10 Minuten Mut zu Schreibwut: Vom Versuch, Liebe ohne Sex zu beschreiben
Ans Licht gezerrt wird jede Schönheit stumpf. Ein Mutmacher für den Versuch, Schönheit zu enthüllen, aber nicht zu entblössen.
Link zur Schlagzeile: Feuchtes Delta der Venus
und auch: Der Sexklick, und Zeitalter der Aufklärung
Stellen Sie sich vor:
Wir schreiben das Jahr 2010. In der Öffentlichkeit wird diskutiert, ob Pornographie als Hilfsmittel in der Sexualkunde eingesetzt werden soll, und wenn ja, ob schon bei Erstklässlern oder erst in der zweiten Klasse.
Dafür werden Handys mit dem Brunftgeschrei des Pornostars Röchel Spitz auf den Pausenplätzen und in den Klassenzimmern verboten. Charlotte Roche hat soeben ihren dritten Roman veröffentlicht (1001 Verwendungen für einen Tampon, 1. Teil).
Kurz: Wir entwickeln uns einfach so weiter wie bisher.
Und dann, eines Tages, geschieht das Unglaubliche:
Günther Jauch präsentiert in seiner Talk-Show "Jauchzer" einen völlig unbekannten Mann, der seinen Namen vergessen hat und von dem niemand wirklich weiss, wo er herkommt. Wir erfahren, dass er vor etwa fünfzig Jahren sich in eine stille Kammer zurück gezogen hat, "weil ich wusste, ich will ein Buch schreiben. Es ist die Geschichte einer Liebe", führt er aus, "zwischen einem einfachen Mann und einer einfachen Frau in der Stadt, die lange, sehr lange währt." Gelächter über den alten Mann, wie er da sitzt mit seiner Cordhose.
Das ist bestimmt der Anfang einer köstlichen Persiflage. Der alte Mann mag nicht reden. Aber das kann Jauch ja besser, und er erklärt, dass in diesem Buch von der Liebe erzählt wird und fast nur von ihr. Dass kein einziger sexueller Akt detailliert beschrieben würde. Jetzt rappeln sich die ersten hoch im Publikum? Kein Sex? Das ist ja schon fast wieder revolutionär! Vielleicht gar eine Sensation?
Und dass doch jedes Wort so da auf dem Papier stünde, erklärt Jauch weiter, dass man wüsste, der Autor hätte nichts als die reine Schönheit gesehen. Und davon wolle er erzählen.
Dann lässt Jauch aus dem Buch vorlesen. Die Sendung, die sonst voller greller Bilder ist, bleibt 90 Minuten lang eine Tonhalle, in der eine einzige Frauenstimme die Worte liest, mit denen eine alte Seele von ihrem ewig jungen Glück erzählt:
Eine Blütenspitze der Schönheit sehen und riechen zu dürfen und nach ihrer tieferen Quelle zu fragen. Die Vorleserin erzählt vom Glück, das es bedeutet, sich einer verhüllten Schönheit als ehrfürchtiger Entdecker nähern zu dürfen.
Das Kapitel heisst: "Vom Glück, die Bewunderung zu lernen." Und im Saal weicht in jedem Körper ein Stück der immer alten Gier auf das doch nie mehr Neue. Die Worte eines utopischen Buches schenken eine neue Sprache für versunkene Welten und lassen erleben, wie sich das vermeintlich Gewöhnliche wieder in das Besondere verwandelt. Kopf und Herz wenden sich der Seele zu.
Ob Worte das jemals vermögen werden? Ein solches Buch kann wohl heute nicht mehr geschrieben werden. Schade drum. Wenn Sie mich einen Naivling nennen - ich kann gut damit leben. Aber ich würde mich grämen, hätte ich die Gedanken für diese Kolumne nie gedacht - und gefühlt. (Thinkabout)







Diskussion
( http://books.guardian.co.uk/departments/ generalfiction/story/0,6000,1652812,00.h tml )
Der Grund liegt nicht etwa darin, dass die Szenen anstössig oder jugendgefährdend sein könnten, sondern diese Passagen sind oftmals reiner Textmüll.
Beinahe jeder Autor wird beim Versuch, Sex zu beschreiben, scheitern, weil er unromantische physische Details einbringt. Deshalb ist in neun von zehn Fällen der Leser, wenn er traurig seufzt, weil er auf eine der Sex-Szenen gestossen ist, die so grosszügig in der modernen Literatur verteilt sind, nicht prüde: Er leidet unter schlechter Kunst.
Könnte man obendrein nicht auch einen Preis für schlechten Sex im Film ins Leben rufen?
Zusatzgedanke: Wieso wirken Henry Miller’s „Quiet Days in Clichy“ und Anais Nins „Delta“ so erfrischend, selbst (noch) in der deutschen Übersetzung?
Henry hat doch sämtliche gender questions aufs gröbste verletzt, aber der Kerl wird mir lebenslang sympathisch bleiben; Anais hat mit dem „Delta“ Auftragsabreiten zum reinen Geldverdienen geschrieben, trotzdem ist Literatur herausgekommen. Was ist heute so völlig anders? Weil jede(r) darüber schreiben kann, so viel er will? Ermüdungserscheinungen? Ständige Grenzüberschreitung und als Folge davon die totale Abstumpfung?
Vielleicht sollten wir trotz in-virto-fertilisation und gender rules daran denken, dass es sehr lust- und freudvolle Möglichkeiten gibt, das Zusammenleben intim zu gestalten.
Und was betrachten wir als zeitlose Mode? Ganz entspanntes Zeugs.
So wirds auch bei diesem Trend sein.
Warum immer so aufgeregt reagieren?
Ich denke, Du magst weder das eine noch das andere. (Vulgär oder Episkopal)
Kürzlich habe ich ein schönes Bändchen mit erotischen Geschichten aus "Decamerone" erworben. Nein, nicht weil das kopulative gerade so aktuell ist, im Gegenteil, nämlich weil es bei Zweitausendeins für 2 Euro verramscht wurde und ich hatte noch keins.
"Wer diese Geschichten lesen will, soll die lassen, die ihm zuwider sind und die lesen, die ihn freuen." Boccaccio, 1348.
So isses. Auch 650 Jahre später.
So isses. Auch 650 Jahre später.
Dieses Zitat finde ich klasse, weil es einfach auf so vieles im Leben zutrifft. Toleranz, dieses ständig missbrauchte Wort, würde viel Streit und unendliche Diskussionen verhindern, bzw. Niveau bei der Diskussion sicher stellen, wenn denn jede der Parteien "Toleranz" auch leben würde!!
es tut mir Leid, aber ich bin sicher, Sie haben es schon befürchtet: Ich verstehe Ihre Eva nicht wirklich, oder nur in Ansätzen. Es ist doch Ihre Eva, nehme ich an, in sich schon ein Zwitter, irgendwie, weil Mann Frau spielt wie an der Fasnacht, oder was? Und der Künstler sind Sie?
Und wann spricht Eva von welchem Text? Die Gute scheint mir ein bisschen verwirrt und ich bin es jetzt auch.
Aufgeschreckt hat mich Ihre Eva dann doch noch mit dem Satz:
ES GEHT NICHT UM EROTIK, die eine welt der angst ist.
Was, wenn es genau umgekehrt wäre? Wenn Pornographie eine Art Strategie darstellt, mit einer tieferen Grundangst vor der körperlichen Lust umzugehen - und die Erotik der mutige Versuch wäre, diese Angst zu überwinden und in der Lust auch die Geborgenheit im eigenen Körper zu entdecken und die wirkliche Freiheit zu finden?
Ich fände es toll, wenn wir in diesem Thread eine Diskussion über Toleranz hinkriegten (nicht Gleichgültigkeit oder Wurschtigkeit) so wie sie an anderer Stelle über Frau/Mann mehr als 100 Beiträge schaffte.
Das ist nur noch intellektuell und voellig an der Realitaet vorbei. Wenn man einem Gipser oder Maurer oder Strassenbauer erzaehlt, dass er sich Pornos anschaut, weil er Angst vor den Frauen hat, die ewig an ihm vorbeigehen mit den langen Beinen und runden Titten, dass es "mutig von ihm sei", wenn er die Angst vor dem Ficken ueberwindet und "Geborgenheit im eigenen Koerper" finde, dann speit er das Bier uebern Tisch und lacht sich zu Tode. Haette ich waehrend der Schulzeit in den Sommerferien nicht auf dem Bau gearbeitet, wuerde ich mir eventuell Gedanken darueber machen.
Pornographie ist eine "Strategie" ohne grossen Aufwand Spermien loszuwerden. Ohne Pornographie waeren Maenner ziemlich am Arsch, weil sie die ganze Zeit irgendwelchen Roecken nachrennen, Roecke die sich - zu Recht und zum Glueck - in 99 von 100 Faellen nicht zur freiwilligen Spermienerleichterung ueberreden lassen.
Ob es der feministischen Ideologie nun passt oder nicht: Maenner denken in vielen von 100 Faellen : "Die wuerd ich ficken", Frauen denken in einem von 100 Faellen: "Von dem wuerd ich mich ficken lassen". Die Konsequenzen dessen (literarisch wie sozial) sind bekannt.
Eine Frau, die darueber schreibt, von wem sie sich ficken lassen will (egal ob bloss phantasierend oder berichtend) erregt Neid und Frustration unter Maennern, ein Mann der dasselbe tut, wirkt bloss laecherlich.
Ob Ihre Übersetzung für Bauarbeiter im Übrigen gelungen ist, mag ich jetzt nicht mehr beurteilen. Bei uns ist es 3 Uhr in der Früh, bei Sommerzeit, entschuldigen Sie also bitte.
Im übrigen haben Sie ja nun die Zündschnur ausgelegt, und wir werden ja sehen, ob daraus ein Explosiönchen wird.
@ rattenkoenig: Sie schreiben: „aber die Männer werden von der Schweizer Gesellschaft immer mehr dazu gezwungen.“ – Wer konkret zwingt Sie zu was?
@ Sabine_Gysi: Sie schreiben: „Es gibt viele schöne und auch feinfühlige Romane, in denen sowohl Liebe als auch Erotik vorkommen.“ Bitte um Nennung der Autoren und Titel. Haben Sie vielen herzlichen Dank für Ihre Empfehlungen!
@ Reichenstein: Sie schreiben: «Frauen denken in einem von 100 Faellen: "Von dem wuerd ich mich ficken lassen“». Woher haben Sie diese Zahl? Sie glauben doch nicht etwa, dass Frauen nicht ausgeprägte erotische Phantasien hätten, oder? Das fänd ich sehr bedauerlich. Und ich würde Sie eines Besseren belehren müssen.
Und ein Gedanke:
@ thinkabout: Ich finde das Wort «mutig» in diesem Zusammenhang mitnichten bescheuert, sondern ausgesprochen mannhaft.
Das (zugegebenermassen primitive aber -- wie immer -- auch humoristisch gemeinte) Modell ist:
Fall A) Eine Frau sitzt im Cafe. 100 Männer gehen an ihr vorbei. Wie oft denkt sie: "Von dem will ich mich ficken lassen!"?
Fall B) Ein Mann sitzt im Cafe. 100 Frauen gehen an ihm vorbei. Wie oft denkt er: "Die würd ich ficken!"?
Es gibt sicher irgendwelche Studien darüber... Wenn ihr Frauen meint, dass die Quote tatsächlich dieselbe sein sollte, dann hab ich heute viel gelernt. Ich brauch aber bessere Facts als bloss "Wir haben auch Phantasien".
Meiner Erfahrung nach bewegen sich Männer im Bereich 5:95 (Geisteswissenschaftler) bis 30:70 (Pizzabäcker). Frauen würde ich eher im Bereich 1:100 (Chefsekretärin) bis 10:100 (Partyorganisatorin in Ibizza) ansiedeln. Ausnahmen (professioneller Giggerfrosch, diplomierte Nymphomanin bzw Bakterienfreak und Viktorianische Gouvernante) ausgeschlossen.
Die Schätzung beruht u.a. darauf, dass viele meiner ehemaligen Studienkollegen während Jahren(!) keine Frau ins Bett gekriegt haben.
Für Olivers Statistik: Wir waren nur Jungs. Ich war immer das letzte oder vorletzte Brett. Seither habe ich kaum mehr Schach gespielt, mich nie mehr näher für Porno interessiert, aber erotisch bestens gelebt.
Sehr schöne Fragen, die Sie da stellen:
Was ist heute so völlig anders? Weil jede(r) darüber schreiben kann, so viel er will? Ermüdungserscheinungen? Ständige Grenzüberschreitung und als Folge davon die totale Abstumpfung? Vielleicht sollten wir trotz in-virto-fertilisation und gender rules daran denken, dass es sehr lust- und freudvolle Möglichkeiten gibt, das Zusammenleben intim zu gestalten.
Wir können noch so oft "ganz offen" vom Ficken reden. Deswegen wird es nicht ein Wort wie jedes andere. Es beschreibt ja auch nicht etwas Beliebiges. Und wenn damit tatsächlich mit einem Alltagswort Unwichtiges beschrieben würde, so hätten wir definitiv etwas verloren. Ich möchte Ihren positiven Anschub am Ende ergänzen und erweitern - mit Fragen meinerseits:
Warum führt in unserer Gesellschaft der scheinbar freiere Umgang mit Sexualität, mit ihrer Visualisierung und Verbalisierung nicht wirklich zu einer Befreiung, sondern zu einer Verkrampfung? Denn nur das sehe ich darin, wenn diese normativ freier gewordene Verhaltung (eine Haltung ist es hoffentlich noch nicht) nur dazu führt,dass wir immer grobschlächtiger und direkter, immer plakativer und geistig-emotional vertunnelt nur die Variante sehen, schamloser zu sein als je zuvor. Warum entsteht keine freie Energie für neue Beschreibungen, weshalb werden wir ausschweifend, aber nicht weitschweifend? Warum nur sind unsere Worte so schnell am Ende und Romantik nur noch lächerlich? Mir scheint, dass wir nirgends so sehr versagen, mit unserem Mehr an Zeit und den verminderten Zwängen (?) etwas uns wirklich Erfreuendes anzufangen, wie beim Thema Sex.
Die Bücher von Karel G. Van Loon (bisher habe ich nur die ersten 2 gelesen, "Passionsfrucht" und "Lisas Atem"): Traurig, sinnlich, und voll von Momenten, die einem nicht mehr aus dem Kopf gehen. - Bestimmt nichts wahnsinnig Anspruchsvolles, aber gut geschrieben und packend.
Vielleicht sollte die Facts Redaktion zwischendurch Themen Vorschläge in der Community zur Abstimmung bringen, damit nach einer Abstimmung die grosse Schar der Text- und Wortzauberer in der Facts Community ein Thema aus der Top 5 oder 10 Liste aussuchen > reservieren > aufbereiten und präsentieren können.
Manchmal ist ficken eben das treffende Wort.
Eines meiner Angebote an die Redaktion war es: Mir das Thema jeweils vorschreiben zu lassen. Nun,so weit wollte man es nicht treiben. Ich wähle also egoistisch selbst. Aber ich könnte mir sehr wohl vorstellen, das Thema nach Vorschlägen bestimmen zu lassen - vielleicht sogar so, dass es zuvor bekannt ist, z.B. am Sonntag: Nächsten Dienstag gibt es "10 Minuten Mut zur Schreibwut" zum Thema: verbale Aggression [ fiktives Beispiel ].
Natürlich sollte dieses sich auf eine angestossene Lead-Geschichte der letzten Woche beziehen.
Könnte von Euch der Redaktion auch so vorgeschlagen werden. Oder auch ganz anders. Ich bin für alles offen. Anregungen und Wünsche für Kolumnenthemen nehme ich gerne entgegen.
Da ich noch sehr jungfräulich mit der Challenge Schreibauftrag umspringe, bin ich äusserst dankbar, selbst das Thema spätestens am Sonntag festmachen zu können. Erscheinen soll die Kolumne jeweils Dienstags (vielleicht ist es ja schon gelungen, ein paar von Euch ein bisschen darauf "anzufixen").
An dieser Stelle: Haben Sie alle vielen Dank für Ihr Interesse und den tollen Input, der mir sehr viel bedeutet. Auch und gerade, wenn er kritisch ist, und mir dadurch andere Sichtweisen erschliesst.
Und jetzt möchte ich non @vonRealx danken, dass Sie @Demoscoop's Anregung aufgenommen haben. Wie weit wohl und mit welchem Ansatz würde bei diesem Thema wirklich gelebte Toleranz helfen - und wo kann sie ansetzen. Wo fehlt sie und wie wäre sie zu fördern?
Jede andere, durch die Dynamik bestimmte Richtung darf das Ganze - natürlich - auch nehmen. Da können wir uns ja alle überraschen lassen. Immer wieder.
Und wenn eine Debatte zum Erliegen kommt, ist es wie mit dem besten Sex auch: Sie erschöpft (sich), und man kann sich - hoffentlich - zufrieden und ermattet der Ruhe widmen. Übrigens ist für mich eine anregende, lebhafte, interaktiv Gedanken anstossende Diskussion wie die Kunst der Erotik ein sehr feinfühliges, viele Nervenenden ansprechendes Begegnen. Allerdings gehe ich jetzt dennoch ins Bett zum Kuscheln.
Was mich verblüfft: Wie viele Männer ein Bild der weiblichen Sexualität pflegen, das aus dem 19. Jahrhundert stammt.
Etwas hat sich in den letzten Jahrzehnten nämlich radikal verändert: Das ständige Reden über Sex, das unablässige Denken an Sex, das endlose Wollen von Sex, alles Dinge, die bis dahin den Männern zugeschrieben wurden, sind zur Domäne der Frauen geworden. Wo heute über Sex diskutiert wird, führen fast immer Frauen das Wort. Sie füllen Kolumnen, schreiben Bücher und bestreiten Talkshows. Sie fordern Sex ohne Socken, Sex ohne Intimbehaarung, Sex ohne Kerzen, aber auch Sex mit Spielzeugen, Sex mit Phantasie, Sex mit Leidenschaft. Frauen sind Meinungsführerinnen in Sachen Sex. Kann es da verwundern, dass sie in Wahrheit auch häufiger an Sex denken als die Männer, und zwar bereits am Morgen, in der U-Bahn, auf dem Weg zur Arbeit? 42 Prozent tun es! Aber nur 22 Prozent der Männer. (Quelle: «Sex and the Psyche» von Brett Kahr, der für das British Sexual Fantasy Research Project 20153 Briten und Amerikaner befragt und dabei weitaus interessantere Dinge ans Licht gebracht hat.)
Natürlich kann man den Stauffacher nicht mit dem Strand von Ipanema vergleichen... Vreni Meier hat sicher viel Spass in den Ferien in Brasilien. Seppi Müller aber eben auch. Zurück in Schwammendingen sieht aber alles ganz anders aus. Und sagen Sie mir nicht, das sei ein Vorurteil.
Wenn Sie meinen Beitrag bis zu Ende lesen würden, dann könnten Sie zudem sehen, dass sich die zitierte Studie auf Grossbritannien und die USA bezieht. Aber Sie dürfen natürlich auch weiterhin an Ihren Geschlechtervorurteilen festhalten.
Ich für meinen Teil bin der Ansicht, dass Geschlechtervorurteile die ungeheuere Sprengkraft haben nicht nur das Verhältnis zwischen Männern und Frauen im Allgemeinen, sondern auch eine Partnerschaft im Besonderen zu zerstören. Wenn Ihre Freunde in den gleichen Frau-Mann-Klischees denken und fühlen wie Sie, wundert es mich nicht, wenn sie so viele frustrierende Erfahrungen machen.
"In einem Wirtschaftssystem, in dem Entlassungen verboten sind, findet ein jeder recht oder schlecht seinen Platz. In einem sexuellen System, in dem Ehebruch verboten ist, findet jeder recht oder schlecht seinen Bettgenossen. In einem völlig liberalen Wirtschaftssystem häufen einige wenige beträchtliche Reichtümer an; andere verkommen in der Arbeitslosigkeit und im Elend. In einem völlig liberalen Sexualsystem haben einige ein abwechslungsreiches und erregendes Sexualleben; andere sind auf Masturbation und Einsamkeit beschränkt. Der Wirtschaftsliberalismus ist die erweiterte Kampfzone, das heißt, er gilt für alle Altersstufen und Gesellschaftsklassen. Ebenso bedeutet der sexuelle Liberalismus die Ausweitung der Kampfzone, ihre Ausdehnung auf alle Altersstufen und Gesellschaftsklassen." Michel Houellebecq: Ausweitung der Kampfzone
http://archquo.nouvelobs.com/cgi/article s?ad=people/20051012.OBS1891.html&host=h ttp://permanent.nouvelobs.com/
Um wieder auf die Kolumne vom Thinabout zurückzukommen: "Die Vorleserin erzählt vom Glück, das es bedeutet, sich einer verhüllten Schönheit als ehrfürchtiger Entdecker nähern zu dürfen". War das der Punkt? Oder nicht?
Hier noch ein hübsches Zitat aus der neuen Weltwoche von Peter Stamm, der wohl Sie und Ihre Freunde vor Augen gehabt haben muss: „Es braucht wenig um Frauen zu gefallen. Aber die Konkurrenz ist ja auch nicht gross. Viele Männer interessieren sich ja mehr für Autos als für Frauen. Und dann gibt’s noch die, die sich für Velos interessieren.“
Womit wir, @Evelina, wieder beim ursprünglichen Thema wären. Peter Stamm sagt da nämlich auch: «In der Literatur ist es (der Sex) die Möglichkeit, zwei Menschen zusammenzuführen. Die Sexszene selbst ist ja nicht interessant.» In der Tat, so meint der Interviewer, seien die Sexszenen in Stamms Romanen so sachlich wie eine Steuererklärung. Schade, hat Stamm es versäumt Thinkabouts Gedanken aufzunehmen.
Ihrem Wunsch an @Reichenstein entnehme ich, dass - sehe ich nur noch Ihre Hacken, ich rot sehe (für Insider, auch frischgebackene). Was also dokumentiert, dass - garantiert - mindestens zehn Männer, ich eingeschlossen, seit Ihrem Eintrag nach Leboutin gegoogelt haben. (Und wieviel Dutzend Frauen?).
Und Ihr Ratschlag an den Herrn Stamm hat mich alsogleich ein wenig übermütig gemacht, so dass ich noch eine praktische Anregung zur Alternative einer Steuererklärung versuchen will:
Es könnte ja sein, dass wir Pornographen es einfach verlernt haben, uns dem Dessert langsam zu nähern, und wenn wir es dann erreicht haben, fressen wir es auf, anstatt es genüsslich langsam zu kosten, oder auch gerne zu schlürfen. Wir schaufeln es in uns rein, statt ganz langsam, und zwar so, dass wir dabei einfach die Augen schliessen MÜSSEN, den Löffel nach jedem Bissen abzulecken. Wir sollten die Mousse auf der Zungenspitze zergehen lassen und dann fühlen, wie sie, flüssig geworden, als zuckriges Rinnsal zum Gaumen rinnt, wo jedes Schlucken still aber entschieden nach mehr verlangt, während jeder Gedanke, der sich nicht mit Schokoladenmousse befasst, aus dem Hirn gedrückt wird und nie mehr zurück kommen soll. Wenn dann der Teller leer und die freudvolle Gier gesättigt ist, geniesse ich das Wissen, dass diese Speise einfach köstlich war. Und mit dem triumphal glücklichen Gefühl, dass es vielleicht, ich unverschämt glücklicher Mensch, nicht das letzte Mal war, dass ich das geniessen durfte, ja, mit diesem dankbaren Gefühl wird es mir gelingen, mich zu beherrschen und nicht auch noch den Teller abzulecken.
Warum kommentiere ich hier überhaupt? Weil ich einfach gerne über’s Ficken rede. Da fält mir aber leider nichts interessantes zu ein gerade. Ausser dass das wahrscheinlich das beste an der “neuen Zeit” ist, dass es sich immer mehr trauen.
Und warum es meist Frauen sind die über Sexualität kolummnieren? Ich glaube, weil die eher gelesen werden, weil das immer noch was Neues ist, dass die sich zu dem Thema “öffentlich” äussern. Bei Männern ist das Thema doch von Jeher täglicher Usus.
Während einer Partnerschaft Pornos zu kucken verstehe ich allerdings nicht. Da schliesse ich mich der Spermienabschuss-These gerne an. Warum nur kucken wenn man’s machen kann? Und warum kucken immer mehr diese “Filmchen”? Weil es sie an jeder Ecke gibt, nicht nur in Aarhus oder in Flensburg hinter der Grenze, weil es geht, weil der “Druckabbau” erleichtert wird. Für mich hat das ganze Thema überhaupt nichts mit Liebe zu tun. Tiefbau und die Formel 1, auch zwei Paar Schuhe.
Die Manolo’s finde ich, mal nebenbei erwähnt, heisser als Leboutin’s Rote.
Spass beiseite: Männer und Frauen sind unterschiedlich. Dagegen kommt keine Emanzipation an.
Die Diskussion über das geschlechterspezifische Erleben von Sexualität mag nach den Jahrzehnten der sexuellen Revoluton durchaus zum gegenseitigen Verständnis führen, aber ein Konsens kann doch nun wirklich nicht erwartet werden.
@Thinkabout: Erotik als mutiger Versuch, mit der Grundangst vor der eigenen Körperlichkeit umzugehen? Ich denke, Erotik kann nur in Freiheit geschehen, kann erst am Ende dieses Prozesses stehen. Und dazu mag Pornographie vielleicht sogar beitragen: wenn in der Anonymität der eigene Körper erfahren werden kann, ohne dem Druck einer verbindlichen Partnerschaft ausgeliefert zu sein, in welcher sich so viele Hemmnisse verbergen können.
Aber wie gesagt, bevor sich jetzt alle auf mich einschiessen: "kann" und "vielleicht". Selbstverständlich gehört dazu ein geschüttelt Mass an Selbsterkenntnis...
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