10 Minuten Mut zu Schreibwut: Vom Versuch, Liebe ohne Sex zu beschreiben

10 Minuten Mut zu Schreibwut: Vom Versuch, Liebe ohne Sex zu beschreiben
Thinkabout
Schlagzeile: Feuchtes Delta der Venus. Stichwort: Sexualisierung.
Ans Licht gezerrt wird jede Schönheit stumpf. Ein Mutmacher für den Versuch, Schönheit zu enthüllen, aber nicht zu entblössen.


Link zur Schlagzeile: Feuchtes Delta der Venus
und auch: Der Sexklick, und Zeitalter der Aufklärung


Stellen Sie sich vor:

Wir schreiben das Jahr 2010. In der Öffentlichkeit wird diskutiert, ob Pornographie als Hilfsmittel in der Sexualkunde eingesetzt werden soll, und wenn ja, ob schon bei Erstklässlern oder erst in der zweiten Klasse.

Dafür werden Handys mit dem Brunftgeschrei des Pornostars Röchel Spitz auf den Pausenplätzen und in den Klassenzimmern verboten. Charlotte Roche hat soeben ihren dritten Roman veröffentlicht (1001 Verwendungen für einen Tampon, 1. Teil).

Kurz: Wir entwickeln uns einfach so weiter wie bisher.

Und dann, eines Tages, geschieht das Unglaubliche:

Günther Jauch präsentiert in seiner Talk-Show "Jauchzer" einen völlig unbekannten Mann, der seinen Namen vergessen hat und von dem niemand wirklich weiss, wo er herkommt. Wir erfahren, dass er vor etwa fünfzig Jahren sich in eine stille Kammer zurück gezogen hat, "weil ich wusste, ich will ein Buch schreiben. Es ist die Geschichte einer Liebe", führt er aus, "zwischen einem einfachen Mann und einer einfachen Frau in der Stadt, die lange, sehr lange währt." Gelächter über den alten Mann, wie er da sitzt mit seiner Cordhose.

Das ist bestimmt der Anfang einer köstlichen Persiflage. Der alte Mann mag nicht reden. Aber das kann Jauch ja besser, und er erklärt, dass in diesem Buch von der Liebe erzählt wird und fast nur von ihr. Dass kein einziger sexueller Akt detailliert beschrieben würde. Jetzt rappeln sich die ersten hoch im Publikum? Kein Sex? Das ist ja schon fast wieder revolutionär! Vielleicht gar eine Sensation?

Und dass doch jedes Wort so da auf dem Papier stünde, erklärt Jauch weiter, dass man wüsste, der Autor hätte nichts als die reine Schönheit gesehen. Und davon wolle er erzählen.

Dann lässt Jauch aus dem Buch vorlesen. Die Sendung, die sonst voller greller Bilder ist, bleibt 90 Minuten lang eine Tonhalle, in der eine einzige Frauenstimme die Worte liest, mit denen eine alte Seele von ihrem ewig jungen Glück erzählt:

Eine Blütenspitze der Schönheit sehen und riechen zu dürfen und nach ihrer tieferen Quelle zu fragen. Die Vorleserin erzählt vom Glück, das es bedeutet, sich einer verhüllten Schönheit als ehrfürchtiger Entdecker nähern zu dürfen.

Das Kapitel heisst: "Vom Glück, die Bewunderung zu lernen." Und im Saal weicht in jedem Körper ein Stück der immer alten Gier auf das doch nie mehr Neue. Die Worte eines utopischen Buches schenken eine neue Sprache für versunkene Welten und lassen erleben, wie sich das vermeintlich Gewöhnliche wieder in das Besondere verwandelt. Kopf und Herz wenden sich der Seele zu.

Ob Worte das jemals vermögen werden? Ein solches Buch kann wohl heute nicht mehr geschrieben werden. Schade drum. Wenn Sie mich einen Naivling nennen - ich kann gut damit leben. Aber ich würde mich grämen, hätte ich die Gedanken für diese Kolumne nie gedacht - und gefühlt. (Thinkabout)

 
 
 
+7 Punkte

Mag den Artikel

Mag ihn nicht