26/02/2010 11:29
"Ich kämpfe täglich mit deutschen Müttern"
Eltern, die viel zu höflich sind. Kinder, die süchtig nach Lob werden. Und Familien, die das Glück erzwingen wollen. Der dänische Therapeut Jesper Juul kennt sie alle »







Diskussion
Jesper Juul kannte ich bisher nicht. Was er sagt, gehört zum Intelligentesten, Entspanntesten und Überzeugensten, das ich zum Thema Erziehung in den letzten 15 Jahren gelesen oder gehört habe. Wenn mir nur die Hälfte dessen gelingen sollte, was er beschreibt, kann ich mich als glücklichen Vater bezeichnen. Ich arbeite dran...;-)
Übrigens meine "Kleinen" sind tolle Erwachsen geworden - Wir lachen heute herrlich darüber (damals war es ihnen etwas peinlich).
Was ich am Interview besonders mag ist, dass es einfach wieder einmal etwas ausführlicheres ist. Der Psychologe hat genügend Raum sich zu erklären und so können auch nur Teile seiner Meinung geteilt werden, alles oder gar nichts. Und in Sachen Erziehung wird ja unglaublich viel Staub aufgewirbelt und rumtrompetet. Da tut es gut wieder einmal etwas unaufgeregtes, dafür fundiertes zu geniessen.
Auch beim Loben habe ich mich gewundert. Das liegt vielleicht auch im beschränkten Raum, welches auch dieses lange Interview bietet. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er Lob generell schlecht findet. Nie gelobt zu weden ist auch nicht gerade motivierend. Insbesondere wenn jemand etwas wirklich gut gemacht hat. Klar muss man nicht loben, wenn das Kind auf einem Bein steht oder zum 100. Mal denselben Kreis zeichnet. Ich habe das Gefühl, dass diese Art von Lob gemeint ist. Gewisse Kinder werden ja für alles gelobt.
Sehen sie die unterschiedlichen Gagen von neuzeitlichen Königen - Sportstars, Musikstars, Filmstars, Managern usw. - und die eigenen miesen Löhnchen daneben, möchte sie aus ihren Kindern RiesengagenempfängerInnen machen.
Wenn grossen Führern das Gehirn fehlt, diese Zusammenhänge zu sehen, wie sollten die kleinen Frauen und die kleinen Männern von der Strasse bessere Vorbilder sein?
Wenn die Grossen Unrecht nicht beseitigen, wie sollten Kleine Unrecht beseitigen wollen?
Khalid
Unbedingt den Bericht über Jeremy Rifkin auf kulzurplatz SF1 vom 24.2. ansehen.
Mein Befinden zu Rifkins Aussagen ist ambivalent. Ich bin grundsätzlich Positivist - schon rein deshalb, weil mir Schwarzmalerei Angst macht (die katholische Kirche lässt grüssen). Zudem hilft es nicht wirklich, es führt nur zu irrationalem Verhalten.
Als ich im Gymi war in den '70-ern, sind wir als Jugendliche schon deutlich durchgeschüttelt worden. Die Ölkrise (1973 mit dem Velo auf die Autobahn an den autofreien Sonntagen) und der Bericht vom Club of Rome, sind uns durch Mark und Bein gefahren. Danach, als Biologiestudent, wurde es noch schlimmer: man versteht ganz andere, grössere Zusammenhänge und fühlt sich als Naturwissenschafter von der Masse nicht ernst genommen. Kein Durchkommen gegen Populismus. Ja ja, das war schon damals so und hat sich seitdem m.E. verschlimmert.
Einige von unserer Generation setzten auf die Karte Aktivismus: AJZ gegen den "Faschismus", Demo gegen das Establishment, Lokalpolitik. Eine Bewegung, die wohl in die heutigen Linksautonomen und schwarzen Blöcke mündete. Ich war dazu viel zu besonnen und zu feige.
Meine Überzeugung war deshalb ganz naiv: Veränderung der Welt durch Investition in die Erziehung eigener Kinder. Weg von patriarchalischen Strukturen, keine Religion (!), transparente Wissensvermittlung (dazu gehört auch Medienkritik), Sozialisierung, Interesse für fremde Kulturen, frühe Übertragung von Kompetenzen, um selbständig denkende Menschen mit Rückgrat zu formen, die unserer Zukunft gewachsen sind.
Ich bin mir durchaus bewusst, dass ich zu einer verdammt privilegierten Kaste gehöre und, dass es anderen nicht vergönnt ist so zu denken oder zu handeln. Aber hey, ich versuche wenigstens das Beste daraus zu machen...;-)
Es freut mich einfach das es solche Rifkins gibt die mir die Hoffnung geben, glauben zu können das alles sich schon in die richtige Richtung bewegen wird für alle, irgendwann.
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