23/08/2010 08:26
Hors-sol-Kinder
Mit den zunehmenden Gefahren im Verkehr dürfen sich jüngere Kinder kaum noch unbegleitet auf der Strasse aufhalten. Die Folgen sind Übergewicht, weniger Sozialkompetenz und fehlende Kenntnis der Umwelt. »







Diskussion
Im Stadtquartier, in dem ich aufwuchs - das habe ich hier schon mal dargelegt - gab es Durchgangsverkehr. Einbahn, doppelspurig, mit 60 km/h. Etwa so wie auf der Weststrasse in Zürich vor der Eröffnung der Westtangente. Velowege waren noch nicht erfunden.
Die Strasse war unsere Welt. Wir fuhren als Zehnjährige in diesem Verkehr mit - ohne Helm - aber mit wachen Sinnen. Zu Hause gab es nichts, das uns aufhielt: kein Computer, keine Games, kein Internet. Wir waren draussen zu Hause mit Hinterhof-Fussball, Stadt-Schnitzeljagden, auf Dächer klettern, in Keller einbrechen. Die grösste Gefahr, die wir kannten, war der Hausabwart, der uns links und recht eine schmierte und uns mit einem Fusstritt zum Teufel schickte.
Die Autos hatten schwache Technik, kein ABS, kein ESP, keine Sicherheitsgurte, kein Airbag, auf der Autobahn war die Geschwindigkeit nicht begrenzt.
Wo hat jetzt ganz genau die "stetige Zunahme der Gefahren" stattgefunden? Wie kommt die NZZ auf die abstruse Schlussfolgerung, dass der Strassenverkehr der Grund für Bewegungsmangel ist, und der wieder für Übergewicht, wo es bestimmt hundert Gründe gibt, weshalb ein Kind übergewichtig sein kann (genetische Veranlagung, Darmfauna, Stoffwechselkrankheit, fett- und zuckerreiche Ernährung, schlechtes elterliches Vorbild, Erziehung stärker als Körperbewusstsein, psychische Ursachen, ständige Frustration, etc. pp.).
Wenn unfähige Stadträte ohne gesunden Menschenverstand zweifelhafte Konzepte jeweils mit immensen Budgetüberschreitungen umzusetzen versuchen, bleiben halt Kinder wie Erwachsen auf der Strecke, denn die einen dürfen nicht wählen oder abstimmen und die andern tuns mehrheitlich ebenfalls nicht ….
Somit, lieber Tinu, sehe ich die Problematik ganz woanders:
- selektive und sensitivere Wahrnehmung von Gefahr
- zunehmende Sichersheitsvorkehrungen verringern das Bewusstsein für echte Gefahr
- Verhinderung von Erfahrung mit Gefahr, statt bewusster Heranführung
- Einzug eines übertriebenen Sicherheitsdenken in der Gesellschaft
- Zunahme und Verlagerung des Freizeitsangebots ins Haus
- ...
Wenn ich heute durch dieses Quartier gehe, sehe ich ein Oase der Langeweile:
Alles grünt, Verkehr nur auf einer Spur, die andere ist für Bus und Velo reserviert, 30 km/h, ab 22h Fahrverbot. Wo sind bloss die Kinder geblieben, die jetzt eigentlich draussen spielen könnten?
Beispiel aus der Provinz: Von etwa 25 Kids aus unserem Quartier durften etwa 22 nicht am Fluss spielen, weil zu gefährlich (aber etwa 8 Kids waren im örtlichen Schwimmklub und wussten sogar über Rettungstechniken Bescheid… übrigens ist nie auch nur ein einziges Kind hineingefallen, nasse Hosen und aufgeschürfte Knies und seeehr dreckige Kleider gab‘s jedoch schon …)
Viele Eltern haben einfach zu viel Schiss. Das ist zum Teil abartig, vor was Eltern alles Angst haben. Es wurde gesagt, die Risiken werden anders eingeschätzt/wahrgenommen als früher. Vielleicht weil wir weniger Kinder haben als früher? Oder weil wir doch bedeutend mehr Menschen als noch vor 30 Jahren sind und entsprechend mehr Autos rumkurven? Und man offenbar ohne Zweitwagen nicht mehr leben kann? Ich weiss es nicht.
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