Zwischenzeit (6): Der symbolische Widerstand

Zwischenzeit (6): Der symbolische Widerstand
Widerstand ist zwecklos. Wer aufwiegelt, wird gesellschaftlich exkommuniziert. Keine Chance. Der Protest ist allein Popkultur, als solche vermarktet und zielgruppengerecht individualisiert. Rebellen sind bloss noch der Quote dienlich.

VON DAVID BERGER

So ist zu bedauern, dass die heutigen Chaoten kaum mehr die grossen Städte demolieren mögen. Ganz zum Missfallen der Bevölkerung, die nach Ausschreitungen giert, um wieder einmal sich «empören» zu dürfen. Unsere Lust, zuzuschauen, wie unsere erkrampften Städten zerstört und geplündert werden, ist ein Spektakel ohnegleichen, gleichwohl ob für einen Firmen-, Vereins- oder Familienanlass. Hierfür bürgten jahrelang die «Quotenrebellen», worüber man sich denn vergewissert wähnte, sie würden noch protestieren und randalieren, ungeachtet der allgemeinen Ermüdung.

Dass heutzutage der Protest verschwand, nunmehr bloss symbolischer Art und Weise scheint, ist letztendlich zu beklagen, insofern die Unterhaltung relevanter als der Zweck hiervon ist. Bekanntlich sind Proteste, welche die Mittel desselben Systems nutzen, das sie bekämpfen, ausnahmslos vergebens; sie fruchten nicht, weil sie innerhalb des Systems gesät worden waren.

Jahrelang durfte man sich empören, weil die Chaoten den friedlichen 1. Mai verwüsteten. Doch mittlerweile sind die Chaoten ermüdet. Bedauerlich. Auch andere Gegenbewegungen, die nötigenfalls mittels Gewalt eine «Revolution» oder desgleichen erzwingen wollten, scheinen verstummt. Und endlich auch der grosse Konkurrent, der real existierende Sozialismus, kapitulierte unlängst, mit ihm die letzten Widerstände des unsren Systems.

Auch 1968 änderte kaum etwas, die Reformen wären sowieso vollstreckt worden, dafür hätte man keine entfremdete und naive Jugend verbraten müssen. Umso mehr scheint 1968 als Selbstinszenierung der Alten und Müden, die unentwegt beteuern, sie hätten sich noch zu verteidigen und zu wehren gewusst, auch wenn dieser Widerstand genauso symbolisch war wie der heutige, den man aber immer mehr bemitleidet, weil er noch ohnmächtiger als der damalige einen dünkt.

Allein der Spassterrorismus verzaubert und fasziniert noch, ein Vorklang allgemeiner Ermüdung und Erschöpfung, insofern blosse Unterhaltung ermuntere zum «Kampf». Die Schaulustigen, die jedes Spektakel anhand der Anzahl der Toten und der Höhe des Sachschaden kritisch und doch wohlwollend bewerten, wissen hierfür zu danken. Der Spassterrorismus vollendet den symbolischen Widerstand. Widerstand soll spassen, darf durchaus «Lifestyle» und «Coolness» beinhalten. Spassterrorismus ist sich gewahr, er vermöge die Welt nicht zu ändern, so will er sie stattdessen verunsichern und verängstigen. Auch wenn dadurch das System eher gefestigt, bestätigt als widerlegt wird, ist Spassterrorismus durchaus ein passabler Zeitvertreib gelangweilter Jugendlicher; gänzlich sinnlos, zwecklos, eben widerstandslos.

Dass man nicht opponieren kann, auch nicht die SVP, sollte uns mahnen, dass das unsrige System vollends totalitär ist, worin man weder einbrechen noch ausbrechen kann, das weder Drinnen noch Draussen kennt, vielmehr alles aufsaugt, verinnerlicht und letztlich vermarktet, selbst den Protest, selbst den Widerstand und selbst das Unbehagen mit der Kultur.

«Brot und Spiele», so erklingt mir das Spektakel, Widerstand als Spiel im Allgemeinen, als Katz-und-Maus-Spiel mit der Polizei im Speziellen. Hierfür begeistert sich gerade unsere Jugend. Bemerkenswert, denn sollte diese Jugend nicht einmal Bruttosozialprodukt steigern? Vielleicht missbehagt, dass die Jugend statt «Business» bloss Spassterrorismus kultiviert, den wir kaum steuern können, oder doch? Momentan scheint der totale Spassterrorismus noch von der Kulturindustrie unbestellt, momentan und noch. So ist zu erwarten, dass demnächst der Spassterrorismus auch «kommerzialisiert» wird und nicht bloss, wie momentan total, der verhältnismässig scheue und gesittete symbolische Widerstand, das «Ein-Zeichen-Setzen».

Tragisch, nicht wahr? Wogegen will man denn aufbegehren? Das unsrige System kennt ja kein «Machtzentrum», scheint vielmehr anarchistisch und dezentralisiert, nirgends konzentriert sich wahrhaftige Macht. Man kann nicht Bush töten und glauben, damit wäre die Welt befriedet. Denn auch Bush regiert bloss einige Dollars, mehr nicht. Ich rate, wie so oft, zur totalen Kapitulation oder zur totalen Mobilmachung. Letztlich sei gleichgültig, wofür man sich entscheidet, das menschliche Dasein ist tragisch, nunmehr sinnlos, vergebens und hoffnungslos. Man könnte ebensogut sich das irre Leben verkürzen, wäre dieser Entschluss nicht kriminalisiert, wohl rechtens, ansonsten würden wir noch rascher aussterben.
 
 
 
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