20/04/2008 15:02
Warum ich kein hirntoter Linker mehr bin
Lange glaubte der Dramatiker David Mamet, „dass der Staat korrupt, der Mensch prinzipiell gut sei und alle Unternehmer Ausbeuter seien.“ Das ist vorbei. „Ich habe jahrzehntelang einen linken Standp... »







Diskussion
Ich habe mir dennoch die Mühe gemacht, in seinen gedanklichen Turbulenzen einen roten Faden zu finden. Schliesslich habe ich das Original gesucht. Es heisst: “Why I am no longer a brain-dead liberal.“ Dieser unsägliche Bekenner-, Büsser- und Konvertiten-Jargon hat mich aber auch auf Englisch ratlos hinterlassen. Was will er sagen: Dass alle Linken (Liberals) hirntot sind? Oder will er uns glauben machen, dass er jetzt als Rechter (Conservative) intelligenter ist? Kann er das nur bewerkstelligen, in dem er Linke wie eine Karikatur darstellt („alle Unternehmer sind Ausbeuter“)? Predigen die Konservativen etwa nicht den starken Staat mit Polizei, Feuerwehr, Armee, Geheimdienst, Einschränkung der Privatsphäre durch Kameras und Aufhebung des Datenschutzes, etc.? Ironischerweise beginnt er den Artikel noch mit einem Zitat von Keynes, obwohl er doch dessen Gegner Friedman zu seinem neuen Helden erkoren hat.
Item, wenn jemand von einem Extrem ins andere fällt, hat dies wohl weniger mit Ideologie als mit einer Persönlichkeitsstörung zu tun.
Dieser Artikel ist ja bereits in der Weltwoche erschienen, und er bezweckt dasselbe, wie wenn «Sag Nein zu Drogen»-Eiferer ehemalige Junkies in die Debatte schicken, Freikirchen bussfertige Prostituierte predigen lassen, Umweltschützer auf reuige Manager verweisen: Der Sinneswandel soll der triumphale Beweis für die Richtigkeit der eigenen Überzeugung sein.
"Und so begann ich [...] mich zähneknirschend darauf einzulassen. Und dabei wurde mir klar, dass ich zwei Bilder von Amerika [...] hatte. Das eine war ein Staat, in dem alles falsch war und sofort und unbedingt korrigiert werden musste. Das andere [...] bestand aus Menschen, die, um selbst ein möglichst angenehmes Leben zu führen, meist bestrebt waren, mit den anderen Leuten auszukommen [...] ich merkte, dass es Zeit wurde, mich zu dem Amerika zu bekennen, in dem ich lebe, und dass dieses Land kein Klassenzimmer ist [...] sondern ein Marktplatz."
Was will uns der Autor damit sagen? Alle Linken wollen Streit und andere belehren?
Andererseits sagt er sofort gleich selbst, dass er alles verbessern will, also ein riesiger Widerspruch:
"Aus der tragischen Perspektive lautete die Frage also nicht „Ist alles vollkommen?“, sondern: „Wie kann man es verbessern, um welchen Preis und nach wessen Definition?“ "
Und dann noch diesen unterschwellige Patriotismus Geschwurbel.
Gerade das spricht doch für die Linken und für staatliche Interventionen, um die schwächeren vor den stärkeren Schweinen zumindest teilweise zu schützen.
http://www.freilich.ch/blog/?p=498
Dieter Hildebrand war man am spielen und einer schimpfte 'Kommunist' ! Hildebrandt erwiederte : Entschuldigung, so intelligent bin ich nicht.
Ich finde den Artikel aus einem anderen Grund sehr gut:
Er bringt uns Amerika nahe. Das, was die Amerikaner eint. Die "Dreifaltigkeit" einer demokratisch organisierten Gesellschaft mit Gewaltentrennung ist den Amerikanern viel mehr eine Errungenschaft, als dass dies bei uns noch der Fall ist. Und die Güte dieser Form, auch nur schon ihre Idee, ist zu verteidigen, und dies tut man ohne scheu auch in einigermassen militanter Weise, wenn es sein muss.
Und: Der Artikel ist einer sehr flüssigen und runden Sprache geschrieben, so dass ich zu Ende gelesen habe, obwohl ich nicht alles nachvollziehen kann.
In den USA hat der Abbau demokratischer Strukturen gewaltige Dimensionen angenommen. Unter Berufung auf einen abstrakten Notstand hat Bush, der garantiert kein hirntoter Linker ist, die verfassungsmässige Ordnung systematisch demontiert. Geheime Gefängnisse, Sondertribunale und umfassende Telefonüberwachung, um nur ein paar Beispiele zu nennen von denen wir Kenntnis haben, belegen, dass Geheimerlasse und willkürliche Schritte des Präsidenten inzwischen zur normalen Regierungspraxis geworden sind. Damit werden aber die Grundprinzipien des Liberalismus verworfen.
Ja, und nachdem Mamet nun Jahrzehnte lang fette Honorare von staatlich subventionierten Theatern eingesackt hat, wird er plötzlich Anhänger von Friedman. Nun, dann soll er doch fortan seine Stücke nur noch an Theatern spielen lassen, die keine Subventionen erhalten.
Was mich krank macht: Wie wenig wir hier dieses Rechtsstaatsmodell und die Demokratie wirkich verteidigen - und damit allen ins Gesicht lachen, die für diese Ziele einmal ihr Leben liessen oder aktuell mit allem Zivilcourage woanders auf der Welt ihr Leben riskieren.
Es ist erschreckend, wie leichtfertig die Europäer im Allgemeinen und die Schweizer im Besonderen ihre demokratischen Rechte und Freiheiten aufgeben.
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