08/02/2010 10:06
Schwere Krawalle in Zürich: Urheber bleiben weiterhin unklar
Keine politische Aussage, dafür eine Spur der Verwüstung: Die unbewilligte Demo in der Nacht auf Sonntag hat die Polizei überrumpelt, machtlos musste sie der Zerstörung zu sehen. Nun fordern erste Politiker mehr Polizei an den Wochenenden. Von den Urhebern der Demo fehlt derweil weiterhin jede Spur.
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Diskussion
Vielleicht sollte man die Organisatoren des WEF um Kostenbeteiligung anfragen. Das wäre in etwa die gleiche Logik wie bei den Fussballclubs...
Und punkto Naivität gibt’s zur Zürcherbolzey und Stadtregierung schon gewisse Parallelen zu Stadionbetreiber und den FC‘s: Wenn der Demoaufruf auf prominenter Seite einen Monat vorher schon „draussen“ war, müsste man eigentlich damit rechnen …. Aber eben: Sicherheitsleute und Polizisten aufzubieten, belastet natürlich das Etat der Stadt…. Bei „Unruhen“ ist danach das Bearbeiten von Meldungen immer noch viel billiger ….. danach kneifen ja auch alle Versicherungen, also haben Stadtregierung und Polizei über Nacht einige Gewerbler und Immobilienbesitzer als treue und begeisterte Freunde dazugewonnen ….
Vor zwei Wochen habe ich Andi [Name geändert] getroffen. Er verkauft selbständig Snowboards und war einer der Sprecher der Muttenzerkurve nach dem 13. Mai 2006. Er hat sich mit Vertretern von Basel United und der Basler Polizei an einen Tisch gesetzt. Eine Forderung der Kurve war die Installation eines Zauns und eines Fangnetzes, was zähneknirschend erfüllt wurde. Ein Verzicht auf Transparente und Pyros wurde kategorisch als Einmischung in die Fankultur empfunden und nicht akzeptiert. Ebenso erging es dem Fanpass. Dummerweise war Andi danach im ganzen Fussballland bekannt. Als er in Zürich von einem Stewart beleidigt wurde, hat er mit wegstossen reagiert. Das wurde als grobe Gewaltanwendung taxiert und er hat eine dreijährige Stadionsperre erhalten. Was lernen wir daraus? Fussballfans sind weder Idioten noch Chorknaben und bestraft wird nur wer identifiziert werden kann.
Tatsache ist auch, dass sämtliche Sponsoren auf eine gute Show der Fankurve bestehen, ja dies sogar als Bedingung für ein finanzielles Engagement formulieren. Das kann man verstehen, wenn man einem Geisterspiel beigewohnt hat. Zudem lebt die Fernsehübertragung genau von dieser Show. So kann jede VIP nach dem Diner à discrétion, bequem von der Cüplibar mit Zigarre und rosaroten Armband, auf den reservierten Sitz neben Arthur Cohn und dem gesamten Regierungsrat, die Spiele wie im alten Rom verfolgen. Daneben gibt es zahlreiche Trittbrettfahrer in der Region, die es verstehen den Erfolg "ihres" FCB durch geschicktes Marketing in bare Münze umzuwandeln. Bleibt das Geld mal aus, wird gejammert, dass sich die Balken biegen und beim Staat um Defizitgarantie gebettelt.
Zufällig habe ich auch interne Verbindungen zu Basler und Zürcher Polizei. Die Informationen, die bei einem Bierchen hinaussickern sind zwar auf Stammtischniveau, aber mit einem Körnchen Wahrheit. So erfährt man unter anderem dies: - der alte Korpskommandant wurde entlassen, weil er zu scharf war und zu seinen Mannen und Frauen loyal war. - der neue Kommandant ist ein Schosshündchen des Regierungsrats (dass er schwul ist tut Nichts zur Sache). - der Kanton spart an allen Ecken und Enden bei der Polizei (rot-grün wohlgemerkt). - die Polizisten sind konstant überfordert, weil zu wenige, zu junge. - die normale Arbeit bleibt wochenlang liegen. - Ende Jahr muss das Bussenbudget noch schnell erfüllt werden. - ein Blechpolizist ist rentabler als ein Mensch (dummerweise haben das die Gemeinden auch schon gemerkt, was den Kanton auf die Palme bringt) - steht eine Demo an, müssen alle mitmachen und haben von oberster Stelle die Devise, mit den Demonstranten zu reden und die Deeskalation suchen (mach das mal, wenn dir Steine und Flaschen um die Ohren fliegen).
Schliesslich haben wir den Krawall als gesellschaftliches Phänomen. Ich war '81 auch im Basler AJZ. Nach der dritten Demo, zwischen AJZ-lern, Faschos und Polizeigrenadieren, hatte ich endgültig die Schnauze voll. Die Qualität der Krawalle hat sich seit dann verändert. Waren AJZ-ler noch einigermassen homogen, lokal und unorganisiert (es gab keine Handys und Internet) sind die heutigen Hooligans, Schwarzer Block, Linksautonome deutlich ernster zu nehmen und nicht nur in der Schweiz. Was mich nervt, ist, dass bei Fussballclubs von Schuld gesprochen wird, bloss weil sich regelmässig ein Sündenbock anbietet. Niemand käme auf die Idee, Moritz Leuenberger zu beschuldigen, weil seine 1. Mai Rede einen Krawall auslöst. Oder Klaus Schwab zur Verantwortung zu ziehen, wenn Davos oder Landquart zu Kleinholz geschlagen werden. Die Kosten werden selbstverständlich vom Staat getragen. Findet ein Krawall wie dieser hier statt, herrscht plötzlich grosse Ratlosigkeit, weil die üblichen Verdächtigen nicht zur Hand sind. Seltsam nicht?
Du siehst, Dolphin, ich bin mit Herzblut dabei und diskutiere sogar höchstpolemisch mit einem Fussballbanausen. Jedenfalls habe ich den Humor nicht verloren...;-)
Es gibt aber ein paar Auffälligkeiten: Etwa dass es Linksautonomen und Stadtguerilleros sehr wohl ist, in der Umgebung das ihr bei euch als „Muttenzerkurve“ definiert. Laut StaPo Züri „sei man im Anschluss an das Fussballspiel des FC Zürich auf einen kleinen Zettel gestossen, mit dem die Bewegung «Reclaim the Streets» für 22 Uhr auf den Carparkplatz hinter dem HB lud.“
Die „Veranstaltung“ wurde vor sechs Wochen ins Net gestellt. Unterschrieben von einem „Bukowski“ und der sollte eigentlich bestens bekannt sein (oder mindestens seine Aufrufe und was dann draus wurde…).
Eine weitere Auffälligkeit ist, dass jeder Verein und jedes Stadion sein eigenes Süppchen kocht und der Abwehrreflex gegen eine Zusammenarbeit mit Polizei und Sicherheitsdiensten als grosse Tradition geradezu gepflegt wird.
Natürlich ist es „eure Muttenzerkurve“ und da sollen weder Zürcher noch Berner dryschnuure. Allerdings hört die Autonomie dann auf, wenn es Schwerverletzte und Tote gibt – sehr weit entfernt davon sind wir wohl nicht.
Wenn mal ein Saubannerzug begonnen hat, ist der schwer zu bremsen. Auch in der diskutierten „Zürcher Nacht“ war der Punkt X sehr früh überschritten. Dahinter stand aber eine echte Organisation, die das ganze orchestriert hat (das „Kaugummimodell gabs schon vor 40 Jahren …). Wieso es wiederum niemand geschafft hat, auch nur einer der Drahtzieher zu identifizieren, geschweige denn zu verhaften, kann ich nicht so recht verstehen. Aber ich kann auch nicht so ganz verstehen, wieso echte Fussballfans nicht nur dulden, wenn fremde, vermummte Gestalten sich in ihrer Mitte verstecken, sondern es sogar sauglatt finden, wenn die dann kurz hervortreten und gezielt ihre kurzen Angriffe durchführen. Ob dass vielleicht nicht nur mit Alkohol, Herdentrieb und sozialem Umfeld, sondern auch mit Intelligenz zu tun haben könnte?
Zudem hat die Bevölkerung in einer Abstimmung (Hooligangesetz) mit über 90% Befürwortung ein deutliches Zeichen gesetzt. Werden die beschlossenen Massnahmen im Stadion auch durchgesetzt, können wir auf Besserung hoffen.
Deine Feststellungen bezüglich Autonome und sonstige gewalttätige Guerillas sind brisant. Wie auch deine Fragen. Ich hätte auch gerne Antworten dazu. Jedenfalls sind wir gefordert. Schwarzpeter-Schiebereien helfen nicht weiter.
P.S. Was ist ein "Kaugummimodell"?
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