05/04/2008 10:39
Gibt es etwas wie den Charakter eines Volkes, so ist es beim Schweizer die grösstmögliche Abwesenheit von Angst, die ihn definiert. Ausser der Sorge, anderen auf die Nerven zu gehen, fürchtet er sich einfach weniger als andere Menschen. Beides erklärbar, das eine mit Kriegen, die sich in den letzten Generationen nicht ereigneten, das andere mit der nicht vorhandenen Grösse des Landes, da man davon ausgehen muss, jeden mindestens zweimal zu treffen in seinem Leben. Die Abwesenheit von Angst klingt im ersten Moment wie eine Nebensächlichkeit, doch betrachtet man den Umstand genauer, erkennt man, dass der Charakter des Landes wesentlich davon geprägt wird. Man hat hier weder Angst, freundlich zu sein, noch sein Gesicht zu verlieren, man fürchtet sich nur unwesentlich vor Verarmung oder davor, etwas zu verpassen.
Von Sibylle Berg
Von Sibylle Berg







Diskussion
In dem vorauseilenden Kampf gegen das scheinbar Fremde, in dem immer mehr Menschen völlig diffus jedem SVP-Plakat mit der schleichenden inneren Frage begegnen, dass da doch etwas dran sei mit der Überfremdung. Wir lehn(t)en den EWR seinerzeit ab, weil wir uns schon als Anhängsel des grossen Kantons sahen, wir zeigen ein immer gravierenderes Gefälle in den politischen Meinungen zwischen städtischen Agglomerationen und Randgebieten und der Innerschweiz, zwischen Welschen und Deutschschweizern, zwischen der Ostschweiz und Zürich etc.
Ich hoffe, wir können diese wunderbar beschriebene Gelassenheit wirklich neu beleben und auch gegenüber den bei uns durchaus grassierenden und politisch geschürten Ängsten tatsächlich ins Feld führen.
Von all den Milliarden ängstlicher Menschen auf dieser Welt scheinen mir die Schweizer nämlich besonders Angst beseelt zu sein. Sie haben Angst vor dem Geheimnisvollen und Unverstandenen, Angst vor Ungewissheit, Angst vor Niederlagen, Angst vor dem Wettbewerb, Angst vor Körperlichkeit, Angst vor Andersdenkenden, Angst vor dem eigenen Denken, also summa summarum Angst vor der Freiheit.
Fragt man die Schweizer, ob ihnen Freiheit wichtig ist, antworten sie selbstverständlich ja. Hakt man jedoch etwas genauer nach, beginnt das Freiheitspathos schneller zu verblassen als Seide in der Sonne. Im konkreten Konfliktfall überwiegen die Ängste vor den mit der Freiheit verbundenen Risiken und das Bedürfnis nach Absicherung durch eine väterliche Häuptlingsallmacht (Staat, Versicherungen, etc.).
@ Thinkabout: Dass diese Angst vor der Freiheit derzeit in Gestalt einer politischen Panik ein halbes Volk befällt, scheint mir ebenfalls ein Indiz zu sein, für die existenzielle Furcht der Schweizer, dass alles in nächtlichem Chaos versinken, die Welt sich verkehren muss und mit dem ersten Tag der Freiheit die letzten Tage der Menschheit anbrechen und die apokalyptischen Reiter selber am Himmel erscheinen werden.
http://8.12.36.59/articles/701355-zur-lage-der-nation-wie-kobi-doch-unser-held-bleiben-
der genau Ihren Kommentar thematisiert
(Dies ist übrigens mein letzter ironischer Beitrag für längere Zeit, da ich tatsächlich in den nächsten Wochen meine Ängstlichkeit fernab der Schweiz zu beherrschen versuche – machets guät zäme!)
Dazu kommt noch der vorhandene,unterschwellige Größenwahn...
Diese Angst schlägt dann irgendwann um,in bedingungslosem und tollkühnen Gehorsam...ähnlich der Lemminge,die salzwasserriechend sich in`s offene Meer stürzen :-D
Man könnte heulen,wie tölpelhaft & mit offenen Mund sich dieser Michl solchen Statements ergibt,wie z.B.die Liechtenstein-Steueraffäre,die inzwischen im Sande zu verlaufen scheint...nur schön das Maul halten nach dem Motto,mir ist ja nichts passiert,aber den anderen...
Ein kleines Beispiel für den beispielhaften Mut der Schweizer...im letzten großen Krieg wurden deutsche Flugzeuge im schweizer Luftraum ebenso abgeschossen,wie amerikanische Kampfbomber..und das,obwohl die Schweiz schier chancenlos gegen beide Armeen gewesen wäre...das ist Mut,das ist Stolz...das ist Ehre eines Volkes - allergrößten Respekt !!!!
Nun zur" Freiheit",einem meiner Lieblingsthemen...
Abgesehen von den vielen,teilweise konträren Ansichten,besteht die Freiheit im Einzelnen selbst sich ständig mit Neuem auseinanderzusetzen...sich institutionellem Schwachsinn zu widersetzen,Pflichten zu erkennen,besonders wenn sie dem freiheitlichen Weiterleben einer Gemeinschaft dient...siehe Schweiz,bestes Beispiel seit 500 Jahren !
Freiheit hat also mit dem Erreichen materieller Sicherheit oder Unabhängigkeit wenig zu tun.
Ein schönes Beispiel für die schweizer Freiheitsliebe,ist das schnelle Anerkennen des Kosovo...denn nun können die asylsuchenden Albaner sofort in ihre befreite Heimat ausreisen :-))
Sie finden es doch hoffentlich nicht mutig, ehrenhaft und respektvoll, dass die Schweizer Behörden im August 1942 die Grenze vor den jüdischen Zuflucht Suchenden hermetisch verschlossen und erklärten, dass Juden nicht politisch verfolgt seien und deshalb ein Asyl für sie nicht infrage komme. Und wenn es die jüdischen Flüchtlinge schafften, illegal einzureisen, mussten sie mit ihrer sofortigen Rückstellung oder gar mit der Auslieferung an die SS rechnen. Dies obwohl die Schweizer Behörden 1942 Bescheid darüber wussten, was mit den Juden im deutschen Machtbereich geschah und obwohl die Schweizer Presse zu jener Zeit über Deportationen nach dem Osten und über den sicheren Untergang der verschwundenen Juden berichtete.
In der Tat orientierte sich die eidgenössische Flüchtlingspolitik im Zweiten Weltkrieg direkt an der nationalsozialistischen Rassenpolitik: Immer dann, wenn im Deutschen Reich oder in den besetzten Ländern neue antisemitische Massnahmen ergriffen wurden, wenn die Verfolgung zunahm und sich Menschen davor zu retten versuchten, verschärfte die Schweiz ihre Asylbestimmungen.
Die Angst vor Überfremdung ist bis heute eines der wichtigsten Momente der schweizerischen Politik.
Im Gegenteil: Das Geschäft mit der Angst gehört zur Swissness.
Eine kecke Aussage fürwahr – und gleich in verschiedener Hinsicht unzutreffend. Wenn es denn so etwas wie Volks- oder Landescharakter überhaupt gäbe, dann träfe die Aussage noch am ehesten auf die Fünfte Schweiz zu.
Es scheint, als gehörten die Urängste, die ständige Angst vor den immer wiederkehrenden Hungersnöten und Kriegen so ziemlich der Vergangenheit an. Das ist aber alles andere als ein typisch schweizerisches Phänomen.
Zutreffend ist auch, dass die letzte ernsthafte und nachhaltige nationale Angst-Attacke, nämlich der Generalstreik von 1918, ziemlich genau neunzig Jahre zurück liegt. Seither feiert die Angst in der real existierenden Schweiz immer wieder Urständ. Das Geschäft mit der Angst gehört zur Swissness wie die Schokolade. Nur deshalb sind wir das Land der Versicherungen und das Land der Banken geworden. Und Überfremdungs- und Überwachungs-Ängste haben in den letzten fünfzig Jahren das (innen-)politische Geschäft geprägt wie kaum ein anderes: die allgegenwärtige Angst vor einem Verlust der Eigenständigkeit – geschürt von der AUNS, die Angst vor Gewalt und Übergriffen – geschürt von der SVP. Doch nicht nur Schwarzenbach, Blocher und Kons. haben am Geschäft mit der Angst verdient. Auch mit der Angst vor dem Überwachungsstaat, der Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes lässt sich politisch geschäften. So ist wohl eher das Gegenteil wahr: Die Schweiz als Neidgenossenschaft. Dem Neid, einem der ältesten Schweizer überhaupt liegt sie denn auch zu Grunde, die Angst.
Pauschalisierungen sind mir ganz pauschal zuwider
Die Schweiz war von besetzten Gebieten und Achsenmächten umgeben...sicherlich wurden auch Fehlentscheidungen getroffen,wer von uns kann sich in die Lage eines kleinen Landes setzen,welches um`s Überleben kämpft.
Trotzdem hat es die Schweiz geschafft,sich 500 Jahre aus Eroberungskriegen herauszuhalten..und das,obwohl fette Pfründe,wie Bodenschätze,Erdöl und dergleichen lockten...im Osten natürlich !
Aus diesem Grunde sehe ich die Schweiz als stabilstes Land in Europa,auch heute noch.
Für mich ist die Schweiz vebunden mit einem gepflegtem Konservatismus,der vielen europäischen Regierungen gut stehen würde,das erstrebenswerteste,was ein Staat erreichen kann.
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