Zwischenzeit (1): Wieso Gott unerlässlich ist

Zwischenzeit (1): Wieso Gott unerlässlich ist
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Was uns lieb und teuer und wertvoll ist, bemerken wir erst, nachdem es verschwunden ist. So geschah es auch mit Gott; seit Gottes Tod sind wir zielloser und barbarischer denn je.

VON DAVID BERGER

Der Journalismus sehnt sich nach Intellektuellen, nach beredten, die auch wissen, was ist, oder zumindest glauben zu wissen, was sei. Als Spross dieser zoologischen Gattung, ganz entfremdet und verloren, sowohl weltanschaulich wie auch gesellschaftlich, beweise ich mich nun als Kommentator des Zeitgeschehens. Man heisse mich fortan das Gift, das jede Vernunft zersetzt, jede Moral vergällt, jede Menschenwärme erkaltet und jeden Fortschritt vergilbt.

Wöchentlich kommentiere ich also, was bisher geschah. Hauptsächlich thematisierte ich den Zerfall und den Untergang des Abendlandes, die Dekadenz, den Weg der Moderne, den Nihilismus, den Tod Gottes, die Perspektivlosigkeit der weltstädtischen Jugend, das Hässliche des Menschen, die leeren Ideologien und die allen verlorene Hoffnung; so ungefähr soll mein Programm umgerissen sein.

Genannt David Berger, dem Abschaum Oltens entstammt, zu jung: um zu sterben, zu alt: um zu leben, möchte ich nun hierin meinen «Weltschmerz» therapieren, dessen erster Impuls die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts war, welche die meinigen Beiträge fürderhin bildlich schmückt, aber auch verdunkelt und ermahnt, woran ich mich messen möchte.

(David Berger, FACTS 2.0)

Der letzte Christ, der Gott suchte, war Nietzsche, und nicht, wie so oft kolportiert, der erste Antichrist. Denn Nietzsche befürchtete, und er behielt Recht, dass sobald Gott stürbe, die Welt der Barbarei anheimfalle; wüste und schonungslose Barbarei mitsamt systematischer Volksverdummung, wogegen das von der Kirche verursachte «Leiden» verhältnismässig barmherzig schien.

Inwiefern eine Gesellschaft degeneriert, sobald Gott ermordet, dürfen wir ja heute vielmehr erdulden statt beobachten. Ausserdem erkrankt eine solche Gesellschaft ob des Gifts des Individualismus. Doch die Atheisten entgegen, wir seien zumindest frei, und meinen wohl damit, wir besässen freie Konsumwahl, sofern man die manipulative Werbung subtrahiert. Wir seien also freier und glücklicher als beispielsweise im Mittelalter.

Mitnichten! Das Mittelalter war die fröhlichste Zeit; keine andere Epoche feierte mehr Festtage; immer wurde einer irgendjemandes Ehren veranstaltet. Auch wenn die Kirche bisweilen solche Exzesse beargwöhnte, war sie doch weise genug, sie als «Menschenrecht» zu tolerieren. Genauso übrigens, wie die Funktionselite heutzutage kalkuliert, dass eine mit Brot und Spielen versorgte Masse eine leicht zu kontrollierende und beeinflussende sei.

Mir ist verleidet, derselben Obsession mich zu ergeben, die Hugo Stamm hauptberuflich tätigt; sozusagen vom Leiden der Menschen letztendlich sich nährt, das er gnadenlos ausbeutet und für sich allein als einen Gewinn ummünzt. Ja Menschen leiden, niemand wusste dies besser als Gott, dessen schlichte Existenz zur Projektion menschlicher Sehnsüchte taugte wie diente.

Diesen gnädigen Gott, der uns half, sowohl zu schlechten wie auch zu guten Zeiten, der uns immerfort ermunterte, das Leben zu meistern, auch wenn wir darbten, hungerten und uns gegenseitig stritten, immerzu ehrlich, gut und moralisch korrekt uns zu gerieren, diesen wachenden und die soziale Ordnung stabilisierenden Gott hatten wir hinterrücks erschlagen. Bloss Gott durfte und konnte das unsere faustische Streben ins Unendliche verantworten; wir wähnten uns ja auch geborgen und geleitet, als wir der Natur allerlei Gesetze entlockten; probierten und studierten, wiewohl die Natur zu bändigen und zu beherrschen sei. Die Wissenschaft war noch Wissenschaft, sie war noch Wesen, war ganz Kosmos.

Doch seitdem Gott verblutete, schwand die letzte Ehrfurcht; wir teilten Atome, verstümmelte Gottes Schöpfung und plünderten die Naturschätze. Wir brauchten ja den Planeten niemanden mehr zu verbriefen, weder Gott noch uns selbst; wir wurden somit verantwortungslos, endlich zum Raubtier wieder, das die Christenheit zähmte. Und plötzlich erklomm der Pöbel den Gipfel der Schöpfung, womit die Wissenschaft denn, staatlich subventionierte Anstalten der Mediokrität, endgültig bloss noch Dummheit reproduzierte. Dies alles wurde als gesellschaftlicher Gewinn verbucht; man glaubte sich entfesselt von Gottes Knechtschaft; man glaubte sich weiser und wissender, vielmehr als vorher, als während Gottes Herrschaft.

Gott war Garant, dass wir die Probleme selber lösen mussten; niemanden aufhalsen durften, denn Gott wachte und prüfte, ob die Menschheit gedeihe oder verwelke. Doch seitdem Gott mittels einer vulgärwissenschaftlichen Verleumdung durch «Natur», Verantwortung und Pflicht durch «Masse» und «Gesellschaft» ersetzt wurden, ist der Mensch atomisiert, «gefallen» (Heidegger) und hat deswegen kapituliert; und scheint somit zur tumben Masse, zum weltstädtischen Fellachentum, zum letzten Menschen amputiert.

Und so überschwemmte die Flut des Nihilismus den Geist; fortan zanken Intellektuelle, bekennende Zyniker, wie wohl der Menschheit Schicksal zu handhaben sei. Doch die Menschen verzweifeln, zittern und sind verängstigt; das Vakuum der Metaphysik stopfen nun irre Sekten, quasireligiöse Parteien und die grässliche Wirtschaft. Merke: mit Menschen, die an nichts mehr glauben, ist keine Zukunft und keinen Staat zu machen!
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