05/03/2010 05:00
Digitale Identität: Das Ich im Netz
In den 90er Jahren träumten die Menschen noch von einem zweiten Leben im Cyberspace, von einem neuen, digitalen Universum, in dem man sich jeden Tag neu erfinden und wo man sein Aussehen, Namen und... »







Diskussion
Dass Menschen gerne Spuren auf dieser Erde hinterlassen möchten, ist nicht neu. Was vorher allerdings nur grossen Lichtern vorbehalten war, kann heute jede Coiffeuse. Wenn man sich nicht fortpflanzt und auch sonst nichts weltbewegendes produziert, so gibt es immerhin eine Speicherung von Daten. Was früher die Kartonschachtel mit verblichenen Fotos und die liebevoll mit einem Schleifchen eingefasste Sammlung der Liebesbriefe war, kann heute bequem digital verwaltet werden. Dass die eigene Lebenshistorie dadurch von der dunklen, verstaubten Privatsphäre in das helle Licht der Halböffentlichkeit tritt, macht das Ganze zur reizvollen Begierde. Die unbedeutende Seele kann sich so ein bisschen an der Warhol'schen Celebrity erfreuen und sicher sein Spuren hinterlassen zu haben. Ein Gedanke, der nicht unbedingt Angst auslösen muss. Man kann gerade so gut Trost und Geborgenheit daraus ziehen.
Die Tatsache, dass nicht anonyme Avatare sichtbar sind, sondern echte Personen, erhöht womöglich die allgemeine Vertrauensbasis. Das "soziale Bankgeheimnis" fällt. Ich bin nackt, du bist nackt, also tun wir uns nichts, da wir nichts verbergen. Das ist nicht neu. Aber die Technik und deren Möglichkeiten ist neu und entwickelt sich. Wenn ich zum Beispiel mit dem Nexus One und Goggles an der Fasnacht eine schöne Frau fotografiere und über ihr Facebook Profil mit UMTS-Geschwindigkeit (später LTE) weitere Infos bekomme, ist das zumindest bemerkenswert. Die Frau kann natürlich - so sie es bemerkt - direkt "zurückschiessen" und die Identität des schönen, aber etwas forschen Casanova gegenchecken.
Für ungarische Prostituierte im Kreis 4 wäre das vielleicht sogar hilfreich. Wenn sie schon vom Zuhälter eine SMS bekommt über den Preis (20 Stutz für einen Blowjob glaube ich zwar nicht), da sie kein Deutsch spricht, könnte sie mit Goggles gleich die Identität des Freiers erfahren und hätte eventuell ein potentielles Pfand gegen Missbrauch. Das gute dabei ist, dass sich ein moralisch absolut integer Mensch, wie etwa ein Priester, eine Bischöfin, ein Banker, ein Politiker plötzlich nicht mehr rausreden könnte, denn seine latente, kryptische, multiple Persönlichkeit wäre entlarvt. Dadurch würde die tatsächlich gelebte Ethik offenbart anstatt nur die gepredigte Moral.
Wir leben fürwahr in einer interessanten Zeit...;-)
Andererseits bemerke ich immer mehr „Verweigerer“: Früher war schamvolles Erröten angesagt, wenn nach der Mailadresse gefragt wurde und man keine hatte – die treten aber heute ganz anders auf: Im Sinne „wenn Du ernsthaft was von mir willst, so ruf mich gefälligst an oder schreib mir einen Brief“.
Bezogen auf das Gefälle arm-reich / nord-süd und der Tatsache, dass sich die Schere immer weiter öffnet (von den sog. „Tigerstaaten und China mal abgesehen) wird immer wahrscheinlicher, dass wir mal ein Riesenproblem haben werden!
Vielleicht vermag diese Entwicklung die Leute von zwei Dörfern näher zusammenbringen – beim Kantönligeist hörts dann aber schon fast auf und ein „globales Verstehen in digitaler Harmonie“ ist etwa so realistisch wie die weltweite CO2-Halbierung in den nächsten zehn Jahren… ;-))
Kürzlich hab ich hier gelesen, dass von den weltweit am meisten angeklickten Seiten (glaub ich) drei Pornosites unter den ersten zwanzig sind – wo bzw. was also die Gemeinsamkeiten über Ozeane, Kontinente und Grenzen hinweg in dieser schönen, neuen, digitalen Welt sind, lässt sich somit schon deutlich belegen ……
Nach wie vor bin ich der Meinung zu sich selbst zu stehen, mit all seinen Fehlern die ja keine sind, wächst man an ihnen ;-) Und wie ein Diamant geschliffen wird, schleift uns das Leben, angst sollte man keine davor haben müssen auch wenn in der realen Welt diese durchaus berechtigt ist.
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