Kahneman, der Schreck der Ökonomen
Per Anhalter durch die Galaxis
"Gute Lügner sind sympathischer"
Europa in der Krise: Die Schweizer Solidarität
Der gespiegelte Mensch
Burnout, die moderne Lebenskrise
Diskussion
Marianne
Und wieder einmal kommt die Weltwoche nicht umhin auf die Sprachenvielfalt der Schweiz zu schiessen... Ich erinnere mich: Rätoromanen sind laut Urs Paul Engeler "erpresserisch, räuberisch, subventionengeil"... (ach nein, das hat er ja nicht selber geschrieben, den Lead überlässt ein Journalist ja jeweils der Produktion...) (http://www.weltwoche.ch/artikel/?AssetID =14877&CategoryID=82)
"Das Wohl des Bürgers, das in überschaubaren Organisationen besser geachtet wird als in Mammut-Verbänden, steht seit langer Zeit in diesem Land im Zentrum der Politik. Nicht weil die Schweizer intelligenter wären, sondern weil der unausrottbare Föderalismus sie zwingt, im Kleinen zu denken und zu handeln."
Und gleichzeitig startet die Weltwoche eine Kampagne für den "kleinen" Bürger, alle sollen gleichberechtigt sein, die Kantone sollen stark(¨rker) sein. Dabei sind es welche Politiker, die den Machtklüngel in Bundesbern repräsentieren, die Oligarchie, wo eben genau dieser "kleine" Bürger kein Platz hat? Und an den Strategiesitzungen welcher Partei nimmt Roger Köppel schon wieder teil?
"Was Hunderte von Jahren lang gültig war, schien seit 1968 unter Generalverdacht zu stehen. Nicht jener musste sich erklären, der für eine Reform warb – unter Begründungszwang stand, wer am Bisherigen festhalten wollte, mochte es noch so bewährt sein. Vom Kult des Fortschrittes um des Fortschrittes willen berauscht, von echten Veränderungen beeindruckt, verlor man aus den Augen, was blieb.
Hinzu kamen politische Motive. Die 68er waren Sozialisten. Sie träumten von einer neuen Gesellschaft. Dieser Utopie stand grundsätzlich alles Überlieferte entgegen: Familie, Nation, Heimat, Identität, Geschichte. Es setzte eine kolossale Umwertung ein, die insgeheim dem Ziel diente, Hindernisse auf dem Weg in den Sozialismus wegzuräumen. Manchen Wissenschaftlern, Politologen, Statistikern, Raumplanern und Historikern war das gar nicht bewusst."
Das ist doch reiner Humbug.
Als scharfsinniger Kenner der Schweiz entpuppt sich aber Machiavelli - als Papst der Macht bestimmt befugt, dazu Stellung zu nehmen:
"Den Adel und die Fürsten achteten sie [die Schweizer] nicht, notierte 1508 der Florentiner Staatsdenker Niccolò Machiavelli, nicht ohne Sympathie: «Ihr Land ernährt weder die eine noch die andere Sorte von diesen Leuten; dafür erfreuen sich alle der grössten Freiheit. Unter ihnen gibt es nicht den kleinsten Unterschied, ausser wenn jemand ein Amt ausübt.»
Wie erhellend! Ist das vielleicht das Kern der Schweizer Seele?
Nein, Humbug ist es nicht, allerdings etwas - wie pflegt man dem doch in der "Weltwoche" zu sagen? - "brachial" formuliert. Roger Köppel, der in Zürich unter anderem auch Geschichte studiert hat, gab vor wenigen Monaten auf "Tele-Züri" unverblümt zu, er lese nun Peter Dürrenmatts "Geschichte der Schweiz" weil er während des Studiums keine Ahnung von Schweizer Geschichte bekommen habe. Allerdings gilt als die "state-of-the-art" Geschichte der Schweiz die "Geschichte der Schweiz und der Schweizer" bei Schwabe erschienen (http://www.schwabe.ch/docs/books/2067-7. html), ein Gemeinschaftswerk, das den Post.-68er Forschungsstand zusammenfasst. Gerade die schweizstämmige Mediävistik hat sich in einer blindwütigen Mythenzertrümmerungs-Pose gefallen. Dies ging so weit, dass in den 90er Jahren Professor Sablonier, von der fiixen Idee getrieben selbst die Gründungsurkunde der Eidgenossenschaft sei eine Fälschung, eine Carbon-Untersuchung des Pergaments anordnen liess, die allerdings die Zweifel zerstreute: Das Fell auf dem der Brief von 1291 geschrieben wurde, stammt von einer Ziege, die Ende 13. Jahrhundert gelebt haben muss. SChweizergeschichte wurde in der Folge nur noch von in die Schweiz berufenen Deutschen Professoren betrieben, die sich über diesen historiographischen Selbsthass der 68-er Intelligenz verwundert die Augen rieben. Die Folge: das heute an den Schulen vermittelte Geschichtsbild ist total defizitär. Junge Schweizer haben keine geordneten Vorstellungen mehr, wie unser Staatswesen entstanden ist. Mittlerweile schlägt schon der Boulvard und die Gratiszeitungen Alarm. Zuletzt "heute" (am 8.1.08), von Chaos in den Köpfen ist die Rede und der linke Soziologe Kurt Imhof sieht sogar den sozialen Frieden in der Schweiz gefährdet, wenn junge Menschen nicht mehr wissen, aus welchen auch blutigen Auseinandersetzungen unsere Kompromiss-Schweiz entstanden ist.
Georg Kreis hat in einem Aufsatz 1995 die "Kappeler Milchsuppe" als letzten historisch wohl belegbaren Mythos der Schweiz aufgespürt. Diese historiographische Krisis der 80er und 90er Jahre mehr begleitet als durch originelle Eigenbeiträge gestaltet hat Guy Marchal, Lehrstuhlinhaber in Luzern, der seine Bemühungen in der "Gebrauchsgeschichte" niedergelegt hat. Ihm kommt das Verdienst zu verschüttete Traditionsstränge wenigsten parafrasiert zu haben, etwa die epochale Rede Karl Barths an die Schweizer Jugend 1943, welche die ganze Kritik an der Schweiz schon enthält, welche die intellektuellen Selbstquäler sich in den 90er Jahren von aussen in der Holocaust-Debatte aufdrängen liessen.
Symptomatisch ist auch das die intelligentesten Beiträge zum Thema "Mythos und Geschichte" vom Zürcher Literaturprofessor von Matt stammten. Symptomatisch auch, dass zum 500-Jahr-Jubiläum des protestantischen Zürcher Patriarchen Heinrich Bullinger der Staat Österreich eine Briefmarke herausgab, die Schweiz aber auf herzige Desing-Sujets wie "Landi-Stuhl" und "Rex-Sparschäler" setzte. Hier zeigt sich die geistige Misere der Geschichtswissenschaft in der Schweiz unverholen.
Decouvrierend auch der Band zum Jubiläum 1991: Guy Marchal schrieb einen klugen Abriss über die Historiographie der Heldenzeit, der deutsche Peter Blickle gab einen interessanten Überblick über den Kommunalisierungsprozess, der mich sehr angeregt hat und seit der "Verfassungsgeschichte der Schweiz" von H.C. Peyer von 1977 ein Fortschritt darstellt, Roger Sablonier versuchte in einem grossen Mikrohistorischen Gemälde zu beweisen, dass die Familien, die damals den Bund schlossen es aus wirtschaftlichen Eigeninteressen taten (ein unleserlicher Aufsatz, da der Mann nicht schreiben kann (wohl aber seine Vorgänger heruntermachen)).
Lustig wurde es dann vollends als die Wochenzeitung Leuenberger zum Verbleib im Bundesrat annimieren wollte. Sie schrieb er müsse als linker "Winkelried" die Stellung halten. Die geschichtskenntnisse ihrer Leser richtig einschätzend lieferte sie in einem Kasten den Winkelried-Mythos mit, der noch vor Jahrzehnten jedem Primarschüler präsent war.
Nein, Humbug ist das nicht.
Was ich mit dem "uerte-Artikel" zu zeigen versuchte: es ist die Kommunale Selbstverantwortung, die uerte, in der - wie Machiavelli richtig erkannt hat - "Unter ihnen gibt es nicht den kleinsten Unterschied", dies ist die konstitutive Fiktion des sozialen Raumes "uerte". Alle sind gleich, ausser jemand hat ein Amt: ist Uertevogt oder Schreiber oder Vorstand. Aber das wechselt ja alle paar Jahre. Diese Gleichheit muss inszeniert werden: Jeder kann in der Schweiz neben einem Bundesrat stehen, und eine Bratwurst mit ihm essen. Und diese Gleichheit, auch das hat Macchiavelli erkannt, beruht auch darauf, dass alle bewaffnet sind. Weil der Schweizer so "formatiert" ist, war es sehr schwierig den Frauen das Stimmrecht zu geben: denn ihr Beitrag zur Kultur, die Hauswirtschaft und das Gebären, war privat, nicht öffentlich. Ehemalige Monarchien, welche die Bürger als Untertanen behandeln haben mit weniger Skrupel das Stimm- und Wahlrecht auch den Frauen gegeben.
Mein Kommentar bezog sich auf den Text von Markus Somm, der sich offensichtlich nicht mit Gemeinden, sondern mit Kantonen auseinandersetzt (das sind für mich hierarchisch 2 komplett verschiedene Ebenen). Ich will keinesfalls die Bedeutung der Kantone für das Schweizertum in Frage stellen; das Kantonparadigma aber als gegenwärtig vorherrschend hochzustilisieren ist nicht besonders originell und zudem falsch. So die Botschaft des obigen Artikels in meinen Augen: "Der Schweizer existiert nicht" ...
Stichwort Frauenstimmrecht: BITTE BESCHMUTZE das Gleichheitsprinzip nicht, indem Du die "Sonder"-Verspätung mit antimonarchischer (demokratischer) Nichbevorzugung erklärst.
Mit der juengeren Schweizer Geschichtsschreibung kennen Sie sich 100 mal besser aus. Da wag ich mich – zwar selbst Georg Kreis-Schueler – erst gar nicht vor.
Dass, abgesehen davon, Koeppel eingesteht, er wisse zu wenig ueber Schweizer Geschichte, ist aber schon interessant! Vor allem, wenn man weiss, dass der ja kaum zur Uni gegangen sei...
Aus dem Frauenstimmrecht folgt nach germanischrechtlichem Modell eigentlich eine "Gebärpflicht" für Frauen, darum die Idee einer Juristin des 19. Jahrhundert wenigstens den Müttern das Stimmrecht zu geben, wie auch nur "waffenfähige" Männer die vollen poltischen Rechte (ab 25, das war nichts für spätpubertätler) erhielten.
"Oberbünzlihass-Schweiz" = "Solidschweiz"
Eine sehr feine Unterscheidung zwischen «Pflicht» und «Leistung» entziffere ich in ihrer Aussage, gerade, als sei die Pflicht schicksalsbejahend, irrational, mehr freiwillig denn erfordert, und die «Leistung» pseudorationalisiert, mehr zwanghaft denn aus - sinnigerweise - «Pflichtgefühl». Falls sie solches zu äussern bedachten, dann ist das wahrer Konservatismus, so wie ich ihn liebe und öfters vermisse.
Nebenbei: Früher war man des «Heimatlands» vereidigt, heute bloss noch des «Standorts», spüren sie den Unterschied, den zwischen «Pflicht» und «Leistung»?
Soweit ich sie verstehen kann. Nirgends habe ich den Satz "Mann kann nicht nur ein bisschen schwanger sein" öftergehört als im Militär. Die Keimbahn ist unser Schicksal, wir geben Leben weiter um als Gattung fortzubestehen, vielleicht meinen sie dies mit "schicksalsbejahend, irrational" ob es nun "freiwillig" ist?
Vielleicht missverstehe ich ihre Äusserungen; ich interpretiere zumindest eine grandiose Unterscheidung, dass eben «Pflicht» nicht dasselbe wie «Leistung» sei, auch angesichts dessen, dass, wie sie nunmehr meinen, der Fortgang unsres Geschlechts nicht bloss eine «Leistung», die von oben herab zunächst verordnet werden muss, sondern eine «Pflicht», ein verwurzeltes und tiefes «Pflichtgefühl» sein sollte.
Ich empfinde die subtil von ihnen geschärfte Unterscheidung zwischen «Pflicht» und «Leistung» im allgemeinen sowie zwischen einem «germanischen Pflichtstaat» und einem «modernen sozialliberalen ‹Leistungsstaat›» im speziellen Sinne dergestalt reizend und spannend, dass darüber unbedingt, wenn nicht meinerseits, dann hoffentlich anderswo, gelehrt und geschrieben werden müsste.
Dass ausgerechnet die WeWo mit der Diskussion auf dieser Ebene beginnt, könnte durchaus einen ganz andern Hintergrund haben: Der Zustand der SVP könnte so schlecht sein, dass der erfolgsgewohnte Zürcher Flügel wieder lernen MUSS, was eigentlich die Schweiz ausmacht... Frau Widmer-Schlumpf hatte dies nämlich längst begriffen. Mit Ihren bisherigen Ämtern (Regierungsrätin, Finanzdirektorenkonferenz, Tätigkeit auf Gemeindeebene usw.) hat sie das im Massstab 1:1 erlebt und erfahren. Deshalb war sie schlicht und einfach die bessere Wahl als z.B. ein polemisierender Industriemanager ohne jede (politische) Exekutiverfahrung.
Die Leistung des Zürcher SVP-Flügels bestand im wesentlichen darin, den politischen Flugsand anzubinden und mit viel (Propaganda-) Geld und mörgelischer Gebetsmühlenrhetorik bei der Stange zu halten. Die Arbeit machten jedoch immer andere. Ich vermute deshalb, der interne Riss ist grösser und der Aufstand der "Arbeiter" viel wirksamer als dies nach aussen dringt.
Dies wäre durchaus eine Erklärung, wieso Herr Köppel gerade jetzt daran ist, die Schweiz wieder zu entdecken.
Eva Hermann wäre bei der Weltwoche prima aufgehoben.
L'eau courante
arrive ou le tendre
rayon paraît
une nature corporelle,
avec le cours
d’un astre qui
décrit une digne
réponse et une belle
harmonie: tu parle
avec conviction,
tu rappelle la lumière.
Francesco Sinibaldi
Da Oliver schläft …
Ein Begriff der sich aus gr. kalos (schön) kai (und) und agathos (gut) zusammensetzt und meint: was schön ist, muss auch gut sein, eine Grundüberzeugung der griechischen Klassik. Ein schöner Mensch etwa kann kein Schurke sein. Vielleicht meint Oliver ja so etwas, was heute "Lifestyle" genannt wird.
http://de.wikipedia.org/wiki/Kalokagathi a
Kalokagathie ist eine Lebensform die im alten Griechischen Ideal der arete (Tugend, Tauglichkeit) gruendet. Platonisch verstanden beruht sie auf der Ueberzeugung, dass Das Schoene, Wahre und Gute eines sei.
Selbstverstaendlich bedeutet das nicht, dass oberflaechlich schoene Menschen (also Menschen die einem aesthetischen Zeitideal entsprechen) auch moralisch gute oder etwa die Wahrheit sprechende Menschen sind. Platon war ja sicher kein Vollidiot.
Es bedeutet vielmehr, dass die Wahre auch das in sich Stimmige und dadurch ebensowohl Schoene wie auch Taugliche sei. Nicht ganz so abwaegig, wie man zuerst meint. Und man kann das Modell verschiedentlich durchspielen.
ETHISCH-AESTHETISCH: Ein Felix Krull waere vielleicht ein im modischen Sinne gut aussehender Mann, er luegt und betruegt aber und kann daher kein schoener Mensch sein. Mein Grossonkel Costante, der, auesserlich betrachtet, alles andere als attraktiv war, wirkt auf Fotografien tatsaechlich schoen. Nicht im Sinne einer Laufstegschoenheit, sondern als Person. Es war der in sich stimmige Geist dieses Menschen, der seinen Blick schoen machte.
Man koennte auch Obama als Beisiel nehmen, aber wir wissen zu wenig um sicher behaupten koennen, dass er ein guter Mensch sei. Das zeigt sich bekanntlich erst in den Taten. Barrack Obama ist rein aeusserlich ja nicht so gut aussehend wie man immer behauptet. Es ist wohl die Kalakagathie, die ihn schoen macht. Die Furchlosigkeit, die Stimme, die stimmige Rede. Das laesst ihn als Praesident so viel tauglicher aussehen als Hillary. Hillary ist auesserlich nicht haesslich, ihr Profil aber ist nicht in sich stimmig, ihre Rede ist aggressiv, die Rhetorik gestellt (sie las die NH-Rede vom Blatt), das Laecheln steiff.
AESTHETISCH-FUNKTIONAL: Das neue FACTS sieht nicht nur gut aus, es funktioniert auch (Bescheidenheit sei auch eine Tugend, sagt man. Na ja...). Es sieht gut aus, weil es funktioniert. Designs, die sich ganz an das User-Beduerfnis halten haben eine hoehere Form von Aesthetik mit der sich kein Fuzzidesign messen kann.
ETHISCH-FUNKTIONAL: George Bush ist oberflaechlich betrachtet kein so haesslicher Mann. Er ist aber ein ausgewiesener ethischer Schweinehund. Er ist auch erwiesenermassen nicht tauglich fuer sein Amt. Daher auch wirkt er so haesslich auf uns -abgesehen davon, dass der Mann eine Scheisse zusammenlavert den ganzen Tag. Diese dreifalitge Busch'sche Einfaeltigkeit ist, glaubt man Platon, keine zufaellige. : )
guten Morgen nach Japan! Sie wissens natürlich präziser mit der Kalokagathie: so etwas versuchte ich mit dem Uertenvogt in der uerten-Reportage: er übernimmt Verantwortung in der Uerte und sieht gut aus: also der "George Clooney des Engelbergertals".
Das klingt, als wären die Frauen damals Gebärmaschinen gewesen. Humbug! Die Frauen rackerten sich genauso ab für die Ernährung der Familie in den Gemüsegärten, im Stall, in der Fabrik! Sie taten auch für die Gemeinschaft viel; ihre Arbeit war halt weniger auffällig (und wenn sie zu auffällig wurden, landeten sie auch mal auf dem Scheiterhaufen). Der Mann aber heimste die Lorbeeren als "Ernährer" ein. Wie unendlich froh bin ich, dass ich nicht in dieser Welt von damals leben muss.
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