10 Minuten Mut zu Schreibwut: Toleranz ist kein Glaubensbekenntnis
Was ist sie wirklich wert, unsere Versicherung, tolerant gegenüber anders Denkenden (oder gar Glaubenden) zu sein?
Link zur Schlagzeile: Er ist wieder auf Kreuzzug
In der Schweiz geboren und aufgewachsen, wurde mir die christliche Religion nicht nur doziert, sondern auch - evangelisch - vorgelebt. Daraus fand ich zu einer für mich real existierenden Gottesbeziehung. Ich bete zu meinem Gott und bekomme von ihm klare Zeichen für mein Leben, so ich sie sehen will.
Nach dem Verständnis meiner Religion ist mein Gott der allein selig machende. Trotzdem hat noch keine Missionsgesellschaft von mir einen Franken gesehen, noch käme ich auf den Gedanken, einem Angehörigen einer anderen Religion seinen Glauben ausreden zu wollen. Es ist vielmehr ein unschätzbares Privileg, in vielen Begegnungen von Menschen anderer Religionen lernen zu dürfen, deren Schriften studieren zu können und dabei zu konstatieren, dass uns alle die gleichen Fragen beschäftigen.
Wenn ich meinen Gott befrage, so gibt er mir eine Antwort in aller Klarheit: Er liebt alle Menschen und sie sind alle seine Geschöpfe. Es ist daher nicht schwierig, sich vorzustellen, dass dieser Gott verschiedenen Kulturen in verschiedener Weise den Zugang zu sich eröffnen will.
Alle diese Aufrufe zur Ausschliesslichkeit eines Glaubens und eines Gottesbildes sind Teil der Machtausübung von Kirchen. Wir können sie aber auch als Apelle und Mahnungen verstehen, aus dem Angebot der Weltreligionen keinen Selbstbedienungsladen zu machen, der in der Beliebigkeit endet, weil wir uns überall das heraus klauben, was uns angenehm erscheint und noch passabel in seinen Forderungen.
Ich kann nicht über andere Religionen urteilen, verwirren mich doch unsere eigenen internen Streitigkeiten schon genug. Aber ich weiss, dass mein Vater, als den ich ihn sehe, sich wünscht, dass ich auf geradem Weg gehe und meine Orientierung an ihm habe, so dass er mich auch ermahnen kann, und ich sehr genau weiss, ob ich es mir zu einfach mache oder nicht. Dazu kann auch gehören, dass ich mich zu ihm bekenne, statt vorauseilend immer gleich zu betonen, dass ich tolerant bin und jedem seinen Standpunkt lasse. Ich will mit den Menschen tolerant umgehen, aber nicht in Gleichgültigkeit um sie herum gehen. Und wir bewegen uns auf das Letztere zu:
Wir sind in unserem Bewusstsein ganz offensichtlich so sehr säkularisiert, dass wir nichts anderes an unserer religiösen Identität (und Kultur) noch real präsent haben als die vermeintliche Toleranz. Und die führen wir nur ins Feld, weil wir gleichzeitig den anderen Religionen unterstellen, dass wir ihnen mit dieser Einstellung voraus sind.
Selbst wenn dem so wäre, so läge darin keine Errungenschaft an sich, weil das, was wir an Fremdem zulassen, neben einer eigenen Geschichte steht, die sich uns selbst entfremdet hat und für die wir längst nicht mehr unser Herzblut geben können. Toleranz wird aber dort zur aufgeklärten Willensleistung und Überzeugungstat, wo sie gelebt wird, obwohl wir im Glauben sind, unsere andere Einstellung wäre die Richtige. (Thinkabout)







Diskussion
Liegt es alleine an den Verbrechen der Religionsgeschichte, dass Glaube entweder als Bedrohung erlebt oder durch seinen Liberalismus als unglaubwürdig abgetan wird?
Wenden wir uns von den welcher Denomination auch immer angehörigen Kirchenfürsten und ihrer Gesetzlichkeit ab hin zu einer lebendigen Vater-Beziehung, die geprägt ist von Vertrauen und Liebe, so wird dies jederzeit im authentischen Dialog mit Andersgläubigen stehen, sowie dem wilden Stürmen sog. Atheisten gelassen begegnen können.
Genug, wir sollten uns in jedem Fall bewusst sein, dass für den Umgang mit den anderen Religionen uns Erinnerungen und Verinnerlichungen aus Willi´s Altertum (absolut nicht despektierlich gemeint) und seine Götter auch nicht weiter helfen.
"Denen gegenüber, die mir Böses wollen, lass mich angemessen regieren, und meine Seele möge gelassen bleiben, was auch geschieht". (Babylonischer Talmud)
Das Leben ist nun mal vielseitig und eben nicht Schwarz/Weiss, dagegen kann man ja wohl nicht einzuwenden haben, oder?
Ist "Säkularisierung" ein Problem?
Kann es sein, dass wir mehr religiös unterlegte blutige Konflikte denn je auf dieser Welt haben?
Was sagt Gott zur Bankenkrise? Zum Streik in Bellinzona? Welcher Gott? Wessen Gott? Oder ist das nur ein Umweg, um moralische und ethische Fragen zu verkleiden, statt zu beantworten?
Ich bin auch in der Schweiz geboren und aufgewachsen. Bei mir zuhause hat man die nachbarlichen Katholiken und Juden beobachtet, kommentiert und klassiert. Das hat tief und abschliessend Eindruck auf mich gemacht.
Ich bewundere und geniesse die revolutionär begründete laizistische Verfassung Frankreichs. Auf der fusst übrigens das meiste, was wir heute freiheitlich geniessen.
@Demoscoop und @Mara: Die von Ihnen so bewunderte laizistische Verfassung Frankreichs verhindert nicht, dass sich "La Grande Nation" nach außen durchaus als Staatsmacht aufführt(e), die einmal gesicherte Pfründe nicht freiwillig oder aus Motiven der eigenen (säkularen) Geistesgeschichte herzugeben bereit war und ist. Die Geschichte der Kolonien in Afrika und die Spuren in Asien füllen auch hier Geschichtsbücher. Und die sind nicht durchwegs schon zu Ende geschrieben.
Alle meine humanitäre Erziehung und meine Sozialisierung als Kind und junger Erwachsener war durch religiöse Motive der Nächstenliebe und die positiven Botschaften des Evangeliums bestimmt, ohne dass ich mich je hätte missioniert fühlen müssen.
Fehlt eine entsprechend motivierte Lehrveranstaltung in öffentlichen Schulen, so geht der Erziehung und Ausbildung etwas verloren - und ich kann nicht glauben, dass diese Motivation auf Dauer aus allgemeinen Anschauungen über das Zusammenleben allein garantiert werden kann. Es wird zur Glückssache und mehr als sonst abhängig von der Motivation (schon wieder) des Lehrpersonals. Ein Dilemma, ich weiss. Denn auch ich will eine Erziehung in geistiger Freiheit. Aber wir sind, nach meinem Empfinden, nicht dabei, die Aufklärung zu stärken oder Inhalte zu generieren. Wir sind im Begriff, die Vermittlung von Werten immer mehr zu verflachen, weil wir dem Anspruch, nichts färben zu wollen, nur diesen Tribut zollen können.
Ich kann nicht, ich habs versucht.
@Thinkabout
Du sagst: "Fehlt eine entsprechend motivierte Lehrveranstaltung in öffentlichen Schulen, so geht der Erziehung und Ausbildung etwas verloren - und ich kann nicht glauben, dass diese Motivation auf Dauer aus allgemeinen Anschauungen über das Zusammenleben allein garantiert werden kann."
Ich verstehe nciht genau, von welcher "Motivation" du sprichst.
Wir können doch gute Grundlagen für eine funktionierende Gesellschaft finden, ohne auf die Religionen zurückzugreifen.
@Mücke: Welche Motivation? Die Motivation der Eltern, ihren Kindern mehr als nur ein Wissensgerüst weiter zu geben - und den Menschen, mit denen diese Kinder zusammen leben, das gleiche anzubieten (man sage mir nicht, dass dies nur die Aufgabe der Eltern ist - das funktioniert schon lange nicht mehr). Der Knackpunkt liegt in ihrem letzten Satz: Sie wollen die Grundlagen FINDEN. Also muss noch gesucht werden. Wir schmeissen unsere geistig-religiöse Entwicklungsgeschichte in den Müll, während praktisch alles, was wir uns an freiheitlichem Denken heute vorstellen, daraus gewonnen wurde. Die Religion, die wir als Teil unserer Kultur verleugnen, haben dies nicht unmöglich gemacht. Ich sage sogar: Das Gegenteil ist der Fall. Wir verlieren Identität, ohne eine neue zu haben. Man verfolge nur z.B. die Diskussion unter Atheisten, was dies denn nun genau zu bedeuten hat für X und Y. Das ist ein Gewusel und Gebrabbel mit Schlagworten.
Aber: Mir ist klar, dass ich hier zu einem verstaubten Romantiker werde und ich auf verlorenem Posten stehe. Ich werde es aber immer sehr schade finden, dass Elemente des Christentums und vor allem die Spiritualität der Bibel überhaupt keine Rolle mehr in unserer Erziehung spielen soll: Wie die gelebte Nächstenliebe zum Beispiel. Die Bergpredigt. Die wunderbaren Gleichnisse der Bibel, die so voller Weisheit sind, die Lyrik und Kraft vieler Psalmen. Armes Europa. Uns bleiben Nike, Puma, Adidas. Wie weit liegt der letzte geistig-philosophische Entwurf für eine offene Gesellschaft, die nicht nur das Lebenlassen meint, zurück (und vor allem auch die Grenzen dieser Freiheit definiert)? In Tat und Wahrheit führen wir keine Diskussionen über die Gestaltung unserer Gesellschaft. Wir bauen nichts auf, nachdem wir die alten Gerüste nieder gerissen haben.
Aber ich will nicht länger hier den Religions- und Sozialromantiker spielen, da meine Not eine ziemlich einsame ist.
Während Juden und Moslems auf ihre Identität beharren, haben wir keine mehr. Was habe ich denn anderes erhalten in der Schule als Wissensvermittlung bezüglich Religion. Man hat sehr wohl unterschieden zwischen Wissen und Glaube: Letzteres gehörte in die Sonntagsschule. Wir tun gerade so, als wären wir selbst alle in der Schule zwangs"beglaubigt" worden. Das ist doch alles grosser Quatsch. Und um die Ohren schlagen uns unsere Kinder auch dann alles, was wir nicht vorleben können, wie Du richtig sagst. Es wäre ein ganz anderes Vorleben von Toleranz gegenüber anderem Gedankengut, wenn man dabei wenigstens den eigenen Umgang mit der "eigenen" Religion vorleben bzw. das Wissen darüber darlegen würde.
Eine komplette Ausblendung der eigenen Geistesgeschichte animiert keine Gegenseite, selber Toleranz zu üben. Sie schaut auf uns herab und betrachtet uns als entartet, seelenlos, unmoralisch etc. und braucht dafür vielleicht das Wort "gottlos". Deswegen sollten wir das nicht weniger ernst nehmen.
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