17/04/2008 11:49
Es kommt endlich etwas in Bewegung im Abendland. Nach so vielen Jahren aggressiver Meinungsfreiheit wird Einhalt geboten, einfach alles zu sagen und zu schreiben, was man denkt. Das war ein Irrweg voller gefährlicher Provokationen.
Von Wolfram Weimer
Von Wolfram Weimer







Diskussion
@Bruder Bernhard: Das mit der Länge ist so eine Sache... Gibt es DIE optimale Länge überhaupt? Hängt diese nicht subjektiv davon ab, ob ich beim Lesen müde bin, ob mein Bildschirm gross genug ist oder meine Augen scharf sehen; hängt diese nicht davon ab, ob ich meine eigenen Ansichten im Text bestätigt sehe - oder weil ich diese gerade nicht bestätigt sehe, den Artikel interessant finde? Oder weil ich vielleicht denke: "Nichts Neues unter der Sonne"? Oder davon, ob ich über die notwendige Gelehrtheit verfüge, um zu verstehen, was drin steht? Die Liste kann man beliebig fortsetzen.
Das Thema aber ist unangenehm komplex und die Komplexitaet wird hier durch eine ironische Haltung nicht entflochten sondern nur ausgezoomt.
Dass eine starke, tolerante Gesellschaftsform, die stark genug ist, andere Lebensentwuerfe als solche an- und aufzunehmen -- Intoleranz aufnimmt ist ein tiefes, kein oberflaechliches Problem. Die Frage ist: Sind wir stark genug, die Verkrampfung intoleranter Lebensformen aufzuloesen, oder muessen wir diese Schwaeche eingestehen und einen Kulturkampf aufnehmen? Viele Leute stellen sich die Frage erst gar nicht. Manche meinen sogar, man muesse jetzt zur Folter greifen um "die Freiheit" zu verteidigen...
Abgesehen davon ist er rein handwerklich natuerlich tadellos. Und als Diskussionsanstoss sowieso. Ein Blogeintrag, moechte man sagen.
Ist der Imperativ nach einer absoluten Toleranz nicht gerade das lächerliche (abgesehen davon, dass es eine vollkommen utopische Vorstellung ist)? Beispiel: China und Tibet. Die Freiheit des Einen ist die Unfreiheit des Anderen. Wenn alle Kulturen und alle Gesellschaften einigermassen homogen wären, dann könnte man aufs Neue die uneingeschränkte Toleranz als erstrebensertes Ziel erklären. Aber selbst dann wäre diese auf einer Individuum-Ebene nicht möglich.
"Oder weil ich vielleicht denke: "Nichts Neues unter der Sonne"? "
Genau so ist es.
@Mara: Für mich ist dieser Text keinesfalls ein Plädoyer gegen die Toleranz und gegen die Meinungsfreiheit als wertvolle zivilisatorische Errungenschaften. Eher das Gegenteil. Gerade weger der absichtlichen Umkehrung der Perspektiven.
Der Artikel wendet sich für mich nicht gegen gelebte Toleranz, die in einer sich globalisierenden Welt unabdingbar ist. Der Artikel wendet sich gegen eine falsch verstandene Politische Korrektheit, die es in vorauseilendem Gehorsam gar nicht mehr zu einer Debatte kommen lässt. Diese Haltung macht er durch Übertreibung und Ironie lächerlich. Vielleicht nicht besonders neu, aber trotzdem ein wichtiges Thema.
Und ich mag die Sprachspielereien im letzten Teil.
Sie scheinen ja auch schon Wirkung zu zeigen:
Quote Evelina:" Ich hab mir einen Duden vorgestell, wo alle Wörter ohne Kreuz-T-s geschrieben sind und musste lachen. Das ist eine derart lächerliche ÜBERTREIBUNG, DER es zu viel an Absurdem fehl, um reine Ironie zu sein."
("vorgestell" und "fehl")
Theater, Satire, Komödie - das waren / sind doch die Mittel, das Sprachrohr der Ohnmacht. Dazu braucht es Distanz, um sich unangreifbar zu machen - Narrenfreiheit?
Mir kommt in diesen Tagen immer wieder die Rolle des Hofnarren in den Sinn: es ist seine Aufgabe, das Volk darauf aufmerksam zu machen, dass der Kaiser keine Kleider trägt.
Wie müsste man einen Artikel, der diese Ängste aufgreift und beim Namen nennt, denn verfassen, ohne dass er starke Aggressionen und Polarisierungen hervorruft?
Aufgrund dieser Satire wagt man sich vielleicht aus dem Schneckenhaus und nennt seine Befürchtungen beim Namen.
Ich finde allerdings den ganzen ersten Teil des Artikels, bevor der Autor zum "t" kommt, zu lang. Er beweist, dass er gut schreibt, kommt aber nicht schnell genug zum eigentlichen Thema. Die ersten Absätze sollten in wenigen Sätzen zusammengfasst werden.
Toleranz, die gelebt würde, bedeutete ja nicht, die Kaffeekanne vom Tischchen zu nehmen, wenn möglich noch für immer, nur weil sie dem Gast nicht gefallen könnte (einem Gast, der bei uns leben wird, wohlverstanden), sondern ihm zu bedeuten, dass sie ihm selbst nicht so lieb werden muss wie mir, ich auch nicht beleidigt bin, wenn er meinen Geschmack nicht teilt, er aber den Kaffee trotzdem aus der Kanne serviert bekommt. Oder den Tee, wenn er den lieber mag. Vielleicht zeigt er mir gar, wie er ihn braut und welcher Tee ihm schmeckt, und ich mag dann wählen, und dann sollten wir am Tischchen sitzen, aus unseren Tassen andächtig schlürfen, und uns freuen, wie vielfältig die Welt ist.
Hörten wir DANN von politischer Korrektheit, so könnten wir den Kopf schütteln und uns dem Leben zuwenden. Die Diskussion wäre durch erlebte Toleranz überflüssig geworden.
Melden Sie sich an oder loggen Sie sich ein, um an der Diskussion teilzunehmen.