Zwischenzeit (4): Ästhetik der Politikverdrossenheit

Zwischenzeit (4): Ästhetik der Politikverdrossenheit
The Way to the Front/de.wikipedia.org
Generell ist eine Politikverdrossenheit zu beklagen, die insofern sich entrollt, als Menschen das Politische bloss noch beargwöhnen, immerhin vielfach noch als notwendiges Übel bedauern, das man leider, so denn gezwungenermassen, billigen muss, will man des Vorwurfs sich entheben, man sei desinteressiert und egoistisch.

VON DAVID BERGER

Hetzten die jungen Linken früher noch, das Private sei politisch, worauf einige trommelten, alles sei politisch, seufzt man heute bloss noch, das Politische sei privat. Schon die privatwirtschaftliche Ratgeberliteratur ermahnt, man solle doch das Politische nicht ins Geschäftliche mischen. Wohl deswegen, weil Politik polarisiert, schlimmstenfalls Beziehungen beschädigen kann dort, wo die Frage des Geschmacks eine unergründliche und zuweilen emotional aufgeladene ist.

Der soziale Mensch, also der engagierte und nette, ja eigentlich allzumenschliche, der das Soziale der Selbsterhaltung willen bedarf, insofern ein erweiterter Konstruktivismus solcherart Weltanschauung fertigt - allein diese, nunmehr rein zoologische Gattung gebiert Politik. Der hingegen bloss egoistisch veranlagte Mensch, welcher vermittelst der Politik unentwegt sich zu bereichern strebt, ist der Politik unwürdig, ist vielmehr Raubtier statt in Gruppen domestizierter Mensch. Dass solchereiner gegen das politische Etablissement wetzt, dies geradezu fanatisch, verwundert nicht, wiedem, dass er privat doch genau darin balgen möchte, wogegen er öffentlich agitiert.

Politik ist mühsam, fürwahr, und auch ich verzweifle manchmal ob der Polarisierung, die grosse Vereinfachung der Politik, die, so will ich trotz Widerreden beharren, die Politik insgesamt vereinheitliche. Wer ursprünglich politisiert, späht und gräbt nach Nuancen, nach kleinen Abweichungen, Differenzen, nach Unterschiede, die einen im Konsens wieder einigen. Doch die momentane Polarisierung entzweit die Meinungen unüberbrückbar. Obwohl man einander ähnelt, will man sich profilieren, ja nicht als wechselhaft und opportunistisch gescholten, sondern als geradlinig und eisern respektiert werden, auch wenn die Zeit einen irrt und betrügt, auch wenn das eigentliche Bedürfnis sich änderte.

Dies infolge der Polarisierung. So neutralisieren die Parteien einander, so ist tatsächlich zu bedauern, dass statt die Gemeinsamkeiten vertieft und intensiviert, die marginalen Differenzen ausgeweitet und dramatisiert werden.

In meiner letzten Kolumne konstatierte ich, dass deswegen Politik bloss noch eine Frage der Ästhetik, des Stils und endlich des schlechten Geschmacks sei. Eine Politik der Ästhetik banalisiert dieselbe, ist sie doch ästhetisiert. So schwurbelt man plötzlich über Schönheit und Hässlichkeit der Politik, so beäugt und kritisiert man plötzlich die Personen ob der Ästhetik. Die wir auf verlorenem Posten sind, quengeln wegen angeblich kümmerlicher Sachpolitik, jene alte und hierzulande verwachsene politische Tradition, deren Inhalt weder Form war noch welche hatte.

Vielleicht, um mir eine nebenbei eine typisch ästhetische Spekulation zu erlauben, vielleicht wird Widmer-Schlumpf deswegen so parteiübergreifend besungen, weil sie, verzeiht, so unästhetisch, so althergebracht scheint; sie verkörpert den letzten sachlichen Politiker, dürfte man ächzen. Doch auch sie, narren wir uns gefälligst nicht, ist blosse Ästhetik. Und weil dessen gewiss, geriert Widmer-Schlumpf sich als sachlich und konstruktiv, will dadurch sich abgrenzen vor eigentlicher Partei-Ästhetik, welche dekretiert, die «taumelnden Partei-Soldaten» (David Bauer) hätten hemdsärmlig, politisch inkorrekt, und unnett (suche wer ein Akronym von «gut», das politisch korrekt ist) zu poltern, was Sache sei, dürften nichts beschönigen und ritten allesamt unterm Wappen des einzig wahren Volkes.

Schon Christoph Lüscher spürte, Politik sei nunmehr eine Casting-Show, eine der Mediokrität, ergänze ich. Politiker müssen demzufolge menschlich, fehlbar und verletzlich sein. So ist ein Politiker, der abermals in Italien triumphierte, deswegen wählbar und so beliebt, weil er das personifiziert, was der kleine Mann in Italien selber ist oder selber gerne wäre: ein Betrüger, Bereicherer, der sich Hab und Gut, Frau und Kind erschleicht; ein Hochstapler, dessen Bekenntnisse die Kirche abnimmt. Übermensch ist er deswegen nicht, auch wenn er sich künstlich verbessert, seine Lebensdauer verlängert und seine Potenz verjüngt.

Übermensch ist der Politiker sowieso nie, kann er auch nicht, vielmehr wird der Politiker ein Schauspieler, ein Gaukler, der bloss lächeln muss, währenddessen die eigentliche Politik und die Basis davon galoppiert, entweder sich entfremdet oder veräppelt fühlt. Diese Entwicklung ist nicht mehr kehren, sie endet darin, dass die Politik Spektakel wird, aber ein laues und schwaches, ein berechenbares, und doch ein befriedigendes, das die Klatschreporter säugt. Alsdann ist Politik endlich «Brot und Spiele», keine Machtpolitik mehr, machtvoll eigentlich ist bloss die Wirtschaft, die dann und wann politisch interveniert, falls der Markt versagt. Hiervon ist die Politik die Kulisse, das Ambiente.
Anzeige