Auf der Suche nach der virtuellen Liebe: Siobhan’s Gesichter

Auf der Suche nach der virtuellen Liebe: Siobhan’s Gesichter
Asking for Love/iStockphoto
Acht Profile hat sie auf PartnerWinner erstellt: Siobhan, Starshine, Comanchin, Schamanin, Lunerousse, Seagirl, Sommersprosse und Schneekönigin. Acht Profile für acht Facetten ihrer Persönlichkeit. Einundzwanzig Männer hat sie getroffen, ohne vorher zu wissen, wie sie aussehen. Eine Valentinsgeschichte.

Mit Siobhan sprach Evelina Bühler-Ilieva

1. Sommersprosse
Die Sommersprosse war mein erstes Profil, es ging so lange gut, bis der Mann, ein Zeitungsjournalist, der Ansicht war, die alte Beziehung noch nicht verarbeitet zu haben. Ein Mail-Pingpong war das – über Theater, Literatur... Irgendwann fragte er: „Treffen wir uns heute Abend?“ Das war mein erstes Date, ich war sehr, sehr nervös, wirklich furchtbar nervös, zum Platzen. Ich wusste nicht, wie er aussieht. Vor dem Date haben wir zwei Mal telefoniert, die Stimmung hat gestimmt, die Frequenz hat gestimmt, die Wortwahl hat gestimmt. Ich ging hin. Alles nur platonisch, sehr freundlich. Am anderen Tag bekomme ich ein Mail - ein Mail, kein Telefon, Anruf oder so was, ein Mail - er habe sich entschlossen, keine neue Beziehung zu beginnen, die alte sei ihm noch im Kopf. In meiner Frustration, Ärger, Wut habe ich eine Woche später den neuen Nicknamen kreiert. Ich wollte diesen Mann einfach testen und so ist Seagirl entstanden.

2. Seagirl
Seagirl war das naturfrische Mädchen vom Meer, das naturfrische Mädchen. Viele fragten mich, ob ich aus dem Norden komme, ob ich Kanu fahre, ob ich gerne am Meer sei. Ich habe mich dann als Seagirl beim selben Zeitungsjournalisten auf Holländisch gemeldet. Er hatte den Nickname nederlands und fragte gleich, ob ich mit ihm ins Theater gehe! Gut, ich durfte meine neue Identität natürlich nicht preisgeben, ich habe hin- und her gespielt. Er hatte ein Inserat, in welchem stand, er suche eine Frau, die aus Holland komme, und dies und das, sie dürfe sexuell nicht verklemmt sein. Ich mailte ihm jeden Tag - welche Unterwäsche ich trage, welches Parfum - auch wenn das gar nicht stimmte. Irgendwann schrieb er: „Ich wünschte mir, du würdest in der Nacht kommen und lasse die Tür offen“. Es war ein Spiel zwischen uns beiden. Ich kaufte drei rote Kerzen, einen roten Apfel, alles rot, rote Rosen und einen schwarzen Strumpf und band die Kerzen mit dem schwarzen Strumpf, fuhr zu seinem Haus, alles hingelegt und die Rosenblätter verteilt... So wusste er um meine echte Identität, das war das Finale der ganzen Geschichte.

3. Siobhan
Ich muss grad auf meine Liste gucken, was als Nächstes kam... Das dritte Profil war Siobhan. Inzwischen merkte ich schon, aha, die Namen haben irgendwas mit der Persönlichkeit zu tun - wie kann ich das, was ich bin, am besten reinbringen? Irgendwann kam es: meine Grossmutter, Siobhan! Siobhan („Shiwon“ ausgesprochen) war eine irische Rebellin, eine Bäckerstochter, die sich im letzten Jahrhundert gegen die Engländer aufgelehnt hat. Das waren meine irischen Wurzeln. Als Siobhan habe ich geschaut, dass ich möglichst viele Locken habe, weil die Irinnen sie haben. Es meldeten sich Männer, die in Irland waren oder mit der Keltik etwas Gemeinsames hatten, sie trugen mich ins Mystische hinein... Die Mystik Irlands - Regen, grüne Wiesen, Schafe, Musik, Bücher... Einige schrieben: „Du hast dir den schönsten Namen Irlands ausgesucht“ oder: „Was machst du als Rebellin im PartnerWinner?“ Das war die Irland-Ära.

Siobhan war auf dem intellektuellen Trip und suchte sich Journalisten aus oder solche, die schreiben konnten. Alles Kopfmenschen, Sachtypen und im Denken zu Hause. Der eine, Schriftsteller, erzählte mir, dass er in seinem Leben noch nie verliebt war. Er war Engländer, 52 und verheiratet. Zu diesem Zeitpunkt wollte ich nur noch schreiben. Ein „tiefer“ Schreibstil muss aber nicht heissen, dass der Mensch auch so „tief“ ist... Man kann unglaublich viel erreichen, hinterher ist aber die Enttäuschung umso grösser. Gerade Männer, die ganze Romane schreiben, sind auf der Gefühlsebene total geschlossen. Trotzdem habe ich nicht aufgegeben - irgendwann wird einer dazwischen sein, der zu dir passt, dachte ich mir.

4. Starshine
Es kommt auf den Namen an: Je abgehobener dein Nick ist - was Träumerisches oder so, umso mehr melden sich Menschen, die nicht in der Realität stehen, in Büros sitzen und nichts tun. Mit Starshine wurden verträumte Männer angesprochen, Männer, die sich für Esoterik oder Bewusstseinserweiterung interessierten, zum Beispiel Wolke oder Stargast oder Lightwriter. Phantasten, die nur mailen wollten und sich nicht so recht heranwagten, glaube ich.

5. Lunerouse
Den Namen Lunerousse habe ich mir mit einer Freundin überlegt - auf Deutsch klingt „Roter Mond“ nicht so schön... Es lief so ähnlich wie bei Starshine, in die Melancholie - Männer, die traurig waren und auf der Suche. Etwas verbittert und sehr, sehr einsam. Sodass man gleich denkt: „Der arme, was kann ich ihm schreiben, damit es ihm besser geht“? Lunerousse war nicht so erfolgreich.

6. Schamanin
Nach dem „Roten Mond“ kam... lass mich mal schauen – aha, die Schamanin. Auf der Schamanin bekam ich 25 bis 30 Mails. Ich habe sie gar nicht alle gezählt. Jeder wollte meine Trommel hören (lacht), es ging immer um Musik und Trommel, und jeder hatte ein Rezept für Kräuter und irgendwelche medizinische Sachen, wollte Rezepte tauschen. Ich hatte in ihren Vorstellungen lange Haare, die „Naturmutter“ quasi… Andere zog eher das Mystische an, wie eine Urkraft, und hat die Phantasie unglaublich beflügelt, unglaublich.

7. Schneekönigin
Die Schneekönigin wollten Männer, die für eine Frau kämpfen müssen. Und ziemlich lange kämpfen müssen. Ja, ja, genau die, die Schneekönigin aus Andersens Märchen über Kai und Gerda, die im Schloss sitzt und wartet... Die Männer dachten, ich wäre eine ernste, schwer zu erreichende, kühle Frau - und das bin ich nicht unbedingt. Es war so das Gefühl, sie wollten irgendwas... nicht jagen, aber erreichen. Sie haben das auch nicht gefunden, weil ich ganz anders war, als sie es sich unter der Schneekönigin vorgestellt hätten. Der eine hatte zum Beispiel eine sehr dominante Mutter und war verliebt in eine Frau, an die er nicht heran kam, sie aber aus seinem Geist und seinem täglichen Leben nicht herausbekam. Die Schneekönigin sei etwas Unerreichbares, sagte er, Majestätisches, aber auch Kühles, das das Herz nicht wärmt.

8. Comanchin
Die Comanchin habe ich am Schluss erschaffen. Es zeigten sich vor allem Naturburschen, Wald... Ein Förster meldete sich. Ich dürfe ihn nicht am frühen Morgen oder nachts anrufen, weil die Tiere wach würden, er baue ein Waldhaus und es fehle ihm die richtige Frau. Es meldeten sich Menschen, die mit den White Eagles zu tun hatten oder früher Bücher über Indianer kannten, oder in Amerika waren - „Ich bin der Jeanstyp mit der Wildlederjacke, ich liebe es allein in den Bergen“. Zwei Reiter haben mir erzählt, dass sie wahnsinnig gerne reiten - alles Assoziationen mit der Comanchin. Jedes zweite Mail fragte: „Wo steht dein Tipi? Liebst Du auch die Natur, bist Du gerne in den Bergen, wirfst eine Flasche im Fluss, oder machst du Rauchzeichen?“ Die Comanchin war meine letzte Heldin. Warte mal (schaut in ihren Notizblock)... ja, sie war die letzte.

Mein Traummann
Er hatte den Nickname only friday. In seinem Inserat stand, am Montag habe er Putztag, am Dienstag das, am Mittwoch das, Donnerstag Frauengruppe, am Samstag jenes... Ich dachte: So ein Macho! Unsere Mails waren eine schnelle Sache von zwei Wochen. Ich gab ihm meine Telefonnummer, er rief mich an. Als ich seine Stimme hörte, war ich absolut sicher: das ist der Mann! Ich musste darauf gefasst sein, dass er vielleicht dick ist oder so was, aber die Stimme war so…, und das, was wir sprachen war so…, dass ich mir sagte, es ist mir eigentlich egal. Vier bis sechs Mal am Tag haben wir telefoniert, lange. Ich habe mich gut, gut gefühlt vor dem Treffen mit ihm, ich war mir absolut sicher, das ist der Mann. Absolut. Wir brauchten nicht viel zu reden und konnten uns doch viel sagen. Das habe ich im Internet kennengelernt, dass diese ganz normalen Männer ganz entzückend sein können, ganz toll sein können.

Abschied
Nach einem halben Jahr fühlte ich mich erschöpft, wollte meine Profile nicht mehr. Als sie gelöscht wurden, fühlte ich mich frei. Es war gut zu wissen, wo meine Grenzen sind, wenn ich merke - zu viel investiert, zu viel hineingegeben... Man kann das Spiel ewig weiter machen. Mit dem Schreiben öffnest du im Grunde das Herz, das Herz und das Bewusstsein für alles Schöne, Kreative, dort, wo man im normalen Leben nicht herankommt. Das ist genau der Punkt, wo es herangeht. Und wenn du das Herz geöffnet hast (lacht), dann kriegst du Mails - drei, vier, fünf, zehn Mal am Tag. Ein Dauerzustand. Ich werde irgendwann das alles niederschreiben: wie es angefangen hat, aus welchen Gründen es nicht weiter gegangen ist, warum erst so eine grosse Intensität da war und hinterher nicht mehr. Ich habe nach und nach mein Verhalten geändert. Wenn ich mich über Blumen unterhalten hätte, weil jemand Gärtner ist, wäre ich nicht mich selber gewesen. Irgendwann, irgendwann wird man ehrlich - weil man weiss, man trifft sich irgendwann. Man nimmt die Vorgeschichte mit ins Blinddate, man nimmt’s einfach mit. Photos austauschen war für mich nie ein Thema. Ich habe alle einundzwanzig Männer, mit denen ich mich getroffen habe, vor dem ersten Date nie auf einem Photo gesehen.

Die Datingsite
Das ist für mich wie eine Scheibe, die sich dreht. Die immer weiter dreht und wo kein Stoppen ist, eine Scheibe, die sich langsamer und auch schneller drehen kann. Es ist eine Spiegelung, eine Reflexion. Eine lehrreiche Therapie, unglaublich lehrreiche Zeit, man lernt so viel über sich selbst, ein schmerzhaftes Lernen, wenn jemand zum Beispiel eine Vorstellung von sich hat und sehr selbstbewusst ist und auf einmal merkt, dass er das gar nicht ist, weil ihn der andere überhaupt nicht so sieht. Er setzt sich mit sich auseinander. Eine grosse Sache, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen, die Schwächen und Stärken zu sehen und damit klar zu kommen. Nach den schlechten Erfahrungen versuchte ich, mein Herz zuzumachen, wirklich zuzumachen. Dass man nicht näher hineingeht. Was das heisst? Das Herz zumachen heisst, dass das Geschriebene gefühlsmässig nicht verarbeitet wird . Man schliesst auf das Wesen, auf den Charakter, auf das Herz von jemandem. Wenn alle Leute im PartnerWinner wären, würde man keine Psychologen mehr brauchen…

Wo würde ich heute stehen, wenn ich damals das erste Profil nicht gemacht hätte? Ich hätte nicht so viel gelernt über mich und über andere. Die Menschen, die ich hier kennengelernt habe, kamen aus superguten Berufen, waren total angespannt, suchten jemanden, wussten aber nicht wie. Ich hätte diese Menschen mit diesen Berufen im normalen Leben nie kennengelernt. Es ist überhaupt nicht so, dass ewige Singles ihren Partner im Internet suchen, sondern die ganz frischen Singles, die sich noch nicht daran gewöhnt waren, alleine zu sein oder solche, die nach zwei-drei Jahre wieder probieren. Als ich ein junges Mädchen war, lernte man sich in der Tanzstunde kennen, auf Tanzbällen, in politischen Sachen in den 60-70 Jahren haben sich Menschen mit gleicher Gesinnung getroffen. Heute ist Sport und Fun und Shopping angesagt. Nicht mehr „wir lesen das gleiche Buch“ oder „was hältst Du von Marx und Engels?“ Schweizer Männer sprechen dich weniger auf der Strasse an oder im Stadtpark. Datingplattformen im Internet sind notwendig, man lernt sich sonst kaum kennen. Für die Schweiz ist es notwendig. Wie offen sind die Leute, wenn man sie im Internet trifft! Wenn du sie am Herzen packst, erzählen sie einem wirklich alles.

Ich erinnere mich an die Gesichter aller einundzwanzig Männer, einundzwanzig bis jetzt. Ich habe sie vorhin im Zug aufgeschrieben und es fiel mir immer einer ein, den ich vergessen hatte. Die, mit denen ich länger gemailt und die mich getroffen haben, die stehen vor mir jetzt. Ob ich Angst hätte, die Sommersprosse mit Seagirl oder Siobhan zu verwechseln, fragst du? Sie nicht mehr auseinanderzuhalten? Irgendwann kommt der Punkt - vielleicht nach dem neunten oder zehnten Mail - wo ich wieder die bin, die ich am Anfang war. Weil es nur noch um Ehrlichkeit geht und weil es für die wahre Beziehung die wahre Person braucht.
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