelt. Wir kennen Raum als grosses Gefäss ohne Wände. Aber diese Feststellung ist falsch. Indem die Wissenschaft Raum und Zeit als fundamentale und unabhängige Grössen definiert, wird ein falscher Startpunkt zur Erklärung der Welt gewählt. Biozentrismus bietet hingegen ein Sprungbrett, um Aspekte der Biologie und der Physik zu einem sinnmachenden Ganzen zu vereinen.
Dieser kleine Exkurs ist nur die Spitze des Eisbergs. Um die volle Tragweite von Biozentrismus zu erfassen, müssen wir den Mut aufbringen, das wacklige Weltbild unseres historischen Erbes zu verlassen. Das einundzwanzigste Jahrhundert wird als Zeitalter der Biologie vorausgesagt. Eine Epoche des Wandels, von der Physik zum neuen Fokus Biologie. Es liegt demnach auf der Hand, mit biologischen Ideen die Wissenschaften zu verbinden, und anstatt Stringtheorie und Higgs-Felder, das zu untersuchen, das wir alle in uns tragen.
Aus dem Englischen übertragen. Originalartikel von Robert Lanza und Bob Berman. Erschienen in "The Scientist", am 17. April 2009.
Das Buch dazu: Biocentrism. How Life and Consciousness are the Keys to Understanding the True Nature of the Universe, by Robert Lanza with Bob Berman, BenBella Books, Dallas Texas, May 2009. 224 pp. ISBN: 978-1-933-77169-4.
Biologie scheint auf den ersten Blick eine, für eine neue Theorie des Universums, ungeeignete Quelle zu sein. Zu einer Zeit aber, da Biologen in der embryonalen Stammzelle eine "universelle Zelle" gefunden haben und Kosmologen wie Stephen Hawking das Erscheinen der grossen vereinheitlichten Theorie in den nächsten zwei Jahrzehnten voraussagt, sollte da nicht die Biologie Hand bieten zu einer Vereinigung der physikalischen und lebendigen Welt? Unsere eigene Natur, durch die Naturwissenschaft, die wir selber geschaffen haben, offenbart sich uns und wir können sie dazu brauchen das Universum zu verstehen. Seit der Antike haben Philosophen das Primat des Bewusstseins erkannt. Dass alle Wahrheiten und Prinzipien des Lebens mit dem individuellen Selbst und seinem Geist beginnen. Wie der Grundsatz Decartes': "Cogito ergo sum" (Ich denke, also bin ich).
Unsere aktuellen physikalischen Modelle zeigen, dass unser Universum bis auf kürzlich ein bunter Zoo von herumhüpfender und einander stossender Teilchen war, die vorbestimmten und mysteriösen Regeln gehorchten. Daraus entwickelte sich das Leben und mit ihm das Bewusstsein ein - zugegeben - von der Wissenschaft kaum erklärbarer Gegenstand, jedoch von zu geringer Relevanz, um das Universum zu erklären.
Diese Annahme verschleiert ein fundamentales Problem. Bewusstsein ist weder ein ärgerliches Nebenprodukt des Lebens, wie eine umherschwirrende Mücke, die den Physiker beim Experiment ablenken kann, noch ist es irrelevant. Bewusstsein ist die Grundmatrix, auf deren Basis das Universum überhaupt erst zu begreifen ist. Es ist die Leinwand, auf der unsere Sicht der Welt projiziert wird. Ist sie verzogen oder gefärbt, werden alle unsere Ansichten des Kosmos entscheidend verzerrt.
Seit den bahnbrechenden Entdeckungen Werner Heisenbergs und Niels Bohrs zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts, ist es noch klarer geworden, dass bei der Erklärung der Welt und dessen Ursprung, der Beobachter selbst die Hauptrolle spielt. Schliesslich ist es das Lebewesen, das die Dinge benennt, beobachtet, katalogisiert und darüber berichtet. "Wir haben gelernt, dass wir nie direkt sehen, sondern nur mittelbar, durch die gefärbte und verzerrende Linse, die wir selber sind und keine Möglichkeit haben unsere Fehler zu korrigieren, noch deren Ausmass zu berechnen", sagte Ralph Waldo Emerson über die Erfahrung. Auch der irische Philosoph George Berkeley - der Namensgeber der bekannten kalifornischen Stadt und Universität - kam zu der Schlussfolgerung: "Die einzigen Dinge, die wir wahrnehmen, sind unsere Wahrnehmungen."
Da liegt der Kern von Biozentrismus: der lebende Beobachter erzeugt die Realität und nicht umgekehrt. Diese Sicht der Welt, in der Leben und Bewusstsein zentral für das Verständnis des Universums sind, ist das Bindeglied, das die subjektive Erfahrung mit der physikalischen Wirklichkeit verbindet.
Ohne Wahrnehmung kann es keine Wirklichkeit geben. Bevor wir uns an die Erklärung des Universums machen, wenden wir uns zunächst den kleineren Grössenordnungen in unserer unmittelbaren Umgebung zu. Die Einrichtung unserer Küche ist uns vollständig bekannt, mit all ihren Formen, Farben, Tönen und Gerüchen. Diese kleine Welt existiert, ob wir da sind oder nicht. Wirklich? Wenn wir das Licht ausmachen und zu Bett gehen, bleibt alles an in seiner Form und an seinem Ort wie es ist. Richtig?
Nein. Der Stuhl, der Tisch, der Kühlschrank sind Ansammlungen von Partikelschwärmen, die aus Materie und Energie bestehen. Die Quantentheorie sagt uns, dass keines dieser subatomaren Teilchen tatsächlich an einem Ort existieren. Hingegen sind es Wahrscheinlichkeitswolken. Erst wenn ein Beobachter anwesend ist - wenn wir morgens wieder in die Küche schlurfen - kollabieren die Wellenfunktionen der Teilchen und nehmen eine Position ein, die wir physikalische Realität nennen. Farben, Formen und Strukturen sind nicht Eigenschaften dieser Teilchen. Erst wenn Photonen von den Oberflächen reflektieren und auf die Sinneszellen unserer Netzhaut im Auge treffen, erzeugen sie eine Wahrnehmung.
Musik ist heute eine allgegenwärtige Realität, mögen wir feststellen. Sie vermag seit Jahrhunderten unser Innerstes zu beglücken und verzückt uns beim Spielen wie beim Zuhören. Ist sie aber real, als Bestandteil der äusseren Welt? Mitnichten. Sie liegt zwar, salopp gesagt, in einer CD oder in einer Datei. Die digitalen Einsen und Nullen müssen - mit einer von uns erfundenen Technik - zunächst in eine analoge Wechselspannung gewandelt werden, worauf ein Verstärker die Membran von Lautsprechern in rhythmische Bewegeung versetzen. Die in einer Wellenbewegung erfassten Luftmoleküle erreichen schliesslich unser Trommelfell, wo ein lebendiger, filigraner Mechanismus elektrische Impulse an unser Gehirn weiterleitet. Erst da existiert, zum Beispiel, Schuberts "Ave Maria". Es durchfährt uns ein kaltes Schaudern, wenn wir an unsere blinden oder tauben Mitmenschen denken, die diese Wirklichkeit nicht kennen.
Biozentrismus ist keine einfache These. Unser ganzes Bildungserbe beruht auf der Annahme einer realexistierenden äusseren Welt. Wahrnehmung wird kaum oder gar nicht betrachtet. Wissenschafter wie Laien stellen sich eine äussere Welt vor, die unabhängig von unserer Anwesenheit existiert. Mit einem Erscheinungsbild, das dem entspricht was wir wahrnehmen. Mit dieser Argumentationsweise erkennen wir mit unseren Sinnen die tatsächliche äussere Welt und können nichts daran ändern. Biozentrismus sieht das anders.
Ein starkes Argument für Biozentrismus ist die Tatsache, dass das Wesen des Universums - von den Atomen bis zu den Sternen - genau auf uns zugeschnitten zu sein scheint. Es gibt über 200 physikalische Parameter, die so exakt auf unser Leben passen, dass ihre blosse Zufälligkeit unsere Gutgläubigkeit überstrapaziert. Diese fundamentalen Konstanten des Kosmos werden von keiner Theorie vorausgesagt. Alle scheinen perfekt ausgesucht und von solcher Präzision, dass sie Leben erst ermöglichen. Veränderten wir nur einen einzigen, klitzekleinen Parameter, wir hätten nie existiert. Manche Wissenschafter nennen diese Erkenntnis das "Goldilock Prinzip", weil der Kosmos nicht zu gross, zu kalt, zu instabil ist, sondern gerade richtig für das Leben. Eine zweckgerichtete Begründung meidend, postuliert Biozentrismus sogar, dass die Wirklichkeit vom Leben geformt wird, und es deshalb eine lebensfeindliche Welt gar nicht geben kann.
Quantenmechanische Experimente, deren Resultate zwingend vom Beobachter abhängig sind, machen keinen Sinn ohne eine biozentristische Betrachtung. So steht es auch mit Raum und Zeit, die gemäss Biozentrismus keine Existenz haben, ausser als Sinneswahrnehmung von Lebewesen. Wenn wir von Zeit sprechen, meinen wir Veränderung. Aber Veränderung ist nicht dasselbe wie Zeit. Was wir wahrnehmen, wird ständig in unseren Köpfen rekonstruiert. Zeit ist in diesem Sinne eine Abfolge von Zuständen - ähnlich der Bilder in einem Film, der vor unserem geistigen Auge abläuft. Was ist denn an diesem Ablauf wirklich? Wenn das nächste Bild im Film sich vom vorherigen unterscheidet, hat sich etwas verändert. Punkt. Wir nennen dieses Phänomen Zeit. Das heisst aber nicht, dass Zeit per se als unsichtbare Matrix in der äusseren Welt existiert, in der sich Änderungen abspielen. Es ist lediglich ein Konzept unseres Gehirn, um das Vorher und Nachher zu ordnen.
Raum ist ähnlich unfassbar. Wir können Raum nicht sammeln und ins Labor bringen. Wie die Zeit, ist Raum kein Objekt der äusseren Welt. Es ist ein Teil unserer "Hirnsoftware", die die Wahrnehmungen unserer Sinne in mehrdimensionale Objekte verwandelt. Wir kennen Raum als grosses Gefäss ohne Wände. Aber diese Feststellung ist falsch. Indem die Wissenschaft Raum und Zeit als fundamentale und unabhängige Grössen definiert, wird ein falscher Startpunkt zur Erklärung der Welt gewählt. Biozentrismus bietet hingegen ein Sprungbrett, um Aspekte der Biologie und der Physik zu einem sinnmachenden Ganzen zu vereinen.
Dieser kleine Exkurs ist nur die Spitze des Eisbergs. Um die volle Tragweite von Biozentrismus zu erfassen, müssen wir den Mut aufbringen, das wacklige Weltbild unseres historischen Erbes zu verlassen. Das einundzwanzigste Jahrhundert wird als Zeitalter der Biologie vorausgesagt. Eine Epoche des Wandels, von der Physik zum neuen Fokus Biologie. Es liegt demnach auf der Hand, mit biologischen Ideen die Wissenschaften zu verbinden, und anstatt Stringtheorie und Higgs-Felder, das zu untersuchen, das wir alle in uns tragen.
Aus dem Englischen übertragen. Originalartikel von Robert Lanza und Bob Berman. Erschienen in "The Scientist", am 17. April 2009.
Das Buch dazu: Biocentrism. How Life and Consciousness are the Keys to Understanding the True Nature of the Universe, by Robert Lanza with Bob Berman, BenBella Books, Dallas Texas, May 2009. 224 pp. ISBN: 978-1-933-77169-4.







Diskussion
Kritikpunkte gibt es - ehrlicherweise - dennoch. Robert Lanza ist ein ausgewiesener Experte auf dem Gebiet der neusten Stammzellenforschung. Seine Bevorzugung des Themas macht ihn vielleicht etwas voreingenommenen und lässt - es wirkt fast etwas deplatziert - etwas von seiner Arbeit und seinem Privatleben einfliessen. Nichtsdestotrotz ist sein Wissen über Physik bemerkenswert. Hardcore-Physiker könnten aber durchaus Einwände haben.
Am Schluss spitzt sich sein Exkurs in die Philosophie in einem Gegensatz zwischen Materialismus und Deismus zu. Er distanziert sich aber bewusst von beiden Polen und bringt seine Haltung - die er überzeugend vertritt - als dritte Variante ins Spiel. Biozentrismus als Alternative. Als dritte Möglichkeit bietet er durchaus so etwas wie Lebenshilfe an, indem er aus der neuen Erklärung der Welt heraus, Hoffnung zu spenden vermag. Genau dieser dritte Weg macht ihn aber sehr anfällig für esoterischen Missbrauch.
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