09/05/2008 08:12
Zwischenzeit (7): Der unmündige Angestellte
Der Angestellte ist der bekannteste und doch unbekannteste Typus Mensch; eine Art und Weise des Lebens, welche die gesamte Gesellschaft uniformiert, eine Erwartungshaltung, deren Klang allgemeine Müdigkeit und Verdrossenheit hallt - unüberhörbar, widerruflich und unvergesslich.
VON DAVID BERGER
Mag einer sich noch erinnern, worauf der gewöhnliche Arbeiter dazumal, als das Gespenst der Revolution rauschte, weltanschaulich sich stützte! Er würde sich besinnen, dass der Arbeiter sich selber als das unterdrückte Proletariat wahrnahm. Damals. Er würde bemerken, dass der Arbeiter die Hoffnung mehrte, dass die Bedingungen sich bessern mögen. Ja dass irgendwann der Arbeiter befreit werden würde. Irgendwann und irgendwie, nötigenfalls auch mittels einer Revolution. Doch der zeitgemässe Angestellte plant keine revolutionären Umtriebe. Vielmehr scheint er besänftigt; weil die Sozialwerke finanziert, die Lohntüte prall und das private Fernsehen befriedigend. Man mag diese Ermüdung bedauern; muss man aber nicht, denn die Bedingungen besserten sich tatsächlich. Mittlerweile dürfen Angestellte, auch wenn bloss jene höherer Funktionsstufen, sogar partizipieren.
Und doch ist der gewöhnliche Angestellte bewusstloser als je zuvor. Die frühere Arbeiterschaft hoffte, mittels Bildung, deren Gleichheit staatlich subventioniert war, den Mythos des Erfolgs verwirklichen zu können. Doch vergebens, statt Latein und Theologie und Philosophie lehren die Akademien bloss Nützlichkeitswissen, das, ganz Technik, den «Bestand» (Heidegger) des Möglichen, der Ressourcen und des Marktes bestellen müsse. Auch dieser «Zerfall» ist nicht zu beklagen, ist unsere Gesellschaft sowieso dehumanisiert. Wofür bräuchten wir denn noch Aufklärung, Bewusstsein und Wahrheit? Allein des Markts wegen wohl kaum, dessen Roheit jene der europäischen Urkatastrophe ja schier verharmlost.
Daher muss der Angestellte leisten und schuften, ganz gewöhnlich; so, als ob die Herrschaftsverhältnisse nie anders waren, so, als sei die Geschichte vollendet, die Entwicklung vervollkommnt. Hiervon profitiert, wer stark, entschlossen und erbarmungslos ist. Auch wenn die Büros klimatisiert sind, ist der Markt an und für sich erkaltet. Muss er ja auch, andernfalls ist kein Markt zu bewirtschaften. Dies ist reine Technik, derer verlängerter Arm aber nicht der Angestellte, sondern wiederum die Technik selber ist. Endlich ist der Angestellte ein Roboter. Hiergegen scheint die kämpferische Kritik des Humankapitals, wonach der Angestellte bloss noch als Ware ausgetauscht werde, überkommen.
Aber wie erzieht man nun einen widerstandslos funktionierenden Angestellten? Man muss ihn zunächst abklären; hierüber, dass er nicht wählen könne. Möchte er nämlich konsumieren, auch wenn bloss bescheiden, so muss er sich vertraglich verdingen. Ich bin ja, was ich habe (Erich Fromm). Allein der Konsum regelt und koordiniert den sozialen Status; folglich bedingt sozialer Aufstieg, immer mehr zu konsumieren, bis die notbehelfsmässige Sinngebung des Sinnlosen wiederum sinnlos dünkt, irgendwann, zumeist des Lebensabends.
Weil das funktionelle Leben totaler Arbeit weder verzaubert noch fasziniert, muss man sich des Feierabends umso mehr anstrengen; Freizeit ist eigentliche Arbeitszeit. Dortselbst also, wo man Erholung und Zerstreuung und Zauber ersehnt, müssen ebensoviel Fristen, Pendenzen und Aufgaben erledigt werden. Manche Angestellte hasten durchs Wochenenden in selber Geschwindigkeit wie tagdarauf durch die Abteilungen. Immerzu solle man gestresst sich rühmen, ansonsten blamiert man sich des Montags, als die Angestellten die getätigten Besichtigungen einander darreichen. Das Steigerungsspiel versklavt einen regelrecht.
Wie schon in meiner letzten Kolumne erwähnt, kann man nicht aussteigen; unsere totalitäre Gesellschaft erduldet kein Ausserhalb, denn eines fürchtet die Öffentlichkeit ganz gewiss: Menschen, die nicht rattern und trotten, nicht funktionieren und leisten, die stattdessen bloss Blumen pflücken, ohne hierfür der Verwertbarkeit zu gedenken, die bloss weidende Kühe bestaunen, ohne zu rechnen, wie viel nutzbare Milch sie produzieren würden. Dieser ganz wirtschaftliche Blick, allen natürlichen Bestand umgehend als wirtschaftliche Grösse zu beziffern, ist Programm und Inhalt des Angestellten «Lebens». Wäre zumindest.
Denn der zeitgemässe Angestellte faulenzt zuviel. Auch ist er noch nicht total mobilisiert. Er zaudert noch; vielmehr möchte er Luxus geniessen und das aufregende Leben universeller Vorbilder ahmen, aber nicht doch seinsvergessen schuften und krampfen. Bitte nicht, so jauchzt er, erbarmt meiner. Er sei ja auch bloss «Mensch». Mitnichten. Man hat gezüchtet und gezüchtigt, geschlagen und gerungen, dass der neue Mensch ein total arbeitender Übermensch werde; der lebenslänglich lerne, was der «Karriere» dienlich. Humanismus ist nach Auschwitz sowieso ein Gedenktafel, dürfte man hierüber spotten; folglich ist «human», was rentiert. Man berücksichtige doch bloss, inwiesehr Wohlstand die Menschen läutere. Wohlhabende Menschen seien naturgemäss die besseren, weil auch des Geistigen und Geistlichen zugänglicher; daher, weil die existenzielle Not gelindert sei. Man erfindet tausend Gründe, die den Wohlstand rechtfertigen. Problemlos, das Arbeitssystem ist dergestalt perfekt und autonom, ohne dass hierfür ein Schöpfer würfeln musste; ja dass insbesondere Intellektuelle darob verzweifeln, weil sie nunmehr überflüssig seien, deswegen statt sich subsumieren bloss maulen und nörgeln und somit stören.
Nun abermals. Demokratie bedingt den mündigen Bürger, doch der Bürger ist lediglich Angestellter, als solcher vorneweg entmündigt und zugleich ohne eigentliche Lobby, welche die Interessen der Angestellten verschachern könnte. Wogegen die Arbeiter früher noch Gewerkschaften fütterten, sind die heutigen Angestellten dürftig organisiert. Allein einzelne Branchenverbände, wie jener der Bürolisten, einigen Angestellte, aber bloss hinsichtlich allgemeiner Rechtsfragen und desgleichen. Schon, dass die Angestellte kaum ökonomisch solidarisiert ist, mahnt, dass sie ideologisch nochmals schutzloser sind. Beispielsweise kultivieren Unternehmer eine gewisse Ideologie, sind untereinander freundlich und solidarisch gesinnt; der Angestellte jedoch malocht bloss für sich, bestenfalls noch für die eigene Familie.
Ist er überhaupt noch Mensch, oder darf er noch Mensch sein, dieser Angestellte? Sollte er nicht vielmehr «Arbeitskraft» heissen? Oder, noch ehrlicher, Roboter, den man beliebig austauschen kann? Und weswegen ist der Angestellte philosophisch und weltanschaulich nicht geschult? Nicht so wie der Unternehmer und der klassische Arbeiter? Wie und wen wählt der Angestellte eigentlich? Gar die SVP? Oder ist der Angestellte bloss noch eine variable Zielgruppe?
VON DAVID BERGER
Mag einer sich noch erinnern, worauf der gewöhnliche Arbeiter dazumal, als das Gespenst der Revolution rauschte, weltanschaulich sich stützte! Er würde sich besinnen, dass der Arbeiter sich selber als das unterdrückte Proletariat wahrnahm. Damals. Er würde bemerken, dass der Arbeiter die Hoffnung mehrte, dass die Bedingungen sich bessern mögen. Ja dass irgendwann der Arbeiter befreit werden würde. Irgendwann und irgendwie, nötigenfalls auch mittels einer Revolution. Doch der zeitgemässe Angestellte plant keine revolutionären Umtriebe. Vielmehr scheint er besänftigt; weil die Sozialwerke finanziert, die Lohntüte prall und das private Fernsehen befriedigend. Man mag diese Ermüdung bedauern; muss man aber nicht, denn die Bedingungen besserten sich tatsächlich. Mittlerweile dürfen Angestellte, auch wenn bloss jene höherer Funktionsstufen, sogar partizipieren.
Und doch ist der gewöhnliche Angestellte bewusstloser als je zuvor. Die frühere Arbeiterschaft hoffte, mittels Bildung, deren Gleichheit staatlich subventioniert war, den Mythos des Erfolgs verwirklichen zu können. Doch vergebens, statt Latein und Theologie und Philosophie lehren die Akademien bloss Nützlichkeitswissen, das, ganz Technik, den «Bestand» (Heidegger) des Möglichen, der Ressourcen und des Marktes bestellen müsse. Auch dieser «Zerfall» ist nicht zu beklagen, ist unsere Gesellschaft sowieso dehumanisiert. Wofür bräuchten wir denn noch Aufklärung, Bewusstsein und Wahrheit? Allein des Markts wegen wohl kaum, dessen Roheit jene der europäischen Urkatastrophe ja schier verharmlost.
Daher muss der Angestellte leisten und schuften, ganz gewöhnlich; so, als ob die Herrschaftsverhältnisse nie anders waren, so, als sei die Geschichte vollendet, die Entwicklung vervollkommnt. Hiervon profitiert, wer stark, entschlossen und erbarmungslos ist. Auch wenn die Büros klimatisiert sind, ist der Markt an und für sich erkaltet. Muss er ja auch, andernfalls ist kein Markt zu bewirtschaften. Dies ist reine Technik, derer verlängerter Arm aber nicht der Angestellte, sondern wiederum die Technik selber ist. Endlich ist der Angestellte ein Roboter. Hiergegen scheint die kämpferische Kritik des Humankapitals, wonach der Angestellte bloss noch als Ware ausgetauscht werde, überkommen.
Aber wie erzieht man nun einen widerstandslos funktionierenden Angestellten? Man muss ihn zunächst abklären; hierüber, dass er nicht wählen könne. Möchte er nämlich konsumieren, auch wenn bloss bescheiden, so muss er sich vertraglich verdingen. Ich bin ja, was ich habe (Erich Fromm). Allein der Konsum regelt und koordiniert den sozialen Status; folglich bedingt sozialer Aufstieg, immer mehr zu konsumieren, bis die notbehelfsmässige Sinngebung des Sinnlosen wiederum sinnlos dünkt, irgendwann, zumeist des Lebensabends.
Weil das funktionelle Leben totaler Arbeit weder verzaubert noch fasziniert, muss man sich des Feierabends umso mehr anstrengen; Freizeit ist eigentliche Arbeitszeit. Dortselbst also, wo man Erholung und Zerstreuung und Zauber ersehnt, müssen ebensoviel Fristen, Pendenzen und Aufgaben erledigt werden. Manche Angestellte hasten durchs Wochenenden in selber Geschwindigkeit wie tagdarauf durch die Abteilungen. Immerzu solle man gestresst sich rühmen, ansonsten blamiert man sich des Montags, als die Angestellten die getätigten Besichtigungen einander darreichen. Das Steigerungsspiel versklavt einen regelrecht.
Wie schon in meiner letzten Kolumne erwähnt, kann man nicht aussteigen; unsere totalitäre Gesellschaft erduldet kein Ausserhalb, denn eines fürchtet die Öffentlichkeit ganz gewiss: Menschen, die nicht rattern und trotten, nicht funktionieren und leisten, die stattdessen bloss Blumen pflücken, ohne hierfür der Verwertbarkeit zu gedenken, die bloss weidende Kühe bestaunen, ohne zu rechnen, wie viel nutzbare Milch sie produzieren würden. Dieser ganz wirtschaftliche Blick, allen natürlichen Bestand umgehend als wirtschaftliche Grösse zu beziffern, ist Programm und Inhalt des Angestellten «Lebens». Wäre zumindest.
Denn der zeitgemässe Angestellte faulenzt zuviel. Auch ist er noch nicht total mobilisiert. Er zaudert noch; vielmehr möchte er Luxus geniessen und das aufregende Leben universeller Vorbilder ahmen, aber nicht doch seinsvergessen schuften und krampfen. Bitte nicht, so jauchzt er, erbarmt meiner. Er sei ja auch bloss «Mensch». Mitnichten. Man hat gezüchtet und gezüchtigt, geschlagen und gerungen, dass der neue Mensch ein total arbeitender Übermensch werde; der lebenslänglich lerne, was der «Karriere» dienlich. Humanismus ist nach Auschwitz sowieso ein Gedenktafel, dürfte man hierüber spotten; folglich ist «human», was rentiert. Man berücksichtige doch bloss, inwiesehr Wohlstand die Menschen läutere. Wohlhabende Menschen seien naturgemäss die besseren, weil auch des Geistigen und Geistlichen zugänglicher; daher, weil die existenzielle Not gelindert sei. Man erfindet tausend Gründe, die den Wohlstand rechtfertigen. Problemlos, das Arbeitssystem ist dergestalt perfekt und autonom, ohne dass hierfür ein Schöpfer würfeln musste; ja dass insbesondere Intellektuelle darob verzweifeln, weil sie nunmehr überflüssig seien, deswegen statt sich subsumieren bloss maulen und nörgeln und somit stören.
Nun abermals. Demokratie bedingt den mündigen Bürger, doch der Bürger ist lediglich Angestellter, als solcher vorneweg entmündigt und zugleich ohne eigentliche Lobby, welche die Interessen der Angestellten verschachern könnte. Wogegen die Arbeiter früher noch Gewerkschaften fütterten, sind die heutigen Angestellten dürftig organisiert. Allein einzelne Branchenverbände, wie jener der Bürolisten, einigen Angestellte, aber bloss hinsichtlich allgemeiner Rechtsfragen und desgleichen. Schon, dass die Angestellte kaum ökonomisch solidarisiert ist, mahnt, dass sie ideologisch nochmals schutzloser sind. Beispielsweise kultivieren Unternehmer eine gewisse Ideologie, sind untereinander freundlich und solidarisch gesinnt; der Angestellte jedoch malocht bloss für sich, bestenfalls noch für die eigene Familie.
Ist er überhaupt noch Mensch, oder darf er noch Mensch sein, dieser Angestellte? Sollte er nicht vielmehr «Arbeitskraft» heissen? Oder, noch ehrlicher, Roboter, den man beliebig austauschen kann? Und weswegen ist der Angestellte philosophisch und weltanschaulich nicht geschult? Nicht so wie der Unternehmer und der klassische Arbeiter? Wie und wen wählt der Angestellte eigentlich? Gar die SVP? Oder ist der Angestellte bloss noch eine variable Zielgruppe?







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