05/05/2008 09:11
Zürich-Bashing: Von der Lust des Schlechtredens
Die bäuerliche Schweiz dekonstruiert zur Zeit erfolgreich jegliches Quäntchen an positivem Geist in diesem Land. Auf politischer Ebene nimmt die Lächerlichkeit kein Ende und man muss sich ernsthaft überlegen, ob Fasnachtsumzüge in Zukunft nicht generell nur noch im Bundeshaus und in den Ratshäusern stattfinden sollten, um jene üblen Wolken zu vertreiben (und den Winter damit klimatechnisch zu retten…), die unseren Alltag zu verdunkeln versuchen. Ob SVP, FDP oder sonst ein «P»: Irgendwie läuft alles aus dem Ruder. Da hilft übrigens auch Giacobbo/Müller mit dem «Late Service Public» auf SFDRS nicht weiter – dieser Service Public gilt nur der nationalen Einschlafhilfe für erschöpfte Gemütszustände.
Das Publikum und die Medien gedenken indes mit Trauerumzügen der illusionierten 68er-Generation, den Kiffern, Hippies und Anarchistenrevolutionären, gedenken Max Frisch, dem letzten Intellektuellen. Nach ihnen die Sintflut oder «Land unter!», schreit es von den Dächern der UBS und Credit Suisse und Marcel Ospel ist so sportlich wie noch nie davon gerudert. Eine Arche hat niemand gebaut, das goldene Kalb ist wertlos, dafür rufen jetzt alle «Hurra, wir kapitulieren!».
Die SVP-Bundesrätin, und das ist sie in ihrer Überzeugung ja noch immer, hat einen Tag nach der grössten Solidaritätsbekennung der Schweizerinnen nichts besseres verstanden, als ein SVP-Parolenprogramm durchzugeben und zu zeigen, dass die schweizerische Solidarität für die SVP noch immer ein Fremdwort ist, eben auch für Frau Widmer- Schlumpf. Ich war entsetzt über soviel Respektlosigkeit – die anderen Medien fanden es lustig.
Urs Paul Engeler und Stephan Pörtner teilen nach allen Seiten aus
In diesem Chaos, zwischen Pleiten, Pech und Pannen (aufmerksame LeserInnen erkennen die «P»-Wörter), treibt der böse und teuflische Bashing-Geist nun auch wieder in den Städten vertieft sein Unwesen. Wir erinnern uns an Berner-Weltwoche-Politiker Dr. phil. Urs Paul Engeler, dessen Bern-Bashing in den Medien im letzten Jahr eine entsetzte Schweigeminute auslöste. Wahrlich, seine Abhandlung war für Bern schwer zu schlucken. Doch man brüstet sich heute ja mit Schlechtrederei oder als Stadtratspolitiker mit blinder Lobhudelei – ohne das Gegenüber könnte keine Haltung überleben.
Und zur vollkommenen EURO-Stunde übertraf am 19. April Zürichs Stephan Pörtner im Tages-Anzeiger mit einem 2:1 Engelers rechtes «Ängeli-Tor». Der Schriftsteller mit dem Strohhut pisste mit spöttischer Leichtigkeit an den bernschen weissen Flaggen vorbei und schoss mit «In Zürich herrscht Begeisterungszwang» das grandiose Eigentor: «Denn wir sind nicht nur im Koksen Weltmeister», wettert er zum Beispiel über Zürich. Oder da stand, dass die enorm hohe Dichte an Prostituierten unter anderem auch aus Menschenhandel stamme oder aber: «Zürich bleibt die Grossstadt der Hinterbänkler, der Einfamilienhausgören und Vorörtler.»
Das schreibt einer, der selber in einem Vorort wohnt. «Man darf alles in dieser Stadt, ausser von gestern sein», rechtfertigt Pörtner und ist damit selber weit von gestern, denn das wissen wir ja schon lange. Und dass niemand zuvorderst stehen wolle, verkündet der Krimi-Schriftsteller just heroisch selber ganz vorne stehend, damit jeder das Antibeispiel gleich erkennen kann. Schade, dass er kein Selbstmitleid kreieren konnte, dass der Erfolgsdruck in einer grossen Stadt den Menschen keine Zeit für teure Selbstprostitutionslitaneien zulässt.
Dabei sollte er es wissen: Pörtners Blog («Stephan Pörtner labert») gähnt friedlich im Internet vor sich hin und ist in zwei Jahren wohl nur von ihm selber besucht worden. Heute muss man arbeiten fürs Geld und sich gegen die Menge gut verkaufen können – dass dabei nicht jeder gleich ein revolutionäres Buch schreiben kann oder polternder Politiker wird, liegt ja wohl auf der Hand; und wir nehmen es dankbar zur Kenntnis. Sogar Marcel Ospel hat es uns vorgemacht.
Pörtner und Engeler beschreiben eigentlich nichts anderes als das hundsnormale Grossstadtleben. Was also soll dieses Meisterschaftsbashing? Was wollen uns die Herren mit ihrem destruktiven Fahnenschwingen beibringen oder mitteilen? Geben sie uns Städtern und ihrer intravenösen Polter-Medizin wenigstens eine Lebenslösung oder andere Vorschläge für ein besseres Leben bei? Nein. Statt zu politisieren kassieren sie Honorare für ihre Tiraden, oder wie Engeler so schön sagte: «Ich habe keine Mission, sondern einen Arbeitsvertrag.»
Von Lukas Vogelsang, Chefredaktor ensuite kulturmagazin
Der Artikel erschien im ensuite, Ausgabe Mai.
Das Publikum und die Medien gedenken indes mit Trauerumzügen der illusionierten 68er-Generation, den Kiffern, Hippies und Anarchistenrevolutionären, gedenken Max Frisch, dem letzten Intellektuellen. Nach ihnen die Sintflut oder «Land unter!», schreit es von den Dächern der UBS und Credit Suisse und Marcel Ospel ist so sportlich wie noch nie davon gerudert. Eine Arche hat niemand gebaut, das goldene Kalb ist wertlos, dafür rufen jetzt alle «Hurra, wir kapitulieren!».
Die SVP-Bundesrätin, und das ist sie in ihrer Überzeugung ja noch immer, hat einen Tag nach der grössten Solidaritätsbekennung der Schweizerinnen nichts besseres verstanden, als ein SVP-Parolenprogramm durchzugeben und zu zeigen, dass die schweizerische Solidarität für die SVP noch immer ein Fremdwort ist, eben auch für Frau Widmer- Schlumpf. Ich war entsetzt über soviel Respektlosigkeit – die anderen Medien fanden es lustig.
Urs Paul Engeler und Stephan Pörtner teilen nach allen Seiten aus
In diesem Chaos, zwischen Pleiten, Pech und Pannen (aufmerksame LeserInnen erkennen die «P»-Wörter), treibt der böse und teuflische Bashing-Geist nun auch wieder in den Städten vertieft sein Unwesen. Wir erinnern uns an Berner-Weltwoche-Politiker Dr. phil. Urs Paul Engeler, dessen Bern-Bashing in den Medien im letzten Jahr eine entsetzte Schweigeminute auslöste. Wahrlich, seine Abhandlung war für Bern schwer zu schlucken. Doch man brüstet sich heute ja mit Schlechtrederei oder als Stadtratspolitiker mit blinder Lobhudelei – ohne das Gegenüber könnte keine Haltung überleben.
Und zur vollkommenen EURO-Stunde übertraf am 19. April Zürichs Stephan Pörtner im Tages-Anzeiger mit einem 2:1 Engelers rechtes «Ängeli-Tor». Der Schriftsteller mit dem Strohhut pisste mit spöttischer Leichtigkeit an den bernschen weissen Flaggen vorbei und schoss mit «In Zürich herrscht Begeisterungszwang» das grandiose Eigentor: «Denn wir sind nicht nur im Koksen Weltmeister», wettert er zum Beispiel über Zürich. Oder da stand, dass die enorm hohe Dichte an Prostituierten unter anderem auch aus Menschenhandel stamme oder aber: «Zürich bleibt die Grossstadt der Hinterbänkler, der Einfamilienhausgören und Vorörtler.»
Das schreibt einer, der selber in einem Vorort wohnt. «Man darf alles in dieser Stadt, ausser von gestern sein», rechtfertigt Pörtner und ist damit selber weit von gestern, denn das wissen wir ja schon lange. Und dass niemand zuvorderst stehen wolle, verkündet der Krimi-Schriftsteller just heroisch selber ganz vorne stehend, damit jeder das Antibeispiel gleich erkennen kann. Schade, dass er kein Selbstmitleid kreieren konnte, dass der Erfolgsdruck in einer grossen Stadt den Menschen keine Zeit für teure Selbstprostitutionslitaneien zulässt.
Dabei sollte er es wissen: Pörtners Blog («Stephan Pörtner labert») gähnt friedlich im Internet vor sich hin und ist in zwei Jahren wohl nur von ihm selber besucht worden. Heute muss man arbeiten fürs Geld und sich gegen die Menge gut verkaufen können – dass dabei nicht jeder gleich ein revolutionäres Buch schreiben kann oder polternder Politiker wird, liegt ja wohl auf der Hand; und wir nehmen es dankbar zur Kenntnis. Sogar Marcel Ospel hat es uns vorgemacht.
Pörtner und Engeler beschreiben eigentlich nichts anderes als das hundsnormale Grossstadtleben. Was also soll dieses Meisterschaftsbashing? Was wollen uns die Herren mit ihrem destruktiven Fahnenschwingen beibringen oder mitteilen? Geben sie uns Städtern und ihrer intravenösen Polter-Medizin wenigstens eine Lebenslösung oder andere Vorschläge für ein besseres Leben bei? Nein. Statt zu politisieren kassieren sie Honorare für ihre Tiraden, oder wie Engeler so schön sagte: «Ich habe keine Mission, sondern einen Arbeitsvertrag.»
Von Lukas Vogelsang, Chefredaktor ensuite kulturmagazin
Der Artikel erschien im ensuite, Ausgabe Mai.







Diskussion
"In der Schweiz nehmen in letzter Zeit selbstzerstörerische und pessimistische Tendenzen wieder zu. Der Antrieb dazu kommt vor allem von Politikern aller Parteien und von den Meinungsmachern, also Journalisten. Besonders beliebt ist das sogenannte Städte-Bashing. Urs Paul Engeler zelebrierte dieses letztes Jahr gegen Bern. Kurz vor der Euro 08 - eine Zeit also, in der Standort-Enthusiasmus gefragt ist - schoss Stephan Pörtner im Tages-Anzeiger ein grandioses Eigentor: Er zerriss Zürich und dessen "Begeisterungszwang" gnadenlos. Die genannten Autoren liefern aber nicht etwa Vorschläge, um die von ihnen beschriebenen Zustände in den Städten zu verbessern. Sie sind zu sehr damit beschäftigt, weitere Tiraden zu verfassen, mit denen sie Geld verdienen."
wegen zwei einigermassen prominent platzierten texten kann ich übrigens auch keinen besonders beliebten städtebashingtrend erkennen. auch die zunahme von selbstzerstörerischen tendenzen halte ich für ein gerücht.
Hier will sich einer als Grosskritiker etablieren und entlarvt sich als Schaumschläger. Man lese nur den ersten Absatz und überlege, wie jetzt die Worte zusammenhängen (sollen). He, das will eine Kulturzeitschrift sein. Da ist Strenge angebracht!
Sorry, als Züribasher lass ich mir allenfalls von Koryphäen dreinreden! Ein dünnes Brett bohrt der Mann....
PS: selber schuld: Wer eine Kolumne mit "dekonstruieren" beginnt, weckt hohe Erwartungen
So sagt mir bugsierer gar nichts, ronniegrob noch weniger und bruder bernhard versucht was zu sagen, doch was er MIR sagen wollte, bleibt im Verborgenen. Zudem eine Frage: Was hat die Definition einer Kulturzeitschrift mit dieser Kolumne zu tun? Das ist nun wirklich nicht sehr erhellend... bruder bernhard: Ja, Strenge ist angebracht!
Übrigens, danke Sabine_Gysi für die Zusammenfassung! Die macht Sinn.
Die Botschaft ist mir auch nicht ganz klar. Dies mag ein Problem des Empfängers sein, steht er damit nicht allein, ist es oft ein Problem des Textes. Chaotisch provozierend wird dies schon seine Wirkung tun (auch bei mir), nur eben, die Form provoziert hier mehr als der Inhalt.
Jedenfalls wirkt der Text dem Trend des Schlechtredens m.E. nicht entgegen. Genauso wenig mein Eintrag natürlich.
- in Zeiten der Euro’08 sollte man erkennen, wenn man ein Eigentor schiesst
- Städte-Bashing ist dann immer gut, wenn die Betroffenen sofort in die Schützengräben gehen und ihre Kulturprozente (`Tschuldigung Migros) in die Mörser stecken und ab 05:45 h zurück schiessen
- Zürich und Bern müssen leider als kulturelle Flachbettscanner bezeichnet werden und alle oben angesprochenen geben sich redlich Mühe, diese Tatsache wegzureden.
- Kleinstädte wie etwa Rheinfelden, Bremgarten, Burgdorf, Thun, Montreux, und viele, viele mehr haben einfach mehr zu bieten. Das liegt aber keineswegs an den Politikern und schon gar nicht an den Parteien.
Aber vielleicht haben die dort die besseren Kulturschaffenden und die besseren Journalisten?
Herzliche Grüsse aus der Provinz!
dolphin69: Was sind kulturelle Flachbrettscanner?
Nun, reden und schreiben sind sich ja nicht ganz unähnlich. Wenn Sie nichts zu sagen haben und trotzdem sprechen, dann sind Sie ein Schwätzer. Wenn Sie keine Inhalte haben und trotzdem schreiben, dann sind Sie ein Langweiler, ein Phrasendrescher oder schlichtweg ein Angeber. Entschuldigen Sie die etwas unfreundliche Antwort, aber mir fällt heute keine freundlichere ein.
Es fehlt die klare Linie.
Und unbestritten ist, dass dieser Text einen Sinn hat: Es ist eine Kolumne. Und damit hat dann 'Karl Hungus' recht, wenn sich der Kolumnist darin bestätigt sieht.
Das ist der kleine Unterschied zwischen Botschaft und Sinn eines Textes. Übringes, der obenstehende Text hat durchaus einen roten Faden.
Beides fehlt mir in Ihrer Kolumne. Weder ist mir klar, worum es überhaupt geht, noch was Sie denken.
Die Vorstellung, dass jeder in den Text hineinlesen soll, was er will, geht ganz der Definition der Kolumne entgegen.
Ich denke, Sie sprechen da eher von einem modernen Gedicht, wobei ja auch ein Thomas Kling jeweils eine recht klare Vorstellung dessen hatte, was er sagen wollte.
Müssige Sache. Die Kritik bleibt hier an der der Form hängen. Niemand will anscheinend wissen/verstehen, was ich angesprochen habe - obwohl es die Medien rauf und runter spielten. Der Kolumnist muss sich erst das intellektuelle Verdienstabzeichen holen - danach ist er heilig gesprochen. Vorher - so hat das der bruder bernhard schön gesagt - "lass ich mir allenfalls von Koryphäen dreinreden". Das taugt doch nicht wirklich als Konzept...
Und, liebe Nicole B., seien Sie beruhigt, ich habe eine sehr klare Vorstellung von dem, was ich schreibe und bezwecken will.
Ich will wissen, was Sie ansprechen wollten. Ich habe nur keine Ahnung, was das sein könnte, weil es im Themenspringen und Wortgeprassel Ihres Textes untergeht. Das ist ja das Problem.
Da ist ein Text, der will provozieren, mal so und mal so, will wirbeln und setzt zum Schluss einen Punkt. Und ja, ich will, dass sich die Leserschaft bewegt! Themenspringen ist wie Springseil-Tanzen. Und so wie sich die Kommentare hier sammeln, ist etwas hängen geblieben. Und so blöd seid ihr alle nicht, dass ihr nicht das eine oder andere versteht.
"Singen Sie doch etwas lauter und deutlicher."
So viel Interesse muss einen doch auch ehren. Zieren Sie sich nicht so! Worum geht es in dem Text? Ich bin nun wirklich gespannt.
http://de.wikipedia.org/wiki/Dekonstrukt ion
Und wer so viel schlechter schreibt als derjenige, den er kritisiert, macht dabei keine gute Figur.
Für mich ist ein Text, bei dem der Autor selber nicht weiß, was er da eigentlich sagen will, einfach Zeitverschwendung.
Tja. Ich höre ein enttäuschtes Seufzen. Hinweis für jene, die noch immer nichts verstehen: Der Einstieg ist nur situationsbeschreibend, das Wichtige kommt im zweiten Teil... Ist das blöd. Und lauter und deutlicher werde ich sicher nicht singen. Wenn Sie es nicht lustig finden, dann verstehen Sie es halt nicht und ich gebe mich gerne zufrieden, Sie nicht zum Lachen gebracht zu haben. Meine Güte. Oder erwarten Sie wirklich, dass ich einen Witz erkläre?
Dafür, dass es anscheinend null Sinn im Text geben soll, ist diese Abhandlung hier aber ziemlich zeitverschwenderisch geworden. Aber ich hab's ja gesagt.
"... vermeide ich, wo ich kann, die wissenschaftliche Terminologie. Sie scheint gewichtig; sie gibt ein Ansehn; doch recht besehen erleichtert auch sie das Geschäft des Verfassers ungebührlich, indem sie das des Lesens erschwert. Mit Fachausdrücken glauben wir Dinge zu nennen, die der Zunft bekannt sind. Doch wenn wir genötigt werden, mit anderen Worten zu sagen, was sie bedeuten, so machen wir oft genug die Erfahrung, dass uns ihr Inhalt keineswegs klar ist." Emil Staiger, Zürich, 1952 - welchen ich seiner Sprache wegen lese. Beachten Sie seinen Gebrauch des Strichpunkts. Schmelz...
Meiner Kritik zum Trotz sind wir übrigen Schweizer natürlich froh, wenn das Züri-Bashing dazu dient, dass die Zürcher bleiben, was sie sind: nämlich eingefleischte Zürihöck, die kaum mal einen Fuss aus ihrer Stadt setzen. Wär ja noch schöner, sie würden uns hier unsern günstigen Wohnraum streitig machen; unsern offenen Geist vergiften mit ihrer Statusangst; uns die für einen Flirt immer aufgeschlossenen Frauen streitig machen.
Gut, wie ich höre, wird wenigstens Letzteres in Zürich nun besser: Es sollen sich ja glücklicherweise zunehmend Deutsche dort ansiedeln. Diesen ausdrücklich ein herzliches Willkommen. Von einem Chef einer 5jährigen Kulturzeitschrift erwarte ich, das zum
PS., einiges mehr an Sprachbewusstsein. Das wäre noch der Bezug zu Kafka.
@Evelina: Ich habe gelernt, dass der Kern der Stoa (sagt man so?) war: Einstehen für seine Überzeugung. Gut, Stoa hab ich bei Tom Wolfe: A Man In Full gelernt - absolut grossartiges Buch! Ich habe eine Überzeugung, und bin nicht unbedingt leise - bin also lupenreiner Stoiker. Was hingegen ist die Überzeugung des ensuite?
Sie beleidigen mit dieser Frage über 60 freischaffende MitarbeiterInnen, die sich dafür einsetzen, dass ein Kulturmagazin monatlich entstehen kann. Diese MitarbeiterInnen sind zwischen 17 und 72 Jahre alt und geben unbezahlt - wie ich auch - alles, um einen ganzen Medienbetrieb aufzubauen. Nebenbei sind wir die grösste Kulturzeitung in der Schweiz, in Bern und Zürich ansässig und mit über 30'000 Exemplaren ziemlich einzigartig schnell wachsend. Im Vergleich: Das DU-Magazin produziert etwa die Hälfte unserer Auflage. Vielleicht ist Ihnen auch entgangen, dass alle Kulturmagazine eher sinkende Leserzahlen aufweisen und langsam verschwinden oder im Lifestyle-Klimbim enden (gerade die liebe NZZ hat's ziemlich krass vorgemacht!). Wir haben ungebrochen seit Jahren täglich Neuabonnenten. Dies nur kurz zur Information und als Anmerkung an die Lächerlichkeit.
Überzeugung: "Kultur ist der soziale Leim einer Gesellschaft." Ich trenne Kunst und Kultur - das Eine ist in der Kultur nicht ausgeschlossen, definiert sie aber nicht allein.
Ich bin gegen eine schöngeistige Intellektualisierung von Kulturellem. Das Einzige was wir damit erreichen ist ein neues soziales Kastensystem. Urs Schnell, jetzt Direktor der SUISA, hat mal vor 5 Jahren an einer Kulturmagazin-Projektsitzung gesagt: "Ein Kulturmagazin muss selber ein Stück Kultur sein." Diesen Satz habe ich mir zu Herzen genommen. ensuite ist nicht durch den Chefredaktor bestimmt - ensuite entsteht durch die Stadt, in der die Publikation produziert wird, selber. Wir beteiligen möglichst viele Menschen daran, um die Stimme der Kultur oder ein kulturelles Denken einer Gesellschaft, einzufangen und darzustellen. Es hat darin Platz für alle, auch sprachlich - denn Kultur ist vielseitig, farbig, irritierend und noch so ziemlich viel mehr. Wenn ein Maler über sein Bild schreibt, klingt das oft grässlich, weil er oft nicht "dieser Sprache" mächtig ist. Aber als LeserIn erhalten wir einen einmaligen Denkansatz davon, was in dessen Kopf vorgeht und wir können Anteil nehmen an einem Prozess, versuchen zu verstehen oder auch nicht. Das ist der pragmatische Ansatz von ensuite.
Vielleicht noch dies: Die alten Kulturmagazin-Konzepte sind nicht mehr gefragt. Sie sterben aus. Die Medien verändern sich, Menschen verändern sich, Konzepte verändern sich. ensuite ist ein neues Konzept und es hat 6 Jahre überlebt - ich hatte ihm ursprünglich nicht mehr als 2 Jahre gegeben. Ich lag falsch.
Ich war ursprünglich Marionettenspieler. Ich kenne das Schöngeistige, war mit Molière per "Du" und habe mit Faust gespielt. Doch damit meine Marionette zu leben begann, benötigte ich mehr als das Wissen um die Griechen, der Sprachgestaltung und der Schauspielerei. Was ich liebte, war das Publikum, welches sich ganz frei vom snobistischem Kunstverständnis über eine Aufführung freuen konnte. Ein Publikum, welches in der Marionette etwas mehr gesehen hatte, als den Holzklotz mit aufgemalten Augen. Heute, im Zeitalter von Blockbusters und Cabaret, ist der Einstieg in diese Lust schwierig zu gewinnen, aber Auftrag von einem Kulturmagazin.
ensuite ist ein Kulturmagazin, welches mit grossem LeserInnenwachstum erreicht, dass Menschen sich Gedanken über Kulturelles machen. Nebst der Häme der Intellektuellen, werde ich auf der Strasse von ganz normalen Menschen angesprochen, die Mitschreiben möchten, weil sie sich zutrauen, mitzudenken - und ich denke, es ist heute eine wichtige Aufgabe, Menschen in Dialog zu bringen.
Meine Funktion als Chefredaktor ist darin klein. Meine Texte sind nur meine Beiträge. Und dieser Beitag ist ein Teil einer Vielfalt. Man darf es verstehen oder auch nicht. Das Urteil, was gut oder schlecht sein soll, muss jeder für sich fällen - und damit ist der wichtigste Teil für unsere Arbeit erfüllt: Jemand hat eine Entscheidung getroffen und eine Position eingenommen. Jetzt kann ein Dialog entstehen.
Reicht das als Überzeugung, bruder bernhard? Ich lade Sie sonst gerne ein, bei ensuite mitzuschreiben. Ihre Beitrage wären eine Bereicherung (das gilt für alle...).
Da bin ich jetzt ganz still und verschreckt und frage mich nur noch schüchtern: Wie könnte ich für ein Magazin schreiben, dessen Chef mich - als Mitarbeiter - ungefragt in eine Kritik einbeziehen würde, die ausschliesslich ihm gelten konnte? Ich entschuldige mich in aller Form bei den 60 MitarbeiterInnen, die sich jetzt beleidigt fühlen. Sie waren ebenso wenig gemeint wie die MitarbeiterInnen anderer Firmen, mit deren Chef ich in Zukunft eine Meinungsverschiedenheit haben werde. Zur Sicherheit will ich mich präventiv auch schon bei Letzteren entschuldigen. So, nun muss ich aber - Canossa wartet nicht ewig...
Wenn es um die "Überzeugung des ensuite" geht, fühlen sich die MitarbeiterInnen auch angesprochen. Zwar sind wir nur ein loses Netzwerk; für die "Grundphilosophie" und die grossen Visionen ist der Chefredaktor verantwortlich. Aber jeder von uns hat ein Ziel für seine Artikel, und egal wie winzig diese Ziele sind, verbinden sie sich zu einem Ganzen. Meins lautet beispielsweise: Über Spoken Word und Poetry Slam wird in der Schweiz noch zuwenig berichtet. Ich möchte einmal pro Monat über einen Künstler oder eine Künstlerin aus dieser Szene berichten (ca. die Hälfte meiner Beiträge seit Dez. 07 beleuchten junge Schweizer Slampoeten). Jemand, der noch wenig über Spoken Word wusste, soll das lesen.
(Daneben habe ich - wie vermutlich jeder, der schreibt - noch ein persönliches Ziel: Meine Kontakte zur Spoken Word Szene intensivieren für ein geplantes Projekt.)
Ich gehe davon aus, dass die anderen Mitarbeitenden Ziele haben, die sich mit meinen Zielen nicht "beissen".
da ich auch ab und zu in der kulturszene zu tun habe, masse ich mir folgende einschätzung an: ensuite wächst wegen der kulturagenda, die v.a. online von hoher qualität ist (eine der vollständigsten überhaupt). ensuite wurde ja seinerzeit, soviel ich mich erinnere, auch als nachfolgeprojekt des eingestampften espace-agenda-dings (name ist mir entfallen) ins leben gerufen. die textkompetenz ist für diesen markterfolg wohl eher zweitrangig. weiter fällt mir auf, dass ich in den letzten 6 jahren noch nie einen ensuite-text irgendwo zitiert oder erwähnt gesehen habe. das mag zufall sein, muss aber nicht. jedenfalls finde ich den vergleich mit dum "du" etwas gewagt.
dass sie als chefredaktor selbst auf der strasse angequatscht werden von leuten, die unbedingt bei ihnen mitschreiben möchten, ist kein qualitätsbeweis, im gegenteil. ein hauch von jekami bleibt bei dieser meldung fast automatisch hängen.
ihr langfädiges verteidigungssperrfeuer ist sehr langfädig, finde ich. sie behaupten da sachen, das gibts fast nicht. sie reden von einem neuen konzept, das ensuite angeblich seit 6 jahren umsetzen soll. was bitteschön ist daran neu? sie bezeichnen ihre funktion als klein und sabine gysi sagt gleich im nächsten post, dass sie als chefredaktor für die grundphilosophie und die grossen visionen zuständig seien. wie jetzt...? irgendwo da oben stellen sie auch noch die frage, warum ein text eine botschaft haben sollte. da bleibt mir bei einem, der sich chefredaktor nennt, ganz einfach der text weg.
Zu Flachbettscanner: Diese Dinger sind in der Lage, zweidimensionale Dinge mit äusserster Schärfe aufzunehmen. Kultur sollte (wird mindestens ausserhalb Zürich und Bern so wahrgenommen) dreidimensional oder sogar mit mehreren Dimensionen daherkommen. Ich selbst bin vor etwa 20 Jahren aus der Region Züri weggezogen und bis heute glücklich, wie vielschichtig die Kultur im bäuerlichen Umfeld (zur Präzision - das ist einfach die Welt ausserhalb Züri) daherkommt.
Wenn Ihnen also die Feindbilder Bauern, Parteien und Politiker weiterhelfen, dann nur zu! Ich glaube zu erkennen, dass weder Sie noch Züri/Bern etwas zu verlieren haben…
Da motzte einer, dass die Leute immer über alles motzen, dann kamen die Leute und motzten darüber, dass er motzt. Beweisvortrag abgeschlossen.
Die Wahrheit ist meist schwer zu erkennen, weil sie fast immer verunsichert.
Aber ich übe mich gern in Nachsicht und warte mit Spannung auf eine neue Kolumne - aber bitte simpel, damit man die Aussage auch in der bäuerlichen Schweiz begreift. Merci
Es geht schlicht darum, einen schlecht geschriebenen Text einen schlecht geschriebenen Text nennen zu dürfen. Das ist alles.
Aber @ ensuite: Kümmern Sie sich nicht darum, ob die Wellen, die von Ihnen ins Publikum laufen, auch zurückkommen - das sind Kinkerlitzchen. Schreiben Sie unbekümmert um die Wirkung, um die Leute, um das Papier oder den Bildschirm, um die Kritik, dass der Artikel misslungen, schlecht geschrieben, unlogisch, zusammengezimmert sei; schreiben Sie einfach, mein Guter. Gott wird es Ihnen lohnen.
Stilkritik wird oft gemacht, weil man sich nicht an den Gegenstand traut.
@ Frau Müller: Herzlichen Dank! Genau so.
(angehängt, da ich erst jetzt all die neuen Feedbacks gesehen habe...)
@ bugsierer: Neu am Konzept ist, dass wir immer noch am Leben sind und wachsen, während die Vorgänger mit den grossen Budgets alle gestorben sind. Ein Vergleich mit dem "DU" habe ich nur auflagetechnisch gemacht - aber vielleicht zur Erinnerung: auch das "DU" leidet... Und wegen dem Erfolg und den Texten: Ich habe selber gestaunt, dass es gerade umgekehrt ist. Die Kulturagenda ist wesentlich weniger gewichtig, als unsere Texte. Deswegen haben wir ja auch den redaktionellen Teil ausgebaut und nicht die Agenda... Übringes danke für das Feedback zur Agenda. Ist ein Riesenaufwand.
@ evelina + michael: eure bemerkungen lassen durchschimmern, dass wir hier einen guten text einfach schlechtreden und irgendwie nur rummotzen. ich bin über eure gastgeberqualitäten einmal mehr sehr erstaunt.
A propos Canossa: Warst Du kürzlich mal in Speyer? Ich schon....
Melden Sie sich an oder loggen Sie sich ein, um an der Diskussion teilzunehmen.