08/04/2008 08:38
10 Minuten Mut zu Schreibwut: Brandbeschleuniger der Meinungsbildung
Schlagzeile: SVP-Ultimatum: Rücktritt oder Rausschmiss. Stichwort: Öffentlicher Verdacht.
Vom typischen Lebenslauf des öffentlichen Verdachts und von seiner Macht. Und von unserer Ohnmacht im Umgang damit.
Link zur Aktualität: SVP-Ultimatum an Eveline Widmer-Schlumpf
Es ist nicht vom eigenen Haus die Rede, vom stillen Drama in Beziehungen. Auch wenn uns alle das Wissen um die Macht des Verdachts zu Experten für diesen Artikel macht.
Ich denke hier über den Verdacht nach, der die öffentliche Empörung sucht, mit ihr operiert oder sich an ihr berauschen kann.
Er beginnt vielleicht als hilflose Behauptung oder als keimende Vermutung im kleinen Kreis, weil die Erklärung einer konkreten Entwicklung nicht akzeptiert werden kann. Wer überrumpelt wird, dem wird der Gedanke des Komplotts zum Freund. Verschiedene bekannte Vorgänge wollen trotz Lücken unbedingt in einer Kette geordnet werden.
Wird der Verdacht schliesslich öffentlich, nachdem er im kleinen Kreis getestet worden ist, so wird er gleich danach seine schwelende Macht entwickeln. Einmal gesetzt und von der öffentlichen Diskussion in Schwung gebracht, lässt er sich nicht mehr ausrotten, wenn er nicht sofort mit Fakten aus dem Weg geräumt wird.
Nicht selten geschieht das nicht, auch wenn es möglich wäre, weil der Verdächtigte sich weigert, das Gefängnis zu erkennen, in dem er bereits sitzt, ohne verurteilt zu sein. Und weil der Verdacht sich stets mit grosser Zielgenauigkeit gegen das schwächste Glied richtet, prüft er gnadenlos vermeintliche Gemeinschaften. Es könnte ihm mit Offenheit begegnet werden. Das Ungewisse, das der Verdacht als sein Wissen reklamiert, hindert uns aber je länger je mehr, nicht auch zu vermuten, um dann auch zu verdächtigen und zum Komplizen des Verdachts zu werden. Er zerstört Vertrauen oder legt offen, wo dieses nie bestand. Er erhebt Ansprüche, will lauter werden, je mehr er sich verbreitet, will sich festsetzen, keinen anderen Gedanken mehr zulassen. Je breiter er wird, um so weniger konkrete Argumente braucht er.
Spürt der Verdächtigende, dass ihm ein Verräter in die Hände spielt, der zur Klärung beitragen könnte, aber eigene Interessen verfolgt, so hat er gewonnen, ohne selbst das Geringste zu riskieren. Mit der Zeit kann er sich den haltlosen Verdacht leisten und schliesslich gar die Lüge.
Je ungeheuerlicher der Verdacht, um so faszinierender ist er. Und richtet er sich gegen Personen, die wir eh im Verdacht haben, zu manipulieren, so ist er viel leichter aufrecht zu erhalten und kaum mehr auszumerzen. Spätestens jetzt kehrt der Verdacht die Beweiskraft um und fordert den Unschuldsbeweis.
"Wir haben es ja schon immer gewusst", sagen wir dann. Und nie haben wir mehr gelogen, ohne es wissen oder sehen zu wollen. Wo Rauch ist, ist auch Feuer, sagen wir auch, und andere Weisheiten. Und diejenigen, die in die Glut blasen, um das Feuer zu schüren, werden niemals verurteilt, weil der vermeintliche Täter jede Empörung rechtfertigt.
Wütet der Verdacht, so schlägt er Wunden, und es ist gut möglich, dass er es gar nicht eilig hat mit der Gewissheit, selbst wenn er begründet ist. Denn die Qual, die der Verdacht schürt, kann schlimmer sein als die Gewissheit, mit der besser umzugehen wäre, da der Schaden bekannt ist.
Ein frühzeitig gelöschter Brand liesse nach dem Brandstifter fahnden.
Ein abgebranntes Haus könnte wieder aufgebaut werden.
Aber ein Haus mit weiter schwelendem Brandherd darf weiter gemieden werden.
Es bleibt Mahnmal, Denkmal und Fanal für jene, die damit Argumente zu haben glauben. Sein beissender Gestank lässt uns alle mit irritierter Nase dabei stehen. (Thinkabout)
Vom typischen Lebenslauf des öffentlichen Verdachts und von seiner Macht. Und von unserer Ohnmacht im Umgang damit.
Link zur Aktualität: SVP-Ultimatum an Eveline Widmer-Schlumpf
Es ist nicht vom eigenen Haus die Rede, vom stillen Drama in Beziehungen. Auch wenn uns alle das Wissen um die Macht des Verdachts zu Experten für diesen Artikel macht.
Ich denke hier über den Verdacht nach, der die öffentliche Empörung sucht, mit ihr operiert oder sich an ihr berauschen kann.
Er beginnt vielleicht als hilflose Behauptung oder als keimende Vermutung im kleinen Kreis, weil die Erklärung einer konkreten Entwicklung nicht akzeptiert werden kann. Wer überrumpelt wird, dem wird der Gedanke des Komplotts zum Freund. Verschiedene bekannte Vorgänge wollen trotz Lücken unbedingt in einer Kette geordnet werden.
Wird der Verdacht schliesslich öffentlich, nachdem er im kleinen Kreis getestet worden ist, so wird er gleich danach seine schwelende Macht entwickeln. Einmal gesetzt und von der öffentlichen Diskussion in Schwung gebracht, lässt er sich nicht mehr ausrotten, wenn er nicht sofort mit Fakten aus dem Weg geräumt wird.
Nicht selten geschieht das nicht, auch wenn es möglich wäre, weil der Verdächtigte sich weigert, das Gefängnis zu erkennen, in dem er bereits sitzt, ohne verurteilt zu sein. Und weil der Verdacht sich stets mit grosser Zielgenauigkeit gegen das schwächste Glied richtet, prüft er gnadenlos vermeintliche Gemeinschaften. Es könnte ihm mit Offenheit begegnet werden. Das Ungewisse, das der Verdacht als sein Wissen reklamiert, hindert uns aber je länger je mehr, nicht auch zu vermuten, um dann auch zu verdächtigen und zum Komplizen des Verdachts zu werden. Er zerstört Vertrauen oder legt offen, wo dieses nie bestand. Er erhebt Ansprüche, will lauter werden, je mehr er sich verbreitet, will sich festsetzen, keinen anderen Gedanken mehr zulassen. Je breiter er wird, um so weniger konkrete Argumente braucht er.
Spürt der Verdächtigende, dass ihm ein Verräter in die Hände spielt, der zur Klärung beitragen könnte, aber eigene Interessen verfolgt, so hat er gewonnen, ohne selbst das Geringste zu riskieren. Mit der Zeit kann er sich den haltlosen Verdacht leisten und schliesslich gar die Lüge.
Je ungeheuerlicher der Verdacht, um so faszinierender ist er. Und richtet er sich gegen Personen, die wir eh im Verdacht haben, zu manipulieren, so ist er viel leichter aufrecht zu erhalten und kaum mehr auszumerzen. Spätestens jetzt kehrt der Verdacht die Beweiskraft um und fordert den Unschuldsbeweis.
"Wir haben es ja schon immer gewusst", sagen wir dann. Und nie haben wir mehr gelogen, ohne es wissen oder sehen zu wollen. Wo Rauch ist, ist auch Feuer, sagen wir auch, und andere Weisheiten. Und diejenigen, die in die Glut blasen, um das Feuer zu schüren, werden niemals verurteilt, weil der vermeintliche Täter jede Empörung rechtfertigt.
Wütet der Verdacht, so schlägt er Wunden, und es ist gut möglich, dass er es gar nicht eilig hat mit der Gewissheit, selbst wenn er begründet ist. Denn die Qual, die der Verdacht schürt, kann schlimmer sein als die Gewissheit, mit der besser umzugehen wäre, da der Schaden bekannt ist.
Ein frühzeitig gelöschter Brand liesse nach dem Brandstifter fahnden.
Ein abgebranntes Haus könnte wieder aufgebaut werden.
Aber ein Haus mit weiter schwelendem Brandherd darf weiter gemieden werden.
Es bleibt Mahnmal, Denkmal und Fanal für jene, die damit Argumente zu haben glauben. Sein beissender Gestank lässt uns alle mit irritierter Nase dabei stehen. (Thinkabout)







Diskussion
Ich bedauere Widmer-Schlumpf und die Auswirkung auf Moral in der Politik und im Weiteren auf das Demokratie Verständnis. So wie sich die SVP im Rachefeldzug gebärdet, frage ich mich aber auch, was dem Volk an demokratischem Fair Play noch zugestanden würde, wenn die SVP jemals eine Mehrheit von 50.05 Prozent erreichen würde.
Ich glaube auch nicht, dass Wyss/Darbellay über den Film erstaunt waren. Für Politiker, die sich normalerweise jedes geschriebene Zitat vor Veröffentlichung vorlegen lassen, muss doch klar sein, dass sie auf den fertigen Film keinen Einfluss haben, ja nicht mal Zitate zurückziehen können. Also: Entweder haben wir es hier mit Amateuren zu tun oder sie haben nie mit einer solchen Reaktion auf den Film gerechnet,
Ja, da sehe ich deutliche Parallelen zwischen der Hetz- und Rufmordkampagne gegen Bundesrätin Widmer-Schlumpf und der Schwarze-Schafe-Kampagne. Beide laufen nach einem in der SVP offenbar bewährten Muster: Es wird ein Sündenbock ausgesucht, der sich gegen die Verdächtigungen und schwammigen Vorwürfe nicht wehren kann, und gegen den man dann den Zorn aller Unzufriedenen lenken kann. Ein gemeinsamer Gegner eint mehr als ein vernünftiges politisches Programm, bei dem man die Menschen erst einmal mit Argumenten überzeugen müsste.
Zum Thema Gerüchte in Umlauf bringen, Feuer legen und aus der Mischung Gerüchte - Feuer – Skandal , Profit herausholen passt für mich auch das unglaubliche und dumme Fehlverhalten von Carla del Ponte mit ihrem Buch. Wie können intelligente Personen, so krass ignorieren, dass frau als prominente Staatsvertreterin nicht frei ist, in aller Öffentlichkeit zu furzen und mit ganz frischer Kacke herumzuwerfen, nur um damit Geld zu verdienen.
@flashfrog, der Sündenbock ist ja eigentlich dieser Blocher bis das noch die letzten SVPler sich eingestehen können müssen wir halt dieses Affentheater noch über uns übergehen lassen! Denn die SVP-Erpressermethode, entweder Blocher oder Opposition, war ja von Anfang an eine Schnapsidee der SVP-Stategen, die können ja froh sein, dass das Parlament zur Konkordanz gestanden ist, sonst hätten die wohl einen BR-Sitz weniger! Ist denen wohl eh schei..egal!
Und wie sehr versteckt sich hinter der Empörung die Angst?!
Diese Frage richtet sich nach beiden Seiten. An jene, die im Verdacht dieses konkreten Falles schon die Wahrheit sehen und an jene, die in ihm das böswillige Gerücht vermuten.
Im Grunde können wir uns in allen politischen Diskussionen fragen: Wo steckt meine eigene Angst? Wir reden vielleicht, weniger dramatisch, von Befürchtungen, die wir haben. Tatsache aber scheint mir, dass das Klima der gegenseitigen Verunglimpfungen in der schweizerischen Politik einen riesigen Verlust bedeutet, den die Mehrheit längst akzeptiert hat.
Ueli Maurer ist nach 12 Jahren Parteipräsidium zurück getreten. Ich habe praktisch keine Bilanz-Diskussion seines Wirkens gelesen, kein anderes Statement in der Zeitung als die Nachfragen nach dem Verhalten und der Meinung gegenüber Widmer-Schlumpf. Wer sich am wenigsten darüber ärgern muss, ist Ueli Maurer selbst. Denn es gibt kein besseres Beispiel für den Erfolg des SVP-Kalküls.
Und was geschieht hier? Ein Artikel, der vom aktuellen Fall ausgeht, versucht, anhand dieser Abläufe allgemein gültige Mechanismen offen zu legen. Doch wir alle bleiben dabei und funktionieren nur reaktiv, mit Reflexen auf das konkrete Geschehen. Wirklich analysieren tun wir nicht. Wir sind dazu gar nicht mehr fähig, agieren rein situativ und sind damit genau dort, wo uns die meinungsbildende oder zumindest einzige meinungsfordernde Partei haben will.
Oh nein, das ist überhaupt kein Vorwurf, und ich finde jeden Hinweis auf die Fehler der Figuren Wyss und Darbellay berechtigt, wo er auch immer angebracht wird.
Es ist wohl mehr die Frage, warum die etablierten Medien nicht stärker meinungsbildend wirken und Parteien aus der Häufung solcher Abläufe und tagespolitischen Ereignisse es einfach nicht schaffen, sich mit analytisch erarbeiteten Gegenpositionen Beachtung zu verschaffen. Und lassen wir mal die Parteien beiseite:
Wie weit könnten Offenlegungen von typischen Mechanismen dazu beitragen, dass populistische Politik weniger Gewinn einträgt?
Populismus funktioniert eben, wie der Begriff schon sagt. Im TA-Magazin erschien vor einigen Monaten ein langer Bericht aus der SVP-Basis, welcher einen Aspekt des Erfolgsrezepts zeigte: Echtes Interesse der lokalen Funktionäre für die Mitglieder aus der Ortspartei. Menschliche Nähe. Puurezmorge.
Hoffentlich liest die Partei hier nicht mit ;-) genau diese Werte gefährden sie nämlich jetzt mit ihrer Linienbegradigung. Also: Nur weiter so, das Gift wird seine Wirkung tun. Denn die Leute wissen: Was hier passiert, kann ihnen selber morgen schon passieren.
Ich habe immerhin eine wenigstens statistisch überdurchschnittliche Bildung und kann trotz mehrfachen Lesens mit dem Geschwurbel des Artikels nichts anfangen.
Es ist nicht jeder ein Max Frisch, der über Brandstiftung schreibt.
Und die kritische Schnittmenge der Leute, mit denen man über die gegenwärtige Entwicklung reden sollte, durchaus nicht der Bodensatz, der ohnehin bei der SVP bleibt, kann solche Texte auch nicht entziffern.
Ich habe nun nicht auch noch das Bedürfnis, hier meine politische Marke zu setzen, sondern versuche einmal, mich der Thematik zu widmen: kürzlich bei mir zu Hause. Ich hatte ein Buch verlegt. Nach sehr langem Suchen hatte ich plötzlich meinen Mann im Verdacht, es "entsorgt" zu haben. Vor dem Hintergrund dieser Kolumne konnte ich etwas völlig Interessantes beobachten: mir war durchaus bewusst, dass es nur mein Fehler gewesen sein konnte. Dennoch schoss ich mich völlig auf diesen Verdacht ein und begann schon, Verhalten und Äusserungen meines Mannes auf diesem Verdacht hin zu interpretieren und stellte bereits Fangfragen. Ich weiss nicht, ob es für einen Scheidungsgrund gereicht hätte, wäre das Buch nicht mehr aufgetaucht ;-)
Aber einem Verdacht wohnt ein zersetzendes und ewig anhaftendes Gift inne, das nur mit der Wahrheit ausgemerzt werden kann.
Du bringst damit etwas klarer zum Ausdruck, was im Artikel nur angedeutet wird.
Es ist doch so: Wenn wir einen öffentlichen Verdacht, mit dem Politik gemacht wird, schulterzuckend zur Kenntnis nehmen und er uns gleichgültig ist, bleibt er doch irgendwie haften. Wenn sich dann die grössere Masse der passiven (Nicht-)Wähler mit dem Thema doch befasst, dann denkt es plötzlich: "Da war doch was".
Der öffentliche Verdacht zwängt sich uns Allen auf, ob wir das wollen oder nicht. Wir müssen Stellung beziehen, uns unsere Meinung bilden, wenn es auch nur dem Verdacht gegenüber ist, für uns, auch ohne öffentliches Bekenntnis. Wir müssen uns fragen: Glaube ich das und was glaube ich? Was weiss ich besser? j
Und im allgemein dumpfen Mutmassen um uns herum können wir dann auch gefordert sein, auch zu SAGEN, was wir denken.
Hierzu sehr schön Frau Zappadong
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