26/04/2008 14:52
Zwischenzeit (5): Der hässliche Mensch
Weswegen erschaudern wir ob dem Hässlichen? Scheint hierin eine Kränkung verborgen? Der hässliche Kolumnist ergründet das Hässliche an und für sich.
VON DAVID BERGER
Achtung: Dies ist keine Apologie der Umweltschutzbewegungen.
Allein Gott beargwöhnte, der Mensch sei hässlich. Hierfür schassten die Menschen Gott. Man misstraute, wessen Auge allmächtig schien. So verwundert nicht, dass Gott gerade deswegen sterben musste. Nietzsche raunte hierüber: «Der Gott, der alles sah, auch den Menschen: dieser Gott musste sterben! Der Mensch erträgt es nicht, dass solch ein Zeuge lebt.» Auch heute noch möchte der Mensch jeden Anschein seiner Hässlichkeit kaschieren. Eine vitale und immer kreativere Industrie fettet hiervon. Man mag rätseln, weswegen die Menschen das Hässliche fürchten - vermutlich, weil das Hässliche sie ermahnt, dass sie einst ganz Tier waren. Dies, bevor der Mensch sesshaft wurde und den Boden symbiotisch mit den vier Jahreszeiten bestellte.
Dieser «Prozess der Zivilisation» (Norbert Elias), das Tierische zu verdrängen, ist geradezu exemplarisch hinsichtlich der stetigen Verfeinerung des Besteckes zu beobachten. So wurde das Messer immer stumpfer, allein noch in der Küche genutzt. Auch filetierte man das Tier bis zur gänzlichen Unkenntlichkeit. Selbst das Feuer war gezähmt worden. Die Küche schien alsdann vom eigentlichen «Zweck» entfremdet. Zivilisatorisch sind uns deswegen die Chinesen überlegen. Sie ersetzten Messer und Gabel, die immer noch einen «Mord» suggerieren, mit blossen Stäbchen. Keine andere «Kultur» speist vergleichbar fein und gesittet.
Das Hässliche ist das Tierische. Was wir hässlich nennen, schimpfen wir tierisch. Ein Schwein ist hässlich und dumpf, ein Affe hässlich und doof. Seit der Mensch bewusst denkt, will er sich vom Tierischen emanzipieren. Die «primitiven» Tiere beweisen denn, der Mensch sei etwas Höheres, etwas Besseres und etwas Lebenswerteres.
Gott wollte, dass wir die Natur vergeistigen. Der Mensch wollte, dass Gott stürbe. Die Natur leidet. Folglich: die totale Naturbeherrschung sublimiert das Tierische. Weil wir uns des Tierischen nicht restlos entledigen können, kompensieren wir diesen «Mangel», indem wir die Natur verwalten, so als ob sie allein uns gehöre. Dies nannte Schopenhauer die «biologische Kränkung». Den Mangel an Instinkten, ebenso die Tatsache, dass wir dem Tierreich entstammten, rächen wir mittels unsres «Intellekts», wofür die Natur bislang büsste. Und zwar fälschlicherweise, bloss weil wir grössenwahnsinnig sind. So ist eigentlich allein der Mensch reprimitiviert, das wilde Tier hingegen noch «gesund».
Besorgniserregend. Genau dieser Zwang, das Hässlich-Tierische zu überwinden, formte den barbarischen Menschen. Unsere Rationalität preisen wir als Vorteil im Gerangel um den Planeten. Doch wie solcherart Rationalität geheiligt wird, ist schon allein irrational. Die Tragik ist, dass die totale Rationalität letztendlich den Menschen dehumanisiert, insoweit Mensch heutzutage noch Mensch ist. Das Humane, damit auch das Hässliche und Tierische, ekelt uns. Genauso, wie wir das Unkontrollierbare, das Unaussprechliche, das Unbezwingbare, das Mythische, das Rauschhafte scheuen. Mittlerweile scheuen. Denn diese rationale Funktionalität, worunter wir heute leiden und weswegen Menschen psychisch erkranken, ersann allein die Moderne.
So trotzen vereinzelte, in Weltstädten planmässig gezüchtete Jugendliche dieser «Barbarei», indem sie sich zu rasieren weigern, einen masslosen Okkultismus predigen und fanatisch die Natur vergöttern. Dies infolge der Moderne, die das Hässliche und somit Menschliche rationalisierte. Die Aufklärung misslang insofern, als sie das spirituelle und metaphysische Bedürfnis der Menschen zu befriedigen versäumte. Die groteske, weil zweite Religiosität ist hiervon kulanter Zeuge. So scheint das Hässliche als die letzte Rebellion gegen die Industriegesellschaft. Die Sekten danken hierfür.
Das Christentum wollte den Menschen bessern und bekehren, indem sie dessen stärkster Impuls schwächte und zähmte. Nämlich die Sexualität. Das Sinnbild tierischen Ursprungs. Tüchtig und fleissig und also funktionell sind ausschliesslich Gesellschaften, welche die Sexualität geisseln. Doch bloss vorübergehend. Irgendwann entlädt sich das jahrhundertelang Unterdrückte. Im Krieg. Im Gemetzel. In Barbarei. Militär und Sexualität bedingen einander. Vermutlich deswegen strafen wir das Christentum mit Nichtbeachtung, nachdem wir sexuell uns selbst entdeckten.
Die Irrationalität ist nicht auszurotten. Gleichwohl der Mensch das Irrationale und Hässliche dämonisiert. Gerade deswegen fasziniert das Hässlich-Tierische. Weil naturgemäss neugierig, kosten wir das Irrationale umso mehr. Sowieso, wer SVP wählt, wähnt dies im Bewusstsein, dass er etwas Verbotenes, Anrüchiges, etwas Irrationales täte. Denselben, abgesehen vom zweckmässigen, Effekt erwirken illegale Substanzen, die entweder Leistungen steigern oder Realitäten simplifizieren.
Nochmals zurück zu Nietzsche. Gott musste sterben, weil er sah, wie «hässlich» die Menschen sind. Heute sind wir selber Götter. Auch wenn keine würdige, so doch zumindest motivierte und engagierte. Eine Industrie ist unerschöpflich beschäftigt, uns einzubilden, wir seien minderwertig. Wir bedürfen dies oder das, alsdann seien wir Gott ähnlicher. Mittlerweile ist diese Industrie unerlässlich. Ausserdem will uns eine andere Industrie dauernd verschönern, gesunden und vervollkommnen. Dies, als ob wir naturgemäss hässlich, krank und mangelhaft seien. Gott ist zwar tot, die Sehnsucht danach ununterbrochen, bloss verlagert.
Der Entschluss, Gott zu töten, bloss weil er unsere Hässlichkeit bezeugen konnte, war ein Fehler. Nun lässt sich streiten, ob das Hässliche den Menschen negativ oder positiv prägte. Ich meine negativ im Sinne, dass das Hässlich-Tierische ganz natürlich sei - eigentlich nichts, das man ausmerzen müsste. Vielmehr sollte man anerkennen, dass Menschen nunhalt hässlich seien. Dies zu verheimlichen endet in Neurosen. Das Hässlich-Menschliche zu leugnen, erkaltet und mechanisiert den Menschen, der bloss noch frohlockt. Als Roboter. Die Tiere werden sodann triumphieren. Uns «Barbaren» und «Maschinen» verspotten. Genauso, wie Delphine Menschen narren.
VON DAVID BERGER
Achtung: Dies ist keine Apologie der Umweltschutzbewegungen.
Allein Gott beargwöhnte, der Mensch sei hässlich. Hierfür schassten die Menschen Gott. Man misstraute, wessen Auge allmächtig schien. So verwundert nicht, dass Gott gerade deswegen sterben musste. Nietzsche raunte hierüber: «Der Gott, der alles sah, auch den Menschen: dieser Gott musste sterben! Der Mensch erträgt es nicht, dass solch ein Zeuge lebt.» Auch heute noch möchte der Mensch jeden Anschein seiner Hässlichkeit kaschieren. Eine vitale und immer kreativere Industrie fettet hiervon. Man mag rätseln, weswegen die Menschen das Hässliche fürchten - vermutlich, weil das Hässliche sie ermahnt, dass sie einst ganz Tier waren. Dies, bevor der Mensch sesshaft wurde und den Boden symbiotisch mit den vier Jahreszeiten bestellte.
Dieser «Prozess der Zivilisation» (Norbert Elias), das Tierische zu verdrängen, ist geradezu exemplarisch hinsichtlich der stetigen Verfeinerung des Besteckes zu beobachten. So wurde das Messer immer stumpfer, allein noch in der Küche genutzt. Auch filetierte man das Tier bis zur gänzlichen Unkenntlichkeit. Selbst das Feuer war gezähmt worden. Die Küche schien alsdann vom eigentlichen «Zweck» entfremdet. Zivilisatorisch sind uns deswegen die Chinesen überlegen. Sie ersetzten Messer und Gabel, die immer noch einen «Mord» suggerieren, mit blossen Stäbchen. Keine andere «Kultur» speist vergleichbar fein und gesittet.
Das Hässliche ist das Tierische. Was wir hässlich nennen, schimpfen wir tierisch. Ein Schwein ist hässlich und dumpf, ein Affe hässlich und doof. Seit der Mensch bewusst denkt, will er sich vom Tierischen emanzipieren. Die «primitiven» Tiere beweisen denn, der Mensch sei etwas Höheres, etwas Besseres und etwas Lebenswerteres.
Gott wollte, dass wir die Natur vergeistigen. Der Mensch wollte, dass Gott stürbe. Die Natur leidet. Folglich: die totale Naturbeherrschung sublimiert das Tierische. Weil wir uns des Tierischen nicht restlos entledigen können, kompensieren wir diesen «Mangel», indem wir die Natur verwalten, so als ob sie allein uns gehöre. Dies nannte Schopenhauer die «biologische Kränkung». Den Mangel an Instinkten, ebenso die Tatsache, dass wir dem Tierreich entstammten, rächen wir mittels unsres «Intellekts», wofür die Natur bislang büsste. Und zwar fälschlicherweise, bloss weil wir grössenwahnsinnig sind. So ist eigentlich allein der Mensch reprimitiviert, das wilde Tier hingegen noch «gesund».
Besorgniserregend. Genau dieser Zwang, das Hässlich-Tierische zu überwinden, formte den barbarischen Menschen. Unsere Rationalität preisen wir als Vorteil im Gerangel um den Planeten. Doch wie solcherart Rationalität geheiligt wird, ist schon allein irrational. Die Tragik ist, dass die totale Rationalität letztendlich den Menschen dehumanisiert, insoweit Mensch heutzutage noch Mensch ist. Das Humane, damit auch das Hässliche und Tierische, ekelt uns. Genauso, wie wir das Unkontrollierbare, das Unaussprechliche, das Unbezwingbare, das Mythische, das Rauschhafte scheuen. Mittlerweile scheuen. Denn diese rationale Funktionalität, worunter wir heute leiden und weswegen Menschen psychisch erkranken, ersann allein die Moderne.
So trotzen vereinzelte, in Weltstädten planmässig gezüchtete Jugendliche dieser «Barbarei», indem sie sich zu rasieren weigern, einen masslosen Okkultismus predigen und fanatisch die Natur vergöttern. Dies infolge der Moderne, die das Hässliche und somit Menschliche rationalisierte. Die Aufklärung misslang insofern, als sie das spirituelle und metaphysische Bedürfnis der Menschen zu befriedigen versäumte. Die groteske, weil zweite Religiosität ist hiervon kulanter Zeuge. So scheint das Hässliche als die letzte Rebellion gegen die Industriegesellschaft. Die Sekten danken hierfür.
Das Christentum wollte den Menschen bessern und bekehren, indem sie dessen stärkster Impuls schwächte und zähmte. Nämlich die Sexualität. Das Sinnbild tierischen Ursprungs. Tüchtig und fleissig und also funktionell sind ausschliesslich Gesellschaften, welche die Sexualität geisseln. Doch bloss vorübergehend. Irgendwann entlädt sich das jahrhundertelang Unterdrückte. Im Krieg. Im Gemetzel. In Barbarei. Militär und Sexualität bedingen einander. Vermutlich deswegen strafen wir das Christentum mit Nichtbeachtung, nachdem wir sexuell uns selbst entdeckten.
Die Irrationalität ist nicht auszurotten. Gleichwohl der Mensch das Irrationale und Hässliche dämonisiert. Gerade deswegen fasziniert das Hässlich-Tierische. Weil naturgemäss neugierig, kosten wir das Irrationale umso mehr. Sowieso, wer SVP wählt, wähnt dies im Bewusstsein, dass er etwas Verbotenes, Anrüchiges, etwas Irrationales täte. Denselben, abgesehen vom zweckmässigen, Effekt erwirken illegale Substanzen, die entweder Leistungen steigern oder Realitäten simplifizieren.
Nochmals zurück zu Nietzsche. Gott musste sterben, weil er sah, wie «hässlich» die Menschen sind. Heute sind wir selber Götter. Auch wenn keine würdige, so doch zumindest motivierte und engagierte. Eine Industrie ist unerschöpflich beschäftigt, uns einzubilden, wir seien minderwertig. Wir bedürfen dies oder das, alsdann seien wir Gott ähnlicher. Mittlerweile ist diese Industrie unerlässlich. Ausserdem will uns eine andere Industrie dauernd verschönern, gesunden und vervollkommnen. Dies, als ob wir naturgemäss hässlich, krank und mangelhaft seien. Gott ist zwar tot, die Sehnsucht danach ununterbrochen, bloss verlagert.
Der Entschluss, Gott zu töten, bloss weil er unsere Hässlichkeit bezeugen konnte, war ein Fehler. Nun lässt sich streiten, ob das Hässliche den Menschen negativ oder positiv prägte. Ich meine negativ im Sinne, dass das Hässlich-Tierische ganz natürlich sei - eigentlich nichts, das man ausmerzen müsste. Vielmehr sollte man anerkennen, dass Menschen nunhalt hässlich seien. Dies zu verheimlichen endet in Neurosen. Das Hässlich-Menschliche zu leugnen, erkaltet und mechanisiert den Menschen, der bloss noch frohlockt. Als Roboter. Die Tiere werden sodann triumphieren. Uns «Barbaren» und «Maschinen» verspotten. Genauso, wie Delphine Menschen narren.







Diskussion
Methodisch und inhaltlich möchte ich trotzdem ein paar Zweifel anmelden.
1. Der Text stellt Behauptungen auf, ohne sie zu beweisen. Zum Beispiel:
- Das Tierische / die Natur sei hässlich. Ich habe vorhin auf einer Blumenwiese Schmetterlingen zugesehen und konnte nichts Hässliches daran entdecken.
- Gott sei tot. Die wachsenden religiössen Fundamentalismen in vielen Teilen der Welt und auch bei uns widersprechen dieser Behauptung Nietzsches
2. Der Text verwendet Begriffe, ohne sie zu definieren. Zum Beispiel:
Was ist "hässlich"? Woher kommt unser Empfinden, etwas sei schön oder hässlich? Ist das ein naturgegebener Reflex, der uns vor dem Krankhaften und Gefährlichen zurückschauern lässt? Oder ist es eine kulturell bestimmte und zeitlich bedingte Mode, was wir als schön und was wir als hässlich empfinden? (Man schaue sich einmal auf alten Fotos an, wie man sich vor 10 Jahren gekleidet und frisiert hat. Wem da nicht das Gruseln kommt...)
3. Greift es nicht zu kurz, ist es nicht zu oberflächlich, das Ethische auf der Ästhetische zu reduzieren?
Ist ein Mord mit dem Metzgermesser nur deshalb zu verurteilen, weil er irgendwie scheiße aussieht?
Und sogar in der Bibel werden gute Eigenschaften von Tieren zitiert:
"Geh hin zur Ameise, du Fauler, sieh an ihr Tun und lerne von ihr!"
und
"Siehe, meine Freundin, du bist schön; schön bist du, deine Augen sind wie Taubenaugen."
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