15/02/2008 11:51
Ein namenloser Kommentator hat kürzlich auf einem dieser jetzt so modernen, sogenannt medienkritischen Blogs behauptet, ich würde nichts leisten, ich würde überschätzt, sei ein Plagöri. Und Recht hatte er.
Auf dem Weg zu meiner Freitagabend-Feierabendbar grübelte ich an einem Titel für diesen Wortkünstler herum. Wie würdigt man erhabene Zeitgenossen, die sich im Web anonym zusammentun und den Namen anderer Leute in den Schmutz ziehen? Blogheckenschützen? Pfifflibuebe? Schmutzgugge?
Ich brauchte etwas Griffiges, Lüpfiges wie der böse Moritz damals, als er die Schweizer Blogger als «einen einzigen Schrebergärtliguguus» bezeichnete und dadurch die wildesten Wutwellen auslöste.
Ich suchte den sicheren Griff für einen Hosenlupf: Bisiriiber? Gloggezüügler? Fotzelchäib? Der treffende Schimpf verlangt nach einem Könner, Kenner: Wenn der Grossvater einst polterte: «Das isch e Halungg!», dann war der betreffende Autohändler, schuldig oder unschuldig, schon so gut wie verhaftet, abgeführt, verurteilt und eingesperrt. «E rote Sauhund!» aus dem Mund des kapitalistischen Kampfonkels und der linke Seklehrer war für immer k.o. geschlagen. Löli, blödi Sieche, Glünggi oder Sürmel? Wie nennt man solche Leute?
Beim Schlummertrunk in der Hintergassenbar habe ich meinem Feierabendbierfreund Tadashi – übersetzt «der Anständige» – die Problematik auseinandergelegt. Was denn ein Schrebergarten sei, wollte Tadashi zunächst wissen (...) [Volltext auf werbewoche.ch]
Auf dem Weg zu meiner Freitagabend-Feierabendbar grübelte ich an einem Titel für diesen Wortkünstler herum. Wie würdigt man erhabene Zeitgenossen, die sich im Web anonym zusammentun und den Namen anderer Leute in den Schmutz ziehen? Blogheckenschützen? Pfifflibuebe? Schmutzgugge?
Ich brauchte etwas Griffiges, Lüpfiges wie der böse Moritz damals, als er die Schweizer Blogger als «einen einzigen Schrebergärtliguguus» bezeichnete und dadurch die wildesten Wutwellen auslöste.
Ich suchte den sicheren Griff für einen Hosenlupf: Bisiriiber? Gloggezüügler? Fotzelchäib? Der treffende Schimpf verlangt nach einem Könner, Kenner: Wenn der Grossvater einst polterte: «Das isch e Halungg!», dann war der betreffende Autohändler, schuldig oder unschuldig, schon so gut wie verhaftet, abgeführt, verurteilt und eingesperrt. «E rote Sauhund!» aus dem Mund des kapitalistischen Kampfonkels und der linke Seklehrer war für immer k.o. geschlagen. Löli, blödi Sieche, Glünggi oder Sürmel? Wie nennt man solche Leute?
Beim Schlummertrunk in der Hintergassenbar habe ich meinem Feierabendbierfreund Tadashi – übersetzt «der Anständige» – die Problematik auseinandergelegt. Was denn ein Schrebergarten sei, wollte Tadashi zunächst wissen (...) [Volltext auf werbewoche.ch]







Diskussion
[quote]
«Ohne anonyme Kommentare würden aber die meisten Blogs absterben.»
- «Oder aufblühen?»
[/quote]
Das ist tatsächlich die Kernfrage. Sterben würden Blogs ganz bestimmt nicht. Ich glaube, in einer ersten Phase würde die Zahl der Kommentare zurückgehen, die Qualität der einzelnen Beiträge aber verbessert. Im Idealfall führt dann das höhere Niveau der Diskussionen dazu, dass sich neue Leute einklinken, denen es zuvor zu schmuddelig war. Darum glaube ich eher an die Aufblühen-These.
Jetzt fragt sich, welche Punkte ein Blog erfüllen muss, um möglichst viele niveauvolle (ich nenn die mal High-Involvement-Kommentare) zu evozieren.
Ich sehe oft Blogs mit massenhaft positiven Kommentaren. Die sind aber so seicht, abgelutscht und leer, dass man sich genauso wünscht, sie wären besser nicht geschrieben worden.
Verantwortung ist auch an einen Namen gebunden. Wenn jemand in einem totalitaeren Staat anonym schreibt, dann kann man nichts dagegen sagen, in einer freien Gesellschaft aber muss man fragen, warum jemand sein Wort der persoenlichen Verantwortung entziehen moechte. Denn etwas stimmt da nicht.
Ich schaetze unkulturs Beitraege, ich schaetze auch uertners Beitrage. Da ich aber uertners richtigen Namen kenne, kann ich ihn auch ernst nehmen. Bei unkultur weiss man nie, wie real ihr Wort ist. Ich habe auch nichts gegen den Uebernamen unkultur. Ganz und gar nicht. Uebernamen sind lustig--im Kontrast zum richtigen Namen.
Roger Koeppel: "Moergeli ist ein Depp."
SVP-Stiefellecker-Schefredaktr: "Moergeli ist ein Depp."
DerTerminator (vom gleichnamigen Blog): "Moergeli ist ein Depp."
xenu66: "Moergeli ist ein Depp."
Das Internet unterscheidet sich nicht vom richtigen Leben. Das Internet ist nicht virtueller als ein Telefongespraech oder ein Briefwechsel. Im richtigen Leben wuerde ich nie akzeptieren, dass jemand mit mir hinter einer Maske spricht, ueber einen Stimmverzerrer mit mir telefoniert oder mittels anonymen Briefe wortwechselt. Wieso soll ich das im Internet zulassen?
Anonymes Bloggen ist mit Teil der Kinderschuh-Internet-Kultur, die hoffentlich bald mal ausstirbt. Technologisch ist es so gut wie unmoeglich, anonym zu bleiben. Eine Email, und man hat Dich. Ein bisschen Linguistik und Google, und man hat Dich. Und das ist doch peinlich.
Wenn sich jemand eine Maske aufsetzen will, dann kann er dies weiterhin tun; es wäre viel zu umständlich, ihn daran zu hindern. Der Ruf nach weniger Anonymität im WWW wirkt auf mich wie der Ruf nach mehr Repression des Drogenmissbrauchs. Aufwändig und zwecklos.
Menschen geben das von sich preis was sie wollen und mit ihren Werten als richtig anschauen (diese Werte können sehr unterschiedlich sein), ansonsten werden die Systeme boykottiert und im extrem Fall sogar sabotiert.
Meine These dazu (hab das mal vor ein paar Jahren zum Thema Wissensmanagement bearbeitet) - diese These kann meiner Ansicht nach 1:1 zum Thema anonymität im www übernommen werden.
Unsere Informationsgesellschaft bietet Informationen im Überfluss. Doch erst der Mensch macht Informationen zu Wissen. Erfolgreiches Wissensmanagement erfordert daher eine Perspektive, die den Menschen zum Ausgangs- und Mittelpunkt nimmt. Demgegenüber müssen Technik und Organisation als unterstützende Faktoren gelten. Die Praxis zeigt jedoch, dass die "human factors" im Wissensmanagement oft ungenügend berücksichtigt werden.
Wissensmanagement ist als kreativer Prozess untrennbar mit den Erfahrungen und Ressourcen des Einzelnen verbunden. In den meisten Publikationen zu Wissensmanagement werden die so genannten "human factors" aber oft nur am Rande erwähnt. Diese Diskrepanz zwischen Praxis und Theorie und die damit verbundene Unsicherheit bei der Einführung und Umsetzung von Wissensmanagement scheinen mir die Folgen zweier Defizite zu sein: erstens mangelnde Wissenstransparenz und zweitens ein einseitiger technologischer Ansatz.
@unkultur: Stimmverzerrer machen die Stimme nicht echter. Durch den echten Name wirkt das Wort nicht bloss auf den, der zuhoert, sondern auch auf den, der spricht. Ich finde die Diskussion in keiner Weise langweilig. Ich glaube aber, dass ich ein Paar neue, gute Punkte eingebracht habe, die mehr Sorgfalt verdienen als das. (V.a. was die Abhaenggkeit von Sprache Name und Verantwortung anbelangt, und auch die Tatsache, dass es ethisch nicht drinliegt, dass man von einem Anonymen persoenlich angegriffen wird, kann man nicht einfachmirnichtsdirnichts abfaecheln, was stmmt man da zu einen Rattenschwanz an zwingenden Schlussfolgerungen mit sich bringt).
1. Sprache ist nicht etwas, was wir besitzen, es ist etwas, das wir teilen.
2. Teil haben wir selber an der Sprache durch unseren Namen. Er verbindet unseren physischen Koerper mit der Sprache (an der andere physische Koerper ebenso durch ihren Namen teilnehmen).
3. Die Teilnahme an der Sprache wird erst durch diese Verbindung mit dem Koerper ethisch verantwortlich.
4. Ist die Verbindung eines Namens mit dem Koerper einseitig (wie bei Dir), dann verletzt der Sprechende damit gewissermassen den Sprach(gesellschafts)vertrag, unabhaengig davon, ob er oder sie sich mit dem Avatar ethisch korrekt verhaelt.
5. Es ist tatsaechlich so, dass ganz anonyme Kommentare geisterhaft wirken. Digitale Identitaeten hingegen haben dieses Halbkoerperliche. Es ist als spraeche man mit einem Hypnotisierten.
Man sieht das deutlich, wenn man ein und dasselbe Zitat mit verschiedenen Namen in Verbindung bringt. Die Beudeutung veraendert sich, ob Roger Koeppel sagt "Moergeli ist ein Idiot" (physisch spuerbar) oder Rita Buergin (nie gesehen, nie gehoert, aber man setzt einen Koerper voraus) oder unkultur (halkoerperlich, man hat das Gefuehl mit jemandem zu sprechen, der nicht geerdet ist, gewissermassen ein Papierdrachen an der Schnur eines unsichtbaren jemand) oder Muesi23 (das kleine Gespenst).
Dabei geht es nicht um die polizeiliche Ueberpruefbarkeit. Es gehoert mit zum Sprachvertrag, dass man die Echtheit des Namens grundsaetzlich voraussetzen darf. Wer bewusst einen falschen echt wirkenden Namen braucht ist eh ein Ganov.
Um mir die Ungewissheit zu ersparen, kann ich entscheiden: OK, solange sie durch ihr Verhalten kein Misstrauen erregt, gehe ich einfach davon aus, dass sie Rita Bürgin ist. Wenn ich das aber tue, tue ich in Wirklichkeit nichts anderes, als Online-Identitäten zu akzeptieren. Wenn ich aber Online-Identitäten akzeptiere, ist es irrelevant, ob Rita Bürgin nun Rita Bürgin oder Müsli23 heisst. Hauptsache, sie ist für mich als konstanter Online-Charakter greifbar.
Ist sie nicht konstant, dann ist das für mich genauso irritierend, wie wenn sich ein Mensch im "echten Leben" schizophren oder extrem inkonsequent verhält.
Online ist keine parallele Welt. Keine andere Dimension. Online ist so real wie jedes andere Medium. Sei's Luft fuer den Schall oder Strom fuer die Telefonstimme. Das Medium setzt der Kommunikation bloss einen je besonderen Rahmen. Dieser Rahmen ist keine Parallelwelt.
Oder was haeltst Du von einem der per Telefon mit verzerrter Stimme und als "Bobby California" spricht und behauptet das sei sein Telefonich, eine zweite Identitaet, in der virtuellen Telefonparallelwelt, viel klarer als sein langweiliges physisches Ich? Ein dubioser Hugo.
Aber weil das Internet so viele sinnliche Kanaele in sich vereinigt besteht die Tendenz, dass man es fuer eine Parallelwelt halt mit eigenen anderen Gesetzen und neuen Identitaeten. Fuer mich hoert sich das ebenso dubios an, wie der Telefonhugo. (No insult intended).
Nur sind die verschiedenen personae in einem drin eben an einen identifizierten Namen und dadurch identifizierbaren Koerper gebunden.
---- Dass man Leute mit einem falschen Namen hinters Licht fueheren kann, ist kein Argument, einen unzuortbaren Phantasienamen zu benutzen.
Es wird auch niemand nachpruefen, ob beispielsweise Pascal Witzig wirklich Pascal Witzig ist. Das wird erst noetig, wenn er sich unethish verhaelt.
Unter dem richtigen Namen schreiben aber fuehrt automatisch zu verantwortungsvollerem Schreiben. Das ist zweifellos. Man ueberlegt sich hundert mal, ob man Moergeli oeffentlich als einen Idioten bezeichnet, wenn man berufstaetig ist. Und das ist richtig so. Wer es sich nicht erlauben kann, seine Meinung unter seinem Namen zu sagen, soll den Latz halten oder den Mut aufbringen zu sich selber zu stehen und die Konsequenzen zu ziehen. In einem Freien Land geht das.
Wichtig auch, dass man sich klar ist, dass man eine Grenze uebertreten kann, ohne dass man sich des Verbrechens bewusst ist. Deshalb gilt ein blosses Versprechen, dass man sich immer ethisch verhalten wird nicht, solange man nicht mit dem Namen (und also dem Koerper) dafuer einsteht.
Es gibt ein Recht auf Anonymitaet und Privatsphaere, und das ist gut so. Aber soweit ich sehe gilt das Recht auf anonymes Sprechen nur zum Schutz eines Individuums und nicht zu dessen Vergnuegen. Und das ist auch richtig so, weil man sonst in letzter Konsequenz der Verleumndung Tuer und Tor oeffnet. Und das ist im Augenblick der Fall. Auf Blogs wird unter dem Deckmantel des Rechts auf Anonymitaet z.T. total wahllos und verleumnderisch ueber Leute hergefahren.
Wenn ich in 20 Jahren fuer Microsoft arbeiten sollte (was kaum geschehen wird), und sich zeigen sollte, dass ich im Unrecht war (Ballmer ist ein Supertyp, was auch kaum geschieht), dann muss ich eben dafuer gerade stehen.
Publizieren ist eben an Verantwortung gebunden. Und im Internet schreiben, ist publizieren.
Zu Rita:
1. Wenn ihr potenzieller Schef nicht goutiert, dass sie Moergeli fuer einen Idioten haelt, dann ist beiden ein Gefallen getan.
2. Wenn ihr potenzieller Schef nicht goutiert, dass sie am Wochenende an Swingerparties rumhaengt, dann sollte sich Rita wirklich nochmals ueberlegen, was sie publik macht und was nicht.
3. Wenn ihr potenzieller Schef nicht mag, dass Rita Kanarienvoegel zuechtet, dann siehe 1.
Es liegt in jedermanns ermessen, was man publik macht. Soviel ich sehe befinden wir uns aufgrund des Internets heute schon in einer Gesellschaft in der man viel eher das sagen darf, was man denkt. Und mit Namen wohlgemerkt. Vor 10 Jahren waere meine jetzige Online-Aktivitaet schlichtweg inakzeptabel gewesen. Und darum weiter so. Jeder soll dassagen duerfen, was er fuer richtig haelt. Unter seinem richtigen Namen. Anonyme Bekenntnisse bringen niemanden weiter.
(Das ist die Antwort auf Deinen vorletzten Kommentar)
Warum sollte man online etwas veröffentlichen, zu dem man ihm "realen Leben" mit seinem bürgerlichen Namen nicht stehen kann? Für mich steckt da ein Widerspruch drin, der dadurch legitimiert werden soll, dass das Internet eine virtuelle Realität, eben second life, sei. Aber warum sollte es das sein? Es ist zu einem dermassen bedeutenden Teil unseres Lebens geworden, dass es mitnichten ein Spielfeld für Identitäten und Alter Egos sei kann und sollte.
Wenn ich im Internet etwas veröffentliche, dann tue ich das unter meinem richtigen Namen. Wenn mir danach ist, etwas unter dem Deckmantel der Anonymität zu veröffentlichen, dann ist es vielleicht in der Tat besser, wenn ich es für mich behalte. Olivers Telefonvergleich ist hier sehr passend.
NB: Mir ist durchaus bewusst, dass Anonymität nicht gleich Anonymität (in Form eines klar ausgestalteten Pseudonyms) ist. Trotzdem sind mir reale Identitäten lieber, es sei denn, es steckt ein künstlerischer Ansatz hinter dem Pseudonym, das würde ich als Ausnahme durchgehen lassen (Peter Bieri würde ich nicht vorwerfen, dass er unter "falschem" Namen Bücher schreibt). All das, was ich täglich auf (meinem Blog) 78s.ch an anonymen Kommentaren lesen (und selten sogar: löschen) muss, hat freilich mit Kunst wenig zu tun, sondern nur mit Feigheit.
Die Verwendung richtiger Namen im Zusammenhang mit oeffentlich geaeusserten Meinungen fuehrt zu einer Gesellschaft, in der jeder und jede sagen kann, was er oder sie denkt, ohne Angst haben zu muessen, dass er oder sie gefeuert wird. Das ist eben der Punkt. Wenn jeder sagen kann, was er wirklich denkt (und zwar respektvoll und verantwortungsvoll, wie das eben der richtige Name mit sich bringt), dann muss niemand mehr Angst haben. Dass das auch moeglich ist, beweist das Internet gerade heute. Google hat die Bewegung unumkehrbar gemacht.
Wenn meine Angestellten denken, dass etwas schief laeuft bei uns, dann erwarte ich, dass die mit mir sprechen, bevor sie es auf ihrem Blog posten. Wenn sie es auf ihrem Blog posten um sich persoenlich von dem zu distanzieren, was ihre Firma tut, bitte sehr. Solange das respektvoll und verantwortungsvoll von statten geht, begruesse ich das. Sollte ich aber herausfinden, dass der anonyme iA-Anschwaerzer und -Beleidiger Nummer eins mein sonst immer nett laechelnder Angestellter ist, dann kann er sich auf etwas gefasst machen.
Und auf der anderen Seite: Ich aeussere mich recht offen und z.T. auch recht kritisch ueber die Magazin-Redaktion. Es nervt mich beispielsweise, dass die noch immer die private E-mail (statt einen Verweis auf die Webseite) unter jeden Artikel drucken. Das nervt mich wirklich. Wieso sollten die mir auf den Kopf hauen wenn ich das laut sage? Es ist mein gutes Recht dies oeffentlich zu aeussern und es ist ihr gutes Recht, meinem Rat nicht zu folgen. Das Gute an offentlich gemachter Kritik ist, dass dadurch auch das Lob an Realitaet gewinnt. Das ich zuweilen etwas mehr fuer die Magi-Crew fane, liegt eben daran, dass ich mich aufgrund dieses Offenheitssystems (wer meine Firma waehlt, weiss von Anfang an genau, was fuer Verrueckte er da anstellt und was da auf ihn zukommt; und das schafft Vertrauen fuer beide) mit meinen Projekten dahingehend identifiziere, dass sie gegen ungerechtfertigte Attacken verteidige. Auch das ist ein ethisches Grundprinzip.
Ich staune immer wieder, wie logisch solide und universal geltend ethische Grundregeln sind. Es ist mir aber erst heute klar geworden, dass das Verhaeltnis von Sprache und Identitaet als rechtsphilosophische, erkenntnistheoretische sowie moralische Grundlegung diskutiert werden kann. Dass der Name eine so wichtige Rolle spielt (bzw. dass mir das nicht schon frueher aufgefallen ist) erstaunt mich ganz besonders.
Dein Artikel hat mir übrigens gefallen; gerne würde ich einige der zauberhaften Wortgebilde in meine (virtuelle) Sammlung dadaistischer Wörter aufnehmen! Neben Ringkerntransformator und "Worldcup-Sandwich-Construction" würden sie sich sehr gut machen...
@Olivier: Es gibt eine Welt ausserhalb des Journalismus und nicht alle wollen immer ihren eigenen Bauchnabel sehen. Es kann kein Zufall sein, dass dies hier mehrheitlich eine reine „Insider-Diskussion“ ist - Journi kritisiert Journi...
Als kleiner Selbständiger habe ich nicht nur gute Erfahrungen im Net gemacht - meine eigene (berufliche) Webseite mit allen persönlichen Daten hat nun mal nicht nur ein positives Feddback, dafür >30 SPAM/d gebracht. Und da meine Berufswelt eigentlich gar nichts mit Facts zu tun hat, gibt es auch keinen Grund, hier den Gartenzaun niederzureissen. Ob meine Kunden bloggen oder nicht, ist mir egal. Es wird wohl auch ihnen egal sein, ob ich blogge. Darum halte es für mein gutes Recht, unter meinem „Facts-Namen“ weiter zu bloggen – wer trotzdem und unbedingt eine Kopie meines Passes sehen will, soll dies bitte mitteilen..
Für Olivier würde ich sogar einen Zentralstrafenregisterauszug, alle links zu meinen Publikationen und eine Kopie meiner ehemaligen Fiche beilegen, damit er auf seinem Futon wieder ruhig schlafen kann.
Es gibt hier weibliche Teilnehmer (mit Masken) und männliche Teilnehmer mit vollem Namen, die zur "Branche" gehören. Dolphin69, von dem ich in Ansätzen etwas weiss, macht meiner Meinung zu Recht auf die Bedingungen unserer helvetischen Arbeitswelt (gerade als Selbstständiger) aufmerksam. Ich habe in einem thread schon einen Mann, der damals noch mit Vor- und Nachnamen hier mitdiskutierte mit der Frage konfrontiert, wie es mit der Meinungsfreiheit der Bäcker und Metzger in Dörfern bestellt ist, wo eine Gemeindeversammlung gibt. Es droht ihnen ein Boykott durch die Dorfbewohner, der ihre Existenz bedrohen kann. Ähnliche Argumente führten selbst im verürteten Nidwalden zur Abschaffung der Landsgemeinde mit ihren offenen Abstimmungen.
Bei allem Gleichstellungsgeschwätz, scheint es mir aber offensichtlich, dass Frauen durch die Preisgabe ihrer Identität ungleich mehr aufs Spiel setzen als Männer, da sie nun einmal, ob virtuell oder real das Ziel unseres Jagdtriebes sind. Insofern finde ich weibliche Masken neckisch, interessant, zumal die meisten dieser Masken, sich sehr schnell im privaten Notizenwechsel aus eigenem Bedürfnis sich zu erkennen geben. Gewiss kultiviert hier "unkultur" eine Ausnahme. In einem anderen thread fragte ich, wer hat gedient? wer hat geboren? um eine körperliche, ethische Verbindlichkeit in die Diskussion zu bringen.
Ich frage mich, ob die emphatische Wendung Reichensteins auf das Namensproblem nicht eine "Frage der Ehre" ist. Es scheint mir hier um so etwas wie "Satisfaktionsfähigkeit" zu gehen. Wer anonym schreibt ist nicht "satisfaktionsfähig". Und wenn wir bei diesem Begriff sind, werden wir sogleich feststellen, dass wir Männer, wohl Frauen nicht in dem Sinne für "satisfaktionsfähig" halten. Denn, wie ich von einer feministischen Ethnologin, Jutta Lauth, mal lernen durfte: ebenbürtig sind Mann und Frau einander in der Kultur der Kung Sa, wo die Männer jagen und die Frauen sammeln und gebären. Im Tausch von Fleisch des erlegten Tieres gegen die Fruchtbarkeit der Frau, sah diese brillante Ethnologin die Ebenbürtigkeit der Geschlechter verwirklicht. Es geht also "Fleisch des erlegten Tieres" gegen "Fleisch zur Fortpflanzung". Insofern ist es für den Mann unabdingbar klar indentifizierbar in der Gruppe der Jäger, der Gewerbetreibenden, der "Verantwortlichen" zu erscheinen, er hat einen Ruf, eine Ehre, zu verteidigen, während die Frau durchaus das Recht hat, ohne Gesicht, ohne "realen Namen" im Internet aufzutreten, denn ihre "Satisfaktionsfähigkeit" liegt gänzlich im realen Leben und hier gebietet es die Lebensklugheit, sich im Internet zu "verschleiern", denn die grosse und unkontrollierbare Öffentlichkeit des Netzes bedroht ihre Intimität, droht sie zu einem "Luder" einer "femme publique" zu machen.
Was meinen "uertner" betrifft, so habe ich die "uerte" für mich als Begriff entdeckt, unter den ich meinen Namen schreiben will. Weshalb ich den Domain "www.uerte.ch" für mich erworben habe. Da ich mich auch im Print äussere, will ich nicht mit all den Kommentaren, die ich hier abgebe über eine "google-suche" identifizierbar sein. Meine Print-Beiträge werden von Redaktoren überarbeitet, sie durchlaufen eine Validierung, diese zeichne ich mit meinem Namen, wobei ich in besonders heikeln Momenten auch den zweiten Vornamen verwende, um mich von Namensvettern in der Familie abzuheben.
Mein Pseudonym "uertner" ist nicht nur Marketing für die "uerte" als Konzept der Vergesellschaftung, sondern es markiert auch meinen Willen, mich als "Teilender" und "Teilhaber" hier "einzubringen", d.h. ethisch zu verhalten. Denn in der Uerte wird das Bier geteilt, und das Gespräch, und der Nutzen daraus. Als "uertner" äussere ich mich vielleicht eher pointierter, konfirmandenhafter. Mit diesem Pseudonym möchte ich die Utopie fördern, dass "facts.ch" eine Art "Republik des Geistes" wird. Hier treibe ich ein Denk- und Meinungsspiel, dessen Früchte ich in Print unter meinem realen Namen verkaufen kann.
@Reichenstein
Zur Magie des Namens sei nur so viel angedeutet. Ich kannte mal einen klugen Religionslehrer, der mit seinen Schülern als erstes den Namen analysierte: welcher Heilige ist damit gemeint, was bedeutet er? etc. Dies schien ihm zur Stärkung der Identität und zur "re-ligio" an eine Tradition das wichtigste.
Im Dorf, wo meine Töchter zur Schule gehen wurden aus einer Familie mit drei Knaben, zwei davon von der Schule verwiesen. Beide haben extrem moderne Modenamen wie "Dylan". Der "Hausmann" Bänz Friedli hat in seiner Kolumne sehr klug über Namen nachgedacht und die alten und komunen wie "Hans" und "Jakob" verteidigt.
Ein Griechischlehrer der Kantonsschule Baden hatte die Angewohnheit, die Knaben mit Familiennamen zu siezen und die Mädchen mit Vornamen zu siezen. Ich weiss nicht, ob er diese Praxis bis zur Pensionierung aufrechterhalten hat, aber mir scheint sie irgendwie "gerecht".
Zum unsäglichen Namensrecht, das sich männliche "Feministen" (oder soll ich sagen "geistige Sitzpinkler") für die Eidgenossenschaft ausgedacht haben, äusserte ich mich mit "realem Namen" in Print im "Magazin" (ist leider zu weit zurück, dass es online verlinkbar wäre).
Lieber immer gleich die Person in ein Schublaedli statt den Geist fuers Argument oeffnen.
Im Grunde genommen geht es bei jedem Post um die Frage:
Bin ich authentisch? Lasse ich mich bei dem, was ich sage, auch packen, festmachen, bin ich für Replik erreichbar, stelle ich mich einer Antwort, einer Diskussion?
Ich schreibe und kommentiere als Thinkabout. Aber ich mache mir schon lange keine Gedanken mehr darüber, ob das ehrlich geschieht oder nicht: Ich habe mich in Thinkabout aufgelöst, damit identifiziert. Er ist ein Teil meiner Persönlichkeit, und würde ich unehrlich werden, ihm gegenüber, ein Ego pflegen, das nicht auch Kurts Ego ist, so würde ich mir persönlich sehr schaden.
Thinkabout.ch ist ein relativ anstrengendes Blog… Es hat sich so ergeben, dass es dabei fast ausschliesslich um die Lebensfragen geht, die wir uns vornehmlich unter der Dusche oder in der Badewanne stellen, also immer dann, wenn uns nichts allzu Wichtiges wie der nächste Abgabetermin einer Arbeit vom Nachdenken über den Sinn des Lebens abhält.
In diesen Reflexionen spielen Anregungen meiner Freunde, Begegnungen im realen Leben eine Rolle. Meine Frau ist wichtig, vielleicht auch mal eine zufällige Begegnung. Ich will alle diese Kontakte und Begegnungen schützen und doch darüber schreiben können. Ich will so gut wie möglich ausschliessen, dass plötzlich in einem Leben, das nicht mir gehört, unvermittelt ein unkontrollierbar gewordener virtueller Beitrag Einfluss nimmt, Dinge steuert. Was ich bei Thinkabout als Erlebtes intellektuell verwurste, soll dadurch abstrakt und doch persönlich greifbar für jede und jeden Thema sein können.
Es geht hier also nicht um den gleichen Schutz wie bei Arbeitgebern. Es geht auch um die zu verhindernde Anmassung, andere zu Offenheit zu zwingen.
Wenn ich in einem Beitrag schreibe, ich wäre mit X in der Kneipe gesessen, er aber seiner Frau etwas ganz anderes gesagt hat, dann ist das ein Problem. Man kann sagen, es ist einfach das Problem von X. Ich sage einfach: Es geht mich nichts an und ist seine Sache.
Also müssen sich meine Leser und die Facts-2.0-Community weiter damit arrangieren, dass Thinkabout einfach Kurt ist. Wenigstens rein theoretisch. Ein bisschen nachforschen bei Zertifizierungsstellen von Webseiten etc. fördert die Identität schnell zu Tage. Aber darum geht es nicht. Sondern um die spontane Interaktion zwischen Menschen, die in einem gewissen Schutzraum manchmal sogar besser funktionieren kann.
Das Grundproblem aber kenne ich sehr wohl – und es fördert mein Bemühen, um so mehr inhaltlich authentisch zu sein, quasi zur Kompensation.
a) ...mein Chef mich feuert
b) ...jemand herausfindet, wer ich wirklich bin
c) ...ich mal besoffen oder zornig Woerter eintippe und mich zum Aff im Internetzolli mache
d) ...Google mich in die ewige Verdammung schickt
e) ..."die Leute" wissen, wo ich politisch stehe
f) ...meine alten Lehrer herausfinden, dass ich noch immer orthografische Fehler mache
g) ...ich nicht mehr Bundesra(e)t(in) werden kann
h) ...meine Meinung ungenehm ist
i) ...meine Mitarbeiterin an meiner Stelle befoerdert wird
j) ...meine linken Freunde merken, dass ich Weltwoche lese
k) ...meine rechten Freunde merken, dass ich die WoZ lese
l) ...jemand merken koennte, dass sich meine Meinung ueber die Jahre aendert
m) ...auch ich manchmal Dummheiten sage
n) ...ich furchtlos werden koennte
o) ...dass wenn ich die Angst verliere, die anderen das auch tun
p) ...Blocher zurueckkommt, eine SVP-Militaerdiktatur einrichtet und mich ins Gefaengnis wirft und foltert und in einem Schauprozess oeffentlich hinrichtet fuer das, was ich hier sage
q) ...ich zwischen privat und oeffentlich selber nicht richtig unterscheiden kann
r) ...ich werde, wer ich bin
s) ...ich nicht der bin, den andere gerne in mir sehen wuerden
t) ...man mich einen Hemmligluenggi schimpft
u) ...meine Nachbaren mich fuer noch verrueckter halten
v) ...man mich persoenlich herausfordert
w) ...ich zur Verantwortung gezogen werde
x) ...ich dann zu meinem Wort stehen muss
y) ...ich ueberlegen muss, bevor ich "senden" klicke
z) ...ich dann nicht mehr um mein kleines Feuerchen tanzen und singen kann:
„Heute back ich, morgen brau ich,
übermorgen hol ich der Königin ihr Kind;
ach, wie gut dass niemand weiß,
dass ich Rumpelstilzchen heiß!“
Frauen kriegen ein Spezialfeld, das heisst
*) ...dass sich morgen eine Kompanie hirnloser Mannroboter vor meiner Haustuer aufstellt
Maenner kriegen das da:
**) ...dass ein Muskelprotz mir die Fresse poliert
(Die Felder duerfen auch ironisch geklickt werden)
Ich nenn mich Futurama weil ich als Online Gamer mit verschiedenen In-Game-Names (IGNs) im Netz unterwegs bin und eigentlich meine Spielcharaktere lieber mag als meine Real Life Personality :grins:
Und jetzt geh ich mal den Artikel lesen, um den es hier geht. Jawoll.
a) ...ich ein tollkuehner Pantoffelheld bin.
Bitte unbedingt folgendes beachten:
a) Da die Jungen heute alle lange studieren, treten sie erst mit 30...35 ins richtige Leben ein. Somit gilt heute nicht mehr "traue keinem über dreissig" sondern "traue keinem über vierzig".
b) in Japan gilt das Erreichen des 47sten Alterjsahrs (nur bei Männern, natürlich..) als sehr kritisch (wahrschenlich wegen Karriereknick, Potenzverlust oder was auch immer - habs nie ganz begriffen..)
somit hat unser Oliver doch noch ein bisschen Zeit -
- meinerseits nur die besten Wünsche für diese Zeitspanne!
herzlichst D.
Andere Community Member haben nicht nur kein Interesse dies zu tun sondern sehen eine Reihe von tatsächlichen und möglichen Problemen, wenn sie mit ihrem korrekten Namen auftreten müssen. „unkultur / dolphin69 / uertner / thinkabout“ etc. haben sehr gute Argumente eingebracht, aber es nützt nichts. Oliver Reichenstein und andere Journis versteigen sich zur Behauptung, dass wer sich nicht zu erkennen geben mag, nur Stroh im Kopf hat und seine Beiträge nur Strohqualität erreichen, allenfalls auch das Folgeprodukt „Stallmist“. Auf der Ebene von schriftlicher Kommunikation nehmen sich Journis ohnehin das Recht heraus, einen grösseren Teil der Bevölkerung als Einfaltspinsel oder intellektuelle Leichtgewichte einzustufen, weil sich in deren schriftlichen Äusserungen noch schnell mal ein Fehler entdecken lässt. Ein rechter Teil der Journalisten versteht es dagegen, aus dem Nichts eine Riesenstory zu machen, an der jede Qualität fehlt, ausser dem gekonnten Schreiben. Mit oft fatalen Folgen für die Betroffenen, welche bei einer unsauber recherchierten Geschichte mit einer mickrigen Gegendarstellung entschädigt werden. Kein Wunder erfahren Journalisten bei der sozialen Wertung und Akzeptanz durch die Bevölkerung eine schmerzliche Einstufung. Aus dem Bauch heraus, ziemlich am Ende der Liste und in der Nähe von Gebrauchtwagenhändlern. (Ich denke Google wird es ausspucken, wenn man es überprüfen will). Trotz dieser Erkenntnis, soll auf Facts2 ein Namenszwang eingeführt werden? Was mir sauer aufstösst. ist wie die Diskussion scheinheilig geführt wird, weil es gar nicht um den Autor mit Echtnamen geht sondern darum, dass sich nur richtige Benutzerprofile für Werbung und Adressenhandel nutzen lassen. Reichenstein argumentiert aber, wie ein religiöser Eiferer, welcher allen die ihm nicht folgen ein krankhaftes Dasein wegen einer substanzlosen Persönlichkeitsstruktur voraussagen.
Theoretisch würde ich eine Registrierung mit vollem Namen nicht ausschliessen, weil ich meines guten Namen nicht schämen muss. Die Frage ist warum ich es tun soll? Von Community Beiträgen würde ich mich zu 99% verabschieden. Bei der Registrierung müsste ich betreffend mein Einverständnis für die Datennutzung zwei Optionen haben. A) OK sagen für die TAMEDIA Konzernwerbung. Als bestehender Abonnent würde ich OK klicken. B) Die weitere Verwertung meiner Daten für den Adresshandel würde ich nicht bewilligen.
Bei dieser Analyse stellt sich jedoch die Frage, warum ich den Aufwand auf mich nehmen soll, bin ich doch ein anonym registrierter User von Netvibes.com, wo mir sehr viel geboten wird, nebst Selektion meiner bevorzugten weltweiten Medien. Dass nicht jeder Lust und hohe Befriedigung empfindet, wenn er einen Schreibbeitrag mit Namen kennzeichnen darf, ist für Schreiberlinge wohl schwerlich verständlich. Habe ich doch den Drang, kann ich es auf „Der Zeit“ anonym tun und die Leser können meinen Beitrag nach Content (und eigenen Präferenzen) werten. Nicht der Namen sondern der Content wird bewertet.
Facts2 darf als Betreiber machen, was für gut befunden wird. Ein Teil der Benutzer wird sich aber definitiv verabschieden. Wenn sich diese Reduktion durch Profi-Schreiber kompensieren lässt, ist der Entscheid fürs richtige Geschäftsmodell einfach.
Es geht um Transparenz, darum, dass man für das, was man im Netz schreibt, mit seinem Namen hinsteht. Weil das Netz kein Second Life ist, sondern eine Kommunikationsplattform, auf der authentische Kommunikation dann am besten stattfinden kann, wenn sich die Teilnehmer nicht hinter Pseudonymen oder kompletter Anonymität verstecken.
Ich schliesse damit überahaupt nicht aus, dass man unter einem Pseudonym spannende, geistreiche Standpunkte im Netz vertreten kann. Trotzdem fehlt mir dann der Bezug zur Wirklichkeit, ich frage mich, ob es diese Person, die mir das mit einem Web-Nickname gegenübertritt, auch in der realen Welt so gibt. Meine Erfahrung als Betreiber einer Website, wo ebenfalls viel diskutiert wird, zeigt mir jedenfalls, dass die Anoymität in der Regel dazu genutzt wird, Dinge zu sagen, die man so unter seinem echten Namen nicht sagen würde.
Der Stil zum Ende passt nicht zur ernsthaft lancierten Diskussion zu Beginn.
Aber die Diskussion hat sich eh erschöpft. Besser wäre es dann allerdings, dies ein bisschen - auch zum Ende hin zu moderieren. An "Relax'" Stelle würde ich mich in jedem Fall ziemlich auf die Schippe genommen fühlen. Ob anonym oder nicht, spielt da wirklich keine Rolle.
Dennoch: Ich schätze Deinen Artikel wie auch Deine Arbeit und Beiträge hier in aller Regel sehr. Und ich glaube auch nicht, dass die Diskussion in die Richtung zielt, die Relax befürchtet. Eine seriöse Antwort hätte er aber dennoch verdient, finde ich.
Dies war meine spontane Reaktion auf jene Kreationen, die wir nicht alle verstehen, aber beeindruckend finden!
Ja, klar. Und zwar unter gewissen Prämissen:
- Es handelt sich um eher dubiose denn seriöse Medienformate
- Die Person ist eine Kunstfigur (wie Musiker, mit Pseudonym und exzentrischem Outfit)
- Es sind Täter oder Opfer, die vor öffentlichem Übergriff geschützt werden müssen
- Die Unterzeichnenden stehen in einem Mafiaschutzprogramm
- Es handelt sich um Fasnacht, Halloween-Partys oder ähnlich lustiges
Daraus könnte man das handgestrickte Fazit ziehen: Es gibt – auch im Netz – wenig wirklich überzeugende Gründe für anonymes Handeln und Kommunizieren.
Ich habe Oliver am Anfang der Diskussion "unkultur" als Beispiel für eine unverzichtbare anonyme Kommentatorin genannt. Trotz ihres Pseudonyms konnte ich bis heute ihren Argumenten folgen, und – das Wichtigste: Es sind mehrheitlich "High-Involvement-Kommentare". Sie scheinen stark mit der Meinung und Überzeugung ihrer Persönlichkeit übereinzustimmen. Umso weniger ist es nachvollziehbar, weshalb sie eine so starke Persönlichkeit bedeckt hält.
Ich könnte mir vorstellen, wie ich mit "unkultur" in einem Strassencafé sitze. Die Sonne donnert mir voll ins Gesicht. Deshalb (und nur deshalb) sitzt meine geliebte dunkle Riesensonnenbrille auf meiner Riesennase. Ich wette, sie würde mir charmant, aber bestimmt sagen: "Würdest du bitte deine Brille ablegen. Ich kann nicht mit jemandem reden, dem ich nicht in die Augen sehen kann."
Täusche ich mich, oder wird jetzt schon wieder ausgerechnet Oliver Reichenstein (Ritter des Ordens für Offenheit und Freiheit) massiv von einigen anonymen Kommentatoren persönlich angegriffen?
Lektion: Stehe für deine Meinung mit deinem Namen öffentlich ein und sie werden über dich hinwegfegen. Die Hexenverbrenner lassen grüssen.
Es gibt sehr wohl Zeitungen, die Leserbriefe veröffentlichen unter denen steht: "Name der Redaktion bekannt". Es sind sehr oft sehr interessante Zusendungen, und oft genau diejenigen, die in hohem Masse der "Pressefreiheit" bedürfen. Ich möchte hier nur noch diesen hyper-selbständigen, von ihrem hohen Ehren-Ethos besoffenen Reichenstein und Del Principe zu bedenken geben, was mir eine userin per Notiz hat zukommen lassen. Erst "was ist heute in den Reichenstein gefahren" und als ich es ansatzweise erklärte (Herr Reichenstein ist soeben in der "Werbewoche" in die Fussstapfen des "Journalisten des Jahres" Constantin Seibt getreten, und von seiner welthistorischen Bedeutung derart überwältigt, dass anthroposophische Sprachtheorien und der Ehrbegriff von preussischen Reserve-Offizieren plötzlich ihn angefallen haben), darauf: "nun dann kann ich mir auch andere Teiche aussuchen". Natürlich, geschätzte Herren, können wir hier einen akademischen Debattierklub mit anschliessenden Duellforderungen eröffnen, nur glaube ich nicht, dass dieses Unternehmen jene wachsende community werden wird, welche allein eine weitere Investition seitens der Tamedia in diese Plattform.
Immerhin hat "arthur" (ein "anonymer") die Auftritte von "uertner" und "unkultur" als "Muppet-Show"-Element bezeichnet. Wir sind hier nicht nur im testosterongetriebenen Ehrenkampf, nicht nur im News-Business, sondern auch im "Unterhaltungsgewerbe". Darum: mehr Lockerheit.
Wir drehen uns im Kreis. Natürlich ist face-to-face anders als online. Um das gehts aber nicht. Nur weil wir uns in einem neuen Medium bewegen, können wir uns doch nicht einfach um Grundsätze und Regeln der Kommunikation foutieren. Das ist wie in diesen komischen Filmen oder Serien wie LOST, in denen Schiffbrüchige meinen, sie müssten ein total neues Sozialverhalten erfinden. Das ist Science Fiction.
@uertner:
Sie haben nicht genau gelesen und sind somit – hoppla! – über den relevanten Punkt gestolpert: «(...) anonym eingegangene Leserbriefe (...)».
Eine Redaktion veröffentlicht, wie Sie selbst bemerkt haben, eben nur Briefe einer Autorschaft, die ihr bekannt ist. Aber aus einem der von mir aufgezählten Gründen wird der Brief ohne den Namen publiziert.
Zum Rest: Herrlich, wie Sie das Hintenrum-als-vermummter-Sniper-Angreifen anonymer User zementieren! Merci.
Genau.
@reichenstein
Ist es vielleicht was Hormonelles?
@alle
Ich bin grundsätzlich der Meinung Reichensteins, jedoch alt genug, um nicht mehr auf Grundsätzen herumzureiten. Anfangs war ich hier guten Mutes mit Klarname unterwegs. Die Zufälligkeit, wie sich meine Beiträge z.B. in Google versammelten und die Kommentare im Umfeld; (nein, ich bin nicht Journalist, sondern in einem meinungsbildenden Metier) , wurden mir rasch zu blöd.
Auf Klarnamen werde ich nicht zurückwechseln, aber ich kann auch ganz wegbleiben. Was ich denke ist nicht zu weltbewegend, um es mit vollem Namen sagen zu können. Allenfalls umgekehrt und dann lassen wir es doch lieber gleich.
Wenn die Haltung Schule macht, wird Reichenstein sein Business-Modell anpassen müssen. Einsame Waldschänken sind schon erfunden.
Werde hinkommen und ihm zuprosten...
- Es gibt legitime Gründe, im Internet anonym aufzutreten oder sogar eine virtuelle Identität aufzubauen.
- Virtuelle Identitäten können für ihre Erzeuger und für die, die mit ihnen interagieren genau so reale Dimensionen annehmen wie eine an einer wie auch immer postulierten Realität festgemachte Identität. Unkultur wäre traurig, wenn sie nicht mehr Unkultur sein dürfte und ihren Lesern würde sie fehlen. Wie viel realer kann man noch werden?
Anonymität oder Virtualität kommen aber zu einem Preis und dieser sollte in jedem Fall durchgesetzt werden. So sollte Anonymität z.B. nicht verwendet werden, um andere böswillig zu täuschen, um persönliche Zugehörigkeit oder Betroffenheit zu verschleiern, um andere, nicht anonym auftretende aus einer Position der Überlegenheit heraus anzugreifen.
Wie lässt sich das durchsetzen? Ganz einfach: jeder Blogger, jeder Forenbetreiber im Internet ist an sich Inhaber eines mini-Verlagshauses. Und wie es in der Zeitung heisst "Name der Redaktion bekannt" sollte es auch in den Blogs heissen. Und vor allem sollte die Redaktion bekannt sein. Mit anderen Worten: jeder, der ein solches Mini-Verlagshaus betreibt sollte mit vollem Namen und Adresse dazu stehen, wie es z.B. in Deutschland Gesetz ist. Er darf dann immer noch anonyme Kommentare oder gar Posts zulassen, aber er trägt namentlich die Verantwortung, dass die darin gemachten Aussagen eben den Kriterien entsprechen, die für anonyme und nicht-anonyme Äusserungen gleichermassen gelten sollten.
Das Internet ist kein Telefon, wo ein Gespräch sofort nach seinem Ende wieder im Nichts verschwindet. Das Internet bedient mehr Sinne und es hat eine Tendenz, Äusserung ewig zu speichern. Diese Eigenschaften sind Grundlage virtueller Identitäten und machmal auch Begründung für das Bedürfnis nach Anonymität. Zu seinem eigenen Schutz sollte man diese Eigenschaften des Mediums nicht verleugnen und notfalls eben auch auf Anonymität zurückgreifen, beziehungsweise respektieren, wenn das andere tun. Der Anonyme hingegen sollte sich an Regeln halten und der, der Anonyme publiziert sollte diese Regeln notfalls durchsetzen.
Genau. Deshalb nenne ich mich Tschagrun. Das Foto bin ich übrigens selber. Es geht darum, dass ich nicht möchte, dass alles mit meinem Namen gekennzeichnet ist. Wenn jemand dennoch wissen möchte, wie ich heisse --> schickt mir eine Notiz, ich gebe euch sogar meine Adresse und Telefonnummer.
Natürllich wäre kindisch das Troll-Phänomen im Netz zu verharmlosen oder gar abzustreiten; natürlich sind Deception-Prozesse nach wie vor gleich aktuell wie in den 90er. Und natürlich sind die anonymen Kommentatoren auf Blogs wie Medienspiegel oder medienlese von der Sorte "ugudugu" oder Ähnliches, die an sich herrliche Beiträge aufs Übleste niedermachen, nicht zu dulden (wir haben vor kurzem sofort und unwiderruflich ein Profil gelöscht, dessen Inhaber die Anstandsprinzipien unserer Community verletzt hat). Allein aus diesem Grund zu behaupten, die virtuellen Identitäten seien nicht real ist gelinde gesagt müssig. So wird das essentielle Wesen des Internet als sozialer Raum nicht verstanden. In einer bestimmten Art und Weise ist das eine körperlose Fortsetzung altwürdiger Gegebenheiten wie Maskerade, Karneval, Theater, Kinderspiel. Für Schriftsteller und andere künstlerische Berufe ist die Wahl eines Pseudonyms häufig der Anfang einer neuen - KÜNSTlichen wenn man so will - Identität, die sich erheblich von der Kernidentität unterscheidet. George Simenon ging sogar soweit, Genderswapping vor dem Internet-Ära zu betreiben. Wie viele wissen noch, wie Madonna im "zivilen" Leben hiess?
Der Cyberspace-Mensch konnte glücklicherweise schnell herausfinden, dass der virtuelle Raum das Schlaraffenland für Identitätskonstruktionen per se ist. Das war schon vor bald 20 Jahren so und wird weiterhin so sein. Man beobachtet Portale wie xing, wo kaum jemand anonym auftritt, gleich oft wie Datingsites, wo sich niemand mit seinem echten Namen präsentiert.
Kann man bei den letzten im ernst behaupten, die Leute tragen weniger Verantwortung für ihr Handeln? Oder das es hier an Zivilcourage fehlt, zum echten Selbst zu stehen?
Darüber hinaus: was ist schon eine echte und eine falsche Identität? Ist nicht die konstruierte (Teil-)Identität in gewissen Fällen wahrer als die vermeintlich reale offline, die durch Hemmungen, einengende Verhaltensnormen, allerei Etikettierungen, Stigmen und Tabus deformiert ist?
Liebe unkultur, bleib weiterhin unkultur.
"Ist nicht die konstruierte (Teil-)Identität in gewissen Fällen wahrer als die vermeintlich reale offline, die durch Hemmungen, einengende Verhaltensnormen, allerei Etikettierungen, Stigmen und Tabus deformiert ist?"
Genaus das meine ich!
***
Meine Texte sind gelegentlich durchaus sehr privat. Intim vielleicht sogar. Das Pseudonym gibt mir eine Art Schutz, ein wenig Distanz zumindest, und es fördert damit die Ehrlichkeit mir selbst gegenüber sehr viel mehr, als es sie behindern würde.
Auch wenn mein Name kein Geheimnis sein muss, so kommen in Beiträgen auch dieser Seite sicher Menschen vor, die real sind und mit mir oder in meiner Nähe leben, mit mir befreundet sind und mir vertrauen. Keinem von ihnen möchte ich eine Öffentlichkeit zumuten, der sie nie zugestimmt haben.
Dass ich in allem, was ich von mir erzähle und in den Gedanken, die ich hier wälze, wahr und real bin – das kann jede und jeder spüren, der das will. Ich bin sicher, dass auch hier, an neuer Stelle, mit der Zeit zwischen den Zeilen eine Menge über mich zu erfahren ist – und ich habe damit kein Problem.
***
Irgendwie macht mich diese Diskussion... müde? traurig? Ich fühle mich bei diesem alten Thema immer wieder aufs neue erschöpft. Es ist eine der grössten Herausforderungen jedes Internet-Verlegers, der oder die wir alle sind, hierbei authentisch zu sein und die richtige Form dafür zu finden.
;-)
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