Eine Evolution wird zur Revolution hochstilisiert

Eine Evolution wird zur Revolution hochstilisiert
Joshua Blake/iStockphoto
„Die Revolution ertränkt ihre Kinder“ verkündete dramatisch der Web 2.0-kritische Artikel in der letzten Ausgabe des TagiMagi und löste damit eine hitzige Diskussion aus. In den letzten Tagen gingen die Wogen nicht nur bei Facts 2.0 hoch. Die Web 2.0-Euphoriker sind allgegenwärtig und bereit zur Verteidigung ihrer Revolution. Doch ist nicht bereits der Begriff „Revolution“ zu hoch gegriffen?

Klar ist, die Nutzung des Internets bewegt sich (langsam) in eine neue Richtung. Aber werden wir in Zukunft wirklich nur noch schlau networken und ebenso schlau Informationen rausfiltern? Nein. Einen Grossteil der Online-Zeit wird ein Grossteil der Menschheit noch lange Zeit dafür aufwenden, das Internet als Lieferanten von harten Fakten zu benutzen: Börsenkurse, Zugfahrpläne, Wohnungssuche, Jobsuche in guter alter Manier, all das höchstens durch einen personalisierten Filter etwas erleichtert. Und nicht zuletzt auch zum Telefonieren – die allgegenwärtigen Internet-Telefonshops in der dritten Welt werden nicht so schnell verschwinden.

/Absolute Demokratie?/

Die Voraussetzungen für die Nutzung von Web 2.0 – genug Online-Zeit auch ausserhalb des Arbeitsplatzes, vorhandene Infrastruktur und Geld für schnelle Verbindungen, Alphabetismus – besitzt ein grosser Teil der Menschheit nicht und wird sie noch lange nicht besitzen. Wir, eine kleine privilegierte Schicht, besitzen diese Voraussetzungen und fühlen uns plötzlich als „die Gesamtheit der Menschen“ – ein Fehler, den schon viele Anhänger von alleinseligmachenden Religionen, allzu überzeugte politische Parteien und Bewegungen wie die Blumenkinder machten. Von aussen gesehen wirkt das immer etwas peinlich.

Die Web 2.0-Propheten reden unablässig davon, dass ALLE dazugehören. Gleichzeitig wird jeder mit Häme überschüttet, der nicht Web 2.0-affin genug ist oder sogar leise kritische Töne hören lässt. Weshalb ist Web 2.0 ein so emotionales Thema?

/Das abgenutzte Qualitäts-Gütesiegel/

In meiner Eigenschaft als unkultur würde ich es folgendermassen erklären: Wir befinden uns an dem interessanten Punkt, wo eine Subkultur aus dem Untergrund auftaucht und jede Menge selbst ernannter Propheten auf den Plan ruft. Es geht um ein gesellschaftliches Phänomen; rein technologisch gesehen sind lediglich ein paar neue Tools entwickelt worden. Immer, wenn so eine Subkultur für alle sichtbar und um sich zu greifen beginnt, braucht sie als Gegenpol ein Establishment, gegen das sie sich auflehnen kann. Bloss bietet dieses längst keinen Widerstand mehr. Auch die Web 2.0-Bewegung verhält sich nach diesem Muster – trotz ihres scheinbar integrativen Charakters.

Dabei ist Web 2.0 bereits jetzt zu einem „Progressivitätslabel“ geworden, mit dem sich alle schmücken wollen. Es nutzt sich zu schnell ab wie ein zu oft verliehenes Qualitäts-Gütesiegel. Es wird mit Inhalt überfrachtet und sozusagen missbraucht. Es wird nicht lange dauern, bis die Propheten ein neues Wort schaffen, verkünden „Das sind wir! Wir sind die Echten!“ und der Begriff Web 2.0 in Schimpf und Schande den Unwissenden überlassen wird.

/Überkompensierter Zweifel?/

Und weshalb dieser missionarische Eifer? Er wäre gar nicht notwendig, da wir uns sowieso in einer unabwendbaren Entwicklung in Richtung heilbringendes Web 2.0 befinden. Jung sagte bekanntlich, Fanatismus sei ein überkompensierter Zweifel. Sobald ein kritisch eingestellter Zeitgenosse einen oder zwei Schwachpunkte von Web 2.0 ins Feld führt, fühlt man sich angegriffen und reagiert mit einer Flut von Erklärungen.

Aber die Schwachpunkte sind da, und obwohl ich die Eigenschaften des Web 2.0 schätze, möchte ich die Risiken hervorheben.

Es ist zu erwarten, dass Web 2.0 die Fähigkeit unseres Gehirns zum Herausfiltern von Informationen schwächen wird, weil es immer ausgeklügeltere Instrumente zur Verfügung stellt, die dies für uns übernehmen.

Ja, es hat etwas Spannendes an sich, dass wir jetzt „alle“ die Chance haben, sowohl Informationslieferanten / Experten als auch Informationsempfänger zu sein. Auch nach langen Diskussionen und Versuchen, mich eines besseren zu belehren, bin ich immer noch der Meinung, dass „die Besten“ nicht automatisch obenauf schwimmen werden. Dass die Technologie nicht genügen wird, um mich auf meine relevanten Informationslieferanten hinzuweisen, sondern dass es dafür nach wie vor Manpower, sprich Vermittler, braucht. Es ist ok, diese aus unseren eigenen Reihen zu holen. Aber das Gerede von der absoluten Gleichheit ist einfach utopisch.

/Die Zeit des Uomo universale ist vorbei. /

Ich bin nach wie vor überzeugt, dass es um die Faktoren Zeit und Arbeitsteilung geht. Heute kann es keinen „Uomo universale“ mehr geben wie vor einigen Jahrhunderten. Die Fülle des Wissens ist schlicht und einfach zu gross. Ich finde es anmassend, mich zum Experten für alles und jedes zu erklären. Ich solle mich in Informations-Enthaltsamkeit üben, heisst es. Es wird zu Serendipity aufgerufen. In diesen Gefilden bewegen wir uns ja gezwungenermassen bereits.

Die Verbreitung des Internets überhaupt hat für eine nie dagewesene Zunahme der Vernetzungsmöglichkeiten gesorgt, hat mehr Individuen denn je die Möglichkeit geboten, sich eine Plattform zu schaffen. Wenn jetzt die Strukturen immer demokratischer und flacher werden und die Vernetzungsmöglichkeiten noch grösser, ist das erfreulich. Aber hilft Web 2.0 uns tatsächlich dabei, den Horizont zu erweitern, oder engt es ihn im Gegenteil ein? Tatsache ist, dass wir, wie schon mehrmals in unserer Entwicklungsgeschichte, schlagartig Zugang zu einer viel grösseren Menge an Informationen erhalten. Der Zwang zur Einschränkung von aussen nimmt ab; uns bleibt nichts anderes übrig, als uns selbst – auf eine möglichst intelligente Weise – einzuschränken.
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