Zwischenzeit (9): Der Jugendliche als Feind

Zwischenzeit (9): Der Jugendliche als Feind
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Ich dachte, der randaliere Jugendliche sei bloss erfunden worden, um die wohlbestallten Massen zu verköstigen. Doch ich wurde eines Besseren belehrt.

VON DAVID BERGER

Der Feind lauert im Innern, es sind diese Jugendlichen, deren Verdruss, worüber und weswegen auch immer, nicht mehr zu bändigen ist; randalierende Jugendliche, die durch die Vorstädte streunen und ringsherum die Infrastruktur einer vormals stolzen und gesitteten Zivilisation zertrümmern, welche nun endlich und unwiderruflich der Barbarei anheimgefallen ist.

Der sittliche Zerfall ist nicht mehr aufzuhalten; allein die Predigt, dass man sich abhärten und rüsten solle; sei es für einen schonungslosen Wettbewerb, sei es für den noch krasseren Überlebenskampf in den Weltstädten; allein noch dies Gebot wird erhört. Dass solche, zum hoffnungslosen Kampf gezüchtete Jugendliche weder eine Autorität noch das staatliche Gewaltmonopol akzeptieren, scheint deswegen nicht weiter verwunderlich, insofern sie tatsächlich nichts zu verlieren wie zu befürchten haben.

Gut zu wissen also, dass unsere Armee den Häuserkampf probt. Wo Polizisten sich denn nicht mehr hin trauen, dort muss die Armee das Chaos strukturieren und das Elend nötigenfalls schmälern. Oder ersinnt jemand noch, man können auch reden? Worüber denn? Über das Elend der Weltstädten? Über die Höhe des Sozialgelds?

Obgleich Raumfahrtmissionen zu fremden Planeten mich manchmal trösten, die Menschheit sei noch gesittet, ernüchtert und resigniert mich die irdische Realität immerzu. Wer müsste eigentlich die heutige Barbarei verantworten? Der Markt? Nichtsdestotrotz. Entschieden, ob oder wie man die weltstädtische Jugend züchtigen solle, ist nichts; man zaudert und ignoriert vielmehr.

Hierzulande sind wenigstens die Barbaren zahm; Jugendliche randalieren und demolieren zwar, sind aber grösstenteils noch harmlos, weil mehrheitlich im Arbeitsprozess gekettet. Die wenigen Ausnahmen, die ein System unsrer Härte und Starre unweigerlich irgendwo deponiert, werden mit Sozialgeld gefüttert und verweichlicht.

Sind wir gerettet, drohen uns also keine typisch-westlichen «Verhältnisse»? Kaum, momentan sind die Jugendlichen noch beschäftigt. Den Aufstand verfügen sie erst, wenn entweder Arbeit mangelt oder der Staat das Sozialgeld kürzt. Doch wie lange tolerieren wir noch solche «Schläfer», deren Wut, ist sie einmal entfesselt, nicht mehr zu domestizieren wäre?

Wir sollte jene Härte und Kälte, welche der alleinseligmachende Markt gebietet, auch ins Soziale übertragen. Wir sollten arbeitsscheue Jugendliche verwarnen, gewalttätige verwahren oder entmündigen. Denn genau dieser Widerspruch, dass die eigentlich-wirtschaftliche Realität hart, doch die soziale künstlich humanisiert ist, befremdet die Jugendlichen, die wohl lieber im Endkampf sterben möchten, anstatt man sie lebenslänglich mit Sozialgeld korrumpiert.
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