Zwischenzeit (8): Der Pöbel in Basel

Zwischenzeit (8): Der Pöbel in Basel
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Unser Kolumnist war zufälligerweise des letzten Samstags in Basel, als der Pöbel nach Spielchen gierte. Hierüber berichtet er, als Randbemerkung zur Euro 08.

VON DAVID BERGER

Nachdem heimgekehrt, Oltens Gestank wieder rüffelnd, war ich verschleppt worden, wogegen ich nicht opponieren konnte. Nicht, weil ich grundsätzlich unentschlossen bin, sondern, weil allein die Vorstellung, einen ehemaligen Mitbewohner in Basel debütieren zu hören, mich vollends eines Besseren besann. So reiste ich erstmals seit Jahren wieder nach Basel. Dorthin, wohin ich mich eigentlich selten stürze, scheint mir doch diese Stadt pauschalisiert, dass sie bloss Singles beherberge; eine verlorene Generation.

Nichtsdestotrotz, ich war ignorant; beobachtete die Menschen kaum, schaute niemanden ins Gesicht, niemandem nach. Ich wurde ganz Flaneur schlenderte und schlawinerte durch die Gassen, endlich seinsvergessen und immunisiert gegen die örtlichen Reize, gleich den in Basel fristenden Grossstadtmenschen. Obwohl sinnlich verwahrt, nötigten mich gewisse Menschen, deren Lärm nicht zu ignorieren war. Vermutlich der übliche symbolische Aufstand, den eine ebenso seinsvergessene Jugend des Wochenendes probt, beschwichtigte ich mich.

Endlich angelangt, wo ein Freund musizierte, sodann war ich beruhigt, dass die Halbstarken verstummten. Doch im Club war ein Fernseher montiert, worauf alle Blicke zielten. Unverständlich, dass man dafür ausgehen muss. Nichtsdestotrotz strafte ich den Fernseher mit Nichtbeachtung. Erst als ein Bekannter mir flüsterte, ich solle mich rüsten, wofür aber verschwieg, schielte ich hinauf. Ich war entsetzt: weil Fussball. Schon war mir gewiss, dass der von der heimischen Industrie gesponserte Verein siegen möge. Hiervon dürfte man bloss Tumult erwarten.

Ich war erschüttert, musste mich dringend retten, denn ein weiterer Bekannter versicherte mir, dass alsbald der öffentliche Verkehr wegen der organisierten Ekstase zusammenbreche. So plante ich rasch den Rückzug. Ich konnte keinen Augenblick länger verweilen, weil ich befürchtete, im Angesicht des Pöbels auf verlorenem Posten harren zu müssen. Deswegen spontan gerechnet, wann der Pöbel gänzlich versammelt sei; gedanklich visualisiert, wo er sich konzentrieren werde; so war ich entschlossen, eilends zu fliehen.

Auf den Strassen hastend, sichtete ich schon die ersten blödelnden Anhänger. Alle sie waren kostümiert, auch die unverheirateten Weiber. Befremden. Unaufhörlich lärmte der Mob; allerorten, nirgends war noch zu ruhen. Eine «Erlösung» sondergleichen, dachte ich mir. Eine Begeisterung, die, weil ansonsten immerzu angestaut und verspannt und unterdrückt, sich endlich entlädt. Fanatisch. Und plötzlich ein grauenvoller Anblick. Eine vollends beflaggte Gasse, schon rötlich verfärbt, verqualmt. Wüsste man nicht, dass man bloss die Launen des Pöbels erdulde, hätte man diesen Anlass ebensogut mit der Bücherverbrennung verwechseln können. Derselbe Fanatismus, dieselbe Stimmung.

Unbeschreiblich. Einen Moment «genoss» ich den Augenblick, meinte ich doch zuvor, die berüchtigte Siegesfeier erfand bloss das heimische Tourismusbüro, um so die Attraktivität der Single-Stadt Basel zu überhöhen. Undenkbar, dass die Menschen tatsächlich dergestalt frohlocken konnten, so, dass ich geradezu verängstigt war. Ja wahrlich berauschend, mittendrin war wohl niemandem möglich zu widerstehen. Deswegen schützte ich mich; einmal vermasst, sodann entfesselt; man scheint aufgelöst, man ist endlich ein Wir, wonach wir doch alle trachten, weil vereinzelt sind. Gefährlich, da dies Gefühl totaler Einheit innerhalb einer Masse auch Kräfte mobilisieren kann, die man eigentlich bändigen sollte.

So schien mir gewahr, dass genau jenes Spektakel, das ich beiläufig erlebte, den Pöbel erst stärkt, weil andernfalls, gänzlich ohne Masse, der Pöbel bloss atomisiert und somit wirkungslos wäre; einfach eine weitere Meinung, die man tadelt und kechtet. Denn vereinigt, als fanatischer Meute einigermassen strukturiert, wird der Pöbel erkenntlich, ersichtlich und letztlich wirksam. Doch auch einen solchen, nunmehr seiner selbst und seiner Kraft «bewusst» gewordenen Pöbel kann man manipulieren, immerhin; erlischt doch mit dem Individuum und mit dem Ich zugleich die Distanz. Plötzlich ist man ja eins und nicht mehr distanziert; dies gefährdet den ansonsten das Ich erneuernden Zweifel. So musste ich mich distanzieren.
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