Vom Furor des Fortschritts
Soziale Gerechtigkeit: Die Löhne müssen steigen
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Wie viel Sinn stiftet der Glaube?
Über die Wichtigkeit der Väter
Kinderlose: Wer ist hier egoistisch?
Diskussion
Respekt!
Es ist schon witzig: beim Lebensbeginn machen wir uns tüchtig ans Begatten, heute weniger zufällig als früher. Funzt es nicht auf Anhieb, werden die fruchtbaren Tage im Kalender rot angestrichen. Natürlich liegt sie unglaublich genervt mit dem Kissen unterm Po und er fühlt sich seit Tagen ausgepumpt. Schlägt das eine von 100 Millionen Spermien immer noch nicht ein, gibt's mehrere Termine beim In-vitro-Befruchter mit gehörig Hormonpillen. Ist es dann soweit, gibt's einen Termin zur Entbindung, am liebsten mit Kaiserschnitt, inklusive Weheneinleitungscocktail, PDA, Wasserbad, Röhnrad and what have you. Und natürlich hat sich eine veritable Gebärindustrie etabliert.
Und das alles soll ausgerechnet beim Sterben tabu sein? Plötzlich soll es "natürlich" gehen und Gott wird es richten? Wo war der denn die ganze Zeit und wieso soll er gerade jetzt auftauchen? Come on!
Gut, wer den Direct exit to eternity nicht mag, kann vielleicht schon morgen sagen: "Turn on, tune in, drop out." - aber dafür braucht es einen Paradigmenwechsel...
Aber das irdische Leben ist nun mal keine Hollywood-Schmonzette mit Happy End. Da darf man ruhig mal am Drehbuch editieren für alle diejenigen, die die Arschkarte gezogen haben...
Vielleicht liegt es auch "nur" an einer (unbewussten) Symmetrie: Wir haben uns nicht selber entschieden, ins Leben zu kommen - oder: niemand hat uns gefragt, ob wir zur Welt kommen wollen. Dazu nun die Symmetrie: Wir entscheiden nicht selber, aus diesem Leben zu treten - oder: nicht wir sind gefragt, von dieser Welt zu gehen.
Aber ob wir jetzt Geburt und Tod biologisch als Zufall und Notwendigkeit betrachten oder als Gnade durch einen 3000-jährigen Mythos erfahren, ist unerheblich. Denn bei beiden Prozessen sind wir als Menschen aktiv daran beteiligt und helfen dem Zufall oder der Eingebung gerne auf die Beine. Der göttliche Wille manifestiert sich ja durch die Taten der Gläubigen und die haben in den vergangenen Jahrhunderten - und heute noch - dem vorzeitigen Abgang aus diesem Leben und von dieser Welt recht kreativ nachgeholfen.
Weshalb sollte sich ein Sterbewilliger nicht genau so auf den göttlichen Willen berufen können? Er hat ja als Gläubiger einen direkten Draht zu seinem Herrn...
Seit Millionen von Jahren gibt es nur diese eine irdische Welt und darin sind Geburt und Tod das biologische Gesetz, das die Vielfalt von Pflanzen und Tieren hervorgebracht hat. Die Probleme mit dem Sterben - und damit das Tabu - haben erst begonnen, als irgend ein berufener Lautsprecher Gottes die Hölle erfunden hat und als Zückerchen ein Paradies mit 72 Jungfrauen dazu angeboten hat. Das bringt den Sterbewilligen in eine moralische Zwickmühle - es sei denn, er nimmt den heiligen Weg des Märtyrers, womit er wieder selbst aus diesem Leben tritt...
Bitte verzeih mir, falls ich völlig unkanonisch zwei Weltbilder miteinander vermengt haben sollte...
Nein, lieber Frenk, am eigenen Werden und so also an der eigenen Existenz sind wir eben nicht beteiligt - die fällt uns zu - sie ist Zu-Fall. Ich weiss - im androzentristischen Denken, wo wir alles und jedes entscheiden und über alles herrschen wollen, macht das Mühe. Aber darum sollen wir halt vielleicht auch unser Ende als Zu-Fall annehmen.
Auch wenn der Gläubige "einen direkten Draht" nach "oben" haben sollte (was für ein grässlicher Sonntagsschul-Jargon) - auch dann wird eben "von oben" entschieden, wer zu gehen hat - ob dieses "oben" nun "Gott" oder "Zufall" heisst, ist unbedeutend.
Fällt mir noch ein weiteres Bild ein: Im Theater wird der Auftritt und der Abgang des Schauspielers auch nicht von diesem selber bestimmt - das legt "das Buch" oder "das Werk" fest. Auch da also das alte Wissen, den Auftritt und den Abgang auf den Brettern des Lebens geschehen zu lassen.
Lieber Tinu, der Begriff "anthropozentrisch" scheint mir in diesem Zusammenhang tautologisch und nicht sehr hilfreich. Er ist einerseits mehrdeutig und betrifft Religion, Ethik und Naturwissenschaft gleichermassen. Andererseits geht es in dieser Diskussion selbstverständlich um den menschlichen, um unseren eigenen Tod.
Innerhalb des Referenzrahmens [Religion] hast du natürlich Recht mit deiner Sichtweise. Nehmen wir aber als Koordinatensystem den Referenzrahmen [Naturwissenschaft], ergeben sich gewisse andere Perspektiven.
Da fehlt zunächst der Begriff "Gott" und auch ein intelligenter Designer ist nicht nötig. Wir können deshalb auch niemandem ins Handwerk pfuschen. Spiritualität liesse sich neuropsychologisch erfassen, wie auch der freie Wille, aber nicht stringent in einem biologischen Kontext, eher disziplinübergreifend.
Setzen wir das Subjekt mit einem Bewusstsein, Sprache und freiem Willen voraus, ergeben sich in Bezug auf seine Existenz (Geburt, Leben und Tod) willentliche Aktionen, die er ohne fremde Hilfe ausführen kann und die auf das Leben einen sehr determinierenden Einfluss haben. Dies auch unter dem Gesichtspunkt, dass wir Leben an sich (noch) nicht erschaffen können und die Definition des Zeitpunkt des Todes arbiträr und unscharf ist. Aber innerhalb dieser Grenzen sind wir handlungsfähig und haben einen entscheidenden Einfluss auf den Fortgang des Lebens zwischen Zeugung und Tod. Wir müssen also neben dem Zufall und "dem dort oben" noch unseren eigenen Einfluss dazu zählen.
So können wir uns der Fortpflanzung verweigern. Wir können abtreiben. Wir können in vitro befruchten. Wir können Knochenbrüche heilen, Infektionen bekämpfen, Impfen, Sterbende reanimieren. (Wir können in der synthetischen Biologie noch viel mehr, aber das ist nicht Gegenstand dieser Debatte). Das alles tun wir mechanistisch präzis bedacht und sind dabei ziemlich erfolgreich, wie mir scheint. Darüber hinaus geben wir uns einen humanistischen, ethischen Rahmen, um diese Aktionen zu rechfertigen. Denken wir diese Gedanken etwas weiter, kommen wir zum Schluss, dass ein Abbruch des Lebens möglich ist, denn wir haben das Instrumentarium dazu. Darüber hinaus tun wir es ständig mit anderen Lebewesen, ohne irgendwelche Skrupel, mitunter auch mit Mitmenschen, wobei dort die Moral etwas verbogen wird.
In einer pluralistischen Gesellschaft, die sich eine demokratische, säkulare Staatsform gibt, ist es möglich den persönlichen Referenzrahmen zu wählen. Die positive, wie auch die negative Religionsfreiheit sind gewährleistet. Es ist deshalb zwingend, auch in Anbetracht der sich abzeichnenden demographischen Entwicklung mit den medizinischen Implikationen, die auf uns als Gesellschaft zukommen werden, über mögliche Optionen zur Lebenstermination debattieren zu können. Tun wir es jetzt nicht, könnten wir später auf unschöne Art von den Umständen dazu gezwungen werden. Der obige Artikel liefert meines Erachtens einen guten Beitrag zu dieser Debatte.
Ich würde diese Punkt sogar in der Diskussion der "Lebenstermination" im Zusammenhang mit der "abzeichnenden demographischen Entwicklung" wieder einbringen - da müssten zunächst andere Möglichkeiten in allen erdenklichen Richtungen evaluiert werden - "Lebenstermination" müsste in dieser Reihenfolge das allerletzte Mittel sein - wenn überhaupt, denn da wären wir längst jenseits des sog. freien Willens angelangt.
Gewiss Tinu, wir können uns nicht selber ins Leben rufen, aber uns selbst töten schon. Das ist auch eine Tatsache und wir müssen wohl doch eine Asymmetrie akzeptieren.
Es gibt auch zahlreiche Beispiele zum Freitod aus verschiedenen Gründen: japanisches Seppuku, soldatischer Heldentod, der goldene Schuss des Junkies, der islamistische Märtyrer, der verweifelte Suizid vor dem Zug usw. Trotz unseren Gemeinsamkeiten als Spezies und unserem sozialen Wesen, ist jeder Mensch für sich allein auf dieser Welt. Er allein entscheidet über sein Verhalten. Ist er gut sozialisiert, wird er aufgefangen. Ist er am seelischen Abgrund, kann er sich isolieren und den letzen Schritt machen, wie wir täglich erleben. Da kann auch der Zufall mitspielen, beim Paragliding, beim Bergsteigen, beim Töff fahren, aber immer aus freiem Willen in einer bewusst gewollten Aktion, die nicht den Freitod zum Ziel hat, aber im positiven Sinne das Leben lebenswerter macht und gleichzeitig das Sterbensrisiko massiv erhöht. Interessanterweise haben wir weniger Mühe mit solchem waghalsigem Verhalten.
Der Suizid ist einerseits tragisch für die Hinterbliebenen und wir müssen im Staat soweit es geht, massvolle Regelungen anstreben. Aber diesen freien Willen müssen wir letztlich jedem Menschen zugestehen, nicht nur, weil wir nicht jeden kontrollieren können, sondern weil es zur Würde des Menschen und zum Wesen des Lebens gehört.
Diese Würde definiert jeder für sich anders, auch wenn wir als Gesellschaft einen minimalen Konsens erarbeiten können. Ein Entzug der persönlichen Freiheit, eine Bevormundung durch die Angehörigen, eine Ankettung ans Spitalbett durch Palliativmedizin, ein Vegetieren durch die Kraft der Maschine, eine Schuldzuweisung seitens der Religion, kann eine extreme Erniedrigung, eine Entwürdigung und unseliges Leid darstellen und den "Wert" des Lebens massiv reduzieren. Ein solches Vegetieren können und dürfen wir nicht jedem Menschen zumuten. Das würde einer Folter gleich kommen.
Wir müssen als Gesellschaft alle möglichen Optionen offen halten, da gebe ich dir Recht. Dazu gehört aber auch die Möglichkeit, freiwillig aus dem Leben zu scheiden, solange es selbständig möglich ist. Ist es das nicht, benötigen wir die Hilfe von lieben Mitmenschen. Genau diese Grenzen sind wir dabei auszuloten. Ein kategorisches "Nein" ist für mich keine Lösung.
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