Warum schweigen die Schweizer Schriftsteller?
Anders als im Ausland melden sich Schweizer Autoren kaum je zu Wort, wenn es um politische Fragen geht – auch jetzt vor den Wahlen nicht.
von Lukas Bärfuss (TA 16.10.2007, online leider nicht verfügbar, deshalb hier ausschnittsweise zitiert):
Als Anfang September auf der Frontseite der britischen Tageszeitung «The Independent » ein Artikel mit dem Titel «Switzerland: Europe’s Heart of Darkness?» erschien, war ich gerade in London, um die Inszenierung eines meiner Stücke zu besuchen. Abends nach der Vorstellung war jener Zeitungsartikel das Tischgespräch. Man wollte von mir wissen, ob die beschriebenen Zustände der Wirklichkeit entsprächen. Ja, antwortete ich, die grösste Partei der Schweiz betreibe offen rassistische Wahlwerbung. Ja, die demokratischen Institutionen würden auf allen Ebenen angegriffen. Ja, es gebe Bestrebungen, die Sippenhaft einzuführen. Meine Freunde waren bestürzt, aber geradezu entsetzt waren sie, als ich ihnen auf die Frage, was die Intellektuellen, besonders wir Schriftsteller, zu diesen Entwicklungen zu sagen hätten, nur antworten konnte: Wenig, sehr wenig; sie schweigen.Wenn man sich in Grossbritannien überhaupt noch ein Bild von der Schweizer Literatur macht, dann von einer, die kritisch ist, sich engagiert, um ein verpöntes Wort zu benutzen. Warum schweigen die Schriftsteller? Ich muss zugeben, dass mich diese Frage etwas in Verlegenheit brachte. [...]
Die Mystifikation des Einzelgängers, die ehedem dem Schriftsteller alleine gehörte, ist nun Allgemeingut. Weil der Kapitalismus Wahlfreiheit behauptet und letztlich nur Uniformität zu bieten hat, muss er Vielfalt vortäuschen und verspricht dem Individuum Einzigartigkeit. Jeder will seinen eigenen Stil haben, eine eigene Meinung. Jeder bloggt. Mit der Folge, dass der Schriftsteller nicht mehr weiss, an wen er seine Kritik richten soll. Von seiner Eisscholle aus kann er sich nur an andere Eisschollen wenden. [...]
Es ist auffällig, dass Einwanderer hier zu Lande kaum eine deutschsprachige Literatur hervorgebracht haben; die wenigen Ausnahmen bestätigen nur die Regel. In anderen europäischen Ländern, in Grossbritannien, Frankreich und auch in Deutschland, kommen einige der wichtigsten literarischen Stimmen von Einwanderern und deren Kinder. Die ausgrenzende Politik, die fremdenfeindlichen Initiativen, die seit den 1970er-Jahren periodisch die öffentliche Agenda bestimmen, und dazu der fehlende Wille, Einwanderer sozial und politisch zu integrieren, hatten unter anderem zur Folge, dass die Italiener, die Menschen aus dem Balkan, die Tamilen, alle, die seit Jahrzehnten in diesem Land leben, keine eigene Stimme entwickelt haben. Diese wäre aber notwendig, um eine Kritik zu formulieren, die nicht allgemeine humanistische Ideale verteidigt, sondern deren konkrete, alltägliche Verletzung zum Inhalt hat. [...]
Die Situation des Schweizer Schriftstellers am Anfang des 21. Jahrhunderts gleicht damit jener, wie Sartre sie für das 19. beschrieben hat. Der Schriftsteller ist uneinig mit der Klasse, zu der er gehört und die ihn hervorgebracht hat. Und gleichzeitig hat er keinen Einfluss auf die Unterdrückten, die Sans-papiers, die Illegalen, die Asylbewerber, die sozial Benachteiligten. Er kennt sie nicht, sie lesen seine Bücher nicht, und sie schreiben auch keine eigenen. Es ist auffällig, dass Einwanderer hier zu Lande kaum eine deutschsprachige Literatur hervorgebracht haben; die wenigen Ausnahmen bestätigen nur die Regel [...]
Denn seien wir ehrlich: Schweizer Schriftsteller, hier geboren, mit der Muttersprache Deutsch, ganz gleich, ob links oder rechts, ob wirtschaftlich erfolgreich oder nicht, alle gehören zu einer Elite, von der sie wirtschaftlich abhängen und die sie gleichzeitig ablehnen. Dieser Elite hat der Schweizer Schriftsteller nichts zu bieten, und im Gegenzug braucht diese Elite seine Kritik nicht. Das L’art pour l’art wurde so zur einzigen Möglichkeit, mit einer Gesellschaft, die in ihrer Ideologie gefestigt ist, überhaupt noch zu kommunizieren. [...]
Diese Situation wird sich erst ändern, wenn wir diese Gesellschaft wieder nach ihrer Zukunft befragen. [...]
Es geht nicht darum, eine überkommene Haltung zu kopieren oder wieder zu einer moralischen Institution zu werden, aber solange uns die untauglichen Pfeifen rauchenden Vorbilder der Vätergeneration als Vorwand dienen, keine eigenständige kritische Position zu entwickeln, so lange sagen wir Ja zu einem System, das zunehmend weniger Fragen zu seiner Legitimität zulassen wird und uns durch unser Schweigen nicht einmal mehr nehmen muss, was doch Voraussetzung unserer Arbeit wäre, das freie Wort nämlich. »







Diskussion
http://www.stoehlker.ch/weblog/2007/10/1 7/literatur-tagi-will-nicht-diskutieren/
und nach den Wahlen bereits alles gesagt wurde, was man dazu sagen
könnte. Und weil die Schriftsteller, falls sie dazu etwas sagen oder
schreiben würden, sowieso nicht die Zielgruppe erreichen würden,
die sie erreichen müssten, um eine Änderung zu bewirken (s. Elite-
Problem, im Artikel beschrieben). Wenn sie wieder eine moralische
Institution werden wollen, müssen sie gleichzeitig zeitgemässer
werden.
P.S. Leider ist es bei diesem Artikel nicht mehr möglich, den
Volltext zu lesen. Daher weiss ich nicht, ob ich jetzt alles
wiederkäue, was bereits im Originalartikel stand.
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