Offener Brief: Ein nachdenkliches Wort zum Podium "Reggae und Homophobie - nicht zu trennen? "

Liebe Rote Fabrik

Ich möcht' nochmals mein Bedauern über die - in meinen Augen gescheiterte - Podiumsdiskussion zum Konzert von Sizzla von gestern kund tun. Ich finde es skandalös, dass man das Podium zu Anlass nahm uns ein allzu bekanntes und gesellschaftlich äusserst bedenkliches Rechfertigungsmuster vorzuführen, dass erschreckend faschistische Züge trug. Der Begriff mag schockieren, aber manchmal muss man die Dinge beim Namen nennen.

Anstatt die berechtigt Kritik anzunehmen und die Sache pragmatisch und im Sinne der Wertehaltung einer offenen Gesellschaft zu diskutieren, hat der grösste Teil der Gesprächsteilnehmer den Fall zu einem Ideologienstreit hochstilisiert. Die Geschichte und Religion Jamaicas wurde in bedenklicher Weise dazu benutzt die dortige Diskrimierung der homosexuellen Minderheit zu rechtfertigen und sich mir nichts, dir nichts über zwei der wichtigsten Errungenschaft einer offenen Gesellschaft und eines modernen Rechtstaats hinwegzusetzten: Die Trennung von Religion und Recht und der Schutz von Minderheiten vor der naturgemässen Übermacht der Mehrheit.

Auf das offensichtliche Dilemma, das Schwarze und Andersgläubige hierzulande auf genau diese - in meinen Augen nicht diskutierbaren - Grundsätze angewiesen sind, die mit derlei Lyrics nicht vereinbar sind, wurde kaum eingegangen und statt dessen ständig betont, dass man derlei Aussagen ja ganz einfach verbieten würde. Schlussendlich ist das jedoch eine verdächtig an kolonialen Moralismus erinnernde Methode, die den Dialog und eigentlich erwünschten Wertetransfer äusserst unglücklich zu lösen sucht.

Es sei an dieser Stelle noch auf ein weiteres faschistisches Grundmuster hingewiesen: Statt die Opfer und deren Schutz vor solcher Diskriminierung ins Zetrum der Diskussion zu rücken, wird unaufhörlich über die "Täter" gesprochen und deren Perspektive aufzuzeichnen versucht.

Ich bin mir durchaus bewusst, dass auch das Publikum des Podiums leider allzu oft mit ähnlich ideologischem Argumentarium hantierte - leider hat man das in meinen Augen jedoch durch die Fragestellung und die Art des Anlasses geradezu provoziert.

Es ist zwar lobenswert, dass ihr auf Euere Homepage auf die Problematik aufmerksam macht und Sizzlas Postion zum "Reggae Compassionate Act" darlegt und ich gehe völlig mit Euch einig, dass kategorische Verbote solcher Veranstaltungen sich eher kontraproduktiv auswirken, da sie den wertvollen interkulturellen Dialog geradezu verunmöglichen.

Ich wünschte mir allerdings, dass man statt der passiven Haltung der Unterbindung solcher diskriminierenden Aussagen mehr unternehmen und an der Veranstaltung selbst dem Thema Raum einräumen würde: Für eine "Ja zur offenen Gesellschaft" zu werben wäre prägnanter und konsequenter als im Stillen ein "Nein zu Diskriminierung" zu platzieren.

Ich möchte noch betonen, dass ich den Diskurs um die Werte einer offenen Gesellschaft und deren Untergrabung in keiner Weise auf das Phänomen der Homophobie innerhalb des Reggae und der jamaikanischen Kultur reduziert sehen möchte und ich es in gewisser Hinsicht bedauere, meine Haltung anhand dieses Beispiels darlegen zu müssen.

Um mit einem "musikalischen" Zitat zu schliessen:

"[...] One of the statements I have written on my notes here today is that men need examples - and that’s not only men, all of us are helped by examples. [...]" (Baptist rev. Saul S. Williams, 1999, Saul Williams’s Vater im seine Song "Our Father" auf dem 2001er Album "Amethyst Rock Star")

Es wär noch nicht zu spät diese Chance wahrzunehmen.

Hochachtungsvoll,
Moritz Zimmer

-- Moritz Zimmer -- omo@oio.ch -- www.oio.ch --

http://www.rotefabrik.ch/de/musikbuero/eventdetail.php?id=3676
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