31/03/2008 17:48
Mike Ladd: «Nenn’ mich nicht Spoken-Word-Poet»
Leo Tardin, der namhafte Pianist mit Genfer Wurzeln, war nach einer Tour in den USA wieder mal auf unserer Seite des Atlantiks zu hören. Am Ostersamstag trat er mit seinem Projekt «Grand Pianoramax» im Moods im Schiffbau auf. Mit von der Partie war der Drummer Yoann Serra. Wie dieser aus Frankreich angereist war Mike Ladd, in Boston geboren und in Paris wohnhaft, der sich einen Ruf als brandaktueller, innovativer Spoken-Word-Poet erarbeitet hat. Zusammen mit den «Grand Pianoramax» nahm er an diesem Abend die Herausforderung an, das heterogene Publikum auf seine Kosten kommen zu lassen, ohne im Mainstream Zuflucht zu suchen. Denn die Zuhörenden setzten sich aus einer aussergewöhnlich breiten Palette von Jazz- über Electronica- bis zu HipHop-Liebhabern zusammen.
Mike Ladd, der einen M.A. in Poetry der Boston University besitzt, hat sich schon immer mit den verschiedensten Arten von Dichtkunst und Musik befasst. Er scheut sich nicht, Jahrhundertealtes mit Aktuellem zu kombinieren, wenn er etwa eine Melodie aus den Carmina Burana mit einem Rap hinterlegt. Er setzt sich über die Grenzen der Musikstile hinweg und hat von HipHop bis zu Jazz, von Electronica bis zu Afro Punk schon alles gemacht. Wenn er sich aber auf eine Kombination zwischen zwei Musikstilen einlässt, dann tut er dies mit einer Konsequenz, die nicht selten dazu führt, dass er neue Trends in der «Progressive Black Music»-Szene setzt.
Als Wortkünstler machte Mike Ladd als erstes von sich reden, als er den «Nuyorican Poets Café Slam» gewann. Seine Texte erschienen seitdem in diversen Literaturzeitschriften. «Nebenbei» hat er zehn Alben veröffentlicht, einige davon in Zusammenarbeit mit Musikern aus verschiedenen Stilrichtungen. Mit dem Jazzpianisten und Komponisten Vijay Iyer beispielsweise hat er bereits zwei CDs aufgenommen, die sich beide einer eng umrissenen Problematik unserer Zeit widmen: «In What Language?» thematisiert die Atmosphäre auf Flughäfen nach 9/11 und die Schwierigkeiten, die Menschen dunkler Hautfarbe auf internationalen Flugreisen widerfahren, «Still Life with Commentator» die Informationsüberflutung in unserer Gesellschaft. Hier wie in all seinen Texten suggeriert die Art, wie Mike Ladd die Sprache handhabt, auf den ersten Blick Leichtigkeit und Coolness – erst beim zweiten Hinhören fällt auf, mit welcher Präzision er Wörter, Rhythmen, Akzente einsetzt, um eine oft beklemmende Stimmung zu schaffen.
Sabine Gysi (ensuite kulturmagazin): Mike, Du wirst als Spoken-Word-Poet bezeichnet, als vielseitiger Musiker, und auf Deinem Myspace-Profil steht: «Black Music (that means almost everything)». Was genau bist Du?
Mike Ladd: Ich mag es nicht, wenn man mich Spoken-Word-Poet nennt. Einfach «Poet» reicht. Ich sage Dir auch weshalb: Erstens benutzen die elitären, akademischen Kreise diesen Ausdruck, um die Leute auszuschliessen, die sich mit Dichtung auf der Bühne befassen. Zweitens ist es gefährlich, in einer reinen Slam-/Spoken-Word-Umgebung zu arbeiten, weil Du dann anfängst, für die Zuhörer zu schreiben. Der Hauptfokus muss aber die Poesie sein; ich darf nie aufhören, meine «Poesiemuskeln» zu trainieren.
Ich befasse mich parallel auch immer wieder mit Rap. Er reizt mich, weil er eine neue Art von Formalismus in Bezug auf das Versmass darstellt und daher viel interessanter als ganz freie Poesie ist. Ich entwickle auch laufend meine eigenen Codes: So arbeite ich bei einigen meiner Songs mit jambischen Pentametern. Wenn ich Rap in Versmassen schreibe, bin ich viel disziplinierter. Meine Texte müssen auf dem Papier und auf der Bühne funktionieren.
Ist es das, was einen guten Poeten oder Spoken-Word-Poeten ausmacht?
Ja, und man muss die Traditionen beachten und kennen. Die Tradition der Dichtung, aber auch die Tradition des Rap und der Black Music. Um überzeugend zu sein, benötigt man zudem etwas, das bei jeder Art von Kunst das Wichtigste ist: Absolute Furchtlosigkeit. Als sprängst Du ohne Fallschirm aus einem Flugzeug.
Wie bist Du zum Wort und zur Musik gekommen?
1981 war ich ein Teenager, und der Rap schlug in Boston ein. Damals kam die afroamerikanische Kultur direkt aus den 60ern; da gab es Malcolm X und die Black Panthers, und dann ging es ohne Zwischenstopp ins Heute. Was jetzt passierte, war eine Revolution. Ich ging nach New York. Wenn man dort als afroamerikanischer Kulturschaffender anders sein wollte, auf eine unorthodoxe Art MC sein wollte, musste man sich an dieser alternativen Spoken-Word-Szene beteiligen. Erykah Badu war für kurze Zeit dabei, Mos Def, das Antipop Consortium und viele andere. Dort nahm die «Progressive Black Music»-Szene ihren Anfang.
«Grand Pianoramax» haben soeben die CD «The Biggest Piano in Town» herausgegeben, auf der nebst anderen Wortkünstlern auch Mike Ladd zu hören ist. Der Pianist Leo Tardin und seine Grand Pianoramax treten zudem gemeinsam mit zwei Spoken-Word-Poeten am 12. April am Jazz Festival in Cully auf.
Autorin: Sabine Gysi. Dieser Artikel erschien im ensuite kulturmagazin, Ausg. April 08
Mike Ladd, der einen M.A. in Poetry der Boston University besitzt, hat sich schon immer mit den verschiedensten Arten von Dichtkunst und Musik befasst. Er scheut sich nicht, Jahrhundertealtes mit Aktuellem zu kombinieren, wenn er etwa eine Melodie aus den Carmina Burana mit einem Rap hinterlegt. Er setzt sich über die Grenzen der Musikstile hinweg und hat von HipHop bis zu Jazz, von Electronica bis zu Afro Punk schon alles gemacht. Wenn er sich aber auf eine Kombination zwischen zwei Musikstilen einlässt, dann tut er dies mit einer Konsequenz, die nicht selten dazu führt, dass er neue Trends in der «Progressive Black Music»-Szene setzt.
Als Wortkünstler machte Mike Ladd als erstes von sich reden, als er den «Nuyorican Poets Café Slam» gewann. Seine Texte erschienen seitdem in diversen Literaturzeitschriften. «Nebenbei» hat er zehn Alben veröffentlicht, einige davon in Zusammenarbeit mit Musikern aus verschiedenen Stilrichtungen. Mit dem Jazzpianisten und Komponisten Vijay Iyer beispielsweise hat er bereits zwei CDs aufgenommen, die sich beide einer eng umrissenen Problematik unserer Zeit widmen: «In What Language?» thematisiert die Atmosphäre auf Flughäfen nach 9/11 und die Schwierigkeiten, die Menschen dunkler Hautfarbe auf internationalen Flugreisen widerfahren, «Still Life with Commentator» die Informationsüberflutung in unserer Gesellschaft. Hier wie in all seinen Texten suggeriert die Art, wie Mike Ladd die Sprache handhabt, auf den ersten Blick Leichtigkeit und Coolness – erst beim zweiten Hinhören fällt auf, mit welcher Präzision er Wörter, Rhythmen, Akzente einsetzt, um eine oft beklemmende Stimmung zu schaffen.
Sabine Gysi (ensuite kulturmagazin): Mike, Du wirst als Spoken-Word-Poet bezeichnet, als vielseitiger Musiker, und auf Deinem Myspace-Profil steht: «Black Music (that means almost everything)». Was genau bist Du?
Mike Ladd: Ich mag es nicht, wenn man mich Spoken-Word-Poet nennt. Einfach «Poet» reicht. Ich sage Dir auch weshalb: Erstens benutzen die elitären, akademischen Kreise diesen Ausdruck, um die Leute auszuschliessen, die sich mit Dichtung auf der Bühne befassen. Zweitens ist es gefährlich, in einer reinen Slam-/Spoken-Word-Umgebung zu arbeiten, weil Du dann anfängst, für die Zuhörer zu schreiben. Der Hauptfokus muss aber die Poesie sein; ich darf nie aufhören, meine «Poesiemuskeln» zu trainieren.
Ich befasse mich parallel auch immer wieder mit Rap. Er reizt mich, weil er eine neue Art von Formalismus in Bezug auf das Versmass darstellt und daher viel interessanter als ganz freie Poesie ist. Ich entwickle auch laufend meine eigenen Codes: So arbeite ich bei einigen meiner Songs mit jambischen Pentametern. Wenn ich Rap in Versmassen schreibe, bin ich viel disziplinierter. Meine Texte müssen auf dem Papier und auf der Bühne funktionieren.
Ist es das, was einen guten Poeten oder Spoken-Word-Poeten ausmacht?
Ja, und man muss die Traditionen beachten und kennen. Die Tradition der Dichtung, aber auch die Tradition des Rap und der Black Music. Um überzeugend zu sein, benötigt man zudem etwas, das bei jeder Art von Kunst das Wichtigste ist: Absolute Furchtlosigkeit. Als sprängst Du ohne Fallschirm aus einem Flugzeug.
Wie bist Du zum Wort und zur Musik gekommen?
1981 war ich ein Teenager, und der Rap schlug in Boston ein. Damals kam die afroamerikanische Kultur direkt aus den 60ern; da gab es Malcolm X und die Black Panthers, und dann ging es ohne Zwischenstopp ins Heute. Was jetzt passierte, war eine Revolution. Ich ging nach New York. Wenn man dort als afroamerikanischer Kulturschaffender anders sein wollte, auf eine unorthodoxe Art MC sein wollte, musste man sich an dieser alternativen Spoken-Word-Szene beteiligen. Erykah Badu war für kurze Zeit dabei, Mos Def, das Antipop Consortium und viele andere. Dort nahm die «Progressive Black Music»-Szene ihren Anfang.
«Grand Pianoramax» haben soeben die CD «The Biggest Piano in Town» herausgegeben, auf der nebst anderen Wortkünstlern auch Mike Ladd zu hören ist. Der Pianist Leo Tardin und seine Grand Pianoramax treten zudem gemeinsam mit zwei Spoken-Word-Poeten am 12. April am Jazz Festival in Cully auf.
Autorin: Sabine Gysi. Dieser Artikel erschien im ensuite kulturmagazin, Ausg. April 08







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