15/04/2010 15:42
Ein alljährlicher «Chrüzgang» – Über die religiös-staatliche Gebetspraxis in der Schweiz
Von Fridolin Jakober
Es gab Zeiten, da erschienen Theokratien als sinnvolle Staatsmodelle. Ja, es gibt sogar Theorien, welche hinter vielen der antiken Grossreiche Theokratien orten. Heute sind Gottesstaat und Gottesgnadentum Auslaufmodelle und insbesondere das aufgeklärte Europa scheut die Verbindung von Gott und Staat wie der Teufel das Weihwasser. Man könnte auch sagen, dass die Mehrheit der Bevölkerung inzwischen daran glaubt, dass man Kirche und Staat vollständig trennen könne. Dass ausgerechnet in der Schweiz, die sich selber gerne als die Wiege der Demokratie und des staatsbürgerlichen Gewissens abfeiert, doch hie und da geglückte Verbindungen von Religiösem und Staatlichem, respektive von Kult und Staatsbürgertum, entstehen können, beweist ein «Chrüzgang», der fast schon regelmässig totgesagt wird und der inzwischen ins 623. Jahr geht – die Näfelser Fahrt im traditionell liberalen Glarnerland.
Gestiftet wurde dieses Gedächtnis an die wohl glückhaft gewonnene Schlacht gegen «die Habsburger» als Jahrzeit, also als eine sich jährlich wiederholende Gedenkfeier, in einem Brief, der in gespreiztem Mittelhochdeutsch die Polit- und Kriegsgeschichte der damaligen Eidgenossenschaft zusammenfasst und der auf dem Fahrtsplatz in Näfels in voller Länge und in seiner urtümlichen Sprache vorgelesen wird. Dabei stehen Detachements einer Panzer-RS Spalier, Alt-68-er stürmen hungrig ins «Rössli», um eine Bratwurst zu ergattern, und von fern angereiste Heimweh-Glarnerinnen hören zu wie die Schweine dem Föhn. Die Feier, welche in einem Gesetz von 1835 geregelt wird, vereint heute Regierungsmitglieder und Blauring-Mädchen, Franziskaner-Patres und Erweckungsprediger, Kutschenpferde, Karussellpferde und Divisionäre, die zu Fuss gehen.
Sie alle stolpern, straucheln und marschieren durch die mit frischem Bärlauch gesäumten Wiesen. Sie alle stehen hinter einer Fahne, sei es jene von Therese von Lisieux oder jene von Uri, Schwyz, Nidwalden, Zug, Luzern und Glarus. Selbst die österreichische Flagge ist gehisst, wenn auch heimlich in einer Seitenstrasse. Doch wer die Feier als eine «gewöhnliche» Schlachtfeier im Sinne von Morgarten oder Sempach abtun möchte, greift definitiv zu kurz. Erstens und vor allem, weil der Fahrtsbrief und mit ihm seither die Frau Landammann ebenso wie der Herr Pfarrer, den Erfolg auf die Hilfe unserer Gottesmutter und der beiden Landespatrone Sant Fridli und Sant Hilari zurückführen, ungeachtet von Konfession und Religion. Ob sie das glauben, ist nach wie vor Privatsache. Aber dass dieses Land – denn Kanton und auch Stand greifen bei den inzwischen 3 Gemeinden ebenfalls zu kurz – sich unter dem Banner eines Heiligen vereinigt, obwohl es seit 500 Jahren auch reformiert und seit Mitte des 20. Jahrhunderts, wie fast alle Kantone der Schweiz, streng säkular regiert wird, bleibt eine Tatsache, die staunen macht.
Weshalb der «Chrüzgang» standhaft der Zeit trotzte, erklärt vielleicht sein modularer Aufbau. Denn die Feier, die um 7.15 Uhr in Glarus mit zwei Prozessionen – einer betenden und einer Susaphon blasenden – beginnt, welche sich im Schneisigen, also in der Kampfzone treffen, bietet die Möglichkeit zur individuell angepassten Teilnahme. Mitglieder von Freikirchen stehen mit Priestern um die Gedenksteine und beten Psalmen. Die royalistische General-Bachmann-Gesellschaft lädt Persönlichkeiten ein und trifft sich in Näfels selbst, ebenso die republikanischen Beresina-Grenadiere. Der Kantonalgesangsverein stellt sich an den strategisch wichtigen Plätzen auf und gibt sowohl Christian Fürchtegott Gellerts «Die Himmel rühmen» wie auch den Schweizerpsalm zum Besten. Obristen stehen neben Pazifisten, Ständeräte schütteln Journalisten die Hände und selbst das Publikum, das sonst an der Station Näfels «abhängt», stösst an die «Chilbi», die rund um das Museum des Landes Glarus Zuckerwatte und Murmeltiersalbe feil bietet.
Sollen wir also im Zuge der allesverschwesternden Minne die konfessionellen Kämpfe endlich vergessen? Die Frau Landammann meinte in diesem Jahr nein. Sie hielt sich in ihrer Ansprache an neuere Untersuchungen, welche die konfessionelle Geschichte der Fahrt aufarbeiten. 180 Jahre lang, von 1651 bis 1830, nahmen nur die Katholiken an der Fahrt teil, während die Evangelischen sich in den Kirchen trafen. Davor war man über 250 Jahre zusammen gegangen, und seither – also in den vergangenen 180 Jahren – geht man, dank dem «Fahrtsgesetz» wieder zusammen. In sieben Artikeln regelt es genau, wer was mitnehmen darf, wer an die Fahrt zu gehen hat und dass alle Regierungsmitglieder bis zum Schluss der Feier bleiben müssen, sich also nicht von der abschliessenden Messe drücken können.
Trotzdem ist die Fahrt auch seither nicht von Querelen frei geworden. Sie entzünden sich mal von staatlicher, mal von religiöser Seite her. Bei der Religion waren und sind es oft Prediger, welche die «Fahrtspredigt» für ihre Kulturkämpfe und freikirchlichen Endzeitprognosen missbrauchen. Und ohne jetzt die Glarner besonders in Schutz nehmen zu wollen, darf festgestellt werden, dass es meist Impulse von aussen waren, die den Religionsfrieden aufweichen wollten. Schon seltsam, dass sich heute die Berner SVP über ähnliche Eingriffe durch den Zürcher Flügel beklagen kann, wie sich einst die Glarner Fahrt-Teilnehmer 1650 über die Eingriffe der ausserkantonalen Prediger aus Zürich ereiferten. Ob man deshalb den Pfarrerssöhnen überhaupt verbieten soll, in die Politik zu gehen, das stelle ich gerne zur Diskussion.
Aber auch in den Köpfen der gewöhnlichen Glarner entwickeln sich hie und da Ideen, welche neue Volksgruppen ausgrenzen. Seien es die «Balkis», also Bürger von ehemaligen Balkanstaaten, seien es die Zürcher. Doch es werden Jahr für Jahr Exponenten dieser und anderer verfemter Gruppen eingeladen und nehmen an der Fahrt teil – ob als Fussvolk oder Ehrengäste ist letztlich egal, und es werden nach den christlichen Kirchen wohl dereinst auch Buddhisten, Juden oder Muslim ihre Fahnen, ihre Bundesladen und ihre heiligen Bücher mittragen und ihre staatstragenden Siege mitfeiern. Dem Dalai Lama wären die Glarner da jedenfalls kaum böse, immerhin gibt es eine grosse tibetische Gemeinde in Linthal.
Von staatlicher Seite besteht die Gefahr für die fragile Beziehung nicht so sehr in der Ausgrenzung, denn neue Bürger werden als Steuerzahler und auch sonst herzlich begrüsst. Die Gefahr lässt sich eher in der Anmassung des Religiösen orten, also bei Leuten, die ihr eigenes Politiker-Ego mit einem gottgegebenen Führertum verwechseln. Solche unanständigen Volkstribune erwuchsen in den vergangenen 20 Jahren auch in der Schweiz, vor allem aus dem Boden jener, welche ihren Besitzstand wahren wollen und dabei jeden, der von aussen kommt, zum Angreifer stempeln.
Zum Glück schaffen es die meisten Glarner Politiker, solchen Anwandlungen aus dem Weg zu gehen. Wenn die Frau Landammann auf die wechselhafte Geschichte der konfessionellen Fahrt hinweist, zeigt sie jedenfalls immer auch staatspolitisches Bewusstsein und Zurückhaltung in religiösen Dingen. Und es erscheint mir, das sei nicht bloss politisches Kalkül und auch nicht einfach das Bedürfnis, niemandem weh zu tun. Vielmehr ist es der vorsichtige Versuch, das Zusammenwachsen von Konfessionen und vielleicht einst sogar Religionen als eine Leistung anzusehen, auf die ein Land wie das Glarnerland stolz sein dürfte. Und vielleicht sollten Sant Fridli und Sant Hilari nicht nur helfen, die zehnfache Habsburgische Übermacht zu bezwingen, sondern auch dabei, den Andersartigen als Bereicherung zu begreifen. Ich denke, ein Jehova und ein Allah würden das auch so sehen – obwohl es natürlich tausend Schriftstellen gibt, aus welchen man mit etwas schlechtem Willen jederzeit das Gegenteil beweisen und eine Fatwa anzetteln kann.
Bleibt schliesslich die Frage, ob das Religiöse mit dem Staatlichen überhaupt zusammen gehen dürfe. Die Möglichkeit der völligen Trennung von Religion und Staat bildet eines der unbezweifelten neueren Glaubensdogmen unter den so genannten Gutmenschen und ist – natürlich – eine Illusion. Die Antwort könnte lauten, dass man die brisante Verbindung im Auge behalten müsse und also auch bei der Fahrt eher hingehen, als von ferne urteilen soll. Dazu gehören dann kritische – von mir aus internationale – Beobachter. Die begrüsst man im Glarnerland gerne. Wegschauen kann man sich bei Staat und Kirche auf jeden Fall ebenso wenig leisten wie bei Nitro und Glyzerin.






Diskussion
… ich wollte doch schon zündeln und bisschen mit der letzten Hexe und so gegen die Glarner anschreiben, aber allein der Hinweis auf die lieben Mühen, die Glarus und Schweiz im Laufe der Geschichte jeweils mit Pfarrerssöhnen hatte bzw. hat, lässt bei mir jede Kritik schon ansatzweise verstummen …. Nur zum Nitro und dem Glyzerin sei nachgetragen, dass das eine völlig harmlos ist, was man weder bei Staat noch bei Kirche sagen kann, obwohl deren explosive Mischungen nachhaltig bekannt sind.
Mein langjähriger Freund aus dem Zigerschlitz hat mir nie was davon erzählt, tz-tz. Offenbar interessiert es nur eine Minderheit...;-)
Hier noch ungefragt ein paar Bilder, die ich im Netz dazu gefunden habe.
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