Auf der Suche nach der virtuellen Liebe (2): Rapunzels Flucht

Auf der Suche nach der virtuellen Liebe (2): Rapunzels Flucht
tinselman.com
Warum Rapunzel ihre Haare nicht hinunterliess: "Ein Ritter, der nicht auf den Wunsch der Herzensdame eingeht, ist kein wirklicher Ritter".

Mails bekam ich sofort, nachdem ich ein Profil erstellt hatte. Das war ein schönes Gefühl, so schnell Reaktion zu erzeugen und dies, nachdem man nur ein paar Minuten drin war... Sehr unerwartet, eine schöne Überraschung. Die meisten haben geschrieben, „Dein Profil fand ich interessant“ und „Komm, wir kommunizieren ein bisschen“. Ich wusste nicht was kommunizieren, weil die Personen nichts von sich preisgegeben hatten, fand das aber kein grosses Hindernis, dachte, ich erzähle ein bisschen von mir, belanglose Sachen, die nicht sofort meine Persönlichkeit offenbaren.

Rapunzels Haare
Ich weiss noch, ich sass im Zug und dachte, so, jetzt mache ich ein Inserat, aber kein gewöhnliches, normales Inserat „Ich bin so und so viele Jahre alt und mache das und das und suche dich...“ Wieso muss man so oberflächlich und banal schreiben? Es kam als Bild in meinen Kopf - ich bin eine Prinzessin in einem Märchen, und dann noch diese Ritterfilme mit Rittern auf den Pferden, mit Lanzen und Schwert... Ich habe recht lange Haare, so ist mir Rapunzel eingefallen. Sie passt zu mir, weil ich offen und spontan bin und gern mit Leuten zusammen - aber der Schein trügt. Eigentlich bin ich der anfänglich auf Distanz gehende Typ. Ich habe schlechte Erfahrungen gemacht, die Initiative ergriffen bei den Männern. Es wäre viel besser, wenn ich mich am Anfang zurückhalten würde und schaue, woran ich bei dieser Person bin, wie sie auf mich reagiert. Darum das mit dem Turm, ich beäuge von oben ein bisschen, was da so alles am Boden rumläuft, unter dem Turm, und dann sehe ich weiter, ob mich jemand wirklich so sehr anspricht, dass ich auch mein Haar für ihn hinunter lasse.

Die Ritter
Ich war überrascht, angenehm überrascht von den Antworten - zwischen 100 und 120. Ich wusste, das ist ein ungewöhnliches Inserat. Als ich mir die anderen Inserate angesehen habe, dachte ich: meines sticht schon hervor, weil es ganz anders ist, und wahrscheinlich gibt es Überraschungen. Viele haben sofort da weiter gemacht, wo ich aufgehört habe, das Märchen weiter erzählt - „Hier kommt ein Ritter, da ist er mit der Lanze unter dem Turm und bittet dich, dein Haar für ihn runter zu lassen, denn es wird langsam kalt hier unten...“ Oder „Ich bin nicht unbedingt ein Ritter, aber mit meinem schnellen Rossflitzer bekämpfe ich das Schlechte auf Zürichs Strassen. Ich setze mich für die Armen und Schwachen ein, genau wie Du es in Deinem Inserat geschrieben hast...“ Es gab unterhaltsame Antworten und auch welche, die nicht so viel Kreativität bewiesen. Einzelne reagierten poetisch. Ich mag es, wenn man noch einen draufsetzt, sofort einsteigt und meinen Stil verbessert, übernimmt und weiterführt... Es zeigt auch, wie schreibwütig man ist! Es gab wiederum welche, die haben (und das fand ich nicht unbedingt eine gute Reaktion), ja, die sagten: „Dein Inserat hat mich sehr angesprochen, meine Telefonnummer lautet...“ Dann dachte ich: Moment mal, ich kenne dich nicht, wieso soll ich dich jetzt anrufen? Sogar ein Photo von mir schicken? Ich hab sofort blockiert und geschrieben, ich möchte nicht so voreilig sein, ich würde gerne Anonymität wahren. Einige meinten: „Ja, ich finde es zwar mühsam, auf diese Art und Weise miteinander zu kommunizieren, aber ja, wenn’s sein muss...“ [lacht laut]. Ich dachte, diese Person versucht, ihre Wünsche durchzubringen und geht nicht auf Rapunzel ein. Ein Ritter, der nicht auf den Wunsch der Herzensdame eingeht, ist kein wirklicher Ritter.

Die Suche
Mit der Zeit habe ich immer mehr aussortiert – je nachdem, wer mich am meisten angesprochen hat. Ich habe auch die Profile angeschaut, aber das war nicht der Entscheidungsgrund, eine Person zu streichen oder zu belassen, sondern eher die Art und Weise, wie sie auf mein Profil reagiert haben, wie sie geschrieben haben. Anfangs habe ich wirklich versucht, so gut es geht alles zu beantworten. Einige Antworten sind kürzer ausgefallen, andere wiederum länger. Die längeren waren dort, wo ich dachte, da steckt etwas Interessantes dahinter. Komm, schreib doch ein bisschen mehr und dann kommt vielleicht ein guter Anklang. Es war eigentlich ziellos, auf Gutglück. Mit der Zeit hat man dann sortiert (nicht unbedingt, weil wir ähnliche Interessen hatten). Da gab es welche, die haben studiert, oder ein Schreiner, ein Elektroingenieur. Aufs Alter habe ich auch nicht gross geschaut. Es ist interessanter, wenn man sich nicht beschränkt und sagt, nur die jungen oder die älteren. Einfach darauf los geschrieben und geschaut was zurückkommt. Wenn ein Email von Grammatik- und Kommafehlern nur so strotzt, die Nomen kleingeschrieben sind – so Sachen fallen mir sofort auf, ich bin da pedantisch, das stört mich extrem. Es gab sogar welche auf Schweizerdeutsch: „Ich bin der R., lüt mi doch aa!“ Es gab vom Schreibstil her unerwartete Antworten, sehr poetische, sehr intelligente.

Das hat etwa zwei Wochen gedauert, bis ich zu einer engeren Auswahl gelangt bin - zehn oder zwölf. In dieser Zeit hatte ich sehr viel Stress und konnte nicht alles beantworten. Ich musste mich durchringen mit der Zeit, das Interesse ging recht schnell verloren. Es waren alle nett und lieb und interessant. Aber ich war nie sooo wahnsinnig fasziniert, dass ich dachte: „Der ist es!“ Ich hab da kein konkretes Bild im Kopf, wie der „Traummann“ aussieht. Typen mit schwarzem Haar und blauen Augen gefallen mir. Ich war auch mit Menschen zusammen, die blond und gross waren oder etwas kleiner und molliger als ich. Körperlich muss die Person anziehend sein, aber ich kann nicht genau sagen, so muss er nun aussehen. Vielleicht nicht ein wahnsinnig hübscher Typ und trotzdem faszinierend, weil er mich als Ganzes anspricht - egal, ob perfekt oder nicht.

Die Flucht
Ich habe mich nach kurzer Zeit entschlossen, PW* zu verlassen. Ich weiss, dass mich der Klaviermann am meisten beeindruckt hat von allen. Und weil ich ihn mit dieser unangenehmen Erfahrung verbinde wurde alles andere in meinem Kopf ausgelöscht. Es war der Klaviermann, mit dem ich am meisten kommuniziert habe und dem ich am meisten von meiner Persönlichkeit offenbart habe... Darum hat mich das so verletzt. Ich dachte, das ist ein Freund, ein platonischer Freund, mit dem ich über Gott und die Welt rede. Nicht, dass ich das Gefühl hatte, er will schon ab dem dritten Email was mit mir abmachen. Doch genau so kam’s dann. Ich habe versucht, darauf ganz normal zu reagieren: „Warte mal, wir sehen, wie es weitergeht, lieber so weiter kommunizieren“. Und dann hat er zurückgeschrieben: „Doch! Wir müssen uns treffen! Spinnst Du eigentlich? Was bist Du denn für eine?“ Es wurde immer grober und verletzender. Mein Gott, dachte ich, da habe ich mich getäuscht, von wegen Gentleman... Ich hab mich wirklich ungeschützt gefühlt, obwohl er nicht wusste, wer ich bin... Ich hätte mehr aufpassen müssen, alle Mails von ihm hintereinander lesen müssen um zu sehen: Wart mal, es gibt einige Stellen, da zeigt sich der Charakter dieser Person deutlich. Ich habe natürlich sofort angefangen, mich zu fragen: Siehst Du, bei diesem Menschen hättest Du nicht so reagieren dürfen, ihm nichts von dir erzählen dürfen. Schau mal, wie er jetzt reagiert, das war alles verlorene Liebesmühe. Du hast so viel von Dir offenbart, und was passiert? Vorschlaghammer. Du wirst vor dem Kopf gestossen, enttäuscht und verletzt. Im Internet ist es schwieriger, den Charakter einer Person zu deuten. Im Alltag kann man den Gesichtsausdruck, die Körpersprache, die Reaktionen beobachten. Im Internet ist all das nicht gegeben, man kann sehr oft schöne Worte schreiben, schöne Sachen schreiben und die Person hinters Licht führen.

PW
Wenn man PW beschreiben würde, wäre das eine Wolke am Himmel, verschiedene Wolken, auf jeder Wolke sitzen Menschen und schreien sich was zu. Man kann sie nicht sehen, weil so viel Nebel da ist, hört irgendwelche Stimmen, die Wolken schweben, es windet, die Wolken vermischen und distanzieren sich voneinander und dann gibt es wieder eine bessere Atmosphäre. Da kommt man sich wieder näher, kann die Stimmen wieder besser hören. Wie ein Hoch und Tief. Es ist ein Hoch, wunderschönes Wetter, man ist sehr gut drauf, sieht die andern Menschen auf den anderen Wolken um sich herum und denkt, da sind noch sympathische, vielleicht bleibt das Wetter so schön, vielleicht können wir mal unsere Wolke in einer Nachbarswolke aufgehen lassen. Aber dann kommt wieder das Tief, das Wetter wird schlecht, es fängt an zu regnen...

Zurück
Ich habe mich vor etwa einem Monat wieder auf PW eingeloggt. Ich bin zurückgekommen, ja, aber immer noch unsichtbar. Für mich ist die Lehre daraus, dass man sich das Ganze nicht so zu Herzen nehmen darf und darauf gefasst sein muss, dass so etwas passiert. Nicht immer so viel von sich offenbaren, immer versuchen, am Anfang distanziert zu sein, zu sehen, was zurückkommt, die Zeichen zu deuten und erst dann weiter zu gehen, aber immer schrittweise, nie auf ein Mal. Man muss der Sache Zeit lassen. Ich denke, die Plattform ist dazu da, dieses schrittweise Kennenlernen voranzutreiben, diesen Prozess durchzumachen. Man muss bereit sein, Enttäuschungen einzustecken und auch die Motivation, den Willen haben, auszuharren - obwohl man sieht, es ist momentan niemand da, der mich interessiert.

Mit Rapunzel sprach Evelina Bühler-Ilieva

*Name der Datingsite der Redaktion bekannt
 
 
 
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