Zur Lage der Nation: Wir haben die falschen Vorbilder

Zur Lage der Nation: Wir haben die falschen Vorbilder
istockphoto
70 Tage vor dem Eröffnungsspiel der Fussball-EM 2008.

Wir haben ein Identitätsproblem. Nun müssen wir uns ganz öffentlich mit den Deutschen vergleichen, mit denen wir sonst nie verglichen werden wollen. Deutsche Niederlagen haben uns immer froh gestimmt – ausgerechnet eine solche soll uns jetzt Mut machen, nachdem die Teutonen uns gerade ganz aktuell in den Boden gestampft haben. Auch Deutschland ging vor zwei Jahren in Italien 1-4 unter und spielte danach eine grosse WM.

Dabei ist unser Umgang mit Niederlagen ganz anders, was wir schon damit beweisen, dass Köbi Kuhn nur für die eifrig aufgeputschten Blickleser und andere Trittbrettfahrer wirklich zum Problem geworden ist, trotz vier Niederlagen in Folge und einer - als besondere Knacknuss - auch noch sinkenden Formkurve.

Wir schienen die Verlautbarungen von Trainer und Spielern verinnerlicht zu haben und wollten fröhlich Europameister werden, obwohl das 15 andere auch wollen, wie Köbi nun listig nachschiebt. Noch kann man ein Stadion mit Menschen füllen, die verträumt von Toren per Fallrückzieher aus 16m träumen, während uns der Gegner zum dritten Mal enteilt ist und Benaglio noch die Hand schütteln kann, bevor er einschiebt.

Es ist höchste Zeit für unsere neue Selbstfindung.
Wir sind keine Brasilianer, noch nicht mal deutschsprachige Brasilianer und auch nicht Schweizer Dialekt sprechende Deutsche. Aufwachen! Das Wesen von uns Schweizern ist doch der Geist von Winkelried, die Schlacht bei Marignano und damit ein Spielverhalten, mit dem schon die Griechen vor vier Jahren Europameister geworden sind: hinten schmucklos wie Beton, aber genau so hart, das Spielsystem durch Handwerker zementiert und verinnerlicht, für die eigene Mannschaft einfach zu spielen, für den Gegner aber schwer zu knacken. Und vorne hilft der liebe Gott oder allenfalls der Schiedsrichter oder vielleicht Alex Frei. EIN solcher Moment pro Spiel könnte dann genügen.

Oder wollen wir das tatsächlich nicht? Wollen wir den Fussballzauber und machen wir Stimmung wie Alpenbrasilianer, die auch dann noch jubeln, wenn wir 0:3 hinten liegen, nur weil Gelson Fernandes ein Absatztrick am eigenen Sechzehner gelungen ist? Sind wir tatsächlich so herrlich aufs Spiel versessen und unbeschwert, dass wir uns die Party durch nichts verderben lassen? Und was ist allenfalls der Grund? Hassen wir unsere Urangst vor den früheren ehrenvollen Niederlagen, dass wir lieber freiwillig solche wählen, die schön anzusehen sind?

Dieses grauenhafte WM-Achtelfinale 2006 gegen die Ukraine steckt uns noch immer in den Knochen. Es war schon ohne Elfmeterschiessen eine Zumutung und bescherte den Zuschauern die längsten 120 Minuten, die je dem Publikum an einer WM zugemutet wurden. Obwohl auf dem Resultatblatt einer der grössten Erfolge des Schweizer Fussballs, wollen wir genau das ganz sicher nicht nochmals haben.

Also müssen wir uns entscheiden. Jetzt. Für die bedingungslose Fête vor, während und nach dem Spiel, egal was passiert, welches Wetter herrscht etc. Fatalisten würden angesichts unserer Chancen zu Zynikern werden. Doch mit denen will keiner ein Fest feiern. Wir sind gefordert. Denn eines ist klar: Wir können uns nicht darauf verlassen, dass der Funke von der Mannschaft auf uns überspringt. Die Jungs haben genug mit sich selbst zu tun. WIR müssen den Funken auf den Platz tragen. Egal wie. Dann kann immer und jederzeit ein Feuerwerk ausgelöst werden. (Thinkabout)


Thinkabout wird sich bis zum Start der EM in unregelmässigen Abständen immer mal wieder "zur Lage der Nation" äussern - was böte sich dazu mehr an als die "wichtigste Nebensache der Welt?"

 
 
 
+2 Punkte

Mag den Artikel