10 Minuten Mut zu Schreibwut: Brandbeschleuniger der Meinungsbildung

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Thinkabout
Schlagzeile: SVP-Ultimatum: Rücktritt oder Rausschmiss. Stichwort: Öffentlicher Verdacht.


Vom typischen Lebenslauf des öffentlichen Verdachts und von seiner Macht. Und von unserer Ohnmacht im Umgang damit.

Link zur Aktualität: SVP-Ultimatum an Eveline Widmer-Schlumpf

Es ist nicht vom eigenen Haus die Rede, vom stillen Drama in Beziehungen. Auch wenn uns alle das Wissen um die Macht des Verdachts zu Experten für diesen Artikel macht.
Ich denke hier über den Verdacht nach, der die öffentliche Empörung sucht, mit ihr operiert oder sich an ihr berauschen kann.
Er beginnt vielleicht als hilflose Behauptung oder als keimende Vermutung im kleinen Kreis, weil die Erklärung einer konkreten Entwicklung nicht akzeptiert werden kann. Wer überrumpelt wird, dem wird der Gedanke des Komplotts zum Freund. Verschiedene bekannte Vorgänge wollen trotz Lücken unbedingt in einer Kette geordnet werden.

Wird der Verdacht schliesslich öffentlich, nachdem er im kleinen Kreis getestet worden ist, so wird er gleich danach seine schwelende Macht entwickeln. Einmal gesetzt und von der öffentlichen Diskussion in Schwung gebracht, lässt er sich nicht mehr ausrotten, wenn er nicht sofort mit Fakten aus dem Weg geräumt wird.
Nicht selten geschieht das nicht, auch wenn es möglich wäre, weil der Verdächtigte sich weigert, das Gefängnis zu erkennen, in dem er bereits sitzt, ohne verurteilt zu sein. Und weil der Verdacht sich stets mit grosser Zielgenauigkeit gegen das schwächste Glied richtet, prüft er gnadenlos vermeintliche Gemeinschaften. Es könnte ihm mit Offenheit begegnet werden. Das Ungewisse, das der Verdacht als sein Wissen reklamiert, hindert uns aber je länger je mehr, nicht auch zu vermuten, um dann auch zu verdächtigen und zum Komplizen des Verdachts zu werden. Er zerstört Vertrauen oder legt offen, wo dieses nie bestand. Er erhebt Ansprüche, will lauter werden, je mehr er sich verbreitet, will sich festsetzen, keinen anderen Gedanken mehr zulassen. Je breiter er wird, um so weniger konkrete Argumente braucht er.

Spürt der Verdächtigende, dass ihm ein Verräter in die Hände spielt, der zur Klärung beitragen könnte, aber eigene Interessen verfolgt, so hat er gewonnen, ohne selbst das Geringste zu riskieren. Mit der Zeit kann er sich den haltlosen Verdacht leisten und schliesslich gar die Lüge.

Je ungeheuerlicher der Verdacht, um so faszinierender ist er. Und richtet er sich gegen Personen, die wir eh im Verdacht haben, zu manipulieren, so ist er viel leichter aufrecht zu erhalten und kaum mehr auszumerzen. Spätestens jetzt kehrt der Verdacht die Beweiskraft um und fordert den Unschuldsbeweis.
"Wir haben es ja schon immer gewusst", sagen wir dann. Und nie haben wir mehr gelogen, ohne es wissen oder sehen zu wollen. Wo Rauch ist, ist auch Feuer, sagen wir auch, und andere Weisheiten. Und diejenigen, die in die Glut blasen, um das Feuer zu schüren, werden niemals verurteilt, weil der vermeintliche Täter jede Empörung rechtfertigt.

Wütet der Verdacht, so schlägt er Wunden, und es ist gut möglich, dass er es gar nicht eilig hat mit der Gewissheit, selbst wenn er begründet ist. Denn die Qual, die der Verdacht schürt, kann schlimmer sein als die Gewissheit, mit der besser umzugehen wäre, da der Schaden bekannt ist.

Ein frühzeitig gelöschter Brand liesse nach dem Brandstifter fahnden.
Ein abgebranntes Haus könnte wieder aufgebaut werden.
Aber ein Haus mit weiter schwelendem Brandherd darf weiter gemieden werden.
Es bleibt Mahnmal, Denkmal und Fanal für jene, die damit Argumente zu haben glauben. Sein beissender Gestank lässt uns alle mit irritierter Nase dabei stehen. (Thinkabout)

 
 
 
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