Zur Lage der Nation: Wie Köbi doch unser Held bleiben kann

Zur Lage der Nation: Wie Köbi doch unser Held bleiben kann
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63 Tage vor dem Eröffnungsspiel der EM 2008


Es gibt das Bonmot, dass jedes Volk die Politiker hat, die es verdient. Im Spektrum von Christoph Blocher bis Eveline Widmer-Schlumpf, von Andreas Gross bis zu Ueli Maurer, findet so auch wirklich jeder Topf seinen Deckel. Und wir Schweizer Fussballfans? Wir müssen alle mit der einen Person klar kommen: Dem Chef.

Aber das war doch unser Köbi gar nie! Mit Köbi haben wir 2006 ein Väterchen Gleichmut zum Schweizer des Jahres gemacht, dessen Gelassenheit und Unaufgeregtheit so herrlich zu seinen Buben kontrastierte, die mit Übermut und Selbstvertrauen die Spielfeldlinien umpflügten, als gäbe es keine Grenzen mehr. Köbi blieg ruhig, musste nie was anderes sein als sich selbst und war genau darin das Spiegelbild der einzigen Subversion, die wir Schweizer uns vorstellen können: Das Talent, permanent und chronisch unterschätzt zu werden und die Vorteile daraus zu nützen.

Und nun wollte Köbi Kuhn Europameister werden. Vor allem hat er das öffentlich auch gesagt. Wir waren verdutzt. Dann belustigt. Dann holte uns der Argumentationszwang ein, der da sagt, dass Mitmachen ja allein nichts ist und die Quintessenz daraus bedeutet, dass man gewinnen will, ja muss - und dass man den Willen auch bekräftigt, will man nicht zum Suppenkasper werden. Und das wollen wir nicht.

Und nun müssen wir also sehen, wie wir damit zurecht kommen, nicht mehr nur beweisen zu müssen: Wir lassen uns nicht bezwingen! Wir wissen ja auch längst, dass man auch mit einem 0:0 ausscheiden kann. Nein, jetzt sollen wir Europa erobern. Mit der wahrscheinlich jüngsten EM-Mannschaft aller Teilnehmer. Das ist sympathisch, aber schwierig und weltfremd. Und nichts hassen wir mehr, als überheblich zu wirken.

Was also ist zu tun? Wir müssen es schaffen, neue Instinkte in der Nati zu wecken: Sie muss sich bedroht fühlen.Von allen Seiten eingekesselt und umzingelt, müssen alle Spieler danach lechzen, zum Winkelried werden zu dürfen. Denn die Historie lebt und wir legen alle Komplexe ab, wenn man uns wirklich ans Eingemachte will. Nicht die Ehre allein ist bedroht. Die Angst vor Peinlichkeit reicht nicht aus, denn für die Verarbeitung beschämender Niederlagen gibt es abrufbare soziologisch-historisch gewachsene Verhaltensmuster in jedem schweizerischen Fussballerleben. Nein, es muss eine Atmosphäre real existierender Bedrohung geschaffen werden, und dafür brauchen wir die absoluten Spezialisten mit der totalen Imaginationskraft:

Der durchaus fussballbegeisterte SVP-Präsident Toni Brunner ist per dringlichem einstimmigem Bundesratsbeschluss, bei dem Eveline Widmer-Schlumpf sich mangels Basis-Wissens in Sachen Fussball dispensieren lassen darf, dazu zu verpflichten, die Sachkompetenz in Personal- und Führungsfragen in seiner Partei in den Dienst der Nation zu stellen und bis zum Eröffnungsspiel der EM jedem Spieler glaubhaft zu machen, dass die Schweiz sich dauerhaft einem EU-Beitritt nur widersetzen kann, wenn sie die Europameisterschaft gewinnt.

Nationalrat Mörgeli wird als Mentaltrainer eingestellt, nachdem ihm Toni Brunner beigebracht hat, wo der Feind hockt, aber wahrscheinlich ist Mörgeli eh der einzige, der das schon immer gewusst hat.

Und Köbi? Von ihm war ja vor allem die Rede. Köbi bleibt Nationaltrainer, wie er es ja verdient hat. Es gibt ja auch keinen anderen, der denkbar wäre. Und mit einem Mörgeli auf der Spielwiese wird Köbis Gleichmut auch wieder zur tragenden, ausgleichenden Säule des Erfolgs. Den EM-Titel 2008 werden wir ihm zu verdanken haben. (Thinkabout)


Thinkabout wird sich bis zum Start der EM in unregelmässigen Abständen immer mal wieder "zur Lage der Nation" äussern - was böte sich dazu mehr an als die "wichtigste Nebensache der Welt?"

 
 
 
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