Zwischenzeit (2): Der Übermensch

Zwischenzeit (2): Der Übermensch
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Seit die Dekadenz Sittlichkeit verunsicherte und der Nihilismus den Werten Geltung abschabte, erträumen Illusionisten einen «Übermenschen», der willens und fähig sein mag, die Zeit zu überwinden und die Geschichte zu entflammen.

VON DAVID BERGER

Inspiration: http://facts.ch/articles/681765-die-transhumanisten-kommen

Schon seit jeher ersannen Ideologien, gleichgültig welcher Färbung, einen neuen, noch besseren Menschen zu züchten; mit dem auch die Zukunft und deren sinnigerweise noch härteren Herausforderungen zu meistern wäre. Doch wie dieser neue Mensch konkret zu erschaffen sei, darüber schieden sich die Ideologien. Manche dachten, allein die «Umwelt» forme den Menschen; was sie veranlasste, dortselbst zu wirken, wo der junge Mensch Ideologien eingetrichtert bekam: nämlich in der Schule.

Auch die berühmteste Bewegung wider Dekadenz und Nihilismus, der Nationalsozialismus, modellierte einen neuen Menschen: eine blonde Bestie, die niemals ruhen müsse, jederzeit schufte und krampfe und nötigenfalls Ehre und Kultur am Schlachtfeld rette; letzteres wurde jedoch militärisch besiegt, Profitstreben, Rücksichtslosigkeit und Brutalität aber unterdessen zu Kardinaltugenden gesalbt.

Eine besonders spezielle, weil momentan wiederum aktuelle Idee, wie denn dieser neue Übermensch zu kreieren sei, manifestierte Ernst Jünger im Werk «Der Arbeiter»: ein mechanisierter und vollends automatisierter «Mensch», der bloss noch funktioniert; wider Humanismus und Bürgertum, das zaudert und unentschlossen fristet, bis der Heide Europa überrennt. Dass dieser «Mensch» mit der Technik verschmelzen muss, bedarf keiner Erwähnung.

Und heute? Wie ersucht der heutige Mensch die ökologische, ökonomische, demografische und metaphysische Katastrophe aufzuheben? Gerade, als der Markt immer stärker, immer wilder, immer frecher, immer komplexer wird, gerade, als der Mensch immer mehr Lohn fordert, immer mehr Fürsorge beansprucht, immer mehr Zerstreuung ersehnt, nachgerade heute ist denn ein neuer Übermensch vonnöten, der die Misere der Gegenwart zu bewältigen mag.

Dass der Mensch unvollkommen ist, deswegen einer «Verbesserung» bedarf, bemängelte schon das Christentum, wenngleich bloss moralisch und sittlich, dort also, wo Besserung schnell und rasch, nötigenfalls mittels Bussen und Abgaben zu bewerkstelligen war. Aber auch eine Industrie, die suggeriert, der Mensch sei mangelhaft, prinzipiell minderwertig, konsumiere er nicht dies und das, verschönere er sich nicht hier und dort, impliziert dasselbe: der Mensch ist ein Mängelwesen, unzureichend und schlecht gerüstet fürs Leben.

Oder die Medizin, die Gesunde scheut, da sie nicht krank sind und folglich nichts kosten, vielmehr den Menschen seit Geburt «begleitend» oder «präventiv» therapieren möchte, auch weil schon die Geburt ein «Fehler», zumeist eine Belastung oder bloss eine Frage des Einkommens ist, womit denn das Leben auch fragwürdig wird; ja auch die Medizin, so scheint mir, will den Menschen weismachen, sie seien grundsätzlich «krank», «fehlerhaft» und «ungesund».

Irgendwann kapitulieren die Menschen und bejahen, gewiss, wir seien Dreck, Abschaum und Elend; folglich müsse man uns bearbeiten und verbessern und erweitern; man müsse endlich den Menschen entmenschlichen; Menschenrechte und desgleichen Firlefanz stören ja bloss. Alsbald das Gehirn entschlüsselt, kann der Geist, alsdann sowieso gänzlich entfremdet und verstümmelt, beliebig «teleportiert» werden, von Körper und Materie entkoppelt, darf er daraufhin irrlichtern; der Mensch ist endlich tot, zumindest der körperliche, vormals symbiotisch mit Natur verwachsene, den Humanismus huldigende, weil nichts Menschliches ihm Fremd schienende Mensch. Er wird zum Programm schlechthin, zum Maschinenmenschen.
 
 
 
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