01/06/2010 19:36
Die Praxis widerlegt die Theorie der Staatsgewalt
Bürgern eines Landes, dem Souverän, welcher sie
an die jeweilige Regierung delegiert. Diese
kontrolliert und garantiert ihrerseits die Einhaltung
der Verfassung durch die natürlichen und juristischen
Personen. Zu den juristischen Personen zählen auch
Holdinggesellschaften, unter denen die Firmenkonstrukte
der multinationalen Konzerne zwecks Steueroptimierung
meist organisiert sind.
Praxis: Die Regierungen sind abhängig von den Multis,
sind zu deren Bittsteller und Erfüllungsgehilfen
geworden. Sie werden von den multinationalen Konzernen
nur noch so lange geduldet, als sie ihnen den Bestand und
das Ad-Absurdum-Wuchern garantieren. Dies erreichen die
Regierungen indem sie der Bevölkerung ungehemmten
Konsum, und sei dies auf Kredit, ermöglicht und gleichzeitig
Volksvermögen zur Deckung von "to big to fail"- Garantien
einsetzt. Die Staatsgewalt ist also de facto an die Multi
übergegangen.
Was sich jetzt im Golf von Mexiko und in der Finanzindustrie
seit einiger Zeit abspielt, hat eine Gemeinsamkeit. Für alle, die
nicht fähig sind die Zeichen an der Wand zu deuten, wird eine
seit der Finanzkrise nicht mehr zu übersehende Lektion in
angewandter Geschichte leider nicht ganz gratis abgehalten.
Dass der Souverän selbst in einer direkten Demokratie
nicht mehr souverän ist, das haben aufgeklärte Erdenbewohner
sehr wohl realisiert: "Die da oben machen ja doch was sie wollen".
Dass allerdings die Macht nicht mehr bei den Regierungen liegt,
sondern bei Ölmultis, bei militärisch-industriellen Komplexen
und bei der Finanzindustrie, das ist für viele genau so neu, wie es
unübersehbar ist.
Viele wünschen die Firma BP samt ihrem Management an
den Grund des Golfes von Mexiko, genau in die Gegend, wo
das Öl so fröhlich heraussprudelt. Andere versprechen sich, dass
ein Imageverlust dieser Firma eine für alle Grosskonzerne
eindeutige Warnung sein wird, Gewinnmaximierung nur auf
Kosten ihrer Kundschaft und nicht auf Kosten des ganzen
Planeten zu treiben.
Wiederum andere, besser informierte Zeitgenossen, wissen,
dass der CEO der BP sich höchstens durch fallende, seine
Gratisaktien und Optionen entwertende Börsenkurse,
beeindrucken lässt.
Dann wenigstens so, werden jetzt manche aufatmend
denken. Zurücklehnen ist jedoch fehl am Platz, denn
wenn der Aktienkurs genügend fällt, dann wird BP
zum Übernahmekandidat für Shell oder Exxon.
Der so entstehende Mega-Multi wird so ganz ohne
Kostenbeitrag gleichzeitig auch noch systemrelevant,
das heisst, er kommt in den Genuss einer staatlichen
durch Volksvermögen gedeckten Überlebensgarantie.
Die Marke BP würde natürlich, da sich die
Bevölkerung bekanntlich bei neuen Farben an der
Zapfsäule, nicht mehr zurechtfinden würde,
weiter bestehen dürfen.
Falls sich aber die Bevölkerung, in einem Anfall
kollektiven Ungehorsams, je zu einem Boykott einer
Ölmarke entschliessen und nur noch bei der
Konkurrenz tankte, würde der Boykott zu einem
Nullsummenspiel verkommen. Die dann beim Tanken
bevorzugte Konkurrenzmarke wäre, da zum gleichen
Multi gehörend, gar keine Konkurrenz mehr.
Nichts wird sich ändern. Die US Regierung wird
die Multis weiter bohren lassen, aber auf Kosten
der Steuerzahler einen eigenen TV-Tauchroboter
anschaffen. Dem Präsident wird dann beim nächsten
Ölunfall erspart bleiben, nochmals einen so
drastischen Eingriff in die freie Marktwirtschaft zu tun,
indem er, wie jetzt geschehen, den GAU-Verursacher
bat, dieser möge doch bitte seine Tiefsee-Bastelstunden
TV-mässig dokumentieren.
Es existiert ein interesantes Beispiel, welches die
Abhängigkeit der mächtigsten Nation der Erde vom
"goodwill" eines Ölmultis aufzeigt:
Die US Regierung musste, als anlässlich
eines ihrer letzten Nahost-Befreiungs-Kriege ihre
Kriegs-Transport-Flotte in Ölknappheit geriet,
einen Ölmulti bitten, die Flotte aus seinen Reserven
zu bedienen...
Gutgläubige Naturen werden jetzt einwenden,
dies sei alles nicht so schlimm und das es der Markt
schon richten werde. Der Tag, an dem alle Marken
dem gleichen Multi gehören, sei noch fern und
die Multis seien ja dank unsere Pensionskassen-
einlagen Gemeinschaftsbesitz. Auch habe Herr Merz
der UBS gesagt, dass er jetzt auch nicht mehr mit ihr
zufrieden sei und Herr Obama habe die “top killer“ der
BP sogar ganz deutlich wissen lassen, dass er sehr
enttäuscht sei.
Ich fürchte, dass all dies nicht reicht, um die Praxis
wieder der Theorie anzugleichen.






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