16/01/2010 11:27
Der digitale Maoismus ist zu Ende
Jaron Lanier ist ein Internet-Pionier. Den Begriff „virtuelle Realität“ hat er geprägt und die Gratiskultur beschworen. Nun sieht er, wie Kreative ausgebeutet werden. Im Gespräch verwirft er die „S... »







Diskussion
In einem Abschnitt sagt Lanier:
Ich sehe unter den ökonomischen und sozialen Fragen eine philosophische, die da lautet: Gibt es einen Unterschied zwischen Menschen und Maschinen? Wer glaubt, dass es keinen großen Unterschied gibt, glaubt auch an die Illusion des Internets als Superlebensform. Ich glaube, das Gegenteil ist wahr, weil Information kein eigenständiges Phänomen ist. Information ist entfremdete Erfahrung, sozusagen auch eine potentielle Erfahrung. Die Erfahrung ist wirklich, die Information selbst nicht. Anders gesagt: Computer sind im Grunde nur Raumheizer, es sei denn, jemand ist kulturell fähig, sie zu interpretieren.
Als Neurobiologe habe ich eine andere Ansicht. Wir können unser neuronales Netzwerk aus etwa 100 Milliarden Neuronen, das wir Gehirn nennen, salopp als "organisches Internet" begreifen. Jede Zelle, jedes Sinnesorgan, jedes Hirnareal, jede Information, die aus der Peripherie hineinströmt, ist per se reine Information. Darüber hinaus ist dieses neuronale Netzwerk für uns absolut transparent. Wir sehen unser Gehirn nicht bei der Arbeit. Wir erfahren diese Information nie. Sie bleibt als Einzelheit zu jeder Zeit unbewusst. Sie ist uns de facto entfremdet.
Die Erfahrung, die uns eine Wirklichkeit vorgaukelt ist eine Illusion. Wir nehmen nur unsere Wahrnehmungen war, nicht die Wirklichkeit, die äussere Welt. Unsere Aussenposten, die sensorischen Zellen in der Peripherie (die fünf Sinne), sind lediglich Agenten zur Informationsbeschaffung. Das Gehirn sortiert, differenziert, integriert ohne unser Zutun, ohne unser bewusstes Wissen. Dieser Jemand, von dem Lanier redet, sitzt in unserem Gehirn. Es ist philosophisch gesehen je nach dem: das Selbst, das Ich, die Seele. Neurobiologisch ist es eine synchrone, kohärente Aktivität über grössere Hirnareale, die mit etwa 40 Hz schwingt. Diese Schwingung scheint das physiologische Korrelat von Bewusstsein zu sein. Es ist aber immer nur ein kleiner Bruchteil der Informationsflut, die unseren Körper jede Sekunde durchflutet.
So betrachtet, könnte das Internet als Maschine sehr wohl eine Ähnlichkeit mit unserem Gehirn haben. Allerdings noch in einem primitiven Stadium. Vielleicht wie den eines niederen Tiers, das ein phänomenologisches Bewusstsein seiner Existenz hat. Es kennt den Zustand seines Körpers, seiner Peripherie. Es hat aber noch keinen Schmerz, keinen Zeitbegriff, kein Bewusstsein seiner eigenen Existenz als Ich. Keine Sprache, kein reflektierendes Selbst.
Es braucht wohl noch mehr Agenten. Es muss sehen, hören, tasten können. Es muss innere Prozesse wahrnehmen können. Danach ist es nicht auszuschliessen, dass synchrone, kohärente Informationsverarbeitung entstehen könnte und somit sich etwas wie Bewusstsein einstellen könnte.
Jedoch - und da bleibe ich auch Pessimist - könnte das Internet eine Semantik entwickeln und kommunizieren, könnte es eine denkende Maschine werden, hätten wir ein grösseres Problem...
Einer von meinen Professoren hat einmal behauptet, dass Text-Verarbeitung am Computer der Tod für jeden Schriftsteller ist,, weil der Schriftsteller, dann keine spontanen Texte mehr schreibt. Meine Antwort war, dass man sich ja jederzeit angewöhnen kann,, dass man nur noch Rechtschreibefehler korrigiert. Dann sorgt der Computer nur dafür, dass man besser arbeiten kann.
Mir scheint es bei der Informationsverarbeitung genauso zu sein: der Computer gibt uns die Möglichkeit Informationen zu sammeln und zu sortieren. Damit entlasten wir unser Gehirn, es hat dann mehr freien Platz für neue Ideen. Was ist daran so falsch? Mir scheint vor Allem, dass unsere "Schnittstelle" zum Computer mit viel zu viel Müll verstopft ist.
Ich sehe das in allen meinen Analysen: wir sind nicht in der Lage die Dimensionen des Mediums Computer, vernünftig zu handhaben.
Menschen, die etwas neues Entwickeln, sind auch nur sehr selten bereit, ihre "wunderbare" Entwicklung auf die möglichen, negativen, Folgen abzuchecken.
Ich habe zum Beispiel eine Verbesserung für SMS Eingabesysteme auf Mobiltelefonen, aber ich halte das zurück, weil ich weis, dass das unsere Welt völlig verändern würde. Und ich will nicht in der Welt leben, die da entstehen würde.
Wir müssen endlich lernen, dass Computer keine "Menschennachbildungen" sind, sondern geniale Hilfsmittel.
Mir scheint, dass die Nutella-/Gameboy-/SMS-Genration sich da gewaltig selbst überschätzt, Gurus wie Lanier inbegriffen!
Mein Patenonkel, ein sehr erfogreicher Anwalt, hatte zu seiner Zeit auch ein "Spielzeug": es hiess "Dictaphone".
Hier ein kleines Beispiel eines Dialoges mit meinem Patenonkel: Nett dass du mich besuchst, Frau Schönestrudel, sagen Sie bitte meiner Frau, das mein Patensohn bei mir zu Besuch war, Wie geht es Deiner Mutter? Prima! Frau Schönestrudel sagen Sie meiner Frau, es geht seiner Mutter gut!, Was macht die Arbeit von Deiner Mutter? Ordentlich! Frau Schönestrudel sagen Sie meiner Frau, seine Mutter hat Freude an ihrer Arbeit ... Dabei muss man wissen, dass "Frau Schönestrudel" diese Informationen dann auf dem Dictaphone abgehört hat und dann hat sie sie der Frau meines Patenonkels weitergegeben ... Mein Patenonkel hat zwar kein Nutellea gefressen, aber er war "keen" auf Ritter-Sport Schokolade und meinte, dass sein Mercedes besser als Viagra ist .... Danach kam dann das Telefon, der Kubik Würfel, ...
Schlimm scheint mir vor Allem zu sein, dass die Erfinder, von solchen Spielzeugen, sich immer fest und absolut definitif einbilden, dass ihr Spielzeug auch noch in 3000 Jahren total unverzichtbar sein wird ...
Wir müssen lernen, in unserer Zeit zu leben. Vergangenes darf nur dann dazu dienen, dass wir davon "lernen", wenn wir es erst dann als "Lehre" anwenden, wenn wir das Vergangene, an unsere Zeit angepasst haben.
Ich bin auch "Logistiker". Als solcher sehe ich immer mehr, dass wir inzwischen auch für jede "Sache", die wir erfinden, die "Logistik" (= das Umfeld) mit berücksichtigen müssen, die die "Sache" verursacht.
Wir müssen auch aufhören, "hochmoderne Techniken" zu erfinden, die, in Wirklichkeit, nur ein dümmlicher technologischer Abklatsch von Sachen sind, die bereits existieren.
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