Medienbuffet statt Birchermüesli

Medienbuffet statt Birchermüesli
Ein kleines Experiment: Der folgende Text ist der Entwurf für einen Artikel über Facts 2.0, der demnächst in print erscheinen wird. Allfällige gute Kommentare und Inputs (bis Mittwochvormittag) werden in den Artikel integriert.

Update 28.10:
Der Artikel ist heute in der SonntagsZeitung erschienen (S. 114). Online leider nicht verfügbar.

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Jeden Morgen auf dem Frühstückstisch: Die New York Times und die Frankfurter Allgemeine Zeitung, dazu die NZZ und Der Spiegel. Ein eher ungewöhnliches Bild in Schweizer Haushalten und vor allem ein Luxus, den sich kaum jemand leistet. Wenn der Frühstückstisch im Internet steht, sieht das ganz anders aus. Die Internetplattform Facts 2.0, seit bald zwei Monaten online, bietet dem Nutzer ein meterlanges Buffet an Zeitungen, Magazinen und Weblogs, von dem er sich à discretion bedienen kann.

Wie funktioniert das? Die Website sammelt automatisch von über 200 Quellen im Internet alle Nachrichten und stellt sie gebündelt zur Verfügung. Der Nutzer meldet sich bei Facts 2.0 an und abonniert kostenlos alle Quellen, die ihn interessieren. So erhält er jederzeit seinen ganz persönlichen Nachrichtenmix – aus Schweizer und ausländischen Medien, von Journalisten und Bloggern, zu Politik, Kultur oder Boulevard. Wer weniger wählerisch ist, kann sich auf der Startseite die wichtigsten Nachrichten aus aller Welt ansehen, wiederum zusammengetragen aus zahlreichen Quellen. Die aktuell beliebtesten Nachrichten stehen zu oberst.

Facts 2.0 ist eine Website für Nachrichtenliebhaber, „News-Aficionados“. So stellt sich Oliver Reichenstein die Nutzer der Seite vor. Der Designer und Internetstratege hat die Seite im Auftrag des Verlagshauses Tamedia aufgebaut. Wenn man ihm zuhört, merkt man schnell: Er ist selber völlig angefressen von Nachrichten aus aller Welt. „Die Newslandschaft ist die beste Soap Opera überhaupt“. Doch es gilt wie bei Seifenopern im Fernsehen: „Wer nur ab und zu einschaltet, hat Mühe, sich zurecht zu finden mit tausend Leuten, die alle irgendwie miteinander verbunden sind“. Deshalb ist es sein Ziel, die täglich reale Seifenoper den Menschen näher zu bringen. Am besten geht das, so glaubt er, wenn die Leser selber aktiv werden und ihre Meinung zum Tagesgeschehen äussern.

Deshalb kann man jeden Text bewerten und kommentieren. Ein Blick auf die Website zeigt: Es finden einige sehr rege geführte Diskussionen statt. Gerade Texte im Zusammenhang mit den Schweizer Wahlen provozieren kontroversen Meinungsaustausch, aber auch über Sinn und Unsinn von Grammatik etwa wird ausführlich gestritten. Die Diskussionen bewegen sich auf erstaunlich hohem Niveau – wer sich regelmässig im Internet bewegt, ist auch anderes gewöhnt. So stellt sich das Reichenstein, der selber leidenschaftlich mitdiskutiert, vor. „Ich will keine Stammtischdiskussionen, wo man einfach mit der Faust auf den Tisch klopft“. Mit Facts 2.0 will er Leute anziehen, die sich wirklich Gedanken machen und bereit sind, sich intensiv mit Themen auseinander zu setzen. „Wir wollen an der Fassade der News-Medienlandschaft kratzen. Da gibt es so viel Information und so wenig Charakter, so wenig Leidenschaft“.

Dass Facts 2.0 überhaupt entstanden ist, ist einem Todesfall und der Bieridee zweier Querdenker zu verdanken. Ende Juni wurde das Nachrichtenmagazin Facts eingestellt, der Verlag wollte die Marke „Facts“ begraben. Das rief Christoph Lüscher, Angestellter bei Tamedia, und eben Oliver Reichenstein auf den Plan. Sie steckten die Köpfe zusammen und schlugen dem Verlag vor, Facts zu einer „ernsthaften sozialen News-Plattform“ umzufunktionieren. Zu ihrer Überraschung kam schnell das Okay des Geschäftsleitung.

Der Verlag investierte einen mittleren fünfstelligen Betrag in das Projekt, bald soll es sich mit Werbung selber finanzieren. Auf Gewinn ist man vorerst nicht aus: „Facts 2.0 ist ein Experiment, um besser zu verstehen, wie Nachrichten im digitalen Zeitalter funktionieren“, so Projektleiter Christoph Lüscher.

Das Experiment läuft gut an. Rund 50'000 Besucher verzeichnet die Seite im Monat, fast so viele wie die alte Facts-Website hatte. Das für die Schweiz neuartige Konzept scheint anzukommen. Kein Wunder: Es springt auf einen Trend auf, der sich international schon länger abzeichnet. Junge Mediennutzer beziehen ihre Information aus vielen verschiedenen Quellen gleichzeitig und wollen sich selber einbringen.

Noch muss Reichenstein viele Diskussionen selber anheizen. Aber erste Anzeichen sind da, dass er mit seiner Einschätzung recht haben könnte, wenn er sagt: „Meinung ist eine grosse Marktlücke“. Und wer nicht mitreden möchte, bedient sich einfach stumm am Medienbuffet. Das ist immer noch schmackhafter als das übliche Birchermüesli.
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