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Diskussion
Vielleicht sollte man sich auch mal fragen, was Religion ist. Meine Lateinlehrerin (die auch Geschichtslehrerin war) sagte: "Religion kommt von religare, also: Sich an etwas binden - daher die gefalteten Haende. Binden tut man sich an bestimmte Rituale. Und tatsaechlich waren die Religionen urspruenglich ja auch vor allem Regelwerke fuer eine bestimmte Lebensform. Die Rechtfertigung dieser Regeln gruendet in Mythen, die meisten davon sind austauschbar."
Und so verschroben die alte Dame auch sonst, war - wie recht hatte sie da doch!
Die Regelfunktion der Religionen wird in der juedischen und der muslimischen Religion ganz besonders deutlich. Es wird auch deutlich wie grotesk und unzeitgemaess manche Regeln sind, wenn sie streng eingehalten werden. Diese Regeln sind zum groessten Teil voellig veraltet und so zeigt sich Religion heute als eine Maerchenlandschaft, von der nur noch der mythische Ueberbau geblieben ist. Zu behaupten, Religion und Moderne lieben einander waere demnach blanker Unsinn. Was von der Religion in der Moderne uebriggeblieben ist, sind blosse pseudo-mysthische Trivialitaeten.
"Das muss doch mehr sein", "Ich fuehle eine hohere Praesenz", "Ich glaube nicht an Gott aber an etwas Hoeheres", solches Trivialitaeten hoert man heute doch an jeder Ecke, an die Alltagsregeln der Religionen, also das, was sie wirklich ausmacht, halten sich in der sogenannten Moderne aber nur ein Paar Freaks. Zum Glueck.
A propos Lateinlehrerin, Herr Girardet, da Sie das 19 Jahrhunder ja so lieben: Die elendeste Epoche in der Menschheitsgeschichte, wirtschaftlich, sozial, hat die Dame behauptet, sei das 19.te Jahrhundert gewesen. Ich bin dem nicht nachgegangen. Es waere aber durchaus pruefenswert, ob das stimmt.
Ich zweifle radikal an, dass die Christliche Mythen das Ende der Weisheit aller sein soll. Platons Symposion gibt mit einer Mehrzahl von Mythen auf eine Menge Fragen viel bessere Antworten als die ganze Bibel. In diesem Fall notabene auf Fragen, die in den monothesitischen Maerchensammlungen Tabu sind.
Der menschliche Geist sucht, und das ist richtig so. Dass Wissenschaft dialektisch voranschreitet ist eben ein gutes und kein schlechtes Zeichen. Ein schlechtes Zeichen ist vielmehr, dass die Paepste immer neue Entschuldigungen aufbringen, um ihre alten Stories zu verkaufen.
Der Mensch soll auch ruhig auch nach neuen Mythen suchen.
Wichtig ist eben, dass man sich bewusst ist, was Mythos, was Ratio ist. Das ist in der Religion eben nicht der Fall. Da tut man so, alsob das Guzzi wirklich Fleisch, der Wein wirklich Blut, alsob alles, was in der Bibel steht wahr sein soll. Gleichzeitig lacht man ueber Leute die an Apollo und Aphrodite geglaubt haben.
Neue Mythen werden stets mit Blut geschrieben: sie brauchen Märtyrer, welche ihre übermacht gegenüber den alten Mythen beweisen. Im Mythos ist die Gewalt gebunden. Wer also ernstlich neue Mythen lancieren will, der wird Blutvergiessen in Kauf nehmen. Die europäischen Religionskriege waren ja ein furchtbares Kapitel der Geschichte, erst vor ihrem Hintergrund ist der kartesianische Rationalismus und die "ästhetische Erziehung des Menschengeschlechts" als bürgerliche Projekte verstehbar.
Sie bewegen sich in ihren Äusserungen auf dem Boden des protestantischen Humanismus, warum deshalb dieses Anlaufen gegen "die Religion" ist dies nicht eine "Sturm und Drang-Pose"?
Wer nun diesem Verein den Rücken kehrt, der verzichtet darauf ihn zu gestalten. Die meisten brauchen "Die Kirche" als inneren "Pappkameraden" für ihre "Sturm und Drang-Emanzipation". Die reformierte Kirche ist "semper reformanda": wer sie verlässt läuft nur vor einer Aufgabe davon.
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