30/04/2008 11:18
Autorenförderung? Hungert sie aus!
Friss und stirb, Literat: Die Literaturpreisflut schadet der Literatur. Aus Wölfen sind Schoßhunde geworden. Dabei schert sich ein großes Werk um Preise so wenig wie um Verbote. Ein Ruf zu den Waff... »







Diskussion
Wenn man die paar hundert Euro, die die meisten der hier beklagten Literaturpreise einbringen, in schriftstellerischen Stundenlohn umrechnen würde, dann würden alle Skandal! rufen.
Da von Übersättigung zu reden ist nun wriklich eine böswillige Verkennung der Tatsachen. Allenfalls ist es ein Almosen, das ab und zu über existenzbedrohende Engpässe hinweghilft und ein paar Monate ungestörte Arbeit an einem Text ermöglicht.
Die großen hochdotierten Literaturpreise bekommen ohnehin nur diejenigen, die sie finanziell nicht mehr nötig haben.
Tatsache ist, dass nur die allerwenigsten Schriftsteller allein vom Schreiben leben können.
Und die Bestsellenden unter ihnen, die es fertigbringen, jährlich ein Buch nach dem anderen auf den Literaturmarkt zu werfen, sind nicht unbedingt die qualitativ besten. Allein schon aus der ökonomischen Not heraus, schnell produzieren zu müssen.
Sollte man sich so eine Entwicklung wirklich wünschen?
Qualitativ hochwertige Literatur gedeiht wie alle hochwertige Arbeit dort, wo sie gute Produktionsbedingungen vorfindet.
"Schadet den Schriftstellern! Hungert sie aus! Macht sie wütend! Was entsteht, wenn unsere brillantesten Autoren auf ihre Worte zurückgeworfen sind, wenn sie Sätze, Bücher, Plots als Waffen im Diskurskrieg begreifen, wenn sie gegen die kaum weniger gewordenen Verlogenheiten des heutigen Staates anschreiben, ungebunden, ungesichert, im Geist des Partisanen - was dann entsteht, das ist es, was wir lesen wollen."
Wer ist "wir"? Die FAZ-Feuilletonisten?
Ich bin wirklich ein Freund politisch relevanter Literatur. Aber (das wurde hier ja schon desöfteren diskutiert), Politik machen ist nicht die Hauptaufgabe und schon gar nicht die einzige Aufgabe der Schriftsteller.
Schon eher der Journalisten.
Vielleicht wäre das mal eine Idee: Hungert die Journalisten und Feuilletonisten aus!
Bis sie sich wieder an ihre Aufgabe als kritische Hinterfrager gesellschaftlicher Zusammenhänge erinnern statt zu Lifestyle-Kommentatoren zu verkommen.
Allerdings habe ich mir selber vor einiger Zeit überlegt, einen "Bruder-Bernhard-Literaturpreis zur Förderung der Heimatdichtung" auszuloben, mit exakt der Summe von 5000 CHF habe ich gerechnet. Man muss nicht reich sein dazu: Ein Auto kostet mehr an jährlichem Unterhalt. Und die Publizität wäre mir gewiss! Wahrscheinlich könnte ich es noch von der Steuer absetzen?
Also, was die Scheinheiligkeit der Preisstifter angeht, hat der Journalist eindeutig recht!
Wie steht es nun um seine Provokation des "hungert sie aus"? Die ist sicher dümmlich und sinnlos, weil ja keine Zentralregierung hinter dem ganzen Förderrummel steht, sondern es ist ein Wildwuchs sondergleichen, der ja schon die Branche des Kulturmanagements hervorgerufen hat (ja, Polemik hier...)
Es ist wahr, dass riesengrosse Literatur von Autoren stammt, die Zeit ihres Lebens nie eine öffentliche Förderung erfahren haben. Kafka wird genannt, Josef Roth kommt mir als typisches Beispiel in den Sinn, aber auch Scott Fitzgerald (Zufall, dass beide Säufer waren?)
Zurück zum Thema: Förderung. Beat Kappeler hat in einer Kolumne die Frage aufgeworfen: Darf sich jemand einfach als selbsternannter Künstler auf ein Recht auf Förderung berufen? Wieso soll jemand gefördert werden, der sich der üblichen täglichen Arbeit verweigert? Was ist mit all jenen, die wahrscheinlich ebenso kreativ sein könnten, aber nicht in den Genuss von Förderung kommen, einfach weil ihnen die Chuzpe fehlt, sich an den Fördertöpfen zu drängeln? Unpopuläre Fragen, gewiss. Eine Antwort steht sinnigerweise noch aus.
Das romantische Klischee vom armen Poeten, der in seiner Dachkammer geniale Meisterwerke schafft, verklärt zu der Folgerung, dass nur Großes schaffen kann, wer hungert, ist einfach idiotisch.
Wer käme auf den absurden Gedanken, dass ein Maurer besser mauert, wenn er ständig um seine Existenz fürchten muss? Oder dass ein Auto qualitativ umso besser wird, wenn es mit weniger Geld produziert wird?
Wer weiß, vermutlich hätte Kafka seine Bücher zu Ende geschrieben, wenn er sich nicht zeitlebens zwischen Brotjob und Schreiben hätte zerreißen und mit einem schlechten Gewissen und unendlichen Selbstzweifeln hätte plagen müssen.
Wie viele bedeutende Werke wären ungeschrieben geblieben, hätten die Autoren nicht einen Förderer im Rücken gehabt? ´Was wäre aus Goethe ohne seinen Förderer geworden?
Josef Roth z.B. war halt auch Journalist. Trotzdem hat er ein umfangreiches und wunderbares Werk geschaffen. Kafkas Problem war nicht seine Zerrissenheit zwischen Brotjob und Schreiben, sondern seine allgemeine Unfähigkeit zum Orgasmus, um das mal so zu sagen. Einstein hat seine wichtigste wissenschaftliche Arbeit als Angestellter des Patentamtes in Bern neben seiner täglichen Arbeit geleistet.
Aber wie Sie selber sagen: Wer weiss .... wie es gekommen wäre, wenn. Egal: es ist ja gut gekommen! Ich warte immer noch auf eine Rechtfertigung des Standesdünkels der Literatur- und sonstigen Kulturbranche gegenüber der einfachen Frau von der Strasse, die ebenfalls zu einem gültigen Werk fähig wäre - was haben wir diesen zu bieten? Das heutige Modell ist zutiefst ungerecht und auch unwürdig.
PS:wir können uns jetzt natürlich noch eine Weile Namen hin und her schieben: Goethe gegen Jean Paul, Roth gegen [fällt mir keiner ein] - da bin ich schnell mal überfordert. Mache mich aber anheischig, wenn's denn sein muss, auch geförderten Mist zu finden. z.B. Zytglogge-Lyrik der gspürigen 70er, im Stil:
Die heutige Jugend
Ich bin ja
nur
der Apfel
der von eurem
Stamm
gefallen ist
:-)))
Wow, sehen Sie, es geht, jeder kann es, und ist gar nicht gefördert!
Die Preise werden von Privatpersonen, Stiftungen und Institutionen ausgelobt, von denen jede ihre eigenen Kriterien hat, wen und was sie preis- und förderungswürdig findet.
Ich habe wirklich Respekt vor jedem und jeder, der/die neben einem (oft ungeliebten) Brotjob, Familie und Haushalt noch Energie und Durchhaltevermögen zum Schreiben auf professionellen Niveau aufbringt. Diese Trotzdem-Schreiber. Haben Sie mal Kafkas Briefe gelesen?
Wenn die einfache Frau auf der Straße zu einem großen literarischen Werk fähig ist - nichts hindert sie, es zu schreiben. Außer vielleicht die Überstunden in ihrem Job und ihre 3 Kinder, die sie allein erzieht und ihre kranke Mutter, die sie pflegt und die Buchindustrie, die mutigen aber unbekannten Newcomern nur selten eine Chance gibt, und die Feuilletonredaktoren, die diese Newcomer aus schierer Bequemlichkeit gern zugunsten der bekannten Namen ignorieren.
Nicht jeder, der auf einer Geige kratzt ist Musiker.
Klage eines lesenden Knechts
Schwer beleidigt haben
Sie mich
jetzt und mir die
unvermittelt aufsteigende
Kreativität an der
Wurzel
verdorren lassen.
Wenn Sie mich weiterhin so provozieren, greife ich noch zur Fiedel. Ich bin im Stande ...
Der Maurer kann vom Mauern leben. Der Dichter von seinen Buchverkäufen nicht.
Natürlich lässt sich ein Grundeinkommen politisch durchsetzen. Die Frage ist doch nur
wieviel Bürger dahinter stehen um es durchzusetzen. Denn, nicht wir sind die Diener der Politik, sondern die politiker haben den Bürgern zu dienen - dafür bezahlen wir sie.
Der Dichter kann recht schnell das Maurern lernen - umgekehrt dürfte es etwas schwieriger sein....
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