22/10/2007 20:40
Medienbuffet statt Birchermüesli
Ein kleines Experiment: Der folgende Text ist der Entwurf für einen Artikel über Facts 2.0, der demnächst in print erscheinen wird. Allfällige gute Kommentare und Inputs (bis Mittwochvormittag) werden in den Artikel integriert.
Update 28.10:
Der Artikel ist heute in der SonntagsZeitung erschienen (S. 114). Online leider nicht verfügbar.
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Jeden Morgen auf dem Frühstückstisch: Die New York Times und die Frankfurter Allgemeine Zeitung, dazu die NZZ und Der Spiegel. Ein eher ungewöhnliches Bild in Schweizer Haushalten und vor allem ein Luxus, den sich kaum jemand leistet. Wenn der Frühstückstisch im Internet steht, sieht das ganz anders aus. Die Internetplattform Facts 2.0, seit bald zwei Monaten online, bietet dem Nutzer ein meterlanges Buffet an Zeitungen, Magazinen und Weblogs, von dem er sich à discretion bedienen kann.
Wie funktioniert das? Die Website sammelt automatisch von über 200 Quellen im Internet alle Nachrichten und stellt sie gebündelt zur Verfügung. Der Nutzer meldet sich bei Facts 2.0 an und abonniert kostenlos alle Quellen, die ihn interessieren. So erhält er jederzeit seinen ganz persönlichen Nachrichtenmix – aus Schweizer und ausländischen Medien, von Journalisten und Bloggern, zu Politik, Kultur oder Boulevard. Wer weniger wählerisch ist, kann sich auf der Startseite die wichtigsten Nachrichten aus aller Welt ansehen, wiederum zusammengetragen aus zahlreichen Quellen. Die aktuell beliebtesten Nachrichten stehen zu oberst.
Facts 2.0 ist eine Website für Nachrichtenliebhaber, „News-Aficionados“. So stellt sich Oliver Reichenstein die Nutzer der Seite vor. Der Designer und Internetstratege hat die Seite im Auftrag des Verlagshauses Tamedia aufgebaut. Wenn man ihm zuhört, merkt man schnell: Er ist selber völlig angefressen von Nachrichten aus aller Welt. „Die Newslandschaft ist die beste Soap Opera überhaupt“. Doch es gilt wie bei Seifenopern im Fernsehen: „Wer nur ab und zu einschaltet, hat Mühe, sich zurecht zu finden mit tausend Leuten, die alle irgendwie miteinander verbunden sind“. Deshalb ist es sein Ziel, die täglich reale Seifenoper den Menschen näher zu bringen. Am besten geht das, so glaubt er, wenn die Leser selber aktiv werden und ihre Meinung zum Tagesgeschehen äussern.
Deshalb kann man jeden Text bewerten und kommentieren. Ein Blick auf die Website zeigt: Es finden einige sehr rege geführte Diskussionen statt. Gerade Texte im Zusammenhang mit den Schweizer Wahlen provozieren kontroversen Meinungsaustausch, aber auch über Sinn und Unsinn von Grammatik etwa wird ausführlich gestritten. Die Diskussionen bewegen sich auf erstaunlich hohem Niveau – wer sich regelmässig im Internet bewegt, ist auch anderes gewöhnt. So stellt sich das Reichenstein, der selber leidenschaftlich mitdiskutiert, vor. „Ich will keine Stammtischdiskussionen, wo man einfach mit der Faust auf den Tisch klopft“. Mit Facts 2.0 will er Leute anziehen, die sich wirklich Gedanken machen und bereit sind, sich intensiv mit Themen auseinander zu setzen. „Wir wollen an der Fassade der News-Medienlandschaft kratzen. Da gibt es so viel Information und so wenig Charakter, so wenig Leidenschaft“.
Dass Facts 2.0 überhaupt entstanden ist, ist einem Todesfall und der Bieridee zweier Querdenker zu verdanken. Ende Juni wurde das Nachrichtenmagazin Facts eingestellt, der Verlag wollte die Marke „Facts“ begraben. Das rief Christoph Lüscher, Angestellter bei Tamedia, und eben Oliver Reichenstein auf den Plan. Sie steckten die Köpfe zusammen und schlugen dem Verlag vor, Facts zu einer „ernsthaften sozialen News-Plattform“ umzufunktionieren. Zu ihrer Überraschung kam schnell das Okay des Geschäftsleitung.
Der Verlag investierte einen mittleren fünfstelligen Betrag in das Projekt, bald soll es sich mit Werbung selber finanzieren. Auf Gewinn ist man vorerst nicht aus: „Facts 2.0 ist ein Experiment, um besser zu verstehen, wie Nachrichten im digitalen Zeitalter funktionieren“, so Projektleiter Christoph Lüscher.
Das Experiment läuft gut an. Rund 50'000 Besucher verzeichnet die Seite im Monat, fast so viele wie die alte Facts-Website hatte. Das für die Schweiz neuartige Konzept scheint anzukommen. Kein Wunder: Es springt auf einen Trend auf, der sich international schon länger abzeichnet. Junge Mediennutzer beziehen ihre Information aus vielen verschiedenen Quellen gleichzeitig und wollen sich selber einbringen.
Noch muss Reichenstein viele Diskussionen selber anheizen. Aber erste Anzeichen sind da, dass er mit seiner Einschätzung recht haben könnte, wenn er sagt: „Meinung ist eine grosse Marktlücke“. Und wer nicht mitreden möchte, bedient sich einfach stumm am Medienbuffet. Das ist immer noch schmackhafter als das übliche Birchermüesli.
Update 28.10:
Der Artikel ist heute in der SonntagsZeitung erschienen (S. 114). Online leider nicht verfügbar.
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Jeden Morgen auf dem Frühstückstisch: Die New York Times und die Frankfurter Allgemeine Zeitung, dazu die NZZ und Der Spiegel. Ein eher ungewöhnliches Bild in Schweizer Haushalten und vor allem ein Luxus, den sich kaum jemand leistet. Wenn der Frühstückstisch im Internet steht, sieht das ganz anders aus. Die Internetplattform Facts 2.0, seit bald zwei Monaten online, bietet dem Nutzer ein meterlanges Buffet an Zeitungen, Magazinen und Weblogs, von dem er sich à discretion bedienen kann.
Wie funktioniert das? Die Website sammelt automatisch von über 200 Quellen im Internet alle Nachrichten und stellt sie gebündelt zur Verfügung. Der Nutzer meldet sich bei Facts 2.0 an und abonniert kostenlos alle Quellen, die ihn interessieren. So erhält er jederzeit seinen ganz persönlichen Nachrichtenmix – aus Schweizer und ausländischen Medien, von Journalisten und Bloggern, zu Politik, Kultur oder Boulevard. Wer weniger wählerisch ist, kann sich auf der Startseite die wichtigsten Nachrichten aus aller Welt ansehen, wiederum zusammengetragen aus zahlreichen Quellen. Die aktuell beliebtesten Nachrichten stehen zu oberst.
Facts 2.0 ist eine Website für Nachrichtenliebhaber, „News-Aficionados“. So stellt sich Oliver Reichenstein die Nutzer der Seite vor. Der Designer und Internetstratege hat die Seite im Auftrag des Verlagshauses Tamedia aufgebaut. Wenn man ihm zuhört, merkt man schnell: Er ist selber völlig angefressen von Nachrichten aus aller Welt. „Die Newslandschaft ist die beste Soap Opera überhaupt“. Doch es gilt wie bei Seifenopern im Fernsehen: „Wer nur ab und zu einschaltet, hat Mühe, sich zurecht zu finden mit tausend Leuten, die alle irgendwie miteinander verbunden sind“. Deshalb ist es sein Ziel, die täglich reale Seifenoper den Menschen näher zu bringen. Am besten geht das, so glaubt er, wenn die Leser selber aktiv werden und ihre Meinung zum Tagesgeschehen äussern.
Deshalb kann man jeden Text bewerten und kommentieren. Ein Blick auf die Website zeigt: Es finden einige sehr rege geführte Diskussionen statt. Gerade Texte im Zusammenhang mit den Schweizer Wahlen provozieren kontroversen Meinungsaustausch, aber auch über Sinn und Unsinn von Grammatik etwa wird ausführlich gestritten. Die Diskussionen bewegen sich auf erstaunlich hohem Niveau – wer sich regelmässig im Internet bewegt, ist auch anderes gewöhnt. So stellt sich das Reichenstein, der selber leidenschaftlich mitdiskutiert, vor. „Ich will keine Stammtischdiskussionen, wo man einfach mit der Faust auf den Tisch klopft“. Mit Facts 2.0 will er Leute anziehen, die sich wirklich Gedanken machen und bereit sind, sich intensiv mit Themen auseinander zu setzen. „Wir wollen an der Fassade der News-Medienlandschaft kratzen. Da gibt es so viel Information und so wenig Charakter, so wenig Leidenschaft“.
Dass Facts 2.0 überhaupt entstanden ist, ist einem Todesfall und der Bieridee zweier Querdenker zu verdanken. Ende Juni wurde das Nachrichtenmagazin Facts eingestellt, der Verlag wollte die Marke „Facts“ begraben. Das rief Christoph Lüscher, Angestellter bei Tamedia, und eben Oliver Reichenstein auf den Plan. Sie steckten die Köpfe zusammen und schlugen dem Verlag vor, Facts zu einer „ernsthaften sozialen News-Plattform“ umzufunktionieren. Zu ihrer Überraschung kam schnell das Okay des Geschäftsleitung.
Der Verlag investierte einen mittleren fünfstelligen Betrag in das Projekt, bald soll es sich mit Werbung selber finanzieren. Auf Gewinn ist man vorerst nicht aus: „Facts 2.0 ist ein Experiment, um besser zu verstehen, wie Nachrichten im digitalen Zeitalter funktionieren“, so Projektleiter Christoph Lüscher.
Das Experiment läuft gut an. Rund 50'000 Besucher verzeichnet die Seite im Monat, fast so viele wie die alte Facts-Website hatte. Das für die Schweiz neuartige Konzept scheint anzukommen. Kein Wunder: Es springt auf einen Trend auf, der sich international schon länger abzeichnet. Junge Mediennutzer beziehen ihre Information aus vielen verschiedenen Quellen gleichzeitig und wollen sich selber einbringen.
Noch muss Reichenstein viele Diskussionen selber anheizen. Aber erste Anzeichen sind da, dass er mit seiner Einschätzung recht haben könnte, wenn er sagt: „Meinung ist eine grosse Marktlücke“. Und wer nicht mitreden möchte, bedient sich einfach stumm am Medienbuffet. Das ist immer noch schmackhafter als das übliche Birchermüesli.







Diskussion
Laut Michael Ringier ist das aber ein Vorteil. *SCNR*
meiner:
"Rund 50'000 Besucher verzeichnet die Seite im Monat, fast so viele
wie die alte Facts-Website hatte."
Ich würde davon abraten, den Vergleich zu diesem Zeitpunkt zu machen.
Dass das reine Online-Format gleichviele Besucher hat wie die
Website eines Print-Magazins, ist nicht unbedingt "ehrenhaft".
Beschränkt Euch auf die Angabe der Besucherzahl (oder ergänzt den
Satz mit "bereits in dieser frühen Phase" o.Ä).
http://facts.ch/articles/32174
FACTS 2.0 leistet einen ernsthaften Beitrag zur Ordnung und Bewertung des Newsuniversums. Wenn das nicht möglich sein soll, müsste man streng genommen auch Google abschalten, denn auch die gute alte Search Engine zeigt Auszüge aus gespiderten Websites und platziert daneben Werbung. Schöpfungshöhe im Sinne von „menschlicher Kreativität in Stunden pro Satz“ (oder so :) ) ist da sicher weniger gegeben als auf FACTS und dennoch würde nicht einmal der VSP auf die Idee kommen, Google in der Schweiz verbieten zu lassen.
Ohne Ordnungsdienste wie Verzeichnisse, Search Engines oder Aggregatoren wäre das dezentrale WWW dem Normalnutzer unzugänglich. Wer solche Aktivitäten eindämmen möchte, sollte zuerst in einem Statistiktool seiner Wahl die Verweiserstatistiken seiner Website anschauen. Im Fall von FACTS kann er mir danach immer noch ein Mail schreiben - schon ist der Feed draussen. Abgesehen von Don Alphonso hat das bisher niemand gemacht, und wer möchte schon sein wie Don Alphonso?
Mit der ZEIT tauschen wir uns übrigens gelegentlich aus. Die, die dort unser Projekt kennen haben bisher sehr positiv reagiert.
Zu den Funktionen von Facts: Ich hab gerade versucht, alle meine RSS-Feed auf Facts 2.0 zu migrieren, dann aber gemerkt, dass das, ohne eigene Themen-Channels einrichten zu können, wenig sinnvoll wäre, hätt ich doch dann anstatt einem Facts Buffet eher ein Salat. Aber vielleicht ist das auch gut so; Ausser für die Nachrichten dürften sich eh nur Nurds und HipHop-Freaks für die gleichen Feeds interessieren.
Versteht mich nicht falsch, ich publiziere schon lange als Online-Redaktor im Internet. Aber gerade deshalb interessieren mich solch kritische Fragen, die oft in Diskussionen mit Lesern von Online-Angeboten aufgeworfen werden.
Als Neuling wünschte ich mir, es gebe irgendwas wie eine Bedienungsanleitung oder eine Hilfe-Funktion, damit ich mich etwas besser zurecht finde.
Vielleicht gibt es diese ja und ich habe diese nur nicht gefunden?
Auch ich würde es gut finden (wie pascal witzig), wenn die Feeds feiner aufgeteilt sind. Ebenso könnte man Schlüsselwörter definieren und wenn diese Schlüsselwörter im Text eines Feeds vorkommen, wird das Interesse höher bewertet und hevorgehoben (z.B. farblich oder zuoberst, ähnlich die Werbelinks bei Google).
Grüsse
Ralf Beyeler
also : präzisere auswertungen was ich mag und intelligente vorschläge daraus . ich will keinen sport , kein blabla , kein werber tuning sondern spannende auseinandersetzungen in den sparten politik, religion, wissenschaft, kultur, technologie ...
intelligente konzepte und gewitzte programmierer sind doch in der lage ein solche plattform zu kreieren - oder ?
der start ist wirklich gut geglückt ... freu mich auf die weitere entwicklung
Dieser Thread hier inkl. einiger Kommentatoren ist in einem Textkasten beschrieben.
Prima gemacht, David.
interessant ist ja, dass viele printverlage (gerade in der schweiz) noch immer angst davor haben, die leser könnten ihnen unwiderbringlich ins internet abwandern, wenn sie ihre inhalte komplett und kostenlos ins netz stellen, und nicht darauf vertrauen, dass printprodukte eigenheiten haben, die sich durch online nicht ersetzen lassen.
In diesem Sinne ergänzen sich print und online sehr gut, wenn ich im Zug, im Café, wo auch immer, einen Text in einer Zeitung lese und danach in die Diskussion darüber auf einer Internetseite einsteige. Bedingung dafür ist allerdings, dass das Medium den Text eben auch online zur Verfügung stellt. Hier gilt es Hemmschwellen abzubauen.
@Hansuli Matter: die Empfehlungen von last.fm basieren auf einer enormen Menge von Userinputs. Je mehr Inputs wir auf FACTS kriegen (Artikel lesen, bewerten, kommentieren, posten, Quellen abonnieren und wieder entfernen etc.), desto feiner können wir unser System ausarbeiten. Ein feineres System braucht mehr Inputs.
An der besseren Zugänglichkeit einiger Funktionen und an der Hilfefunktion arbeiten wir in den nächsten Tagen und Wochen und auch die Sektion "Meine News" wird noch ein paar Funktionen mehr kriegen. Ein komplexes System wie FACTS 2.0 muss sukzessive verbessert werden.
Dürfen darf man sicher. Ich fände es - von Ausnahmen abgesehen - eher wenig sinnvoll. Das beste am Dialog ist, dass man ihn nicht nur mitverfolgen, sondern daran teilnehmen kann. Diese Möglichkeit entfällt bei einem abgedruckten Dialog, bzw. verlagert sich wiederum ins Internet, womit wir wieder am Anfang wären.
"heute" hat ein ein lustiges (trauriges?) Experiment am laufen. Auf heute-abend.ch können User über das beste Youtube-Video der Woche abstimmen. Und da steht dann: "Das bestgevotete Video findest du jeden Dienstag in der Zeitung." Crossmedialer Totalschaden, nicht?
BTW: Können Sie den Kollegen bitte ausrichten, dass die Zeitung so dick war (Werbebeilagen), dass sich der Automat bei uns in Illnau verklemmt hat.
Da schätze ich dann das übersichtliche und fast werbefreie Layout von Facts 2.0 doch sehr!
Keine Ahnung ob das hier richtig ist, aber ich hätte einen Verbesserungsvorschlag anzubringen. (Oder sollte man solche direkt an Christoph Lüscher / Oliver Reichenstein senden?)
Ich bin wie andere vor allem an Diskussionen interessiert. Die Anzeige der letzten Kommentare auf der Startseite finde ich deshalb durchaus sinnvoll. Das Problem dort ist aber, dass relativ oft zB. 6 von 8 Kommentaren zu einem einzigen Artikel aufgeführt sind. Da wünsche ich mir etwas mehr Übersicht. zB. in dem man daraus eine "zuletzt kommentierte Artikel"-Übersicht macht. Vielleicht wäre sowas auch bei den "eigenen Quellen" einzufügen. Also in der Art "letzte Kommentare zu von mir abonnierten Quellen".
Was auch toll wäre: eine Feedback-Funktion. ;-)
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