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Diskussion
Und was sagen die Schweizer unter uns zu den in diesem Artikel beschriebenen Erfahrungen und Schlussfolgerungen?
Nach dem «typisch einheimischen» wird doch jeder Ausländer/Tourist überall auf der Welt gefragt. Es ist halt einfach eine Small-Talk-Frage, und ein bisschen steckt dahinter die Neugier, wie man von Aussen wahrgenommen wird. Die meisten Nationen neigen ja dazu, sich in übertriebenem Masse Sorgen um ihr Image zu machen und vor allem die eigenen Schwächen zu sehen. Sodann gibt man als Gast ein paar freundliche Klischees zum Besten und schon hat man ein Gesprächsthema.
Ist es eigentlich typisch Deutsch, dass man hinter jeder Small-Talk-Frage gleich etwas Unheilvolles («sehen, wie sie danebenhauen», «ob die Maskerade noch funktioniert») wittert?
Im Ernst!
Die Wissenschaft gibt Ihnen recht: Ein Nationalcharakter existiert nicht (National Character Does Not Reflect Mean Personality Trait Levels in 49 Cultures, www.sciencemag.org, Heft 310: «Perceptions of national character thus appear to be unfounded stereotypes that may serve the function of maintaining a national identity.» Zusammengefasst: Der Charakter eines Menschen wird nicht durch seine Angehörigkeit eines bestimmten Kulturkreises bestimmt.)
Dennoch erscheint es mir unwahrscheinlich, dass gemeinsame Lebensbedingungen, Geschichte, Kultur, Politik und Wertvorstellungen, insbesondere aber wirtschaftliche Gegebenheiten die Menschen nicht auch ähnlich prägen.
Das mit dem Geiz, @ Oliver Reichenstein, ist ein gutes Beispiel. In der Slowakei gehört es einfach zum guten Ton, dass sich die Tische biegen, wenn man Gäste hat. Man will sich ja nicht nachsagen lassen, dass man knausere und zuweilen findet ein regelrechter Wettbewerb statt, wer mehr auftischt. Ein leerer Teller und ein leeres Glas kommen einer Beleidigung des Gastgebers nahe, sie signalisieren, es war nicht genug, drum wird ständig alles nachgefüllt. Daraus entsteht dann wohl das Bild, dass Osteuropäer grosszügige Gastgeber sind.
Die frugalen Gastmahle in der Schweiz würde ich allerdings eher dem Protestantismus, als dem Schweizersein zuschreiben. Geiz ist für den protestantisch geprägten Menschen eine Kardinaltugend. Allerdings nennt er es Askese, Sparsamkeit, Genügsamkeit, Bescheidenheit und Disziplin.
Ich glaube nicht an einen mystischen Nationalcharakter, ich bin jedoch fest davon ueberzeugt, dass die Sprache das Denken bestimmt dadurch Einfluss aufs Handeln nimmt. Ich staune immer wieder mit welcher Selbstverständlichkeit Italienerinnen von ihrem "cazzo" und ihren "coglioni" reden -- und wie maennlich sie dann im gleichen Atemzug tatsaechlich auftreten. Die Gemeinsamkeiten der Deutschschweizer mit den Deutschen sind, wiederum aus der Ferne beobachtet, trotz der unterschiedlichen Geschichte, ja auch ueberaus frappant; oder sehen Sie das etwa ganz anders, mit Ihrem brasilianischen Fernrohr?
Wenn ein Multimillionär an einem Abendessen in seiner Villa für vier Personen eine einzige Flasche Wein öffnet, abgezählt 150 Gramm Schnitzel pro Person serviert, und ihm der Schmerz beim Ausschenken regelrecht anzusehen ist, er aber ohne mit der Wimper zu zucken teuere und mit Bedacht ausgewählte Gastgeschenke entgegen nimmt, dann kommt das Ihrer Definition von Geiz, die ich teile, schon sehr nahe.
Dieser Geizwahn kann ich mir auch nirgends anders vorstellen. Überall sonst würde man sich genieren über Slogans wie «das attraktivste Geizniveau», «Geiz ist geil!», «Geizwahn», «Supergeile Preise».
Ich bin in Anlehnung an Max Weber dennoch geneigt, dies auf den Protestantismus zurückzuführen. Zumal in Holland und England ähnliche Tendenzen herrschen.
Aber Sprache ist genauso prägend, gar kein Zweifel. Die Deutschen und die Deutschschweizer sind sich wohl ähnlicher als manchen lieb ist. Und in Ipanema lassen sie sich eh nicht mehr unterscheiden: Buntes Hemd, weisse Socken in Sandalen, kurze Hosen und hummerrote Haut, die einen wie die anderen. Echt kein Klischee. Woran diese Ähnlichkeit liegen mag?
Vor einige Tagen habe ich hier meine Grossmutter zitiert: "By de Ryche lehrt me spare". Ich füge jetzt hinzu: Millionäre sind sich alle gleich, lebendig und als Leich'....also, bitte diese nicht als Beleg für eine nationale unterschiedliche Ausprägung der Charaktere beiziehen.
Allerdings kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass @OReichenstein und @Frau Müller Wahrheit künden - aber dieser Eindruck entsteht wider besseres Wissen. Gut, Religion könnte stechen ....
Hinwiederum höre ich aus Slowenien, dort seien die Leute so geizig, dass sie nicht mal den Mist vom Dachboden weg geben möchten. Denn: dass sich jetzt die Nichte aus der Schweiz für die vergessenen Gegenstände interessiert, könnte ja bedeuten, dass diese einen ungeahnten Wert besitzen. Und so hat wohl jede Volksgruppe solche Geschichten über den geizigen Nachbarn auf Lager (oder den kampflustigen, den immer geilen, den depressiven). Von der Schweiz aus gesehen, versuchweise: die Schwaben, Serben, Italiener, Österreicher. Von einer anderen Weltecke aus kann diese Liste bestimmt auch erstellt werden. Wahrer wird sie dadurch nicht.
Ich finde je laenger desto mehr Spass an linguistischen Erklaerungen, fuer vorherrschende Charakereigenschaften von Bevoelkerungsgruppen (nicht Nationen!).
So hat meiner Ansicht nach zum Beispiel die Geduld, die die Tokioter zeigen, viel damit zu tun, dass man im Standart-Japanischen grundsaetzlich das Ende des Satzes abwarten muss (weil das Hauptverb immer am Ende steht und ev. der ganze Satz mit einem Anhaengsel nach dem Verb verneint werden kann). Das trainiert einen eben. Die ekelhaft ungeduldige Angewohnheit vieler Europaeer, einem den Satz fertig zu sprechen, das geht hier gar nicht, weil man ohne Hauptverb nur schwer erraten kann, was der andere sagen will.
Was mir bei den Schweizern (und zwar allen Sprachgruppen, D, F, I) auffaellt, ist die Verwandtschaft unseres kindlichen Singsangs und einer sonderbaren weltmeisterlich gespielten kitschigen Naivitaet. Das ist aus einer gewissen Distanz ganz extrem.
Am Zuercher Flughafen. Drei braungebrannte Damen und zwei Teenager. Eine singt: "Und wemmr dure Zoll sind, denn goemmer gohne Kaffi haa." sie sagt das mit einem rekordverdaechtigen Grinsen und einem zuckersuessen Tonfall als rede sie zu einem Kleinkind, die Stimme geht rauf und runter, sie redet aber zu ihren erwachsenen Freundinnen. Die nicken und laecheln.
Der eine Teenager aber aefft sie brutal nach: "Sing-sing-sing-halla-halla-halla-halla."
Dieser relativ unorthodoxe Affront des Juenglings wird von den beiden anderen Damen hart abgestraft. Das sei gar nicht nett, so mit der eigenen Mutter zu sprechen. Richtig dumm und frech sei das!
Und dabei hat er doch recht. Was soll denn dieses naive Wohlfuehlgetue, dieses laecherliche falsche Herzig-Sein, dieses es-ist-alles-so-schoen, was soll dieses Theater? Indessen unterdrueckt der andere Teenager ein starkes Lachen und dreht sich ab.
Der freche Sohn meint nun: "Ach komm, genauso bloed hat sie bei der Hinreise gemeint, wie schoen es sei eine 'richtige Paella' zu essen am Strand. Aber die Paella war dann doch nur billig und grausig, Tourifrass. Kaffi am Flughafen? Das ist doch alles gar nicht echt."
Die Mutter weint. Worauf die Damengruppe wie ein Rudel Hyaenen ueber den Juengling herfaellt. Der andere Teenager versteckt sich hinter einer Saeule und lacht wie verrueckt.
Die die Konfliktunfaehigkeit, die Heuchelei und der naive Singsang? Ein Kitschteam? Thomas Bernhard (nicht Bruder Bernhard ; ) meinte, in der Schweiz fuehle er sich wie in einem Bordell. Die Selbstverleugnung des Schweizers in seiner Wohlfuehlsucht geht Hand in Hand mit seinem kindlichen Sprachtonfall.
@ Oliver Reichenstein: Ihr Beispiel vom Flughafen ist saulustig! Und ihre Freude an linguistischen Erklärungen für Charaktereigenschaften von Bevölkerungsgruppen teile ich. Wobei mich vor allem das Selbstbild/Fremdbild und die riesige Diskrepanz dazwischen beschäftigt.
Was ich in diesem Zusammenhang noch ganz interessant finde: Die Südamerikaner befehligen ihre Hunde auf Deutsch. Das ist auch die Sprache, die sie in der Hundeschule lehren. So hört man am Strand oft Befehle wie "Apport!", "Sitz!", "Platz!" "Fass!“, „Aus!“.
Der britische Komiker John Cleese hat in einem Interview mit der FAZ mal gesagt: Viele Engländer, die im Kino dauernd zu sehen bekamen, wie sich Engländer aus deutschen Kriegsgefangenenlagern befreiten, denken, Deutsch sei eine Sprache, die nicht gesprochen, sondern gebellt wird. Daran musste ich wieder denken, als ich kürzlich in Argentinien den Fernseher eingeschaltet habe und es plötzlich auf Deutsch aus dem Lautsprecher brüllte: "Jawoll, Herr Obersturmbannführer!", "Antreten!", "Raus!".
Mein Fazit: Menschen sind hochgradig sensitiv für Zusammenhänge in ihrer Umwelt, aber oftmals ziehen sie daraus falsche Schlussfolgerungen und leiten Scheinkorrelationen ab.
Wohlfühlsucht: es wäre schön, es gäbe die noch. Die ist spätestens mit dem Aufkommen des massierten Strassenverkehrs endgültig ausgestorben. Die Familie sitzt hinten, die Mutter nebenan schenkt Kaffee ein, während der Vater mit Killerinstinkt sich durch Lücken presst, mit verbalem MG auf Bremser und Drängler und überhaupt Idioten und Flaschen und Arschlöcher feuert. So ist die Schweiz! Und da wundern die sich über unhöfliche Sprösslinge. Tz tz tz tz.
Die Geschichte, die Sie beschreiben - infantile Erwachsene, die kenn ich auch. Ich kenn sie allerdings von breitärschigen Amifrauen... Wie die Sprache die Wahrnehmung beeinflusst, das kennen wir wohl von den Indianern oder Eskimos (100 verschiedene Wörter für Gras bzw. Eis - meine Annahme....). Oder wie der Pfarrer an Auffahrt so schön gesagt hat: Die Engländer kennen 2 Wörter für Himmel, Heaven/Sky. Den Schluss, den er zog, hab ich leider verpasst ... Wahrscheinlich: und reach you auch the sky, you may miss heaven... In unser Thema übersetzt: Pauschalisierung gibt geile Stories und Kommentare, aber keine Analysen.
Ich habe manche der hier beschriebenen Erfahrungen auch schon gemacht.
Mit furchtbar netten Schweizern. So furchtbar nett, dass man glatt denkt, sie würden sich wirklich für einen interessieren und dann läuft man mit dem Kopf gegen diese gläserne Wand und es macht "dong" und als Deutscher wundert man sich.
Oder mit den Devoten und politisch Korrekten, die mir als Hannoveranerin wahnsinnig stolz in geschliffenstem Hochdeutsch erzählen, dass sie aufgrund ihrer nationalen Sprachbehinderung nicht in der Lage wären, einen geraden Satz herauszubringen.
Was soll man darauf sagen? Du hast recht, du bist ein hoffnungsloser Fall, lass uns auf Englisch weiterreden? Aber was, wenn das Klischee stimmt, dass Schweizer auf Hochdeutsch keine Ironie verstehen? Dann bin ich wieder typisch deutsch: arrogant!
Reim beiseite: Ich glaube, wir werden hier Zeugen eines neuen Klischees: des deutschen Minderwertigkeitskomplexes :-))
Nebst Bemerkungen über hiesige Zustände, hat Hartmann auch sehr gute Theatearbeit geleistet in Zürich ---- vielleicht wieder einmal ins Theater gehen!
Leider hat er die persönlichen Inszenierungen vor seiner Ankunft, während seiner Anwesenheit und vermutlich nach seinem Abgang völlig in den Sand gesetzt.
Jä nu. Wir bleiben aber dummerweise hier.
(Ich wünsch mir mal einen, der sein Ding zehn Jahre durchzieht. Und nicht schon auf Abgang macht, weil man ihm seine See-Villa vor Ankunft neidet. Kleiner Beamter.)
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