Ansichten eines Fooligans: System + Technik = 0:4

Ansichten eines Fooligans: System + Technik = 0:4
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Ottmar Hitzfeld, ehemaliger Mathematiklehrer und der zukünftige Trainer der Nati, bekam vom Päsidenten des FC Bayern, Karl-Heinz Rummenigge, nachdem dieser unzufrieden mit der Wechselpolitik des Trainers war (Hitzfeld hatte im UEFA-Gruppenspiel gegen Blackburn frühzeitig Spitzenkräfte geschont), einen Rüffel der besonders hinterhältigen Art: „Fußball ist keine Mathematik“, ätzte Rummenigge. Seine Augen hatten dabei ein Brutus-Funkeln.

Für die Schweizer muss die Erkenntnis, dass Fußball keine Mathematik ist, eine schmerzhafte sein.
In der Schweiz wird hervorragende Jugendarbeit geleistet, die Spieler lernen modernen, temporeichen Fußball (Systemfußball gar!) und in der Nationalmannschaft stehen Spieler, die überall in Europa begehrt sind. Dann treffen sie auf Deutschland, dessen einziger Schritt in Richtung Jugendarbeit die Einführung des autofreien Sonntags in den 70er Jahren war (ein bis heute nachhallendes Trauma, obwohl sich natürlich nie jemand dran gehalten hat).
Dort stehen sich dann also die Schweizer, im Sturm gesegnet mit einem Spieler, der so auf Tore brennt, dass er in seiner Freizeit Menschen mit weit auseinander stehenden Schneidezähnen Papierkügelchen in den Mund wirft, zwei Verteidigern des FC Arsenal, einem Torfabrikanten aus der holländischen Ehrendivision und die deutsche Mannschaft, deren Führungskräfte in ihren Vereinen auf der Bank sitzen, dauerverletzt sind oder in tiefer Daseinskrise stecken und die mit Leichtathleten und Gewichthebern aufgestockt wurde, gegenüber – und die Schweizer verlieren mit 0:4.

Fußball ist ganz seltsamer Voodoo-Kram. Manschaftsgeister spuken anhaltend, Charaktere vererben sich.
Die Nati ist das Bayer Leverkusen des Weltfußballs.
In der Saison 2001/2002 spielte Leverkusen den atemberaubendsten Fußball Deutschlands, vielleicht sogar Europas. Die Liga wurde nach Belieben dominiert, die Elf um Ballack, Schneider, Lucio, Zé Roberto und Kirsten hatte nach dem 31. Spieltag fünf Punkte Vorsprung, erreichte das deutsche Pokalfinale und das Endspiel der Champions-League.
Dann fingen aus dem Nichts die Nerven an zu flattern, vermutlich war es die Erinnerung an Unterhaching, wo Leverkusen am letzten Spieltag der Saison 1999/2000 entgegen jeder Wahrscheinlichkeit verloren hatte, die die Beine schwach werden ließ. Die Mannschaft verlor erst gegen Bremen und dann gegen die abstiegsbedrohten Nürnberger. Dortmund wurde Meister, Pokal- und Champions-League-Finale gingen schließlich ebenfalls an die Gegner.
Drei zweite Plätze blieben am Ende übrig und Leverkusen war ein für allemal die Mannschaft ohne Sieger-Gen, dafür aber mit einem Webfehler im Nervenkostüm.
Mit den Leverkusenern Ballack, Nowotny, Schneider, Neuville und Ramelow spielte Deutschland dann eine überraschend starke WM, die selbstverständlich mit dem zweiten Platz belohnt wurde. Im Endspiel übertrug sich die Leverkusener Versagensangst sogar auf den männlichsten Spieler aller Zeiten, Oliver Kahn, der sich für einen Moment in ein nervöses Wrack verwandelte und ein Schüsschen von Rivaldo an seine breite, ängstliche Brust hüpfen ließ, statt es zu fangen. Ein Patzer des Besten. Die Karma-Polizei hatte Kahn verhaftet, weil er mit Leverkusenern paktiert hatte.

Aus deutscher Perspektive ist die Nati eine Ansammlung von Schönspielern, die im entscheidenden Moment Angst haben vor dem eigenen Schatten (was bei vier Flutlichtmasten leicht zu einer regelrechten Hysterie werden kann). Die Schweizer Spieler wirken weich, selbstverliebt, charakterlos.
Die Nati ist eine klinisch spielende Elf mit schwachem Herz. Immer schon gewesen, wird immer so sein. Die Nati gewinnt kein Turnier und wenn sie im Endspiel auf die Spielvereinigung Unterhaching treffen würde.

4:0. 4:0! Die Schweiz muss bei der Europameisterschaft gar nicht erst antreten. Denn wie soll das erst ausgehen, wenn die deutschen Verletzten kuriert, die Seelen von Klose und Podolski gepflastert, die Windeln von Schweinsteiger gewechselt sind? 10:0?
Nicht doch.
Die Fußball-Weisen wissen schließlich auch: Fußball ist keine Mathematik.


Malte Welding ist Autor bei Spreeblick.com und wird in den nächsten Wochen aus deutscher Sicht die Euro 2008 auf facts kommentieren.
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