«Ich will die Kultur in der Wahrnehmung verankern»

«Ich will die Kultur in der Wahrnehmung verankern»
kulturministerium.ch
Wurden Sie auf der Strasse schon mal als Kulturminister angesprochen?
Schon an verschiedenen Orten, einmal sogar in der Sauna. Seit die Medien vermehrt über mich berichten, bin ich kein Unbekannter mehr.

Wäre es nicht ideal, wenn der Kulturminister von Anfang an eine öffentlich bekannte Person ist?
Dem steht nichts entgegen. Aber es wäre falsch, wenn man es darauf beschränken würde. Jeder und jede soll sich bewerben können. Denn sonst würde es genau auf das hinauslaufen, was der Bund will: Man fördert nur, wer bereits einen Namen hat. Abgesehen davon, frage ich mich, ob jemand richtig Bekanntes das überhaupt machen will, weil es viel Arbeitsaufwand bedeutet.

Nächsten Monat erscheint Ihr neues Buch – finden Sie momentan Zeit für den Kulturminister-Posten? Oder ist es tatsächlich nur ein Hobby?
Ich bin Schriftsteller und Kulturminister, der Kulturminister beansprucht etwa 40 Prozent, hat aber Vorrang. Ich fände es falsch, jemanden als Kulturminister zu wählen, der nicht Kulturschaffender ist, beispielsweise einen Kulturmanager. Hobby ist insofern falsch, als dass da zusätzlich ein Back-Office von drei Leuten dahintersteckt, das ergibt zusammen mindestens einen 100-Prozent-Job.

Es wartet einige Arbeit auf Sie: Das Kulturförderungsgesetz und die soziale Sicherheit für Kulturschaffende kommen nicht vom Fleck.
Wir wollen die soziale Sicherheit im Kulturförderungsgesetz drin, wie ursprünglich mal vorgesehen. Das wurde unter Couchepin jedoch gestrichen. Doch das Kulturfördergesetz wird wieder wirklich diskutiert und nicht durchgewinkt – das ist ein Erfolg.
Leider ist es im Moment sogar so, dass gar kein Kulturförderungsgesetz zu haben besser wäre, als wenn es in der jetzigen Form durchkäme. Im Moment ist darin nicht mal der Status Quo gewährleistet, zum Beispiel die Werkbeiträge des Bundes fielen weg und die Autonomie der Pro Helvetia wäre gefährdet.

Ist die soziale Sicherheit der Kulturschaffenden das, woran man Sie Ende Amtszeit messen wird?
Ich hab mir das auf die Fahne geschrieben. Unter anderem habe ich mich als Versuchskaninchen bei einer Pensionskasse angemeldet, um zu sehen, wo die Probleme genau liegen. Wenn man als Freischaffender nur Auftragsgeber hat, keinen Arbeitgeber, ist es schwer, diesen für Sozialbeiträge zu gewinnen. Dazu darf der Auftraggeber im Moment nicht mal freiwillig Beiträge zahlen, weil er dann sofort als Arbeitgeber gilt, was er meist nicht will, da das vermehret Pflichten für ihn generiert. Mein Ziel ist eine Pensionskasse für Kulturschaffende, daneben kämpfe ich für bessere Honorare für Kulturschaffende.

Ihr Vorgänger Gartentor wollte als Kulturminister keine Forderungen stellen, sondern Wünsche formulieren. Sie hingegen fordern: «Die soziale Sicherheit gehört ins Kulturfördergesetz und zwar jetzt!»
Ich finde, man soll sich von seinem Vorgänger unterscheiden und man soll Forderungen stellen. Ich kann sagen, was ich will, und es ist mein Vorteil, dass ich deutlich fordern kann – sonst dringt man bei Politikern nicht durch.

Was unterscheidet sie sonst von Gartentor?
Er war Repräsentant und hat lobbyiert. Bei mir hingegen gibt es ganz konkrete Projekte. Ich will als Kulturminister nicht nur klagen, sondern etwas bewegen!

Sollen auch die Künstler vermehrt ins politische Geschehen eingreifen?
Das haben sie in den letzten Jahren. Viele Künstler und Schriftsteller wollen sich in der Politik beteiligen, doch leider schaffen viele Zeitungen den Platz dafür nicht. Wenn Kulturvereine etwas organisieren, kommt die Presse selten. Das ist ein Ziel des Kulturministeriums: Kultur in der Wahrnehmung und in den Medien zu verankern.

Viele ihrer Forderungen stehen auch in den Kulturpapieren der Grünen und der SP – wieso braucht es daneben Sie als Lobby?
Das stimmt, aber wir haben viel angestossen. Und daneben kann es im Moment nie genug Lobbying für die Kultur geben. Wir sind nicht Politik, das Augenzwinkern kann uns einen Effekt verschaffen, den die Politik eben gerade nicht hat.

Wie fest mischt sich das restliche Ministerium in ihre Arbeit als Kulturminister ein?
Ich bin die Repräsentationsfigur nach aussen, also muss ich mit dem einverstanden sein, was ich sage. Es ist aber so, dass wir alles untereinander austauschen. Wenn ich will, kann ich etwas auch alleine initiieren, so wie das Projekt «Kulturhauptstadt der Schweiz».

Haben Sie schon Kritik erfahren in ihrer Rolle als Kulturminister?
Die meisten sind zufrieden. Ich habe schon gehört, ich sei ein Egomane und ich würde mich zu fest in den Mittelpunkt stellen, doch das muss man hinnehmen. Ernste Kritik kenne ich keine, was es zum Glück gibt, sind Ideengeber für Projekte.

Interview: Jonas Wydler
Das Interview ist erschienen in "Das Kulturmagazin", Luzern, Nr. 06 Juni/Juli 2008.


Dominik Riedo ist seit dem 15. September 2007 der alternative Kulturminister der Schweiz. Das kulturministerium.ch ist besorgt um eine kritische Auseinandersetzung mit der Kultur in der Schweiz. Es soll mithelfen, die Kultur in Gesellschaft und Politik zu verankern und das Ansehen der Kultur zu stärken. Das kulturministerium.ch fördert die kulturelle Vielfalt in der Schweiz. Es entwickelt Ideen und Visionen für die kulturelle Zukunft.
 
 
 
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